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Laufberichte

Treviso Marathon: Hit-And-Run

14.03.10
Autor: Joe Kelbel

Start (Partenza) ist im Ort Vittorio Veneto. Der Ort entstand 1866 und ist benannt nach König Viktor Emanuell II, dem ersten König des neu proklamierten Staates Italien. Veneto ist ein ehrenhalber Zusatz für den Hinweis auf die Region Venetien. Die Stadt liegt am Fuße der südlichen Alpen, die hier abrupt in die Ebene abfallen. Hier fand Ende Oktober 1918 die letzte Schlacht gegen Österreich statt. Die Schlacht gilt heute als Inbegriff des Sieges Italiens im Ersten Weltkrieg und genießt hohen symbolischen Stellenwert. So tragen Kriegschiffe, Heeresbrigaden und Orden den Namen Vittorio Veneto.

Neu ist bei der siebten Auflage des Treviso-Marathons, dass sich der Start in der Via Cavour im Zentrum  befindet. Man versammelt sich auf der Piazza Foro Boario. Abgabe des Kleiderbeutel (Sacce) in den vielen Lastwagen. Es ist noch viel Zeit bis zum Start um 9:45. Es wird eine Messe gelesen, es gibt warmen Tee, Kekse, Marmelde und viel, viel wärmende Sonne vor dem Bergpanorama. Ich sitze dort auf der Piazza mit Rainer und genieße die Atmosphäre bei einem schönen Latte Macciato. Da kommt Sabine, überglücklich mich samt ihren Startunterlagen gefunden zu haben. Es fällt schwer, diesen wunderschönen Platz zu verlassen, aber da ist halt noch ein kleiner Lauf zu absolvieren.

Startschuß. Nach 2 Kilometern kann ich frei laufen, kein Gedränge. Seit letzter Woche weiss ich, dass ich auch schnell laufen kann. Ich laufe voll speed, ohne Rücksicht auf Verluste.

 „Forza ragazze! Bravi, bravi!“

Orte wie  Colle Umberto und San Vendemiano rauschen vorbei. Alle 500 Meter eine Band, ich drehe meinen mp3-player auf: „ Against all Odds“ und mühe mich durch den Pulk, der sich um den 4 Std-Pacer gebildet hat.

Km10: 49 Minuten! Jetzt bin ich scharf und lass die Beine fliegen. Die Strecke ist unerotisch, es gibt nichts zu sehen. Schnurgerade, einer alten Römerstrasse folgend geht es gen Süden. Glatte Strasse, kein Bordstein, kein Absperrgitter, keine Kurve behindern meinen Lauf. Es ist herrlich. Temperatur 8-10 Grad, Sonne pur, frische Frühlingsluft und schnelle Strecke. Viel, viel Zuschauer stehen an der Strecke, was für ein Unterschied gegenüber dem letzten Jahr, als der Lauf im Regen versank.

Bei Kilometer 13 kommen wir nach Conegliano. Sagt Euch nichts? Es ist die Heimat des Proseccos! Cenegliano beherbert die traditionsreiche Weinbauschule und ist Ausgangspunkt der „Weißweinstraße“.

Hinter Susegana ist die Halbmarathonmarke. Mit sagenhaften 1:49 netto rausche ich über die Matte. Wir überqueren den Fluss Piave. Absolut heisse Stimmung. Die buntbeflaggte Brücke ist fest in Afrikanischer-Brasilianischer Hand. Hier hielt sich Ernest Hemingway gegen Ende des Ersten Weltkriegs  auf. Am 8. Juli 1918 schlug eine Bombe der k.u.k. Armee neben ihm ein, während er den Soldaten Schokolade, Zigaretten und Postkarten lieferte. Als er später einem Verletzten helfen wollte, wurde er angeschossen (siehe Roman „In einem anderen Land“).

Auf der anderen Seite des Flusses liegt der Ort Nervesa della Battaglia. Sehenswert wäre die Abtei Saint ` Eustachio, die in der Schlacht am Piave 1918 zerstört wurde, doch im Rausch fliege ich über die Strasse, ich gebe alles, will den 3:45 Pacer endlich sehen.

Der nächste Ort ist Spresiano Villorba bei km 28. Da trappelt ein Pulk mit Luftballons an mir vorbei. Ich lese 5:20. Das kann doch nicht wahr sein! Dann lese ich noch 3:45. Ach so! Ja, da ist er ja, aber der war ja dann hinter mir!

Alle 5 Kilometer gibt es Wasser aus Flaschen, die man sich in voller Fahrt greifen kann, dazu Früchte, aber dieser martialische Pacemaker kennt keine Gnade und läuft bei km 30 einfach durch! Zusätzlich gibt es Schwammstationen. Ich brauche jetzt wirklich diese Dinger, ich laufe an meinem absoluten Limit und greife bei voller Fahrt nach den triefenden Teilen.

Bei km 33 das Städchen Villorba, noch klebe ich am 3:45er Pulk dran, doch mein schneller Lauf von heute und von letzter Woche fordert nun seinen Tribut: Ich muss die Masse ziehen lassen.

Km 40: Jetzt wird es interessant. Treviso, das Ziel (Arrivo) wird dieses Jahr über die Via Veneto  erreicht. Kreuz und quer geht es durch die Altstadt. Das wellige Kopfsteinpflaster schmerzt. Wie weit ist es noch? Vorbei an der  Kirche San Francesco ( 2 Euro Münze!) über den Fischmarkt, Piazza San Vito, Piazza dei Signori, Piazza Leonardo, Via Caterina... da ist die  Ziellinie,vor dem Stadttor Porta San Tomaso, viele Zuschauer, gute Stimmung und  sagenhafte  3:50 Std, zwei Minuten schneller als letzte Woche! Hit-And-Run, ich kam, sah und siegte! Eine gute Strategie.

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Fazit: Perfekte Organisation, bis auf die Shuttlesituation. Freundliche Menschen, super Service, Finishershirt, Medaille, Pastaparty, alles zusammen ab 25 Euro, äußerst sympatisch. Bis auf Start-und Zielbereich ist die extrem schnelle Strecke ohne Attraktionen aber macht riesig Spass. Wer mag, der kann vom Flughafen für 5 Euro nach Venedig reinfahren (bloß kein Taxi!). Der Treviso-Marathon ( drei deutsche Starter) ist mein absoluter, prickelnder Frühlings-Geheimtipp!

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