marathon4you.de

 

Laufberichte

Beskiden Marathon: Zu Allerheiligen auf dem Kreuzweg

03.11.18 Special Event
 

Seit Jahren habe ich mir vorgenommen, an diesem heuer bereits zum 11. Male angesetzten Marathon im waldreichen und bergigen Grenzgebiet zwischen der Slowakei 50 km von der Stadt Čadca entfernt und in einem Zipfel der historisch bedeutsamen Woiwodschaft Schlesien auf polnischer Seite gelegen, teilzunehmen. Dieses Jahr ist es soweit.

 

Anreise und Quartier

 

Ich entschließe mich, mit dem eigenen Auto von Wien aus die ca. 350 km durch die Slowakei und dann weiter nach Norden über die polnische Grenze nach Węgierska Górka, einer ca. 4000 Einwohner zählenden Kleinstadt in den Westbekiden, zu fahren. Freitag nach Allerheiligen ist auch in der Slowakei ein starker Reisetag - dennoch schaffe ich die Fahrt bis zu meinem Quartier im Hotel Azalia ohne Pause in einem durch in unter 4 Stunden.  

Der anhaltende Altweibersommer mit viel Sonne und Temperaturen an die 20 Grad C, der die hügelige Landschaft in der Region mit Gipfeln von ca. 1200 m Seehöhe in eine herbstlich bunte Vielfalt verwandelt hat – das die Jahreszeiten überdauernde Grün der Nadelbäume in den Mischwäldern bildet zum herabgefallenen Laub uralter Buchenbestände, die in den Himmel wachsen, einen malerischen Kontrast – wird laut Wettervorschau durch eine herannahende Störungsfront morgen beim Marathon einen Dämpfer bekommen.

Sylwia, die Rezeptionistin im Hotel Azalia, hat mir das gegenüberliegende Restaurant Karczma (bedeutet eig. Wirtshaus oder Kneipe) empfohlen, ein aus dicken, unverwüstlichen Rundhölzern errichtetes Gebäude. Beim Bau wurde abgesehen von der Bodenplatte komplett auf Beton bzw.  Mörtel verzichtet, zur Abdichtung der Fugen zwischen den von der Rinde gesäuberten Baumstämmen wurde Hanf verwendet. Wegen der auch am Abend für die Jahreszeit zu warmen Außentemperatur ist die 3 m hohe, aus Steinen aufgesetzte Feuerstelle im Innern, wo große Holzscheiter eingelagert sind, noch nicht in Betrieb. Figuren und Fabelwesen der traditionellen hiesigen Holzschnitzerkunst wie jene des Räubers Juraj Jánošík (der dem Robin Hood entspricht) stehen im Lokal bzw. sind in die Balken eingekerbt. Ich bestelle eine Hühnersuppe, Schweinsrippen, einen Käsekuchen und eine 0.5 l-Flasche Tatra zum Vor- und Nachspülen. Ein Gefühl der Sattheit stellt sich ein, aber die Kalorienzufuhr für den morgigen Lauf ist noch nicht abgeschlossen. Sylwia stellt mir ein Fahrrad zur Verfügung. Ich radle zum nahen Supermarkt Huta und kaufe wie gewohnt noch ein paar Essensvorräte ein.

 

 


Startunterlagen und Marathonverlauf

 

In der Nacht hat es leicht zu regnen begonnen, ich habe den Wecker auf 6 Uhr früh eingestellt. Im Azalia, mit 21 Euro inkl. Frühstück pro Nacht sozusagen ein Schnäppchen, sind im Frühstücksraum ein Dutzend Gäste anzutreffen, die alle nur wegen dem Marathon hier übernachtet haben. Eine weiterführende Kommunikation mit ihnen ist aber nicht möglich, ich kann nur ein paar Brocken Polnisch, doch das Wort „Marathon“ versteht man.

Als ich nach dem Check Out beim derzeit im Umbau befindlichen Stadion um 7 Uhr 30 ankomme, sind nur noch wenige Parkplätze frei. In den Umkleideräumen des örtlichen Fußballclubs ist das Marathonbüro eingerichtet. Vor allem die Nordic Walker sind schon in Unruhe, sie werden bereits um 8 Uhr ihren 17 km-Marsch mit Stöcken auf den „Golgota“, so genannt in Anlehnung an den antiken Hügel außerhalb von Jerusalem, beginnen.

Im gelben Beutel, den man auch als Minirucksack verwenden kann, sind die Startnummer mit dem Chip, ein Gel sowie ein Riegel, ein vorgedruckte Urkunde zum Ergänzen der Finisherzeit, ein Streckenplan mit Profil der 1.000 Höhenmeter und ein 400 Seiten starkes Buch mit vielen s/w-Fotos vom Organisator Edward Dudek mit dem Titel: „Moje miłości dwie: biegiem przez świat“ (frei übersetzt: „Meine zwei Vorlieben – durch die Welt rennen“). Der 1954 geborene Edward Dudek ist in der Tat ein verdienstvoller Spitzenleichtathlet in der polnischen Laufszene, dessen Marathonbestzeit bei 2:37:18 h liegt und der einst die 100 km in 7:37:23 h geschafft hat. Im Buch erzählt er seine Abenteuer als Schilangläufer und Leichtathlet. Er war der erste Pole, der den Sparthatlon gefinisht hat, bei vielen Ultraläufen belegte er vordere Plätze, wie etwa auf den 460 km von Hiroshima nach Nagasaki den vierten Platz. Die 11. Auflage des Beskidenmarathon widmet Edward sich selbst – er verbucht als noch aktiver Läufer inzwischen je gefinishte 100 Rennen über die 42,195 km und größere Distanzen ab 50 km.

 

 

Es hat zu regnen aufgehört, doch der Novembernebel drückt etwas die Stimmung – zumindest bei mir. Während eine Nordic Walkerin noch schnell ein Warm-up mit Musikbegleitung für die Anwesenden startet, gehe ich zum Auto und ziehe mir eine langärmelige Leichtjacke an. Ich drehe das Radio auf und lausche der Übertragung einer Heiligen Messe – Polen ist ein streng katholisches Land, zu Allerheiligen gedenkt man der Toten. Ob man von seinen Sünden befreit wird, wenn man mit Andacht einer religiösen Zeremonie aus der Ferne über den Äther beiwohnt? Irgendwann schalte ich auf Popmusik um, die auf Polnisch aber auch nicht so rüberkommt, wie aus den Kehlen von nativen Sängern.

Um 9 Uhr 45 begebe ich mich zum Startbereich. Edward ist dabei, geduldig Selfiewünsche der ca. 200 anwesenden Läuferinnen und Läufer zu erfüllen. Die schon seit dem frühen Morgen anwesenden vier Männer in der lokalen Tracht der Beskiden mit schwarzen Stiefeln, Wollhosen und Raulederwesten sowie überdimensionierten Hüten aus Flanell, sind ebenso ein Blickfang. Sie haben den Start der Nordic Walker mit einem Schuss in die Luft aus ihren traditionellen antik anmutenden Vorderladerpistolen eingeleitet.

Nun ist es auch für uns soweit – Edward steht mit der Startnummer 200 (als Verweis auf seine je 100 Marathons und Ultras) in der ersten Reihe. Leicht wird der Marathon heute nicht, das habe ich mir schon gestern beim Inspizieren gedacht. Auf den ersten 21,1 km sind gut 900 Höhenmeter zu überwinden. Im Nu liege ich fast am Ende des Feldes, so hoch haben fast alle das Anfangstempo auf dem ersten Kilometer durch den Ort angesetzt. Auch die zwei Läufer mit Huskys an der Leine wollen an mir vorbeiziehen. Doch bald bleiben die Hunde wie auf Kommando stehen – sie haben Durst und trinken Schmutzwasser aus einer Lache.

Es geht in einer langgezogenen Schleife ins Grüne, der Untergrund ist vom Regen aufgeweicht. Gut, dass ich heute meine alten Trailschuhe trage, ihr Profil wird im Verlaufe des Marathons nicht nur hier im Gatsch auf der Wiese, sondern auf den zu erwartenden schottrigen Terrain noch sehr nützlich sein. Vorbei an der kleinen Ortschaft Przybędza kommen wir wieder auf Asphalt, für mich eine gute Gelegenheit, auch auf den Anstiegen Boden gut zu machen. Bald liegen wieder zwei Dutzend „Gipfelstürmer“ hinter mir – ich denke, dass mir hier die Erfahrung bei meinen mehr als 380 Läufen über die Marathondistanz zugutekommt.

Die erste Labe vor der 5 km Marke habe ich nicht beansprucht, jetzt bei erreichten 7 km zeigt meine Garmin 43:16 min an. Das ist ein guter Schnitt, so könnte es weitergehen. Der Marathonkurs dreht nun erneut um 180 Grad, wir kommen zur örtlichen Volksschule, wo sich auch der Zieleinlauf befindet. Einige Zuschauer applaudieren – ich bin bemüht, meine Position knapp vor drei nachdrängenden Kolleginnen zu halten. Auf einem ansteigenden Schotterweg geht es bei nebeligem Wetter (aber bei idealer Lauftemperatur) weiter, wir kommen zum mit Blumen, Buketts und Kerzen herausgeputzten und hell erleuchteten Friedhof.

Es geht durch eine kleine Ortschaft, vor der Schule spielen zwei Mädchen Gitarre, ein Chor singt, ich klatsche mit einigen Kindern ab. Auf Asphalt geht es weiter, bei der Versorgungsstation gönne ich mir einen kurzen Stopp. Beachtlich, was alles angeboten wird: Neben Wasser, Iso, Cola und Tee auch allerlei Gebäck, Mohnkuchen, auf den ich stehe, Früchte, Nüsse, da hat sich Edward wirklich ins Zeug gelegt.

Über der Landschaft und den schmucken Häusern hängt der Novembernebel, im Sommer muss es hier sehr schön sein. Erneut kommen wir bei einer Kirche vorbei, deren rosa Fassadenfarbe trotz dichten Nebels deutlich zu sehen ist.

Nach der Ortschaft Ostre steht beim Versorgungsstand auch Edward, der hier aushilft. 12 km sind geschafft. Nun führt der Marathon in den Landschaftspark der schlesischen Beskiden, das Feld hat sich gelichtet, doch meine beiden Verfolgerinnen kleben an mir dran. Die Straße im Park ist asphaltiert, zahlreiche Ausflügler sind unterwegs. Ein Geländeauto der örtlichen Bergwache ist auf einer zum Parkplatz umfunktionierten eingeebneten Waldschneise neben dem Bachbett abgestellt. Die auf ihren Einsatz wartenden Helfer wärmen sich an einer Feuerstelle. Ich erhöhe die Schlagzahl – mit schnellen, kurzen Schritten und kurzen Sprints kann ich zunächst Luz, eine gebürtige und in der Region lebende Spanierin, abschütteln, nicht aber die mit einem bunten Lauftight folgende Aneta aus Lublin, die offenbar mehr Power hat. Der vor uns liegende Kollege im blauen Anorak mit rotem Trailrucksack fällt hingegen zurück.

 

 

Ich bin richtig angetan vom ausgedehnten Buchenwald auf beiden Seiten der Lauftrasse. In meiner Oberkärntner Heimat kam ich schon früh mit Hartholz in Kontakt, da mein Vater im Nebenerwerb Buchen als begehrtes Brennholz schlägerte, zu Scheiten aufbereitete, die über einen Geschäftsverbund an Kunden gingen. Ein Raummeter brachte damals zwischen 700 und 1000 ATS (also zwischen 100 und 150 DM) ein. Aber das Holz der Buche eignet sich auch für Möbel – der Esstisch und die Sessel in unserer Wiener Wohnung sind aus massivem Buchenholz. Der noch lebende, bald Neunzigjährige damalige Spezi meines Vaters, besitzt auch heute noch ein ausgedehntes Waldgebiet mit uralten Buchenbeständen. Holz als Erbe an die Nachwelt kann mehr wert sein als geistige Produkte.

Im dichten Nebel sieht man keine 100 m weit.  Da es keine Kilometermarkierungen gibt, sind die Anzeigen auf der GPS-Uhr hilfreich. Nach etwas mehr als 18 ½ km die Serpentinentrasse stetig aufwärts, weist meine Garmin 2:04 h aus. Inzwischen ist die bisher vorwiegend asphaltierte Marathonstrecke in eine Schotterstraße übergegangen. Die bessere Trittfestigkeit mit Trailschuhen erweist sich hier als Vorteil, wenngleich ich gerade diese Schuhe eigentlich schon ausrangiert hatte.  Ein Mountainbiker ist nachgekommen, er keucht. Wenig später ist er vom Rad abgestiegen und schiebt sein Gefährt. Einer aus der am Start aufgestellten Spitzengruppe – ein junger Bursche mit untypischer Kleidung, nämlich einer langen Trainingshose und schwarzer Wollweste – marschiert vor mir des Weges. Ob er den ganzen Marathon durchhalten wird?

Ab einer Höhe von ca. 1.000 m lichtet sich der dichte Nebel, wir sind schon nahe an der Waldgrenze. Zumindest wurde hier stark abgeholzt und der Baumbestand so reduziert. Die Sonne kommt durch, weiße Nebelschichten verdecken nur noch teilweise den blauen Himmel.  Plötzlich aus dem Nichts liegt vor uns die Labestelle vor dem direkten Anstieg auf den Skrzyczne (übersetzt: Rauhkogel), der mit 1257 m der höchste Berg der schlesischen Beskiden ist. Ein Dutzend Läuferinnen in buntem Outfit, die bisher deutlich vor uns gelegen sind, haben sich hier versammelt. Die Frauen stärken sich für den letzten Anstieg mit 200 Höhenmetern, wobei der Untergrund der Strecke aus groben Steinen besteht. Ich hatte mit 2:40 h für die Halbmarathondistanz spekuliert, nun aber muss ich Lehrgeld zahlen. Bis ich oben bin, wo die Startnummern der Ankömmlinge von Helfern genau notiert werden, sind fast 3 h verstrichen. Ich bin aber guter Dinge, dass ich nun auf der Abwärtspassage wieder zulegen kann.

 

 

Doch vorerst geht es auf der anderen Seite auf einem Geröllpfad (von einer Forststraße kann man nicht sprechen) wieder nur im behutsamen Schritttempo. Ich verfüge bald über einen Vorsprung auf die Damenkohorte, die in drei Gruppen aufgesplittert ist. Doch ach und zum Kuckuck, ein Stein ist in meinen linken Socken gerutscht und inzwischen zur Ferse gewandert. Es schmerzt beim Laufen, ich muss stehenbleiben und den Schuh ausziehen - die Damen ziehen an mir vorbei.

Endlich wird die Laufstrecke „freundlicher“ – zwar ist Laufen auf Schotter auch nicht mein Ding, aber mit einer reinen Sechserzeit komme ich gut voran. Hie und da kommt ein Auto nach, das den Einklang mit der Natur stört. Ich laufe auf zwei Typen auf, einem fällt ein Stock aus der Schlaufe – er schimpft auf Polnisch „Kurwa“ – das hört man auch beim uns am Bau, wo viele osteuropäische Maurer im Einsatz sind.

Ich laufe einige Zeit neben ihnen, Tomasz und Krzysztof – die Namen sind auf den Startnummern aufgedruckt, sind erst Mitte Dreißig. Sie haben keine Ambition, sich mit mir auf einen Wettkampf einzulassen. Ich kann mich von ihnen absetzen. Endlich sind 25 km geschafft, die Uhr zeigt 3:15 h Laufzeit an. Warum es sich heute auch abwärts so hinzieht, ist mir schleierhaft. Den Zeitverlust beim Anstieg auf den Skrzyczne, wo sich  auch ein Schigebiet mit mehreren Sesselliften befindet, kann ich wohl nicht mehr wettmachen. Aber eine Finisherzeit unter 5:30 bei in Summe 1.000 Höhenmetern wäre ja noch akzeptabel

Der Marathonkurs dreht nun in östliche Richtung, wir kommen wieder auf eine asphaltierte Streckenführung. Ich bin erstaunt, eine Nachzüglerin eilt an mir vorbei, als stünde sie erst am Anfang eines Marathons.  Die Marathonstrecke verläuft nun auf derselben Route wie auf der ersten Runde – auf dem Asphalt komme ich gut voran und laufe auf drei Walkerinnen auf, die ihre Stöcke mehr mitschleifen als einsetzen. Meine Vorbehalte enden dann, als eine alles dransetzt, mich auf einer Aufwärtspassage einzuholen – das Tak-Tak auf dem Asphalt hört sich an wie eine Drohung. Endlich bin ich oben, ich drehe mich um, winke ihr zu und sage: „Do widzenia, na mecie“ (Wiedersehen, im Ziel). Den Sprint hinunter zum Friedhof mit einer 5er-Zeit hat sie nichts entgegenzusetzen. Unter auf der Ortsdurchfahrtstraße stehen zwei Ordner, die die Läufer einweisen sollen. Ich signalisiere zum Spaß, dass ich nach links abdrehen würde, obwohl die Bodenmarkierung eindeutig nach rechts weist. Die nette Helferin eilt zu mir rüber und sagt: „Proszę, racja“ (bitte nach rechts) – ich „gehorche“ und klatsche dann mit ihr ab. Ihren Handschlag quittiere ich mit einem lauten, aber  gespielten „Au!“ Das sorgt für einen Lacher.

Aber nun verläuft der Marathonkurs nach erreichten 37 km wie auf dem Plan nachvollziehbar wieder aufwärts, es sind gut 100 weitere Höhenmeter zu überwinden. Ich bin nun alleine unterwegs. Nach 38 km laut meiner GPS-Uhr denke ich, mich vielleicht verlaufen zu haben, aber auf der Straße sieht man die etwas verwitterten Orientierungspfeile des Beskidenmarathons (MB). Endlich erblicke ich im dichten Nebel bei um 15 Uhr inzwischen schon einsetzender Dunkelheit einen Ordner, der aufpasst, dass hier die verbliebenen Läuferinnen und Läufer auf den Golgota der Beskiden einbiegen. Es handelt sich um einen Kreuzweg auf den Hügel Matyska. Dieser Wanderweg führt ziemlich steil nach oben, er schlängelt sich zwischen Dorfhäusern, Feldern und Wiesen aufwärts. Die feierliche Einweihung dieses 14 Stationen umfassenden Kreuzweges erfolgte im Jahre 2009. An der Symbolik bzw. Darstellungsform wurde auch Kritik geäußert, z.B. dass die Skulpturen des Kreuzweges, die an die letzten Stunden des Lebens Jesu Christi erinnern, die Symbole der Freimaurerei enthalten. Im dichten Nebel kann man die Stationen weder gut ausmachen noch bleibt Zeit, hier zu verweilen.

 

 

Vielleicht wollte Edward uns auf unsere Vergänglichkeit aufmerksam machen, denn einen Kilometer auf einem ansteigenden Kreuzweg beim Marathon zu meistern, könnte mit Buse zu tun haben.  Ich höre wieder ein Tak-Tak.  Es ist Hanna aus Gdynia bei Danzig, eine echte Trailläuferin. Sie zieht an mir vorbei.

Hanna steht an der Labe, auch eine andere Läuferin ruht sich aus. Ich schnappe mir einen Becher Tee und ein Stück Mohnkuchen und versuche mich von den Frauen zu lösen. Doch weit komme ich nicht, Hanna hat mich bald wieder eingeholt. Endlich ist der Zenit erreicht, bei der 14. Station geht es nun zügig abwärts. Aber auf den rutschigen, steinigen und abschnittsweise sehr schlammigen Trailpfad komme ich nur sehr langsam voran. Die erhoffte 5:30er-Zeit ist passé. Wieder liegt ein Anstieg auf einem schlammigen Hohlweg vor mir, ich weiche auf die Seite aus. Endlich, der Ortskern von Radziechowy ist in Sicht. Doch von hinten nähert sich ein Läufer, den ich beim steilen Anstieg auf den Rauhkogel überholt habe. „Kolejny kilometr“ („noch ein Kilometer“), sagt er zu mir im Vorbeilaufen.

Eine Minute hinter ihm erreiche ich mit 05:57:02 h ziemlich verspätet das Ziel bei der Schule bzw. gegenüber dem Dom. Die Finisher erhalten eine Medaille, die ganz Edward Dudek gewidmet ist – sein Konterfei ziert die Vorderseite. Zur Stärkung kann man einen Salatteller ausfassen, es gibt Original Żywiec-Bier vom Fass, Eintopf und Weißbrot. Langsam trudeln weitere Nachzügler ein, Luz und Aneta gratulieren mir spontan, doch die beiden sind nur zwei oder drei Minuten hinter mir eingelaufen.

Eine etwas beschwerliche Heimreise im dichten Nebel steht vor mir. Doch bereits um 21 Uhr bin ich wieder in Wien. Vorsatz für den Sonntag ist nicht die Übertragung des NYC-Marathons, sondern ein Besuch der Therme in Bad Blumau zwecks Regeneration.

 

Mehr zum Thema

 

 

Empfehlung für eine Teilnahme
am Besikiden Marathon

 

Wer wie ich sein Hobby auch mit Reisen verbindet, hat so die Gelegenheit, einen kleinen geografischen Teil der Region Schlesien (Śląsk) zu besuchen, mit der Österreich und auch Deutschland über Jahrhunderte geografisch, ethnisch und kulturell verbunden war, die aber heute zu Polen gehört und das Deutschtum allmählich verliert.

Edward Dudek als Organisator seines Heimatmarathons ist nicht nur ein würdiger Repräsentant des Laufsportes, sondern dank seiner Erfolge und Erfahrung auch ein Garant, dass dieser Lauf zur Zufriedenheit aller Beteiligten über die Bühne geht. Sehr positiv hervorzuheben ist die Versorgung an den Labestationen, die ein vielfältiges Angebot bereitstellten – das eigentlich zum Verweilen und Naschen einlädt. Für den Lebensstandard in der Region sind die Marathongebühren vielleicht ein wenig zu hoch (150 Zloty = 35 Euro).

Sportlich gesehen ist dieser Trailmarathon keine einfache Sache, das Steilstück auf den Skrzyczne stellt ebenso eine Bewährungsprobe dar wie der Gang auf dem Kreuzweg. Der schlammige Untergrund aufgrund des Regens in der Nacht erhöhte den Schwierigkeitsgrad. Wer sich für den Beskiden Marathon interessiert, kann sich die auf der (originär nur auf Polnisch erstellten) Veranstalter-Website von Edward hineingestellten YouTube-Videos aus den Vorjahren ansehen. Die landschaftlichen Reize der Strecke bei Schönwetter sind nicht zu übersehen und nachhaltig. Wenn ich im nächsten Jahr fit genug bin, würde ich gerne wiederkommen. Daher Gratulation und Kompliment an den Veranstalter, im Besonderen an Ing. Edward Dudek.

 

Siegerliste Männer:

1. Vytautas Grażys (LVA) – 03:17:50
2. Szymon Nikiel (POL) – 03:28:00
3. Michał Chrapkiewicz (POL) – 03:28:45

Frauenreihung:

1. Sylwia Telatyńska (POL) – 03:56:44
2. Ania Karolak (POL) – 04:04:48
3. Julia Nikiel (POL) – 04:11:56

177 Finisher (123 Männer, 54 Frauen)
65 Finisher beim Nordic Walking über 17 km

 


 

Das M4Y-Buch

Das M4Y-Buch bestellen

Aktuelle Print-Ausgabe

Das marathon4you.de Printmagazin