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Laufberichte

Bella Italia in der Schweiz

13.11.11

Via Minusio und Muralto nach Locarno

 

Aber die Begegnung mit dem See ist leider nur eine kurze. Ein Weilchen blitzt er noch durch das goldgelbe Laub der Bäume entlang der Straße, dann zwischen den Häusern durch, die wir auf der uns nach Minusio hinein führenden Via Ronaldo Simen passieren. Dann ist er entschwunden.

Minusio ist, wie auch das folgende Muralto, zwar eine selbständige Gemeinde. Beide sind aber mit Locarno völlig verwachsen und bilden einen geschlossenen Siedlungsraum. Allenfalls anhand der kleinen Ortsschilder merkt man, wo man gerade ist.  

Die Via Ronaldo Simen hat es in sich. Denn die lange, parallel zum Seeufer, aber leider nicht in dessen Sichtweite entlang führende Straße bietet zwar überraschend viel Profil, vor allem auf dem ersten Wegstück, aber ansonsten nicht allzu viel optische Erbauung. Aber da müssen wir eben durch. Die Straße ist auch nur zur Hälfte an die Läufer abgetreten, aber die Autofahrer sind gnädig und verschonen uns weitgehend mit ihrer Anwesenheit. Interessanter wird es erst wieder bei km 14, wo wir in Muralto die felsgraue, äußerlich schlichte Romanikbasilka San Vittore, das älteste Gotteshaus der Region, und sodann die Brücke über die zum nahen Bahnhof führenden Gleise passieren. In flottem Galopp geht es nun bergab, hinter dem kleinen Bahnhof vorbei und weiter direkt der von ausladenden Pinien gekrönten Uferpromenade entgegen. Hier ist richtig Stimmung, zumal an dieser Stelle auch die Läufer vorbei kommen, die ihre Locarno-Runde schon hinter sich haben. Die Zuschauer klatschten und feuern uns mit “forza, forza” an.

Auch das zweite Zusammentreffen mit dem See ist nur ein kurzes, denn Locarno steht auf dem Besuchsprogramm. Auf dem fahnengesäumten Largo Zorzi, vorbei am mit Palmen, Zypressen, Agaven und allerlei anderem südländischen Gewächs sorgfältig begrünten Stadtpark und dem darin eingebetteten Kurhaus mit dem Casino, geht es direkt der Piazza Grande entgegen. Von weitem schon strahlen mir die farbigen Fassaden des zum See hin offenen Platzes entgehen. Auf dem Platz wird gerade eine riesige Holzbühne mit gläsernen Halbkugelpavillons für eine Veranstaltung aufgebaut, was die Harmonie des Bildes doch ein wenig beeinträchtigt. Gerne wäre ich trotz des durchblutungsfördernden Kieselbelages über den Platz gelaufen, aber direkt vor dem Zugang werden wir nach links und dann fast schon ein wenig verschämt um die Altstadt herum geleitet, sodass wir nur ansatzweise die Stimmung der alten Gemäuern erleben dürfen. Schade eigentlich, dafür hätte ich gerne auch ein paar mehr Höhenmeter in Kauf genommen.

Am Rande der Altstadt drehen wir eine Runde in einem riesigen, zylinderförmigen Rund, das inmitten eines Straßenkreisels mehrere Meter in die Erde versenkt angelegt wurde. Ein Läufer, der hier abzukürzen versucht, wird nach einem deftigen Anpfiff wieder auf den rechten Pfad gebracht. Von hier aus führt uns die Strecke über die hübsche Piadrzini direttissima ans Seeufer zurück - und das nun endgültig.

 

An den Ufern des Lago Maggiore

 

Über 16 km hat es gedauert, bis ich quasi als Belohnung die Seepromenade erobern und genießen darf. Und das tue ich jetzt in vollen Zügen. Der Lungolago Giuseppe Motta, wie der angelegte Teil der Uferpromenade in Locarno und Muralto heißt, ist kunstvoll mit südländischen Bäumen, Sträuchern und Rabatten angelegt. Zunächst säumen noch der Yachthafen, Hotels und Lokale die Promenade, doch die Straße mündet in Richtung Norden schließlich in einen reinen Fußweg, der unter hohen Bäumen am Seeufer weiterführt. Und wenn es ein Streckenstück gibt, das das Prädikat “traumhaft” verdient, dann sind es die nun folgenden Kilometer. 

Zu meiner Rechten spielt sich in den sonnendurchfluteten riesigen Laubbäumen eine wahre Farborgie ab  links säumen hohe alte Mauern und vereinzelte Natursteingebäude inmitten überbordender Natur den Weg. In einen Park eingebettet überragt die Barockkirche San Quirico den Uferweg. Ihr schlichter romanischer Glockenturm (13.Jh) erinnert unverkennbar an seine einstige Funktion als Wachturm. Kurz darauf passieren wir die schlossähnliche Wehranlage Cà di Ferro (16. Jh). Immer wieder überragen turmhohe Palmen die Szenerie. In den Spitzen teilweise schon schneegezuckerte Berge sowie die gleißenden Fluten des Sees bilden eine wundervolle allgegenwärtige Hintergrundkulisse.

Viel zu schnell vergeht hier die Zeit, aber spätestens der Sportpark von Minusio signalisiert das Ende der Uferidylle. Es heißt (vorerst) Abschied zu nehmen vom See. Ein paar Schlenker macht die Strecke noch durch Tenero, ehe der vom Centro Sportivo herüber wehende Lärm vom Erreichen des Halbzeitpunkts kündet. Zumindest für mich und ein Sechstel der Mitläufer. Der Rest wird über eine Streckenweiche ins Ziel geschickt.  

 

Runde zwei

 

Die Einsamkeit des Langstreckenläufers empfängt mich kurz darauf in der Magadino-Ebene. Bar jeder Ablenkung von außen ziehe ich die langen Geraden entlang, langsam in das Stadium kommend, in dem ich mich fortwährend frage: Wo ist die nächste Versorgungsstation? Die ist alle fünf Kilometer eingerichtet und sorgt mit Wasser, Rivella, Tee, Obst und Traubenzucker sowie ein paar aufmunternden Worten dafür, meine Energiereserven wieder aufzumöbeln und die erneute Frage nach der nächsten Station für ein Weilchen aufzuschieben.

Wieder geht es auf der langen Geraden durch Minusio und Muralto auf und ab, erneut durch Lorcarno, und schließlich über den wunderschönen Uferweg nach Tenero zurück. Ohne großes Brimborium geht der Zieleinlauf vonstatten. 210 Marathonläufer erreichen in diesem Jahr das Ziel, immerhin fünf Prozent mehr als im Vorjahr. Beachtlich ist vor allem das Ergebnis der Marathonsiegerin Alemit Bekele, die als Gesamtdritte fast alle Männer hinter sich ließ.

Ein schöner, stimmungsvoller Lauf liegt hinter mir, allerdings ein Lauf, der für meinen Geschmack Potenzial zu mehr hätte. Das größte Kapital sind die Wegstrecken entlang des Sees und diese noch weiter auszudehnen, etwa ins benachbarte Ascona, wäre zumindest aus breitensportlicher Sicht ein echter Gewinn. Und wenn das logistisch ein Problem darstellt, wäre wenigstens zu wünschen, die Uferpassage von Minusio nach Locarno - wie früher - auch auf dem Hinweg belaufen zu dürfen. Bitteschön. 

Marathonsieger
Männer

1. Luescher Stefan, Zofingen                 2:35.33,0  
2. Maffi Massimo, Breganzona                 2:37.39,7     
3. Wiedmer Nicolas, 1976, Bern               2:44.28,6    

Frauen                
1. Bekele Alemitu, Bern                      2:39.25,9   
2. Haldimann-Riedo Angela, Niederuzwil       2:53.29,8  
3. Rügger Susanne, Cham                      2:54.13,4   

209 Finisher

123
 
 

Informationen: Maratona Ticino
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