Zum dritten Mal darf ich zum Elbdeichmarathon in die Kaiser- und Hansestadt Tangermünde, die südöstlich von Stendal oberhalb am linken Elbufer liegt, direkt an der Mündung des Tanger in die Elbe. Letztes Jahr und schon im Jahr 2017 ging es in die gut erhaltene Altstadt mit den vielen Fachwerk- und Backsteingebäuden.
2026 findet nunmehr der 16. Tangermünder Elbdeichmarathon statt, der gut 2000 Laufsportler auf fünf Distanzen anlockt. Und damit erreicht die Veranstaltung von der Teilnehmerzahl betrachtet wieder das Niveau vor der Pandemie. An Weihnachten verloste der Veranstalter Freistarts und hierüber kam ich in den Genuss desselben. Ich habe mich quasi über das verspätet eingelöste Weihnachtsgeschenk sehr gefreut. Und wie es mir ergangen ist, das gibt es hier:
Anfang März wird das verlängerte Wochenende mit der Fahrt und der Unterkunft fixiert. Und das gelingt sehr gut. Am Samstag in aller Herrgottsfrühe (00.11 Uhr) mit dem ICE ohne Umstieg direkt nach Berlin, wo ich den Hasenheide parkrun besuche und pünktlich um 09.00 Uhr an der Startlinie stehe. Nach einem Cafebesuch geht es mit dem Deutschlandticket via Stendal nach Tangermünde. Der Bahnhof dort liegt etwas außerhalb der Altstadt und mit einem Spaziergang von etwa zehn Minuten ist man dann am Startgelände am Hafen. Außer man schaut sich die Altstadt an, dann dauert das entsprechend länger. Wer schon Freitag hier verweilt, den ist die Eröffnungsfeier mit der Band „Tänzchentee“ empfohlen. Stimmen sagten später „da war eine Bombenstimmung im Festzelt.“
Wer eine Stadtbesichtigung auf eigene Faust unternehmen will, so wie ich an diesem herrlichen sonnigen Frühlingstag, der sollte unbedingt auf seiner Must-See-Liste diese Orte stehen haben: Historisches Rathaus (aus 1430) mit dem Grete-Minde-Denkmal, St.-Stephans-Kirche (dort am Sonntag um 09.00 Uhr eine 15minütige Läuferandacht), Stadtbrunnen, Neustädter Tor mit Nikolaikirche, Eulenturm, Stadtmauer und Burg Tangermünde. Viele Fachwerkhäuser kann man auch in der Lange Straße bewundern, vielleicht mit einer Einkehr in ein Cafe. So halte ich es auch und marschiere dann kurz vor 15.00 Uhr (Beginn der Startnummernausgabe im Festzelt am Hafen) von der Stefans-Kirche via Rossfurth und Elbtor in zwei Minuten hinunter.
Dort ist für den Folgetag bereits alles gerichtet: Hüpfburg für die Kinder, einige Aussteller, Umkleidezelt, Duschtruck, Massagemöglichkeit und was es sonst noch braucht. Im Zelt an der Startnummernausgabe warten viele freundliche Helfer, dir die Startnummer und die zugehörige Tasche mit den vielen Give-Aways überrreichen. Es kommt zu keinen Wartezeiten. Nur kurz danach können wir uns eine Portion Nudeln mit Tomatensauce holen, der Gutschein hängt an der Startnummer, ebenfalls der für das am Lauftag aufzugebende Gebäck. Ich hole mir meine schmackhafte (kostenlose) Pasta und verziehe mich nach einer kurzen Unterhaltung mit dem Cheforganisator Carsten Birkholz per Bahn nach Magdeburg. Dort habe ich ein Bett in der Jugendherberge gebucht. Wer in Tangermünde unterkommen will, sollte sich spätestens etwa drei Wochen vor dem Event um das Zimmer kümmern.
Am Sonntagmorgen geht es dann wieder mit der Bahn in gut einer Stunde zurück. Der Zubringerzug von Stendal ist schon gut gefüllt mit Läufern. Da ich noch Zeit habe, kehre ich für einen Kaffee noch einmal in ein Cafe ein. So wie letztes Jahr besuche ich die Läuferandacht in der Stephanskirche, wo uns der Priester bereits an der Kirchentüre mit Handschlag empfängt und einen schönen Morgen wünscht. Auch er steht im Läuferfeld, nur heute muss er wegen einer Erkältung passen. Die Andacht mit Orgelspiel dauert 15 Minuten. Die Stephanskirche in der heutigen Form wurde im späten Mittelalter (ab 14. Jahrhundert) im Stil der norddeutschen Backsteingotik erbaut. Während viele Kirchen hier Doppeltürme haben, blieb hier der Südturm unvollendet. Besondere Bedeutung hat in der Kirche die Scherer-Orgel. Hans der Jüngere und Fritz Scherer haben das barocke Instrument 1624 gebaut. Wir können uns bei den Kirchenliedern in das breite Klangspektrum der Orgel hineinversetzen. Nach der Andacht geht die Kirchengemeinde gemeinsam durch die Rossfurth und das Elbtor hinunter zum Hafen. Da die Altstadt Tangermündes gut zehn Meter höher liegt als der Hafen, konnte das Elbhochwasser 2013 kaum Schäden verursachen, im Gegensatz zum Jerichower Land auf der anderen Elbseite.
Leider hat sich die Frühlingssonne verzogen, es ist kühl und regnet ein wenig, die Frage natürlich, was anziehen. Bei den Sportlern sieht man die ganze Mischung von gefütterter Laufjacke und Handschuhe bis kurz-kurz bei den jungen Heißspornen. Ich empfehle bei den knappen zehn Grad Zwiebellook oben und Radlerhose unten. Und wer meint, kann ja eine Regenjacke mitnehmen. Aber ein Blick auf das Regenradar sagt ein Niederschlagsende pünktlich zum Start. Die Eröffnung durch den Ministerpräsidenten des Landes Sachsen-Anhalt Sven Schulze sowie den Begrüßungsworten von Bürgermeister Steffen Schilm, Vereinsvorstand und Hauptsponsor findet im Zelt statt.
Danach ist es Zeit, mich lauffertig zu machen. Neben der klassischen Distanz (zwei fast identische Runden) kann der Halbmarathon (eine Runde), ein 10 Kilometerlauf und ein Mini-Marathon über 4,2 Kilometer gelaufen werden. Für den Nachwuchs ist sportlich auch gesorgt. Ich gebe meinen Rucksack ab und schaue dann auf den Start des Marathons, der pünktlich um 10.00 Uhr stattfindet. Leider haben einige Läufer umgemeldet oder sind nicht gekommen, denn ein übersichtliches Feld von knapp 150 Leuten macht sich auf den Weg. Schnell sind die Marathonis verschwunden. Ein Spätstarter bekommt etwa zwei Minuten noch langen Applaus, als er sich „vom Acker“ macht.
Kurz vor 10.05 Uhr, unser Start, stehe ich im hinteren Feld der Halbmarathonläufer. Daneben gibt es noch einen 10 Kilometerlauf und einen Mini-Marathon über 4,2 Kilometer, zusätzlich noch einen Kinderlauf. Dann wird schon heruntergezählt und wir werden auf die Strecke geschossen. Nach rund 30 Sekunden überquere ich die Zeitmatte und sehe noch an der Seite den Bürgermeister und Ministerpräsidenten stehen. Der hat übrigens zugesagt, beim Lauf im nächsten Jahr auf die 10 Kilometer zu gehen.
Auf den ersten paar Hundert Meter stehen viele Zuschauer und machen Stimmung. Einige halten Plakate hoch, bei einem muss ich beim Schreiben dieses Berichts lachen. Da werden ein Henning und ein Marvin aufgefordert, nicht nur groß daherzureden, sondern jetzt zu liefern. Überprüfen kann ich das natürlich nicht, aber die Ergebnisliste weist tatsächlich diese Vornamen auf.
Am Ende der Hafenpromenade (Stendaler Straße) geht es rechts ein paar Höhenmeter auf Kopfsteinpflaster hinauf zum Klosterberg. Gut 10000 Einwohner hat Tangermünde, welches im Jahr 1009 von Bischof Thietmar von Merseburg als „civitate Tongeremuthi“ erwähnt wurde. Die eiszeitliche Endmoräne war ein natürlicher Vorteil, hier eine Residenz zu begründen und Zölle zu erheben.
Die Blütezeit der Hansestadt war das 15. Jahrhundert. Aus dieser Zeit stammen die Stadttore und das Rathaus. Der 16. September 1617 war ein schwarzer Tag für die Stadt, denn ein gewaltiger Brand vernichtete den größten Teil der Häuser. Als Brandstifter wurde die Waise Grete Minde beschuldigt, die angeblich aus Rache für ein nicht erhaltenes Erbe so gehandelt haben soll. Sie wurde auf dem Scheiterhaufen hingerichtet. Später stellte sich heraus, dass Grete sich am Tag des Brandes rund 80 Kilometer entfernt aufgehalten hat.
Nach etwa 6.30 Minuten erreiche ich Kilometerschild 1 und wir verlassen kurz danach Tangermünde. Der Kurs mit weniger als 50 Höhenmeter scheint recht schnell zu sein. Problem ist aber, dass du gerade als Marathoni eher ein Einzelkämpfer sein musst. Ebenfalls nicht zu unterschätzen kann Wind sein. Das könnte uns heute treffen, denn beim Laufen ist es nun windstill. Wie wird es nach der Wende auf den letzten acht Kilometern auf dem Deich oder darunter sein. Als Halbmarathoni kann man sich vielleicht noch hinter jemand verstecken.
Bei Kilometer drei, jetzt passt schon der Kilometerschnitt von unter sechs Minuten, überqueren wir den Tanger. Die zu belaufende Straße ist verkehrsfrei. Die Landesstraße L31 bringt uns dann mit Kilometer fünf in den Ort Bölsdorf. Kurz zuvor habe ich mit Franz Haunz ausgetauscht. Der kommt aus dem oberbayerischen Markt Schwaben und damit sind auch Bayern hier vertreten.
Am Spielplatz Bölsdorf finden wir die erste Tränke mit Wasser, Tee, Cola und Obst. Einige Dorfbewohner halten ihren Frühschoppen ab und eigentlich müsste der Bayer doch zum Bierschnorren vom Kurs ausscheren. Ein Moderator unterhält und kündigt viele Läufer an. Ich bin überrascht, dass viele Zäune und Häuser mit Wimpel und kleinen Fahnen geschmückt sind. Wir verlassen gleich danach den Ort auf einem rustikalen Pflasterweg. Die Läufer weichen auf den einen etwa 30 Zentimeter breiten sandigen Seitenstreifen aus. Die schwierige und später auch leicht schmierige Passage endet nach kurzem Wegstück und wir setzen unseren Weg auf betonierten und asphaltierten Feldweg fort. Dort sehen wir später dann Buch, den nächsten Ort. Mein Tempo ist weiterhin flott, auch wenn nicht mehr so schnell wie vor einigen Jahren. Aber ich bin zufrieden mit den Kilometerschnitt von jetzt 5.40 Minuten. Damit könnte ich fast die Vorjahreszeit unterbieten.
Auch in Buch findet trotz der Kühle eine Art Dorffest statt, denn beiderseits der Straße feiern die Bucher ihre Läufer. An der V-Stelle ergreife ich mir wieder Cola und setze meinen Weg nach links auf der Querstraße fort, der neunte Kilometer ist abgehakt. Am Ortsrand blühen bereits Obstbäume und Forsythien. Bei Kilometer 10 sagt mir die Uhr rund 58 Minuten Laufzeit, vielleicht kann ich das halten, dann verbessere ich meine Vorjahreszeit. Aber nach und nach wird mir klar, dass auf uns Gegenwind warten wird.
Kurz danach beginnt die Wendepunktstrecke, auf der ich nun die aus Schelldorf zurückkommenden Läufer sehe. In dichten Trauben kommen diese daher. Man grüßt sich und winkt sich zu. So, jetzt muss ich aber etwas Positives zu den Helfern sagen. Die machen ihren Job richtig klasse und helfen uns, wo es geht. An jeder kniffligen Stelle stehen auch noch zwei, drei Posten, der Marathonverein hat da viel Manpower aufgestellt, auffällig durch viele Jugendliche besetzt. Toll, dass man den Nachwuchs gleich einbindet. So wird denen nicht langweilig. Bei Kilometer 12 erreiche ich Schelldorf, auch hier sehen wieder Zuschauer links und rechts, wenn auch nicht so viele wie in Bölsdorf und Buch. Unweit der Kirche wird gewendet. Es geht zurück.
Am Ortsende von Schelldorf sehe ich Kilometerschild 13, weiterhin viele Läufer, die mir folgen. Und jetzt zähle ich rückwärts, noch acht Kilometer. Einen Kilometer weiter trennt sich wieder die Strecke. Unser Weg zum Ziel führt nun zur Elbe hin. An der Verpflegungsstelle wird sogar Bier angeboten, das ich mir nicht entgehen lasse. Leider bringt mir die Einkehr meinen Laufrhythmus gehörig durcheinander, auch merkt man nun den Gegenwind und der gepflasterte, teilweise holprige Untergrund will auch vorsichtig belaufen werden.
Kurz nach dem Naturbeobachtungsturm Bölsdorfer Haken (vorletzte Verpflegungsstelle) geht es bei Kilometer 17 auf die nun asphaltierte Dammkrone. Später kommt uns dann die Marathonspitze auf ihrer zweiten Runde entgegen. Triathleten des TLV 94 betreiben die letzte Tanke bei Kilometer 19. Noch ein Schluck Cola und weiter. Die Stephanskirche ist nun deutlich näher gerückt, wir haben diese schon aus vier Kilometer Entfernung gesehen. Mir tun die Marathonis auf ihrer zweiten Schleife leid, deren Abstände sind immens groß geworden. Mein Ziel ist nun fast greifbar.
„Ihr seid echte Raketen“, so werden wir auf dem letzten Laufstück auf dem Elbdeich begrüßt. Mein Tempo ist nun deutlich langsamer geworden, knapp unter sechs Minuten auf den Kilometer. Ich muss mich zusammenreißen und immer weiter traben. Der letzte Kilometer bricht an der Großen Lanke an. Ich kann zwei junge Läuferinnen überholen, die am Gehen sind. Ja, auffällig ist, dass nunmehr der Nachwuchs wieder stärker vertreten ist. Da brauchen wir uns um den Fortbestand der Laufbewegung wohl keine Sorgen machen. Es ist „hipp“, an Laufbewerben teilzunehmen. Am Ende des Dammes auf Höhe des Tangermünder Wassersportverein überqueren wir auf der Schleusenbrücke den Tanger.
Dann geht es um 180 Grad nach rechts hinunter zum Hafen. Ich sehe vor mir Elias Dück, wie er von seiner Familie mit Kleinkind begrüßt wird. Leider sehe ich ihn im Ziel nicht mehr. Eine Recherche besagt, dass er danach als Marathonläufer in die zweite Runde gegangen ist und seinen Marathon nach knapp 4,5 Stunden gefinished hat, Glückwunsch. Mein Zieleinlauf: Die zwei jungen Läuferinnen von vorher gewinnen wieder Oberwasser und überholen mich im Zielsprint, da kann der alte Haudegen nur noch staunen. Und Sekunden später geht es auch für mich auf der rechten Seite durchs Ziel.
Geschafft, bin hochzufrieden und ich konnte trotz Gegenwind mein Tempo annähernd halten. Laut Zieluhr sind es um die 2.04 Stunden und später sehe ich, dass es in der Klasse für Rang zehn gereicht hat. Ich habe meine Vorjahresleistung um sechs Minuten unterboten und darüber bin ich happy, auch wenn das Fahrgestell am Ende geächzt hat. Aber der Schmerz geht und der Stolz bleibt, wie wir alle wissen.
Für ein paar Augenblicke verbleibe ich im Zielkanal, danach werde ich gebeten, in den Verpflegungsbereich zu gehen. Am Durchlass erhalte ich die Medaille von Kindern umgehängt. Die haben es wichtig und ich finde es toll, dass sie auch eingebunden werden. Nach einem Bier marschiere ich unter die mollig warme Dusche im Grohe-Truck und bin sogleich wieder hergestellt. Wer seine Urkunde gleich mitnehmen will, der Zeitnehmer hat das im Zelt eingerichtet. Am Ende des sportlichen Nachmittags verziehe ich mich, nicht ohne in der Tourist-Info noch ein Kuhschwanzbier für den abendlichen Durst mitzunehmen. Was es damit auf sich hat, dem empfehle ich eine Lektüre meines letztjährigen Berichts.
Fazit:
Carstens letztjährige Vision hat sich erfüllt, denn er hat sich über 2000 Teilnehmer gewünscht und sein Wunsch ist mit 2133 Meldungen wahr geworden. Die zahlreichen Helfer überzeugen durch ihren Dienst in allen Bereichen. Und wer einen Lauf für die ganze Familie sucht, hier ist er richtig. Für ein sehr niedriges Startgeld bekommen wir einen vollen Leistungskatalog, z. B. bei zeitiger Anmeldung kostet eine Marathonteilnahme nur 35 Euro.
Nächster Termin: 18.04.2027.
Ergebnisse Marathon (116 im Ziel):
Männer:
1. Stefan Grützmacher, VfL Brandenburg, 2.39.04
2. Maik Marschhausen, LG Hopfen Schackensleben, 2.43.34
3. Paul Weinmann, LTV Genthin, 2.44.22
Frauen:
1. Christin Gretzler, Eisenach, 3.14.59
2. Franziska Anderssen, Borener SV, 3.17.11
3. Anja Kossak, Blankenburger Wadenqual, 3.30.24
Ergebnisse Halbmarathon (591 im Ziel)
Männer.
1. Yannick Schönfeldt, Hamburg Running, 1.13.33
2. Erik Müller, Hasselaner Triathlon Club, 1.13.47
3. Christina Kallus, Triathlon Osterburg, 1.14.45
Frauen:
1. Peggy Götting, MTV Müden/Örtze, 1.28.37
2. Lena Beichert, Lübecker Marathon, 1.29.36
3. Katharina Widmer, Rochau, 1.35.30