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Laufberichte

Nordischer Sommerregen

01.06.13

Km 15 – Nach dem Vasapark werfen wir einen schnellen Blick in die Dalagatan hinein. Im weissen Mehrfamilienhaus mit der Nummer 46 wohnte die berühmteste Kinderbuchautorin Astrid Lindgren von 1941 bis zu ihrem Tod 2002 in einer schlichten Vierzimmerwohnung. Ein paar Meter weiter folgt die schöne, im Barockstil erbaute Gustav Vasa Kirche. Wir schwitzen gewaltig auf unserem Weg die Odengatan hinan. Beim ebenfalls nach Odin benannten Odenplan (-platz) erreichen wir den Kulminationspunkt. Eine Band macht uns das Rennen leichter. Die Beine können sich eine Weile erholen. Wir fühlen uns sehr gut und rollen ein Stück abwärts an der architektonisch auffälligen Stadtbibliothek vorbei. Der orange Zylinderturm auf dem Würfelgebäude soll an Bauklötzchen erinnern.

Km 16 – Bei der markanten Kirche des heiligen Georg schwenken wir nach rechts in den Karlavägen ein. Es geht aufwärts und langsam stadionwärts. Über uns thront die Kirche Engelbrekts kyrka auf einem Felsen. Wir kommen zur bekannten Trinkstelle. Bei km 16 und 41 gibt es ausnahmsweise nur Wasser. Es geht am Humlegården vorbei. Im 16. Jahrhundert zog der königliche Gemüsegarten aus dem Kungsträdgården hierhin. Es wuchsen Obstbäume, Kräuter und Hopfen (Humle), welcher dem Park den Namen gab.

Km 17 - Grosse Flaggen schwenkend feiern die Finnen ihre Helden. Die Aussicht auf das Olympiastadion zieht uns die Sturegatan hinan. Nach gut 16 Kilometern ist die erste Runde bewältigt. Das Stadion muss warten! Nach rechts biegen wir wieder auf den Valhallavägen ein. Die Schlussrunde beginnt. Noch sind es allerdings 26 Kilometer bis zur Ziellinie! Ich frage mich, ob meine Energie heute für 42.195 Kilometer reichen wird. Unser zweiter Stockholm Marathon, von dem ich erwartet hatte, er würde ein „Spaziergang“ werden, stellt sich als grosse Herausforderung heraus.

Km 18 - Die Sorgen scheinen unbegründet. Die herrlichen Abwärts-Kilometer auf dem Valhallavägen verfliegen sogar schneller als nach dem Start. Der Name der Esplanade erinnert an Walhall. Laut nordischer Mythologie ruhen in der prächtigen Halle Walhall tapfere, in der Schlacht gefallene Kämpfer. Walküren, Geisterwesen aus Göttervater Odins Gefolge, reichen ihnen Bier und Met, den Honigwein. Uns tapferen Marathon-Kämpfern reicht man hier Sportgetränke. Wir bleiben lieber im Diesseits und freuen uns aufs Bier nach dem Zieleinlauf!

Km 19 - Vorbei wünschen wollen wir uns die vor uns liegenden Kilometer keinesfalls. Es gibt so unglaublich viel zu erleben. Angetrieben vom Konzert im LKW traben wir erneut den Hügel zum Radio- und TV-Huset hinan. Beim Bürogebäude Garnisonen spielt die Blasmusik unermüdlich. Dann folgt Neuland, die 10-Kilometer-Schlaufe durch Stockholms grüne Lunge. Bevor das grosse Grün beginnt, kommen wir zur Englischen Kirche. Das aus rotem Sandstein erbaute Gotteshaus wurde 1913 Stein für Stein abgebaut und von Norrmalm hierhin versetzt.

Km 20 - Links der Strasse breitet sich die gewaltige Grasfläche von Ladugårdsgärdet aus. Wir laufen am Seehistorischen Museum, am Technischen und Ethnografischen Museum vorbei und haben nur noch Augen für die wohltuende Weite. Ladugårdsgärdet, Gärdet genannt, war ehemals königliches Landwirtschaftsland. Hier weideten die Kühe des Hofes. Später diente die Ebene als Truppenübungsplatz. Heute tummeln sich Ausflügler und Sportler auf dem grossen Grün. Uns stehen wunderschöne Landschaftskilometer bevor. Dieser Stadtmarathon ist zu grossen Teilen ein Landschafts-Lauf! Denn das zweite Drittel von Stockholms Stadtareal ist grün.

Km 21 bis zum Halbmarathon -  Wir streben dem bunten Läufertatzelwurm entgegen, welcher vor dem Fernsehturm Kaknästornet zur Überquerung von Gärdet ansetzt. Ein einziger asphaltierter Weg führt diagonal über die Grasfläche. In der Mitte hat er einen Buckel, bei windigem Wetter ist man vollkommen den Naturkräften ausgesetzt. Die Stadt ist in weite Ferne gerückt. Es beginnt stärker zu regnen. Doch auch hier draussen stehen Marathon-Fans. Würden sie fehlen, wären wir nicht einsam. Pferde grasen direkt an der Strecke. Der Buckel ist überwunden, der Halbmarathon-Bogen kommt in Sicht, während wir an der Festung Borgen vorbei laufen. Hier residierte der König im 19. Jahrhundert um seinen Truppen bei den Manövern zuzuschauen.

Unsere Füsse tragen uns locker der Halbmarathon-Marke entgegen. Ein blauer Teppich mit der Aufschrift Stockholm Marathon 2013 bietet den Hintergrund für die Erinnerungs-Fotos, die man von hoher Warte aus von uns schiesst. 1:56:36 Stunden sind wir unterwegs. Andreas fühlt sich prächtig, und bei mir läuft es auch ganz gut. Jetzt geht es schon heimwärts!

Km 22 - Eine Spitzkehre führt uns auf den Lindarängsvägen. In der Ferne wacht der schlanke Kaknästornet über die farbenfrohe Perlenkette, welche sich unter dem Halbmarathon-Bogen hindurchbewegt. Der nächste Verpflegungsposten ist zugleich Energiestation. Man streckt uns Salzgurken entgegen, eine in Schweden durchaus übliche Langstreckenverpflegung. Ich genehmige mir eine. Die Abwechslung zum süssen Gel tut wirklich gut! Nun fällt der Regen in dicken Tropfen. Der Kurs streift das Hafengebiet. Gestapelte Container, verlassene Baracken und eine vor Anker liegende Fähre - Spontan kommt uns eine Szene aus Lars Keplers Roman Sandmannen in den Sinn. Auf Verbrecherjagd geht der Kriminalkommissar Joona Linna hier unfreiwillig im Eiswasser baden. Ein kalter Schauer läuft uns über den Rücken.

Km 23 bis 24 - Der Hafen grenzt direkt an dichten Wald. Die Strecke wird zusehends hügeliger. Unser Abstecher durch die Natur ist aber eine Wohltat. Herrlich das satte Grün und der betörenden Duft von blühendem Flieder. Wald wechselt mit Weiden. Es wird uns nicht langweilig, obwohl anders als an Sonnentagen nur wenige Stockholmer zum Picknicken hier draussen weilen.

Stockholms Fernseh- und Aussichtsturm Kaknästornet ist mit 155 Metern nicht nur das höchste Gebäude Stockholms sondern auch das höchste für Touristen zugängliche Bauwerk in ganz Schweden. Der Turm schaut jetzt ganz aus der Nähe auf uns herab. Von einer Lastwagen-Bühne ertönt der Song „That’s the way I like it“. Es geht uns prima, die Regenkühlung ist willkommen, und es macht riesigen Spass, unterwegs zu sein. Der Song spricht uns aus der Seele!

Km 25 - Wie auf einer Berg- und Talbahn rollen wir über sanfte Hügel. Ein kleines Restaurant in einem gelben Holzhaus wirbt mit korv, glass und dryck (Wurst, Eis und Getränken). Wir widerstehen der Versuchung und laufen zur Brücke über die Wasserstrasse Djurgårdsbrunnskanalen hinunter. Auf der Parkinsel Djurgården (Tiergarten) wird das Laufen noch anspruchsvoller. Ab der Brücke erwartet uns eine fordernde Wellblechpiste. Als erstes geht’s zur Manillaschule hoch. Auch an diesem entlegenen Zipfel der Strecke fehlt die musikalische Unterhaltung nicht. Belebende Rhythmen und die Wasserkühlung von oben helfen einen weiteren Hügel hinan. Wir können kurz entspannen und laufen auf die mächtige kungseken (Königs-Eiche) zu. Der Laubbaum mit sieben Metern Stammumfang erhielt seinen Namen, da die königliche Equipage auf den Ausflügen hier zu wenden pflegte. Auch wir wenden uns stadteinwärts.

Km 26 – Die grüne Insel war früher königlicher Jagdgrund. Seit 1995 gehört sie zum Stadt-Nationalpark Ekoparken, dem ersten Nationalpark der Welt, mitten in einer Millionenmetropole. Fantastisch ist diese Wildnis so nahe beim Stadtzentrum. Nordeuropas grösster Bestand an uralten Eichen ist eine Besonderheit. Vor über 400 Jahren sind die Bäume den Sägen der Kriegsschiff-Bauer entgangen. Zwischen den Baumkronen sehen wir aufs Wasser des Saltsjön (Ostsee). Ein riesiges Kreuzfahrtschiff läuft aus. Der Regen nimmt zu, die Zuschauerdichte ab. Einige Unerschrockene harren aber immer noch auf Picknickstühlen im Wald aus.

 
 

 

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