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Laufberichte

Łódź - Marathon (Polen)

17.04.16 Special Event
 

Bei Kilometer 19 verläuft die Strecke nach Süden und es kommt erstmals zu einer Begegnungszone. Die auf der anderen Straßenseite entgegen kommenden Läufer/innen liegen 1 ½ km oder ca. 9 Minuten voran. Die 4:30er-Gruppe ist stark dezimiert, sie befindet sich inzwischen geschätzte 300 m vor mir. Kilometer 20 erreiche ich nach 2:07 Stunden,  meine Zielzeit unter 2:15 für die erste Hälfte des Marathons sollte sich ausgehen. Nach der Wende kommt mir doch etwas verfrüht die 4:45er-Gruppe auf der anderen Straßenseite entgegen, sie liegt weniger als einen Kilometer hinter mir. Eine Labestelle vermisse ich bei der Halbdistanz. Ich bin beruhigt, als ich den hellen Erkennungston höre, den das Messgerät beim Passieren der Anzeige abgibt. 21 Kilometer knapp unter 2:15 sind geschafft, jetzt fängt bei mir immer das Rechnen an. Bei den letzten Rennen in Linz und Wien gingen sich die vorgenommenen  sub 5 Stunden gut aus. Zunächst muss ich die 25 km-Anzeige unter 2:45 erreichen. Der nun spürbar abwärts führende Kurs in südliche Richtung vorbei am nahen Gebäudekomplex der Handelsmesse kommt mir zugute. Lehrerinnen und Schülerinnen eines christlichen Gymnasiums mit weißem Umhang und schwarzen Kreuzen darauf winken uns zu. Endlich kommt die vierte Verpflegungsstation, ich mische Iso mit Wasser, auf die Bananenstücke verzichte ich.

Wann fängt der Marathon wirklich an? – Für viele bei 30 oder 35 Kilometer, ich erlebe mitunter auch zwischen Kilometer 15 und 21 einen Leistungsabfall, den jemand mit guter Vorbereitung nie haben würde. Doch die kritische Phase bezieht sich bei mir auf die letzten sieben Kilometer. Bei einem Polster von einer ganzen Stunde geht es mir mental gut, stehen mir ab Kilometer 35 nur 45 Minuten zur Verfügung, ahne ich, dass sub 5 Stunden an diesem Tag nicht mehr zu schaffen sein werden. Aufbauend sind auch kaum jene Läufer/innen, die nach der Halbdistanz schon im Gehtempo unterwegs sind, wie auch heute vor mir genau jene Mitstreiter, bei denen ich am Start für einen frühen Einbruch getippt habe, darunter auch der Kollege mit dem blauen KUBA-Leibchen. Wir sind in einer Vorstadtgegend von Lodz, wo auch die Straßen eng sind und man vom Marathon keine Notiz nimmt – aber die gesperrte ul. Obywatelska wird von der Polizei überwacht. „Endlich Land in Sicht“, mag für Schiffbrüchige gelten, für Läufer/innen sind die maßgeblichen Orientierungspunkte auch mit teuren GPS-Uhren am Handgelenk die de-facto Kilometeranzeigen. Die gelaufenen Kilometer entsprechen oft nicht den vermessenen. Als laufender Reporter weicht man vom Idealkurs ab.

Diesmal korrespondiert die Labestation mit der 25 km-Marke. Es gibt Wasser, Iso und Orangenstücke. Kohlehydrate sollte man in Form von Gels dabei haben – mein Frühstück war aber so üppig, dass ich keinerlei Hungergefühl verspüre. Was ich heute vermisse, sind die sonst üblichen Kurzgespräche mit Kollegen. An mir liegt es nicht, bis jetzt hat keiner irgendwas gesagt, eine gewisse Verbissenheit ist festzustellen. Ich bin aber zuversichtlich, dass ich auf den verbliebenen 17 km noch das eine oder andere Bonmot anbringen werde.

 

 

Der Kurs führt zurück in die nach Nordwesten verlaufende ul. Obywatelska. Jetzt überholt mich eine ebenfalls in der 4:30er-Gruppe gestartete Kollegin. Aber sie kommt nicht so richtig voran, bald geht sie wieder. Dafür nähert sich die 4:45er-Gruppe mit drei oder vier Läufern im Schlepptau, sie überholen mich knapp vor Kilometer 27. Ich mache etwas Boden gut und bleibe auf dem leicht abwärts führenden Abschnitt mit einem 6:30er-Tempo dicht hinter ihnen. Bei der sechsten Labestation verweile ich kurz, die Gruppe zieht davon. Nun kommt bei Kilometer 28 ein Anstieg. Auf der anderen Straßenseite sehen wir die bereits 4 km vor uns liegenden Läufer/innen. Meine Garmin zeigt 3:10 Stunden an, die 30 Kilometer werde ich locker unter 3:30 schaffen. Aber keiner der 4 km vor uns liegenden Läufer/innen wird unter 4 Stunden finishen, den für deren verbliebene 9 Kilometer sind 50 Minuten zu veranschlagen – Kopfrechnen beim Laufen hält geistig fit.

Nach der Wende vor Kilometer 31 befindet sich die sechste (größere) Labestelle. So vielfältig die Goodies im Startsackerl waren, so bescheiden ist die Versorgung an den Labestationen. Aber italienische Marathons  sollte man nicht vor Augen haben, dort wird für das leibliche Wohl noch besser gesorgt. Bei Kilometer 32 spricht mich die Kollegin von vorhin an, als sie nach einem Stopp plötzlich wieder auftaucht. Sie fragt. „Is all ok with you?“ Ich keuche nicht, schnaufe nicht und bin auch nicht in einer schlechten Verfassung, halt nur langsam unterwegs. Sie will nach vorne, ich lasse sie gerne vorziehen. Doch nach 200 m geht sie wieder. Nun eile ich ihr nach und frage: „All ok with you?“ Sie merkt, dass ihr Übermut nicht angebracht ist.

Eine zweite Kontaktaufnahme folgt bei Kilometer 34, wo eine Zwischenlabe aufgebaut ist und sporadisch Gelpäckchen verteilt werden. Eine Läuferin liest die Aufschrift am Rücken des M4Y-Shirts laut vor und sagt „What does it mean?“ Ich übersetze und ergänze, dass sie in den nächsten Tagen vielleicht ihr Foto auf dem Portal im Rahmen des Berichtes vorfinden wird. Ihr Begleiter vom Rajsport Active Anton Team erhöht das Tempo, dem sie nur ein kurzes Stück folgen kann. Einmal liegen die beiden vorne, dann hole ich sie wieder ein.

 

 

Auf der anschließenden ul. Krzmieniecka, die in nordwestlicher Richtung in den Pilsudski-Park führt, befindet sich bei Kilometer 35 die siebte Labestation. Auf der gegenüberliegenden Seite erblicke ich die 41 km-Anzeigetafel. Für die dortigen Läufer/innen ist das Ziel sehr nahe, einige könnten noch unter 4 Stunden finishen, denn meine Uhr zeigt 3:55 Stunden an.

Der Marathonkurs führt um den Park Josefa Pilsudskiego herum, nach Kilometer 37 befindet sich die nächste Versorgungsstelle, die ich aber aus Zeitgründen nicht beanspruche. Ich versuche, das aus zwei Personen bestehende Radteam einzuholen, auf der Abwärtspassage erhöhen sie das Lauftempo. Bei Kilometer 39 rücke ich wieder auf sie auf. Der kerzengerade Verlauf der Straße  kommt uns allen entgegen, vom Gefälle her gesehen geht es merkbar abwärts, die letzte Labestelle bei Kilometer 40 lasse ich aus. Antons Radteam liegt 50 Meter vorne, jetzt kommt für uns der Anstieg in die Gegenrichtung. Meine  Uhr zeigt bei Kilometer 41 4:43 Stunden an. Ist eine Finisherzeit unter 4:50 noch möglich? Es geht in einer lang gezogenen 180 Grad-Wende die letzten 300 m hinein in die Atlas Arena. Ich erblicke einige Fahnen, die zu Ehren der ausländischen Teilnehmer an der Seite des Laufparcours  angebracht sind, die österreichische ist nicht dabei, dafür die deutsche.

Als ich einlaufe, zeigt das Display in der stockdunklen Halle 4:50:40 als Nettozeit an. Ich bin zufrieden, es geht wieder aufwärts. Das heurige Laufjahr hat eigentlich erst begonnen, obwohl es mein 10. Marathon war.

Die Finishermedaille ist schön gestaltet, das beim Verlassen der Arena ausgehändigte Verpflegungspaket enthält u.a. eine Wasserflasche, ein Isogetränk und ein alkoholfreies Bier. Nur einen Riegel und das Bier nehme ich mit, den Rest überlasse ich einen kleinen Buben, der mich fragend ansieht. Ich bin bestens in der Zeit. Gute zwei Stunden bleiben bis zur Abfahrt des Zuges nach Warschau. Im Qubus dusche ich ausgiebig, Körperpflege nach einem Marathon ist das Um und Auf zur raschen Regeneration. Um 16 Uhr 30 fährt der PKP Intercity pünktlich in Lodz-Kaliska ab, kurz nach 18 Uhr kommt er in Warschau an. Bis zur Abfahrt des Nachtzugs nach Wien um 21 Uhr 25 verbleiben noch 3 ½ Stunden, die ich im EKZ nahe dem Bahnhof verbringe. Mein Lieblingslokal hat auch am Sonntag offen, meine Speisewahl fällt auf ein Lachsfilet mit frischem Spargel.

 

 

Mein Fazit

 

Bei einem Bier ziehe ich Bilanz:  Der 13. Marathon in Lodz war ein Erlebnis der besonderen Art, nämlich eine geschichtsträchtige Stadt im Laufschritt zu erleben, Plätze des anhaltenden Zerfalls zu sichten wie auch den Wiederaufbau und die Verwertung alter Gebäude aus dem Zeitalter des Textilindustriekapitalismus auf Basis des Engagements junger Unternehmer zu bestaunen. Auch für Touristen ist Lodz als Stadt bestimmt eine Reise wert, die Anzahl kultureller Veranstaltungen in den Bereichen Bereich Musik, Theater, Film und Kunst, sogar im Sport, ist im Wachsen. Zwei Tage sind natürlich zu wenig, um mitreden zu können, doch einen positiven Gesamteindruck nehme ich mit nach Hause.

Was nun den Marathon selbst betrifft, so kann ich ihn jedem Läufer nahelegen, der nach Alternativen sucht. Der Kurs führt bis zur Halbdistanz durch kulturelle Highlights, auf die jeder Reiseführer Bezug nimmt. Die Piotrkowska ist die Prachtstraße von Lodz, es gibt in keiner anderen polnischen Stadt ein Pendant in dieser Dimension und Bedeutung, vor allem was die Bauwerke betrifft. Die Laufstrecke selbst lässt trotz ihres welligen Profils bei gutem Wetter gute Finisherzeiten zu, wenngleich einzelne Zickzack-Abschnitte bremsend wirken. Die Versorgung kann als ausreichend bezeichnet werden, Kekse, Riegel, Kohlehydrate werden nicht angeboten. Das Preis-/Leistungsverhältnis ist jedoch mit sehr gut einzustufen, für 30 Euro im Spättarif bekommt man ein Funktionsshirt, eine Kappe, eine Multifunktionstasche, ein Multifunktionstuch im Buffstil und einen Essensbon. Vicki hat es 1974 schon geahnt: „Theo, wir fahr’n nach Lodz!“

 

Sieger bei den Herren:

1. Abraw Misganaw (ETH) – 2:13:24  
2. Melly Rogers Kipchirchir (KEN) – 2:13:45  
3. Mutai Kipkemei (KEN) – 2:14:15

Damenreihung:

1. Rachael Jemutai Mutgaa (ETH) – 2:31:41
2. Agnieszka Mierzejewska(POL) – 2:32:04
3. Nastassia Ivanova (BUL) – 2:34:47

1708 Finisher

123
 
 


 

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