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Laufberichte

Marathon in Katowice: Bewährung für die Bronchien

04.10.15 Special Event
 

Die Luft hier in dieser Industriezone außerhalb von Kattowitz wäre auf Dauer Gift für mich und für die Bronchien, denn ich spüre die Rußpartikel im Hals. Wäre nicht so viel Grün rundherum, wäre der CO2-Gehalt wohl noch höher und die Emissionen spürbarer.

Vereinzelt stehen an der Laufstrecke auch einige Zuschauer, zumeist sind es Kinder, die die Hand zum Abklatschen ausstrecken. Die Menschen hier sind nicht mit Reichtum gesegnet. Wer in Polen nur umgerechnet 1200 Zloty (300 Euro) verdient bzw. zum Leben hat, der kommt schwer über die Runden. Von ca. 34 Mio. Polen sind 8 Mio. im europäischen Ausland als „Gastarbeiter“ tätig. Das erzählte mit bei der Hinreise gestern ein in Wien arbeitender Pole, der nach Warschau zurückfuhr.

Die 10 km-Anzeige erreiche ich nach 1:01 Stunden, das passt soweit. Positionskämpfe gibt es auch, nur lasse ich mich darauf nicht ein. Einige ziehen an, wenn es aufwärts geht, ich hingehen werde da langsamer und hole abwärts wieder rauf. Der Kurs ist wegen der vielen Steigungen recht anstrengend.

Über die Le Ronda und Leopolda, wo sich ein alter Friedhof befindet, geht es weiter. Wir überqueren  die S86, die mehrspurig in beide Richtungen verläuft. Brückenanstiege mag ich nicht wirklich, sie kosten Kraft. Bei Kilometer 13 splittet sich der Kurs, die später startenden Halbmarathonläufer werden auf der 1 Maja nach rechts abbiegen, für uns Marathonis geht es nach links weiter in der Nähe des Flusses Rava in östliche Richtung.

Seit gut 5 km verfolgt mich ein Läufer im gelben Shirt. Ich lasse ihn stets ziehen, wenn er will. Doch er wird dann wieder langsamer und ich hole ihn wieder ein. Aber jetzt nach 13 Km geht ihm urplötzlich die Luft aus, er keucht und bleibt stehen. So ist es eben, wer sein Tempo nicht richtig einteilt und über seine Verhältnisse läuft, der sollte es das nächste Mal klüger angehen.  

Die Strecke bis zum dritten Labe bei Kilometer 15 führt tlw. neben der Bahnstrecke, eine gottverlassene Gegend. Das einzige nennenswerte Bauwerk in Katowice-Szopienice ist zunächst das Adam Mickiewicz Lyzeum, eine Oberschule, die den Namen des polnischen Nationaldichters aus dem 18. Jh. trägt. Wegen des spitzen Winkel bekomme ich die 1889 eröffnete neugotische Kirche der Heiligen Hedwig von Schlesien bei Kilometer 16, bevor der Kurs wieder nach Süden verläuft, nur tlw. ins Bild.

Der Marathonkurs führt weiter zum Stadtteil Mystowice. Zwischen Kilometer 17 und 18 geht es erneut über eine Autobahnüberführung –  die S86 liegt unter uns. Es geht einige Hundert Meter aufwärts, Gelegenheit für eine Gehpause.

Als ich über die Straßenbegrenzung rasch hinter einen Busch eile, erblicke ich 200 m entfernt den 4:30er-Pacemker, dem sich eine Handvoll  Läufer angeschlossen haben. Es geht sich gerade aus, mich an die Gruppe anzuhängen. Bis zur 20 km-Labe ist es nicht mehr weit. Den Pacemaker kenne ich von verschiedenen Marathons in ehemaligen Oststaaten. So war er 2013 auch in Chorzow dabei. Drago Boroja ist Serbe und wird am 25.10. – wie er mir erzählt – auch in Podgorica, Montenegro, starten. Ich will das Tempo der 4:30er nicht mitgehen, sie sind zu schnell für mich. Ich möchte heute überlegt laufen und kann wegen der zeitlichen Vorgaben, was den Zugfahrplan betrifft, kein Risiko eingehen. Ich liege für die angestrebten 4:50 gut in der Zeit.

Wir verlassen den Stadtteil Myslowice und gelangen in das Kerngebiet von Katowice zurück. Die nächste Brückenpassage steht an – wir überqueren die A4 bzw. E40. Der Anstieg ist gut 500 m, kaum einer läuft diese Steigung. Für 23 km habe ich bisher 2:27 Stunden benötigt – die 25 möchte ich nach Möglichkeit mit 2:42 erreichen.

Wer sich für den Marathon in Kattowitz wirklich interessiert, dem sei gesagt, dass die Strecke viel Gefälle aufweist und deshalb nicht auf die leichte Schulter zu nehmen ist. Zwischen Kilometer 24 und 25 geht es nochmals über die E40, doch diesmal abwärts. Zahlreiche Teilnehmer vor mir marschieren bereits, heute zieht es sich gewaltig. An der Labe halte ich mich nicht auf, weil ich etwas Zeit gut machen muss.

Der Kurs geht vorbei an Industrieanlagen in nordöstliche Richtung nach Janów-Nikiszowiec, wo sich eine historische Arbeitersiedlung befindet. Bei Kilometer 26 laufen wir durch das Arbeiterviertel mit braun-schwarzen Ziegelbauten. Die Anlage erinnert ein wenig von der Größe her gesehen an den Karl Marx Hof in Wien-Heiligenstadt, nur ist dieser Gemeindebau, einst Bollwerk der Arbeiter und des Schutzbundes gegen die Heimwehr bei den Februarereignissen 1934, renoviert und in bestem Zustand.

Nach einer Schleife wendet der Kurs bei Kilometer 27 (meine GPS-Uhr zeigt 2:57 h an) und führt erneut durch die Arbeitersiedlung – manche schauen argwöhnisch durch ein Hoffenster ihrer Wohnung auf die Läufer. Früher war der Arbeiter zu müde, um in der wenigen Freizeit bei 45 Stunden pro Woche und zwei Wochen Urlaub im Jahr Sport zu betreiben. Man ruhte sich auf der Couch aus, trank sein Bier und machte im Sommer ein Sonnenbad auf der Wiese. Vielleicht ist was dran an der Behauptung, dass nur ausgeruhte Menschen einen körperlichen Ausgleich brauchen?

Der Abschnitt auf der Gorniczego Dorobku bei Kilometer 28 und weiter vorbei am Kommunalfriedhof weist einige leichte Steigungen auf, die nach zwei Dritteln des Rennes für etliche Läufer vor und hinter mir als zusätzlich belastend empfunden werden – ich hole einige ein, darunter auch zwei aus dem 4:30er-Pulk, die nun gehen. Es gibt aber auch welche, die dank ihres konstanten Tempos das Feld nun von hinten aufrollen.

Endlich erblicke ich die 30 km-Anzeige, mit 3:22 Stunden erfülle ich meine zeitliche Vorgabe. Aus Erfahrung weiß ich, dass z.B. 3:40 für 30 km für eine Zeit unter 5 Stunden nicht mehr ausreichen. Was hier beim 30 km-Spot fehlt, ist eine Versorgungsstation  – es ist inzwischen ziemlich warm geworden, ich habe Durst. Doch die Läufer müssen sich gedulden. Eine 180 Grad-Schleife ist mit einem Gegenanstieg zu bewältigen, dann gibt es Wasser, Iso, Schokoladestücke, Zucker und Bananen in kleinen Portionen. Grund ist das Zusammentreffen der Halbmarathonstrecke bei 15 km mit dem Marathonkurs. Der Halbmarathon startete um 10 Uhr 30, jetzt knapp vor 12 Uhr 30 ist natürlich kein Läufer für die Halbdistanz mehr anzutreffen, obwohl sonst 2 Stunden für 15 km bei großen Citymarathons gang und gäbe sind.

Inmitten einer Parkanlage geht es weiter nach Süden. Die Gegend ist ein Freizeitzentrum  auch für Wassersport und Angler. Sonntagsausflügler genießen den warmen Herbsttag, Kinder tummeln sich auf angrenzenden Spielplätzen. Auf Gratisliegestühlen haben es sich einige Sonnenanbeter in Badehose bequem gemacht. Der Marathon interessiert die Menschen eher nicht, es sind vielfach Kinder, die die Hand zum Abklatschen ausstrecken.

Knapp nach der 33 Km-Anzeige kommt es hier im welligen Park zu einer kurzen Begegnungszone. Läufer, die nur 100 m vorne liegen, sieht man so erstmals zur Gänze. Den einen oder anderen habe ich im Verlaufe des Rennes schon einmal überholt, jetzt liegt er oder sie vorne. Frauen fallen einem sowieso mehr auf, denn die meisten sind schick angezogen. Als ich bei Kilometer 34 die nachkommenden Läufer sehe, habe ich dasselbe deja-vu: Kollegen, die noch im 4:15er und 4:30-Block liefen, sind zurückgefallen und keuchen nun hinterher.

Die Marathonstrecke  hier im Lotnisko-Areal, wo auch ein Flugfeld lokalisert ist, verläuft auf schmalen asphaltierten Wegen, Schotterabschnitte oder Waldwege sind ausgespart. Über die Pulaskiego, die sich nahe der Autobahn E40 befindet, geht es weiter. Nicht zum ersten Mal erlebe ich heuer, dass an einer Wasserstelle das Wasser ausgegangen ist. Die zwischen Kilometer 35 und 36 liegende Versorgungsstation bietet nur mehr Iso in Trinkbechern an. Jetzt gegen 13 Uhr ist es wärmer geworden, Iso ist kein Durstlöscher.

Bei Kilometer 37 mündet der Halbmarathonkurs endgültig in die Marathonstrecke, nur sind keine Pol-Marathonis mehr anzutreffen. Der Kurs ist 3 Stunden offen, wie es in den „Regulamin“ steht: „Organizator określa limit czasu ukończenia półmaratonu na 3 godziny.“ (für Freunde der polnischen Sprache).

Nahe der Schlesischen Bibliothek bei Kilometer 38 befindet sich wieder eine Labestelle, an der ich stehenbleibe und der schon spürbaren Dehydrierung entgegenwirke. Zuviel Wasser auf einmal wird bei einem Flüssigkeitsmangel nicht empfohlen, wohl aber in kleinen Schlucken zu trinken und ev. eine Flasche mitzunehmen.

Wir sind nun schon wieder in der Stadt, links und rechts der Graniczna befinden sich Geschäfte, einige Wohnblocks und Hotels, der in Österreich vor Jahren wieder verschwundene Baumarkt Praktiker, ein McDonald.  Bei Kilometer 38 begrüßt uns eine Kindergruppe mit einem kostümierten Santa Claus – dies an einem wunderschönen Herbsttag.

Gerade auf den letzten Kilometern wird nochmals deutlich, wie wellig der Marathonkurs in Katowice ist. Freut man sich über eine Abwärtspassage, kommt der nächste Anstieg. Entlang der Jerzego Dudy-Gracza und besonders der Dobrwolskiego ist das innerstädtische Gefälle besonders spürbar. Ich kann mir kleine Gehpausen durchaus erlauben, denn mir bleiben laut meiner GPS-Uhr mehr als 20 Minuten für die letzten 3 km, um wie erhofft knapp unter 5 Stunden zu finishen.

Ein kurzes Stück, dann mündet der Marathonkurs in die Olimpijska – unweit davon befindet sich das 1945 gegründete Nationale Symphonieorchester des Polnischen Rundfunks und das internationale Konferenzzentrum.

Bei Kilometer 40 ist die letzte Labestation aufgebaut – ich bleibe nicht stehen, es geht um die angestrebte Finisherzeit. Das leichte Abwärtsgefälle in Richtung der Chorzowska, wo der Marathon um 9 Uhr begonnen hat, ermöglicht mir noch einige Kollegen zu überholen. Es kommt selten vor, dass sich bei einem Marathon keine Kommunikation ergibt – abgesehen vom kurzen Wortwechsel mit dem mir bekannten serbischen 4:30er-Pacemaker Drago gab es keine Kontakte. Die polnischen Läufer wirken ernst und auch konzentriert. Ich frage mich aber schon, warum die  langsamen Marathonis – hinter mir kommen noch mehrere Dutzend Läufer – auch so ernst dreinschauen.  

Knapp vor dem Ziel, dass sich vor dem Eingang des Silesia-Einkaufzentrums befindet, ist nochmals eines Schleife zu durchlaufen. Ich finishe knapp über 4:54. Das passt bestens. Einen Plastiksack mit einem Ersatzshirt habe ich am Morgen unter einer Hecke deponiert. 100 m vom Ziel fährt gerade die Tram in die Station ein. Ich deute der Fahrerin zu warten und um 14 Uhr 20 stehe ich im Hotel Diament unter der Dusche. Eine Stunde verbleiben mit bis zur Abfahrt des IC nach Wien HBH. Alles geht sich aus. Marathon Nr. 28 in diesem Jahr ist abgehackt, es werden noch einige dazukommen.

Mein Fazit (nach zwei Marathons in Katowice, 2013 und 2015):

Die Strecke ist sehr wellig und daher nicht leicht zu laufen –mir kamen die 600 Hm in Kiew die Woche davor leichter vor. Das Preis-Leistungsverhältnis ist mit „hervorragend“ zu bewerten: Für eine gestaffelte Startgebühr von 70 Zl. (bis 20. April 2015) bis 150 Zl. bei der auf 100 Plätze begrenzten Nachmeldung am 2. und 3.10.2015 im Rennbüro erhält man zunächst bei der Abholung der Unterlagen ein tolles Funktionsshirt und nach dem Finish eine hochwertige und schön designte Medaille. Die Versorgung an den fast durchgehend alle 5 km eingerichteten Labestellen ist  zufriedenstellend – dass bei unerwarteter Herbstwärme der Wasserbedarf größer ist, schmälert nicht die gute Arbeit der Organisation.  Ein Manko ist eindeutig die nur auf Polnisch eingerichtete Website. Wer sich elektronisch anmeldet, muss sich auch auf Polnisch registrieren. Das kann Zeit kosten, wenn man die Wörter im Formblatt erst übersetzen muss. Die Veranstaltung ist so gesehen nicht vorrangig auf internationale Teilnehmer ausgerichtet, aber das kann noch kommen.

 

Reihung bei den Herren:

1.    Salo Taras (UA): 2:33:09
2.    Rafael Czarnecki (PL): 2:34:26
3.    Anatolii Demyda (PL): 2:34:55

Damenwertung:

1.    Patrycija Wlodarczyk (PL): 2:54:36
2.    Agnieska Kuzyk (PL) 3:10:24
3.    Karolina Gizynska (PL) 3:14:56

1175 Finisher

12
 
 


 

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