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Laufberichte

22. Zagreb-Marathon: Regionaler Lauf mit internationaler Beteiligung

13.10.13 Special Event
 

Ich überhole drei deutsch sprechende Läufer, eine Frau und ein Mann tragen ein Shirt vom 100 Marathon Club Deutschland, der dritte, ein etwas älterer an ihrer Seite, nicht. Ich wundere mich zunächst, warum die drei eine Kilometerzeit um 6:30 laufen. Wahrscheinlich eine taktische Maßnahme, um dann auf der 2. Hälfte genug Kraft zu haben und loszulegen. 

Wir wird jetzt schon warm. Der deutsche Läufer mit der Startnummer 253, der in der Dreiergruppe mit den beiden 100 MC Startern gelaufen ist, hat sich etwas abgesetzt und ist plötzlich neben mir. Ich nicke ihm zu, er weist mich darauf hin, dass ich eine „Winterjacke“ anhabe. Er selbst trägt drei Lagen, ein schwarzes Langarmhemd darunter, ein weißes Shirt darüber und nochmals einen ärmellosen Windbreaker. Als ich dann aus freien Stücken meine nicht einmal 100 g wiegende Leichtjacke abstreife, erblickt er mein M4Y-Leibchen. Nun beginnt eine kurze Unterhaltung – woher ich komme, ob ich über den Lauf schreiben werde.

Zu einem Finnen, die Aufschrift auf seinem Shirt enttarnt ihn als solchen, sage ich „Hyvää päivää“. Er antwortet mit einem lauten „Hyvaa, hyvaa“, was immer das heißt. Die Finnen sind fast überall anzutreffen,  und das bei einer Einwohnerzahl von insgesamt nur ca. 5,4 Millionen.  Laut ihrer aktuellen 100 MC-Statistik haben bereits 234 Mitglieder den Hunderter vollendet. Unser Club hat derzeit 25 registrierte Mitglieder. In ganz Österreich mit 8,4 Millionen Einwohnern finden sich keine 20 Hobbyläufer, die 100 Marathons gefinisht haben. Wir haben also einen großen Aufholbedarf.

Die 5 km-Läufer starteten knapp nach uns. Nach eineinhalb Kilometer brausen schon die ersten von hinten heran, jetzt vor Kilometer 3 auf der linken Seite schon wieder auf uns zu. Ich bleibe kurz stehen, um zu fotografieren. Die 2:15er-Halbmarathon-Pacemaker-Gruppe rückt näher. Darunter ist eine attraktive Läuferin Mitte Vierzig, die mir wegen ihres lautem Atems auffällt. Sie trägt die Startnummer 1885 und scheint das Tempo nicht mithalten zu können. Wir sind knapp vor der 5 km-Tafel, der Kurs führt auf langgezogenen Geraden mit kaum merklichen, aber  vorhandenen Steigungen immer stadtauswärts. Zu sehen gibt es nichts außer der Straßenbahn, die links und rechts am äußeren Fahrbahnrand der Laufstrecke auf dem Schienenstrang in relativ dichten Intervallen verkehrt. Für Autos ist der insgesamt viermal zu laufende Marathonkurs gesperrt.

Jetzt beginnt mein „Leidensweg“ – als ich zur Labestelle nach Kilometer 6 oder 7 – so genau ist das nicht markiert –  komme und knipsen will, blinkt im Display die Anzeige: „Kein Speicherplatz mehr“. Der Häuptling würde sagen: „Recht geschieht dir, wenn du vergisst, die Daten auf der SD-Karte nach dem Transfer auf die Platte zu löschen…“ So bleibt mit keine andere Wahl, als während des Laufens immer einige gespeicherte Fotos von vergangenen Läufen „wegzudrücken“, um Platz für neue zu schaffen. Das ist ein lästiges Procedere, das mich Zeit kostet.

Nun nähert sich das deutsche Pärchen vom 100 Marathon Club. Mein oranger Oberteil hat sie offenbar beflügelt. Wir kommen kurz ins Gespräch, dann wechsle ich die Straßenseite, um die links daher kommenden, schnellen Halbmarathonläufer zu fotografieren.

Im Spitzenpulk befinden sich zunächst nur Halbmarathonläufer, wenig später kommt dann auch der erste Marathonläufer, gut erkennbar an der unterschiedlichen Startnummer. Die Marathonläufer tragen eine rote Nummer mit einer Null davor – 0255 wie meine, die Teilnehmer auf der Halbdistanz eine in schwarz mit einer Eins davor wie z.B. 1388. Bei den Halbmarathonis liegt der Schwarzafrikaner bei Kilometer 11 (nach der Wende) in der vierköpfigen Gruppe nicht an vorderster Stelle, doch bis ins Ziel kann sich das noch ändern. Bei den Marathonläufern läuft die Nummer 338 alleine so schnell, dass ich die Auslöseverzögerung mit 1 sec. einkalkuliere und ihn so gut ins Bild bekomme. Jedes gelungene Foto ist wegen des geringen Speicherplatzes nun doppelt so viel wert.

Es war zu erwarten, dass nach dem Halbmarathon sich das Feld leeren wird. Stadteinwärts kommen mir bis zur 15 Kilometer-Tafel nur mehr wenige Läufer entgegen, einige Dutzend Halbmarathonis, kaum mehr als zehn Läufer, die die Marathondistanz rennen und ab Kilometer 30 oder 35 vielleicht die eine oder andere Gehpause einlegen werden.

Es geht nun bei der Martićeva-Straße wieder kurz in östliche Richtung, dann im rechten Winkel die Jurišićeva leicht aufwärts zum Jelačić-Platz. Hier verlaufen doppelte Gleise der Straßenbahntrasse, einige Passagen sind mit Pflastersteinen ausgelegt, die im Vergleich zu Bratislava, Florenz oder Rom nicht einmal erwähnenswert sind. Und hier stehen auch die einzigen, wenigen Zuschauer, die mir bisher aufgefallen sind. Doch niemand applaudiert – bei einem Marathon, der nur 5 Stunden offen ist und sich alles auf die Spitze des Feldes konzentriert, auch nicht verwunderlich.

Bei Kilometer 19 erblicke ich fast schon auf dem Weg in die zweite Runde das deutsche Pärchen vom 100 Marathonclub. Der blonde Mann Mitte 40 zückt wie ich seine Kamera, wir fotografieren uns gegenseitig. Ich nehme mir vor, die beiden einzuholen, sie sind weniger als einen Kilometer vor mir. Bei der einzigen Labestelle nach inzwischen 7 Km bleibe ich stehen und mische einen Becher Wasser mit Iso. Nach der Wende sehe ich die letzte Halbmarathonläuferin, begleitet von zwei Polizisten auf schweren Maschinen. Ich kenne das Gefühl, Letzter zu sein inzwischen schon zur Genüge.

Ich komme nun in die Nähe des Start- und Zielpunktes am Jelačić-Platz, es geht jetzt auch für mich in die zweite Runde. Für den Halbmarathon habe ich knapp unter 2:15 Stunden benötigt. Komisch ist der Umstand, dass nur bei den beiden Wenden eine Zeitnahme erfolgt, man also keine offiziellen Zwischenzeiten wie oft bei 5 km-Abschnitten bekommt.

Ich halte Ausschau nach dem deutschen Pärchen – sie sind ca. 400 m vor mir, also haben sie sich nicht so beeilt. Doch nun werden sie schneller, der Vorsprung wird größer. Bei Kilometer 23 sind sie plötzlich verschwunden. Ich wundere mich. Dann kommt erneut die Labestation. Jetzt tauchen die beiden 100 MC-Läufer wieder auf. Ich warte auf sie. Er stellt sich als Mario Sagasser aus Hamburg vor, die Begleiterin ist seine Gattin Doris. Seit Freitag sind sie schon in Zagreb, vor 2 Wochen sind sie den Berlin-Marathon gelaufen. Mario und Doris sind Marathontouristen wie ich. Er ist Angehöriger des Vorstands im deutschen 100 Marathon Club. Er macht mich auf ein von der Event-Agentur Eichels veranstaltetes internationales Treffen von Mitgliedern europa- und weltweiter 100 Marathon Clubs im Rahmen des Hannover-Marathons im April 2014 aufmerksam. Ein entsprechendes Verständigungsmail habe ich inzwischen von der Agentur erhalten und an alle Mitglieder in unserem Club verschickt.

Auf der Gegenseite erblicken wir den dritten Mann, nicht den aus dem Spionagefilm, sondern den 3-Schichtenläufer, der meine 90 g-Windbreaker für eine Winterjacke hält. Mario schreit rüber: „Günter, sub 4 !“ Eine Finisherzeit unter 4 Stunden würden sich kaum mehr ausgehen, denke ich, doch so wie der etwas älter als ich wirkende Kollege in Form zu sein scheint, ist ihm das zuzutrauen. Ich nehme mir vor, am Abend das Klassement abzurufen und nachzuschauen, wie der Günter Meinhold, so sein voller Name, gelaufen ist.

Mario und ich reden mehr als 10 Minuten miteinander, laufen langsam mit 7 min/km. Seine Frau enteilt uns, liegt knapp vor der Wende schon einen Kilometer vorne. Er beschließt ihr nachzulaufen und unterstreicht dabei seine gute Kondition. Ich hätte knapp vor Kilometer 30 sein Tempo von ca. 11 km/h nicht lange mithalten können. Der Mario verfügt über einen großen konditionellen Vorrat, er könnte gut eine Stunde schneller laufen, wenn nötig bzw. beabsichtigt.

Jetzt wird es eine ziemlich einsame Angelegenheit, vor mir ist nur ein Läufer in Sichtweite, von hinten will mich einer überholen, fällt dann aber zurück. Das Feld hat sich stark gelichtet. Der letzte Marathonteilnehmer, ein Mann mittleren Alters mit der Nummer 226, wird von einem Polizisten auf einem Motorrad und dem Ambulanzfahrzeug begleitet. Er ist kaum mehr als 10 Minuten hinter mir. Erst bei Kilometer 35 geht von mir der erste Läufer, den ich überhole. Ich rechne wie immer bei einem Marathon. Die 36-Kilometer-Marke erreiche ich nach 3:52 Stunden, Ziel ist eine Zeit unter 4:45. Das sollte sich ausgehen, weil die letzten 4 Kilometer nach dem Jelačić-Platz keine Steigungen aufweisen und man ein wenig schneller laufen kann.

Als ich beim Start- und Zielgelände langsam vorbeilaufe, steht Herr Meinhold an der Absperrung und bietet mir einen Schluck Bier an – das finde ich total nett. So gut hat mir selten ein Bier geschmeckt – eines der Minuspunkte vorweg genommen: Beim Zagreb-Marathon herrscht ein echter Mangel an Labestellen. Wenn ich mich nicht verzählt habe, sind es nur zwei.

Dann laufe ich zum dritten Mal die Jurišićeva-Straße entlang. Zu dieser Zeit sind alle Zuschauer längst verschwunden. Die Polizei hat größte Mühe, die gesperrte Straße nahe dem Zielgelände frei zu halten. Etliche Autofahrer missachten das Fahrverbot und fahren über eine Seitengasse einfach auf die Marathonstrecke.

Links kommen mehrere langsamere Läufer entgegen. Schlussläufer ist jetzt ein anderer, die Nummer 234. Es kann sein, dass der bislang letzte im Feld aufgegeben hat. Ich beschleunige das Tempo auf den letzten beiden Kilometern auf 12 km/h und laufe mit 4:43:50 über die Matte. Es ist warm geworden, die Sonne scheint. Ein Ordner macht zwei Fotos von mir. Den Bon für die Gulaschsuppe und das Bier habe ich nicht mit in der Bauchtasche. Aber auch nicht die Zeit, um mich anzustellen. Um 15.30 Uhr muss ich auschecken, noch verbleiben mir dafür 40 Minuten. Ich verlasse das Zielgelände, winke ins Umkleidezelt rein, als ich Mario und Doris auf einer Bank erblicke.

Pünktlich stehe ich um halb vier Uhr bei der Rezeption, schon um 15.40 Uhr fahre ich zurück nach Österreich. Meine Marathon-Länderstatistik hat sich um eine Nation auf 19 erhöht.

Sieger bei den Männern:

Stanley Kiprop MAIYO (KEN): 2:19:01
Elisha Kiprotich SAWE (KEN): 2:19:02
James Meli CHERUIYOT (KEN): 2:26:31

Siegerinnen Frauen:

Ana SUBOTIĆ  (SRB): 02:39:24 1 
Gladys Jepkurui BIWOTT (KEN) : 02:41:01
Hellen Jepkosgei KIMUTAI (KEN): 02:41:16

Weitere Laufzeiten:

Günter Meinhold: 3:59:19 (100 MC DEU)
Jürgen Penthor: 4:15:29 (100 MC AUT)
Mario Sagasser: 4:35:03 (100 MC DEU)
Doris Sagasser: 4:35:05 (100 MC DEU)

 

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