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Laufberichte

Party pur

 

Am Rhein sehen wir wunderschöne Häuser und wieder frage ich Judith, was wir falsch gemacht haben und wir nicht so wohnen. Na ja, für ein paar schöne Marathonreisen reicht es aber. Scheint eine teure Wohngegend in Düsseldorf zu sein. Von den Balkonen werden wir angefeuert. Eine Dame malträtiert ihr gutes Kochgeschirr. Wir kommen mit zwei Sparkassen-Läufern ins Gespräch. Die Sparkassen haben hier eine eigene Wertung. Man tauscht sich aus, welche Kosten das jeweilige Geldinstitut übernommen hat und wie toll die Abendveranstaltung war. Kennt ihr noch die Werbung mit dem Hubschrauber über Frankfurt? Damals gehörten die Landesbanken noch zum Sparkassenimperium dazu. Nach der Finanzkrise standen dann die Sparkassen ganz toll da, weil sie mit den Landesbanken natürlich nichts zu tun haben.

Links von uns eine Staffelwechselstelle mit einer Schafherde auf den Rheinwiesen. Bei der schönen  Jugendherberge, in der ich vor 28 Jahren einmal übernachtet habe, geht’s wieder in die Stadt und dann über die Luegallee Richtung Rheinbrücke. Eine Querstraße ist die Achillesstraße. In den Kneipen und Cafés sind viele Partys, besonders angesagt ist das Café Muggel mit Hightech-Mamis beim Latte Macchiato. Hier trifft mal also die Düsseldorfer Schickeria, sofern sie nicht gerade Marathon läuft.

Auf der Oberkasseler Brücke haben wir einen schönen Blick auf die Silhouette der Altstadt. Im Mai gibt es hier ein japanisches Fest mit tollem Feuerwerk. Oder im Sommer eine Kirmes auf den Rheinwiesen.

Nun also Teil drei der Stadtbesichtigung: Kreuz und quer durch Pempelfort und Derendorf mit gemütlichen Einkaufsstraßen (Haltestelle Dreieck) und vielen netten Lokalen. Wir laufen an einem idyllischen Flüsschen vorbei, der nördlichen Düssel. Sonst würde die Stadt ja Rheindorf heißen – denke ich mir. Ein römisch anmutender Turm gehört zu einer Feuerwache. Nicht unerwähnt darf an dieser Stelle bleiben, dass etliche Männer der Feuerwehr in voller Montur mitlaufen und dass der beste Düsseldorfer Läufer ¬Thomas Tremmel mit einer Zeit von 2:27:51 h¬ ebenfalls Feuerwehrmann ist. Er läuft allerdings im Laufdress.

Wir kommen an vielen Kirchen vorbei. Gibt es davon in Düsseldorf mehr als in anderen Städten?

Am kleinen Zoopark, den das Informationsheft mutig mit dem Central Park in New York vergleicht, kommen wir in den Stadtteil Flingern, ein Zentrum des kreativen Düsseldorf mit Galerien, Designern und Künstlern. Um das zu sehen, muss man natürlich nach dem Marathon noch mal herkommen.

Wir machen einen Schlenker, wahrscheinlich nur um bei der großen Party in der Fritz-Wüst-Straße vorbeizuschauen. Wahnsinn, was da los ist. Unterstützt von der Trimet Aluminium haben die Bewohner eigens ein Transparent zur Begrüßung über die Straße gespannt und sorgen für Stimmung, dazu viele Samba-Trommler und Bands.

Am Brehmplatz fällt mir eine Familie auf, die eine kleine Verpflegungsstelle betreibt. Die Töchter sind voll bei der Sache. Leider komme ich nicht dazu, mir eine Haselnussschnitte zu greifen. Bin in Eile und auch irgendwie gerührt. Total nett.

Hier bei km 30 war die Band „Schleudergang“ angekündigt. Leider machen die gerade Pause. Auf dem guten Streckenplan sind die Punkte der „Streckenbelebung“ angeben. Schönes Wort, das finden ausländische Teilnehmer in jedem dickeren Wörterbuch. So ähnlich wie das Wort „Sperrengeschoss“. Ich werde später erzählen, dass mir die ganzen 42 Kilometer „belebt“ vorkamen.

Von Judith komme ich das Okay, ein wenig schneller zu laufen. Sie selbst möchte die Stimmung anscheinend noch ausgiebiger genießen.

Beim Humboldt-Gymnasium dann Musikanten in Aktion. Die Big-Band macht super Stimmung. Toll, dass mich viele Zuschauer beim Namen kennen (steht groß auf der Startnummer). Aber warum nur gratuliert mir keiner zum Geburtstag? Bis zum 50. Marathon am 50. bleiben mir noch 24 Monate und 13 Marathons. Ist doch machbar.

Am bekannten Hofgarten beginnt nun der vierte Abschnitt des Laufs. Durch die City geht es nach Bilk, ein bei Studierenden beliebtes Wohnviertel mit entsprechenden Szeneläden. Dann geht’s zum Medienhafen. Dort am Düsseldorfer Rheinhafen sind viele interessante neue Bauten entstanden. Bekannt sind die Bilder mit den „tanzenden Häusern“ nach Plänen des Architekten Frank O. Gehry.

Wir sind dem Fernsehturm ganz nah. Aussichtsplattform und Café befinden sich in168 m Höhe. Gleich nebenan ist der NRW-Landtag mit Blick auf den Rhein. Hier beginnt auch irgendwo der Autotunnel, dem man die schöne Fußgängerzone an der Rheinpromenade verdankt. Ich komme wieder auf dumme Gedanken und frage mich laut, ob es analog zu Nordrhein-Westfalen auch ein Südrhein-Irgendwas gibt. Meine Mitläuferinnen tun so, als verstünden sie mich nicht. Im Internet finde ich später das Rechnungsprüfungsamt Südrhein-Saar. Aha.

Bei km 38 gibt es eine Begegnungsstrecke. Mir geht langsam die Luft aus. Meine sub 4 scheint gesichert. Die entgegenkommenden Läufer sind kurz vor km 42. Irgendwie möchte ich sie aber jetzt nicht sehen. Wir laufen über die Königsallee, kurz Kö. Hier sind viele schöne und teure Geschäfte. Finde persönlich die Einkaufsstraßen in der Altstadt noch schöner. Hoffentlich kann J. hier vorbei laufen und macht keinen Schaufensterbummel. Am Corneliusplatz vor den majestätischen Gebäuden des Hotels „Breidenbacher Hof“, der „Galeria Kaufhof“ aus dem Jahr 1901 und dem neuen „Kö-Bogen“ von Daniel Libeskind, Wende und auf der anderen Seite der Kö, zurück. Hier soll es bis vor Kurzem einen mysteriösen „Tausendfüßler“ gegeben haben. Der wird abgebaut, weshalb einige Tramlinien Umwege fahren müssen. Ich reime mir das so zusammen, dass eine lange Hochstraße durch einen Tunnel ersetzt wird.

Bei der Begegnungsstrecke werden einige Läuferinnen und Läufer mit Namen begrüßt. Als der Sprecher meint, dass die Vier-Stunden-Läufer schon auftauchen, heißt es für mich noch mal Gas geben. Unter der Rheinkniebrücke das Apollo-Varieté. Eine Läuferin im rosa Hemdchen, mit der Judith und ich schon von Anfang an liefen, unterhält sich mit einem Mitläufer und fällt zurück.
Dann geht es runter zum Rhein. Die Läuferin hat sich auf ihr Ziel besonnen und zieht trotz Protest an mir vorbei, nicht ohne mir anzubieten, doch etwas schneller mitzulaufen. Können vor Lachen...

Toller Zieleinlauf vor der Rheinuferpromenade. Knapp nach den Vier-Stunden-Läufern kommt Judith ins Ziel. Sie hatte sich zwischenzeitlich wieder erholt, aber zum Aufholen war die Zeit zu knapp. Viele Zuschauer und hinter dem Zielbereich viele Sonntags-Bruncher in den Kasematten. Oben auf der Allee die Catering-Stände der Firmen für ihre laufenden Mitarbeiter.

Wir müssen noch einige Meter weiter zum Burgplatz mit dem Schlossturm. Dort gibt es alkoholfreies Weißbier aus der Heimat, eine gut gefüllte Verpflegungstüte der Metro Group mit Mini-Salami, Salzbrezeln und Erdnüssen. Getränke und Krapfen gibt es bis zum Abwinken. Krapfen heißen hier eigentlich Berliner, aber das ist eine andere Geschichte. Super. Wer mich kennt, weiß, dass ich viel Süßes essen kann. 13.000 Krapfen stehen bereit  in einem großen Zelt, wo man auch bei Regen Unterschlupf finden könnte.

Die Mädels an der Gepäckabholung finden meinen Wunsch nach einem blauen Beutel mit gelben Streifen am unteren Rand nicht wirklich komisch. Entweder mussten sie so was schon öfter hören (theoretisch mehrere tausend Mal) oder der Rheinländer kommt mit meinem Humor nicht so zurecht. Ich entschuldige mich brav und schiebe das alles auf die Glückshormone...

Ich gerate über diesen phänomenalen Stadtmarathon mit der fantastischen Stimmung so richtig ins ins Schwärmen. Wir sitzen in der warmen Sonne. Das Läuferpärchen, mit dem wir uns unterhalten, kommt aus Düsseldorf und ist ganz stolz über unser Lob.

Merkt man, dass es ein  toller Marathon war? Auf meiner persönlichen Liste mit Frankfurt (Teilnahme 2011), Hamburg (2011) und Berlin (Zuschauer, 1996) sowie Madrid, Rom und Florenz ist Düsseldorf ganz oben mit dabei.

Wir bleiben noch eine Nacht und müssen feststellen, dass wir am Sonntag großes Glück mit dem Wetter hatten. Da montags alle Museen geschlossen haben, fahren wir mit der Trambahn herum und sehen viele blaue Ideallinien-Markierungen.

  

Marathonsieger
Männer

1 Dereje Debele Tulu (ETH) 02:07:48
2 Pius Dominic Ondoro (KEN) 02:08:17
3 Duncan Koech (KEN) 02:09:10

Frauen

1 Melkam Gizaw (ETH) 02:26:24
2 Rebecca Kangogo Chesire (KEN) 02:27:52
3 Agnieszka Ciolek-Mierzejewska (POL) 02:33:36

2965 Finisher

12
 
 

Informationen: Metro Marathon Düsseldorf
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