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Laufberichte

Marathon Latina

04.12.11
Autor: Joe Kelbel

Es ist ein grandioser Genuß, als wir raus auf die Düne laufen. Von der Brücke über den natürlichen  Kanal ein herrlicher Blick zum Kalksteinmassiv, auf der Lagune die zahlreichen Kanuteams. Links, am Ufer des Lago di Sabaudia der Palast des römischen Kaisers Domitian (1.Jahrh).  Der Torre Paola dominiert in der Ferne den Kanal.

Seidelbast Thymelaea hirsuta,  Phönizische Wacholder,  der stachlige Wacholder und die salzige, peitschende  Luft vom Meer, es ist ein Traum von Licht, Luft und Atmosphäre, ein Traum in weiss, irgendwo Richtung Afrika. Unglaublicher, unbeschreiblicher, absolut  appetitlicher morgendlicher  Duft nach reinem,  frischem gegrilltem Fisch vom Strandrestaurant her. Geruchskino der Superlative, mein Zuckerspiegel schreit nach Italien! Ich tausche auf ewig Weihnachtsgans gegen Frutti di Mare.

Bei km 9, vor dem Lago di Caprolace, biegen wir in die landwirtschaflich dominierte Ebene ein.  Der Besenwagen (Recupero Atleti) überholt mich. Auf den plastiküberzogenen Sitzen die ersten DNF-Läufer . Ich bitte ein Pärchen, ein Foto von mir zu schießen. Maria rudert für Italien 1. Witzig, so ein Zufall, ich bin Deutschland 1, bin gut, sie und das  Foto auch, nur dieser Paparazzi...., egal, er schiesst das Foto, ist nett.

Abgesehen von Berlusconi und Angela  lebt man hier vom Gemüse- und Blumenanbau. Kilometerlange Rosen-, Ruccola- und Baumschul-Felder, dazwischen Gewächshäuser. Links jetzt der mit Stacheldraht abgeschirmte Staatsforst des Nationalparks, früher ein sumpfiger Seuchenherd, nun UNESCO-Erbe. Korkeichen, Steineichen und Zwergfächerpalmen, darin Wildschweine, Hirsche und sonstige Weihnachtsbraten. Immer mehr Geher, einsame Schwammstationen vor kilometerlangen Geraden. Oh wie ist das schön!

Punjab-Erntehelfer auf Mopeds und Fahrrädern kommen uns entgegen,  indische Party am Strassenrand. Der Duft von Curry und Kreuzkümmel macht mich geil. Bei km 17 wieder der Mussoliniturm und die Piazza Comunale vor uns. Die dritte und schönste Runde bricht an. Immer mehr Läufer die mir entgegen kommen. Ich bin prallgefüllt mit Glücksgefühl, lache in die faschistischen Architektur  hinein, weil es geil ist.

Dann über eine Stunde schnurgeradeaus auf der Düne entlang. Das ist der Wahnsinn. Noch mehr  DNF-Läufer kommen mir entgegen, der „Recupero-Atleti-Wagen“ fetzt im Höllentempo hin und her, als sei Rückzug von El Alamain. Sonst ist da nix, außer Wacholder und Meeresgischt. Der Blick geht 3, 4 Kilometer weit zum Horizont, der immer einen leichten Anstieg suggeriert, oder auch hat. Die bunten Läufer vermischen sich im salzigen Dunst, Regenschauern, Sonnenschein, dann gehts weiter, 3, 4 Kilometer. Und immer weiter, der Horizont ist unendlich. Die Augen, das  Hirn und der Magen  flimmern,  gaukeln  baldiges Ziel vor. Und nochmals 3,4 Kilometer und nochmals 3, 4 Kilometer. Aber absolut scharfes Erlebnis! Laufglück pur in einer unendlichen Perspektive.

Marathon heisst Geduld. Hier steht keine Sambaband, kein Zuschauer, kein Cheer-Leader-Mädchen. Auch für mich ist das neu: Laufen bis zum Horizont und dann weiter und dann noch weiter. Du registrierst in dem ewigen Küstendunst, wie lang ein Marathon ist, läufst mitten auf der Strasse, einsam und allein mit deinen Gedanken, spulst Kilometer um Kilometer ab und denkst, du kommst nie an. Links das tosend-weisse Meer, rechts die traumhafte Lagunenlandschaft mit weissen und bunten Vögeln. Es ist ein unvergessliches Erlebnis, ein Traum jenseits von Afrika, nie erlebtes Laufgefühl. Ewig geradeaus, frei und sauber laufend, ewig in Trance und absolut frei.

Bei km 30 rechts ab, auf so einen bescheuerten, aber absolut göttlich-urig-krassen Feldweg.  Schwere, schwarze Tiere im tiefen Schlamm des afrikanischen Wasserlochs, die die Basis für den Büffelmozarella liefern. Die, die nicht erwähnt wird, hat die Riesen  nicht gesehen, weil sie wenige Minuten hinter mir in einem ungeheuerlichen  Regenguss die scharzen Masse vor dem Schlamm des Sumpfes nicht ausfindig machen konnte. Ich dagegen mache zahlreiche Fotos der urigen Tiere „ Jenseits von Afrika“, ich bin Klaus Maria Brandauer, ausnahmsweise ohne Syphilis. Es ist ja sowas von geil, so unglaublich, so schön, so wortlos atemberaubend, ein Film jenseits aller Vorstellungskraft, und ich bin der Regisseur. Fehlen nur noch die Massaikrieger, die wippend in der Ebene am Horizont erscheinen, oder die  deutschen Soldaten des Lettow von Vorbeck. Nie besiegt, nie kapituliert, so wie ich, auf dem Weg in die ewigen Ebenen, ein Marathonläufer im Traum der unsterblichen Ebenen.

Der Horizont ist weit, eine weitere Stunde geht es wieder zurück, ewig weit geradeaus.Wer vor der Mainzer Landstrasse beim Frankfurt Marathon Angst hat, der stirbt hier an der Schwelle, ist eine Lusche. Hier kannst du nur mit dem Kopf laufen. Die Lagune ist jetzt rechter Hand, im Hintergrund die Wacholderdüne, die wir gelaufen sind.

Immer mehr Panjabkrieger kommen mir entgegen, sie ernten morgen unseren Ruccola. Junge, Junge was für ein Märchen. Mein Herz hüpft im Takt meiner Füsse, während ich immer mehr laufende Kämpfer einsammele. Der „Recupero-Atleti“ saust hin und her, sammelt und sammelt und erinnert mich an mein „Mit Blaulicht durch Rom“ von 2009. Doch hier bin ich der Duce der Strasse, der Führer der Marathonläufer, der Held der ewigen Weiten, jenseits von Afrika, in einem traumhaften Nationalpark, wo meine Weihnachtsgans das kommende Jahr erwartet.

Unterschätzt habe ich die sanften Steigungen der Dünenlandschaft, das warme Klima, die zeitraubende Fotografiererei, all diese Aufregung und Eindrücke. Einer meiner schönsten Marathons  führt mich dem Mussolini-Turm-Ziel entgegen. Zeit fürs Duschen ist nicht mehr.

Schnell  Pasta und Weisswein im warmen Donimino del Comune, oder wie das Ding genannt wird, wo sich schwitzende Gockel im Finisherrausch präsentieren.  Immerhin beträgt der Streckenrekord 2:15, alle Achtung! Aller Respekt!

Die, die nicht da ist, organisiert eine Mitfahrgelegenheit. Ich erscheine dann zufällig im schweissgetränkten Marathon-Outfit. Mario der Ultarläufer ist nett: „I prink ju to Austria!“  Prima, sag ich fliessend italienisch: “ Si, sis is aur direkschen.” 

Wenig später landen  wir, also, die, die nicht genannt wird und ich,  am  blütend weissen, wild schäumenden Strand von Ostia, von wo es bis  Roma Termini nur noch 1 Euro weit ist. Im goldenen Sonnenuntergang fahren wir durch die Ruinen von Ostia Antika Richtung gestern. 

Montag 3:30 Uhr verschwinden Marathonsalz  und 36 Stunden Traum jenseits von Afrika im Abfluss der heimatlichen Dusche.

 

 

 

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