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Laufberichte

Nordischer Sommerregen

01.06.13

Km 27 bis 28 - Die Buckelpiste flacht ab. Bis zur Västerbron erwarten uns sechs einfache Kilometer. Langsam kehren wir zurück in die Zivilisation. Wir kommen zum Museums-Zipfel von Djurgården. Und wir müssen auf Strassenbahngeleise aufpassen. Rechts der Strecke verborgen liegt Skansen. Im allerersten Freilichtmuseum der Welt lässt sich historische Dorfidylle erleben. Alte Bauernhäuser, Herrenhöfe und gar eine Sami-Kåta aus dem hohen Norden gibt es zu sehen. Und im einzigen Zoo Stockholms kann man die nordische Tierwelt bewundern. Mein Favorit in Stockholm! Wir sehen Skansens Eingangsgebäude und den Circus, das Konzert-, Kongress-, Musical-Haus. Gegenüber lockt Gröna Lund, der älteste Vergnügungspark Schwedens.

Das Nordiska Museet könnte man für ein Renaissance-Märchen-Schloss halten. Es widmet sich der Kulturgeschichte, portraitiert das Alltagsleben der letzten 500 Jahre und beherbergt eine interessante Dauerausstellung über die Lebensweise der Sami.

Während wir über die ansehnliche Djurgårdsbron nach Östermalm zurückkehren, erhalten wir eine weitere Geschichtslektion. Von vier Granitsäulen schauen altnordische Göttergestalten auf uns herab. Frigga und Heimdall auf der Nordseite, Freja und Thor auf der anderen.

Km 29 bis 30 - Das letzte Marathon-Drittel laufen wir ab Strandvägen auf der schon bekannten Runde. Von der Brücke ist die Aussicht auf die palastartigen Häuser eindrücklich. Wir wählen wieder die Strasse links der üppigen und dichten Lindenbaumreihen. Das Läuferfeld ist ein wenig lichter geworden als kurz nach dem Start. Entspannter können wir nun die Aussicht übers Wasser geniessen und den auslaufenden, weissen Ausflugsdampfern zuschauen.
Beim Kungsträdgården halten die Absperrgitter dem Publikumsdruck noch immer kaum stand. Auf der Strömbron sehen wir die erste Ambulanz. Da wir von dauerhafter Befeuchtung und Kühlung profitieren können, hält sich der Bedarf an Rettungskräften dieses Jahr glücklicherweise in Grenzen. Lediglich 64 Läufer werden das Stadion nicht als Finisher erreichen.

Beim mächtigen Königlichen Schloss haben wir 30 Kilometer geschafft. Jetzt beginnt der Marathon erst richtig. Ich fühle mich nun ziemlich müde. Wir laufen aber weiterhin konstant um 5:30 Min./km.

Km 31 – Erneut durchlaufen wir das Rondell in Slussen, diesmal ungehindert. Der Himmel öffnet seine Schleusen immer mehr. Eine einzige Karnevalstänzerin lässt sich nicht schrecken. Die heissen Samba Rhythmen wollen gar nicht zum Wetter passen. Doch das grellrote Federkostüm ist ein willkommener Farbtupfer am Beginn der langen Söder-Mälarstrand-Geraden. Der Regenschleier löscht alle Farben aus. Stadshuset, Riddarfjärden, die Hausboote, alles scheint grau!

Km 32 - Die Stimmung unter den Läufern und am Strassenrand bleibt aber gut. Die Zuschauer halten durch, sind in Regenjacken geschlüpft und haben Schirme aufgespannt. Einer trägt Biene Maja Fühler. Auch unter den Marathonis hat es Verkleidete. Sie unterhalten das Publikum und ernten extra Applaus. Ein Dalmatiner ist unterwegs, wir sehen Superman und Superwoman. Ein Läufer steckt gar scheinbar zusammengekauert im Bambuskäfig, den ein lebensgrosser Gorilla vor sich her trägt. Uns scheint, es werde an der Strecke sogar intensiver als auf der ersten Runde gesungen und geklatscht und die Studenten werden nach ein paar Bierchen immer fröhlicher. Hände abklatschend nehme ich etwas von ihrer überschäumenden Energie mit auf den Weg.

Km 33 bis 34 - Ein Speaker steht an der Rampe zur Västerbro im strömenden Regen mitten auf der Strasse. Er scheint kaum zu glauben was er sieht: „Nu har ni sprungit jävla 33 kilometer, och ni ler fortfarande!“ (Jetzt seid ihr 33 höllische Kilometer gerannt, und ihr lacht immer noch!). Jemand hat auf der Västerbro sechs gigantische Lautsprecher aufgestellt. Dröhnender Hip-Hop trägt uns auf dem 34. Kilometer schneller nach Kungsholmen hinüber, als bei der ersten Überquerung. Der Wind hilft schieben und „kämpa till“-Rufe (kämpft weiter) treiben uns voran.

Km 35 bis 38 - Die Gerade Norr Mälarstrand will diesmal kaum enden. Es regnet immer stärker. Die Pfützen sind tief. Wir ziehen ab und zu einen Schuh voll Wasser heraus. Die Temperatur ist für uns aber ideal zum Rennen. Besser nass als heiss! Wir halten das Tempo, und ich staune, dass mein Akku immer noch nicht leer ist. Andreas kriegt vor dem Stadtshuset einen Luftballon geschenkt. Er trägt ihn ums Rathaus herum und gibt ihn an ein Kind weiter, als wir die Centralbron (Zentralbrücke) unterlaufen.

Km 38 bis 39 – Auf dem sanften Anstieg nach Vasastan wird mir flau im Magen. Ich nehme eine Salztablette in den Mund, das hilft ein wenig. Beim Traubenzucker-Stand könnte die Strasse klebrig sein. Wir laufen einen grossen Bogen. Ich sehne das Ende der Aufwärts-Passage herbei. Nach der Rechtskurve beim Vasapark kommt es endlich in Sicht. Die vielen Ausflügler sind aus dem Park verschwunden. An Zuspruch mangelt es aber nicht. „Ni klarar det (ihr schafft es)“, tönt es überzeugend aus dem Publikum.

Km 40 bis 41 - Am Odenplan macht sich Erleichterung im Feld breit. Es geht kurz abwärts. Das Ziel ist nicht mehr weit. Der Kilometer auf dem Karlavägen bringt ein paar weitere Höhenmeter. Die Schuhe sind schwer vom vielen Wasser. Die Füsse schmatzen darin. Doch die tolle Unterstützung der Zuschauer trägt uns am Humlegården vorbei.

Km 42 bis zum Ziel -  Die Steigung die Sturegatan hinan ist noch etwas nahrhafter. Am Ende der Strasse sieht man das Stadion. Endlich oben, biegen wir nach links auf den Valhallavägen ein, laufen am Olympiastadion vorbei und werden auf dessen Rückseite geführt. Zwiespältige Gefühle machen sich breit. Zum Glück ist es bald geschafft! - Schade ist es gleich vorbei!

Endlich, der lang ersehnte Moment! Durchs Königin-Sofia Gewölbe tauchen wir in die Arena ein! Wir wollen jeden einzelnen Schritt auf der federnden Rundbahn bewusst erleben. Sie breitet sich wie ein roter Teppich vor uns aus. Die Atmosphäre ist einzigartig, der Jubel gewaltig! Gänsehautfeeling pur! Välkommen till Stockholms Stadion steht über dem Hauptportal. Wir fühlen uns wie Sieger willkommen geheissen, winken ins Publikum und meine Augen werden feucht, aber nicht vom Regen. Der Zieleinlauf ist überwältigend, nicht weniger emotional als nach unserem ersten Marathon. Wir schaffen das Zeitziel von damals. 3:53:53 Stunden! Erleichterung und Freude lassen uns strahlen trotz des intensiven Platzregens. Hab ich mich jemals im Ziel so gefreut? Die Helfer gratulieren und würdigen unsere Leistung, während sie uns die handtellergrosse Medaille umhängen.

 

Im Ziel

 

Lange dürfen wir nicht im Stadion verweilen. Ein kurzer Blick noch zurück zur nicht enden wollenden Läuferkette, welche der Ziellinie entgegen fliesst. Dann folgen wir dem Finisher-Strom auf den Sportplatz von Östermalm.

Wir sind durch und durch nass und beginnen zu schlottern wie zwei Schlosshunde. Es ist für alles gesorgt. In einer langen Reihe stehen ausreichend Zelte bereit, in denen die Helfer schon darauf warten, uns den Chip abzunehmen, das offizielle Shirt und einen reich gefüllten Verpflegungs-Beutel auszuhändigen. Nirgendwo müssen wir anstehen. Wir schlüpfen schnell in die trockenen Stockholm Marathon Leibchen und Regenpellerinen. Im Finisher-Beutel finden wir eine Banane, Cola, Cashewnüsse, Rosinen, einen Regenerations-Drink, und die berühmte Kex-Choklad (Schoko-Waffel).

Am Ende des Platzes hat es Verpflegungsstände, an denen uns hilfsbereite Helfer-Walküren das verdiente Bier und Köstlichkeiten wie Kaffee und Kanelbullar (Zimtschnecken mit Hagelzucker – das schwedische Nationalgebäck) reichen. Diese abenteuerliche Mischung weckt unsere Lebensgeister und haucht uns genügend Wärme und Energie für den Rückweg zum Hotel ein.

Am Abend hat der Regen aufgehört. Wir spazieren vom Hotel zur Dalagatan. Im weißen Haus, in dem Astrid Lindgren wohnte, gibt es ein beliebtes Bistrot. Hier lassen wir den Marathon-Tag ausklingen, genauso wie damals nach unserem ersten Marathon. Wir nehmen uns vor, bald wieder zu einem Lauf nach Stockholm zurückzukehren. Auch der Halbmarathon Ende September ist lauf- und sehenswert. Oder der Lidingöloppet, der weltgrösste Geländelauf, der auf der stadtnahen Insel Lidingö über 30 sehr hügelige Landschafts-Kilometer führt. 

 

Die Sieger

 

Am Flughafen entdecken wir die Zeitungs-Schlagzeile „Senstionella Isabellah“. Die Schwedin Isabellah Andersson gewann den Stockholm Marathon mit einer Zeit von 2:33:49 Stunden und über 8 Minuten Vorsprung auf die Zweite. Zum fünften Mal erreichte sie als Siegerin das Olympiastadion und trug sich damit in die Geschichtsbücher des Rennes ein.

Bei den Männern wiederholte der Äthiopier Shumi Gerbaba seinen Sieg von 2011. Mit vier Minuten Rückstand wurde Mustafa Mohamed bester Schwede und Gesamtvierter.

Frauen
1) Isabellah Andersson (Schweden) 2:33:49
2) Halima Hassen Beriso (Äthiopien) 2:41:57
3) Frida Lundén (Schweden) 2:46:42

Männer
1) Shumi Gerbaba (Äthiopien) 2:16:13
2) Stephen Chelimo (Kenia) 2:17:51
3) Endale Tekileab (Äthiopien) 2:18:29
4) Mustafa Mohamed (Schweden) 2:20:08

Stockholm Marathon 2014

Startgeld
112 Euro

Anmeldeschluss
15. Februar 2013, oder sobald 21‘500 Anmeldungen eingegangen sind.

Wettbewerb
Marathon

Streckenbeschreibung
Der Kurs führt in zwei hügeligen Runden mit etwa 300 Höhenmetern durch die Innenstadt. Die Umgebung variiert zwischen Grünflächen und Wäldern. Sie führt zu je einem Drittel am Wasser entlang und durch die Strassen der Grossstadt. Zeitmessung alle 5 km, maximale Laufzeit 6 Stunden. Dank der besonders festlichen Stimmung, und dem wunderschönen Kurs trotz einiger Höhenmeter auch Marathon-Neulingen zu empfehlen!

Auszeichnung
Handtellergrosse Medaille, offizielles T-Shirt, Diplom aus dem Netz

Verpflegung
Wasser und Sportgetränk, an einzelnen, auf dem Streckenplan vermerkten Energiestationen zusätzlich Salzgurken, Energieriegel, Gemüsebrühe, Cola, Traubenzucker und Bananen.

 
 


 

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