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Laufberichte

Das Erwachen

 

In der Regel gehe ich mit den Hühnern in die Federn und beim ersten Hahnenschrei bin ich wach. Ausgerechnet in der letzten Nacht wurden die Uhren auf die Sommerzeit umgestellt. Was bedeutet, dass der Hahn noch nicht kräht und ich im Dunkeln aus dem Bett kriechen muss. Ein schönes Erwachen ist was anderes. Mildernde Umstände gibt es für die Tatsache, dass heute Sonntag ist. Ein freier Tag und ein Marathonsonntag dazu.

Auf der B31 durch den Schwarzwald kollidiert das Gesehene mit der Bezeichnung für die Umstellung der Uhrzeit. Der Sommer scheint noch meilenweit von den Schneeflecken, den braunen Wiesen und dem dichten Nieseln entfernt zu sein. Aber die Tatsache, dass heute der Freiburg Marathon in der Agenda eingetragen ist, weist untrüglich darauf hin, dass Frühling ist und die Laufsaison wieder so richtig in Schwung kommt. Bis ich in Schwung komme, wird noch dauern. Aber Dabeisein ist alles – und notfalls kann man in Freiburg nach einer Runde die Reißleine ziehen und zum vorgezogenen Ziel abbiegen.

Parkmöglichkeiten gibt es unmittelbar auf dem Messegelände. Somit ist es, vorbei an den Ständen der Marathonmesse, nur ein Katzensprung zur Ausgabe der Startunterlagen. Hier besteht auch die Möglichkeit zur Nachmeldung vor Ort, falls jemand den Meldeschluss vor zwei Wochen verpennt  hat und heute trotz Zeitumstellung rechtzeitig aufgewacht ist.

 
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Irgendwie bin ich zwar physisch anwesend, aber nicht präsent. Viel zu früh finde ich mich in der strammen Brise auf der Madisonallee wieder, obwohl es noch fast eine weitere gefühlte Jahreszeit dauert, bis ich im Startblock C meine Knochen in Marsch setzten kann. Die Schwarzwaldhügel in der Ferne sind nebelverhangen, der Himmel grau und die Ballons der Zugläufer in grosser Zahl windbedingt nicht mehr existent.  Farbtupfer in diesem grauen Einerlei sind einzelne Frühlingsblumen im Straßenbord und die Outfits der vielen Angereisten, die heute Frühlings Erwachen läuferisch zelebrieren wollen. Um die 10‘000 Teilnehmer sind es insgesamt für Halbmarathon, Marathon-Staffeln (7/14/7/14km), S’cool Run für Schüler und Lehrpersonen und – last but not least – Marathon. Für den langen Kanten sind über 1300 Leute vorgemeldet. Mittendrin stehe ich, untrainiert und unsicher, ob ich mich wirklich als motiviert bezeichnen kann für das, was ich vorhabe.

Dann bin auch ich an der Reihe und trabe mit den hintersten Zugläufern langsam los. Seit meiner letzten Teilnahme hat sich die Streckenführung nochmals verändert. Unter anderem der Bau einer Straßenbahntrasse an der Berliner Allee hatte diese Neuvermessung nötig gemacht. Kein Problem. Ich bin sowieso auf die Ausschilderung angewiesen und würde mich vielleicht nicht im Detail an den Streckenverlauf erinnern.

Es geht gleich links, auf die Brücke hoch, die sonst die letzten Meter vor der zweiten Runde oder dem Ziel markierte und dann zum alten Güterbahnhof. Auf der rechten Seite ist die Mauer des Friedhofs und ich bin ziemlich weit hinten im Feld einsortiert. Im Bereich solcher Örtlichkeiten ist es durchaus kein Nachteil, wenn man sich hinten im Umzug befindet, denn für einen von denen, die sich gleich hinter dem Führungspferd befinden, gibt es jeweils kein Erwachen mehr...  

Die Schlaufen im Bereich des Güterbahnhofs zwischen Neubauten und Brachland sind der exakten Distanz geschuldet und deshalb entschuldbar. Was vielleicht da und dort städtisches Kulissenbeigemüse ist, wird durch das Konzept wettgemacht, dass im Schnitt alle 500 Meter eine Musikformation für die Läufer aufspielt. Aus Freude an der Sache und vielleicht auch insgeheim darauf hoffend, beim Voting nach dem Marathon am meisten Stimmen und damit die Finanzierung einer professionellen CD-Produktion einzuheimsen.

 
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Musikalisch geht es auch mit den Straßennamen zu und her: Hayden, Schubert, Schumann und anderen mehr wurden sie gewidmet. Wer Wagner nicht mag, muss ein bisschen schneller laufen. Nicht zu schnell, denn dort gibt es eine der gut sortierten Verpflegungsstationen. Wasser, Iso, Bananen, Gel und zum Schluss nochmals Wasser zum Spülen. So, wie es die erfahrenen Marathonis schätzen.

Die Häuser in diesen Wohngegenden sind gepflegt bis edel, ein Eindruck, welcher durch die Blüte der Bäume entlang und über den Straßen noch verstärkt wird. Das Quartier Herdern ist mir von früheren Teilnahmen als dasjenige in Erinnerung geblieben, in welchem der Bär steppt. Heute ist er noch im Winterschlaf.

Weiter geht es auf der ansteigenden Mozartstraße zum Stadtpark. In einer Rezension eines Klavierkonzertes habe ich einmal gelesen: „Bald stellt sich das Mozart-Feeling ein: Ein tiefe Zufriedenheit mit sich und der Welt.“ Die Mozartstraße ist zu Ende und wir biegen in den Leopoldring ein, doch auf dieses Feeling warte ich noch.  

Die Staffelläufer stehen in Erwartung Ihres Teammitglieds Spalier und wir umrunden den Block, bevor es auf dem Schlossbergring weitergeht. Ist der Kulminationspunkt beim Schwabentor erreicht, bekommt man die Schnellen auf der Gegenseite zu Gesicht. Ich will gar nicht wissen, wie viele Kilometer Vorsprung sie haben. Ein Zugläufer gibt mir dann auf der Kartäuserstraße den zeitlichen Anhaltspunkt. Er ist für eine Zielzeit von 3:45 unterwegs.

Wie ein Kartäuser bin auch ich unterwegs. In Stille. Ein Kilometer nach dem anderen. Ausgerechnet heute, wo ich Aufmunterung so gebrauchen könnte, bleiben die Freiburger in großer Anzahl drinnen. Die Wetterfesten sind, abgesehen vom Innenstadtbereich, schnell gezählt. Dabei hält sich das Wetter viel artiger als vorhergesagt. Da und dort bläst es ein bisschen heftig, dafür ergießen sich nur ein paar Tropfen über die Läuferschar.

Der Abschnitt entlang der Dreisam zieht sich, bis bei der Heimstätte des SC Freiburg zweimal rechts abgebogen und der Rückweg zur Stadt angetreten wird. Kurz nach den rhythmischen Klängen des musikalischen Urgesteins des Freiburg Marathons namens Pulsando habe ich die Zugläufer für 4:30 im Blick und schließe zu Ihnen auf. Noch bin ich zuversichtlich, dass ich dieses Tempo bis ins Ziel halten kann.  Ich ziehe sogar ein bisschen vor und konzentriere mich auf mein Laufgefühl. Zurück in der Innenstadt ist die Ablenkung groß und nicht selten würde ich gerne ein wenig verweilen und mir die Darbietungen der Musiker eingehender in die Gehörgänge fließen lassen.

 
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Das Kopfsteinpflaster und die Schienen der Straßenbahn lassen es aber nicht ratsam erscheinen, mich zu fest ablenken zu lassen. Trotzdem, auch ein Blick aufs Münster muss drinliegen.  Dann geht es wieder durch das leider verhüllte Schwabentor hinaus auf eine Schlaufe, die durch das Martinstor wieder in die Innenstadt führt.

Weiter geht es am Theater vorbei in Richtung Bahnhof. Aber nicht auf direktem Weg, sondern über die Moltkestraße. Wie passend. Ich bin heute nicht zum Quasseln aufgelegt; wie Helmuth Karl Bernhard von Moltke könnte man mich heute als „der große Schweiger“ bezeichnen. Und wie unpassend, war doch sein militärisches Motto „Erst wägen, dann wagen“. Na ja, das Wägen habe ich vergessen, doch bis jetzt ist das gewagte Abenteuer den Umständen entsprechend gut gegangen. An dieser Einschätzung ändern auch die paar Meter nicht, die ich beim kurzen Anstieg hoch zur Wiwili-Brücke gehenderweise zurücklege.

Es kommt ein weiterer Verpflegungsposten, dann geht es ab hinein in eine Straße, wo dem Wetter getrotzt, gefeiert und angefeuert wird. Plötzlich scheint es ganz schnell zu gehen, denn das Kilometerschild verkündet, dass es nur noch zwei Kilometer bis zur Halbzeit sind. Auf der linken Seite ist ein schöner, neu hergerichteter Kinderspielplatz. Aber jetzt, wo ich wieder Schwung bekommen habe, lass ich ihn auf dieser Seite liegen. Es wäre mir doch zu peinlich, wenn es plötzlich heißen würde: „Der kleine Daniel wünscht auf dem Spielplatz abgeholt zu werden.“

So, jetzt noch um das grüne Rondell bei der Tennenbacher Straße herum und ein paar Haken schlagen. Nach dem zweiten Haken kommt das Führungsfahrzeug angebraust. Die Sieger werden immer schneller. Früher haben sie es nicht geschafft, mich zu überrunden….

Zwei Haken später pfeife ich mir beim letzten Verpflegungsposten der Runde ein erstes Gel rein, nehme die Steigung zum Friedhof hinauf und rolle dann bis zur Brücke, an deren Ende der große blinkende  Entscheidungspunkt steht. „Links oder rechts? Welch große Frage!“ klingt mir Ottos Führerscheinprüfung im Ohr.

Es regnet nicht und die Muskeln spielen noch mit, also muss auch der Dritte im Bunde am gleichen Strick ziehen. Ohne groß zu überlegen entscheide ich mich für rechts und damit für die zweite Runde. Wenn das nur kein böses Erwachen gibt. An der Staffelwechselzone vorbei geht es auf eine Pendelstrecke und dann wieder auf die Brücke zur bekannten Runde. Nicht ganz allerdings – mehr noch. Im Brachland sind nochmals ein paar Meter auf einer weiteren Pendelstrecke dazugekommen. Dankbar stelle ich fest, dass das Feld nach dem Wegfallen der zahlenmäßig dominierenden Halbmarathonis dank den Staffelläufern nicht ganz so ausgedünnt wirkt. Gelbe Nummern sind aber nicht allzu häufig zu sehen.

Ich bin gespannt, was die zweite Runde so bringen wird, denn von der einen Band ist bereits nichts mehr zu hören und nichts mehr zu sehen. Dabei ist das nur Marathon. Wenn die wüssten, was ein Ultra ist. Statt über die Abbrecher zu stänkern, singe ich lieber ein Loblied auf die mit Durchhaltevermögen, diejenigen, welche mich auch auf der zweiten Runde mit fetzigen Soundhäppchen tragen!

Dass mich die Zugläufer wieder ein- und überholen, ist meinem Wohlbefinden nicht unbedingt förderlich. Aber ich bin niemandem Rechenschaft schuldig, wie lange ich bis ins Ziel brauche. Also ziehe ich mir nochmals ein Gel rein, hoffe auf dessen schnelle Wirkung und ziehe unbeirrt meine Spur. Ich bewege mich im Rahmen des für den besten Fall Erhofften.

 
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Das kreisrunde Gebäude am Ende der Wiwili-Brücke beherbergt einen Fahrradverleih. Der Verlockung, hineinzugehen und einen Drahtesel zu mieten, kann ich widerstehen. Mein lautes Denken beim Fotografieren bringt eine Familie zu schallendem Lachen. Ihr fröhliches Lachen ohne jegliche Spur von Häme ist ansteckend und verleiht mir richtiggehend Flügel. Das ist doch bedeutend besser als nur Räder.

 
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Auch die Zuschauer, die jetzt noch an der Strecke ausharren, sind im vollen Einsatz für die Motivation der müden Kämpfer.  Mit der Kraft der letzten Gelgabe und einem Becher Bleifrei bringe ich die letzten drei Kilometer aufs Parkett. Die sind jetzt wirklich nur noch ein Klacks, auch wenn ich dem Rennweg keine Ehre mache.  Auf dem letzten Kilometer kann ich sogar wieder zu den Zugläufern aufschließen und erreiche mit ihnen das Ziel.

Mir wird die Medaille in Gold für die Königsdisziplin umgehängt und dann verziehe ich mich schnell zur windgeschützten Zielverpflegung in einer der Messehallen. Eine Laugenstange, ein weiterer Becher Bleifrei und süßer Hefezopf sind die Wegzehrung für meine Heimfahrt, welche ich umgehend antrete.

Duschen werde ich zuhause, denn ich muss dabei auf ein Tier Rücksicht nehmen, das beim Laufen erwacht ist. Den inneren Schweinehund hatte ich im Griff, doch der Wolf ist erwacht. Für den nächsten Marathon in drei Wochen  ist aber vorgesorgt, denn im Starterbeutel lag ein Muster eines solch Ungemach verhindernden Mittels. Es wäre ja schade, wenn die neu erwachte Lust am Marathon durch eine solche Kleinigkeit gedämpft würde.

Mein Ziel ist es, nächstes Jahr nicht schneller, aber lockerer den läuferischen und rockenden Rundgang durch Freiburg anzutreten. Natürlich in der Hoffnung, dass Petrus der Zähringerstadt freundlicher gesinnt ist und die heute drinnen gebliebenen Freiburger zur Party auf die Straße lockt. Das wäre dann die Kombination, die ich gewohnt bin.

 

Impressionen von Start und Ziel

(Klaus und Margot Duwe)

 

 
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Marathonsieger

 

Männer

1 Naegele, Lukas (GER) PTSV-Jahn-Freiburg 02:28:41
2 Klingenberger, Thomas (GER) Team leistungsdiagnostik.de 02:37:15
3 Puls, Klaas Hinnek (GER) DER TEMPOMACHER 02:38:50  

Frauen

1 Hellstern, Ann-Katrin (GER) Sportpark Freiburg 03:03:01
2 Genoud Germanier, Carole (SUI) La Foulée de Bussigny 403:07:22
3 Köhler, Miriam (GER) LG Brandenkopf 03:08:03

 

1087 Finisher

 

Informationen: Mein Freiburg Marathon
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