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Laufberichte

Wasser predigen, Wein saufen

 

 

Kilometer fünf

 

Erste Gelegenheit, ein Gläschen Trollinger zu schlotzen. Die Drängelei um das Wasser ist zehn Meter vorher! Beim Weinstand kannst du mit dem Helfer einen heben, das Weingut Eugen Schwarz sorgt für die rote Spezialität. Wer etwas abbekommen will, muss die Augen aufsperren, dann eigens angekündigt werden die Schänken nicht. Dazu dieser wertvolle Tipp: Meist ist der Weinstand ein paar Meter nach der offiziellen Tankstelle. Wer Wasser zum Hinunterspülen braucht, sollte halt einen halben Becher mitnehmen. Aber nicht mehr, sonst verwässert‘s den Vinum.

 

 

Abstinenzler dürfen sich an Aqua, Iso und Apfelschorle halten, Bananen, Äpfel und Spezi stehen auch im Angebot. Alle fünf Kilometer findet der Läufer eine V-Stelle mit vollem Programm, dazwischen sind zusätzliche Wasserstellen eingerichtet. Verdursten braucht heute keiner. Da die Temperatur deutlich ansteigen wird, sollte man von Beginn an eifrig zugreifen. Sonheims trollige Lemberger, so der Bandname, sorgen für Unterhaltung. 

Wir verlassen den Sontheim auf einem geteerten Feldweg. Die Obstbäume stehen in voller Blüte und machen einen guten Hintergrund für ein fotografisches Potpourri von Läufern und Natur.  „Ohne Schweiß kein Preis“ steht auf der Kilometertafel sechs. Im Schatten ist es grad noch angenehm. Beim Kleintierzuchtverein hat man das Frühstück nach draußen verlegt. Bayerisches Frühstück gibt es auch im Ländle: Brezn, Weißwurst und Weißbier. „An Guatn“ rufe ich den Zuschauern zu.

Wellig, jedoch leicht ansteigend erreichen wir Flein, im Jahr 1188 in einer kaiserlichen Urkunde erwähnt. Da hieß der Ort noch Flina, was sich womöglich von Kiesel oder Harter Stein ableitet und ein Hinweis  auf den Kirchberg sein kann, auf dem die Veitskirche aus dem 13. Jahrhundert zu uns herunter grüßt. Kurz zuvor heißt es auf einem Transparent „Mit Musik läuft jeder besser“. Da werden wir von vier Händen auf einem Klavier mit einem „Blues Piano Special“ unterhalten. Unterhalb der Kirche stehen viele Bewohner und lassen sich beim Marathon-Brunch gutgehen, geklatscht und gejubelt wird natürlich auch.

Wir verlassen Flein auf einer Steigung bis zum Kreisverkehr am Ortseingang. Die Marathonläufer brauchen nun deutlich mehr Sauerstoff. Man hört schon das Geschnaufe, die Haigerner Höhe ist nicht mehr weit. Nur zwei Minuten auf der Kreisstraße, dann halten wir uns rechts auf einem Weg, der in die Weinberge führt, die Steigung nimmt jetzt deutlich zu.

75 Höhenmeter stellen sich uns bis zum Kotzbuckel, so ist der Haigern auch genannt, entgegen. Zum Schluss wird der Steigungsgrad beinahe zweistellig. Die Mehrheit der Läufer fällt in den Gehschritt. Kilometer neun, sinnigerweise steht da mein Lieblingsspruch drauf: „Quäl Dich Du Sau!“ Und wir hören bereits Wolfgang Meerwart, den Alphornbläser, der in diesem Jahr bereits zum zehnten Mal dabei ist.

 

Der Gipfel ...

 

… und die höchste Stelle auf unserm Kurs ist tatsächlich der Haigern. Mit 285 Meter über Meereshöhe liegt er rund 100 Höhenmeter oberhalb Heilbronn. Für eine Aussicht auf den Heuchelberg und den Stromberg fehlt mir leider die Zeit. Bei guten Bedingungen könnte man sogar den Stuttgarter Fernsehturm sehen. Wolfgang hat gerade ein paar Momente pausiert und mit einem „Pack mas wieder“ greift er sein Musikgerät.

 

 

Ein paar Meter weiter kann sich der Genießer ein edles Getränk aus dem Hause Kurz-Wagner greifen, ein feinherber Trollinger steht im Angebot. Nach dem grünen Tor der Gesundheitskasse steht das volle Sortiment für die Läufer bereit. Es wird zugegriffen. Die erste Wasserbrause wird nur zögerlich benutzt. Von hinten hat sich Johann herangeschlichen. Er lässt sich auf dem Gefälle zurückfallen. Ich sehe ihn jedoch noch, wie er eine Zuschauerin abbusselt. Steil geht es nach Talheim hinunter.

5000 Einwohner hat der Ort, der von der Schozach durchflossen wird. An der Hauptstraße zweigt der Halbmarathon nach rechts ab. Wir überqueren die abgesperrte Verkehrsader und laufen dann an der Schule vorbei. Linkerhand sehe ich die Schlossanlage auf der Höhe, kriege den Bau jedoch nicht so recht vor die Linse. Die verlorenen Höhenmeter müssen wir uns an der Steige wieder hart erarbeiten. Am Ende könnte man in die Wirtschaft „Zur Steige“ einkehren, die ist jedoch zu. Dafür drängeln sich die Läufer ein paar Meter vorher am Dorfbrunnen um eine Handvoll kühles Wasser.

Wir laufen in ein Betriebsgelände der Märker Zementwerke und anschließend nach Lauffen (Kilometer 15). Das gut einen Kilometer lange Stück durch Lauffen zeigt die ganzen Sehenswürdigkeiten des 11000 Einwohner zählenden Städtchens. Bis zum Jahr 1914 teilte der Neckar die Ansiedlung in Lauffen-Dorf (links vom Neckar) und Lauffen-Stadt (rechts). Wir sehen das Lauffener Rathaus (die ehemalige Burg der Grafen von Lauffen) auf der Insel und die Regiswindiskirche (in der jetzigen Bauform aus dem 17. Jahrhundert).

 

Feiner Wein

 

Dafür lässt der Dudelsackspieler sein Musikgerät still und hebt das Glas. Ich auch. Ich überlege und stelle fest, ich habe bisher öfter beim Wein zugegriffen als beim Wasser. Ja, Wasser predigen und Wein saufen -  hoffentlich halte es durch. Ich merke schon den Weingeist in den Muskeln und in der Birne.

Ein längeres Stück verläuft die Streccke an der Eisenbahnlinie, nur unterbrochen von der Wechselstelle der Staffeln. Zu dritt muss man da sein, um in die Teamwertung zu kommen. Einen Zuwachs kann der Teambewerb schon noch vertragen.

 

 

Meimsheim, Kilometer 20, wir sind fast zwei Stunden unterwegs. Nun merke ich schon die deutlich höheren Temperaturen. Das heißt, Wasser fassen, wo immer es geht. Ein nasser Schwamm steckt bei mir im Stirnband und verschafft mir etwas Kühlung. Am Sportheim des TSV Meinheim feiern wir „Bergfescht“, wie ein Zuschauer den Läufern verkündet. Die Musikanten des Fanfarenkorps spielen schmissige Lieder und auch hier haben sich viele Bewohner zum Schauen und Anfeuern versammelt. Es ist gut, dass der Name auf der Startnummer steht. Pausenlos wird man in den Orten angesprochen. Zwischen den Ortschaften bläst jetzt wenigstens ein leichter Ostwind, der die Wärme ein wenig erträglicher macht.

 

Blumen für die Mutti

 

Mit Frank Zlomke kam ich vor einigen Kilometern ins Gespräch. Er hatte sich in der Frühe aus dem Haus gestohlen, ohne seiner Mutter zum Muttertag zu gratulieren. Er steckte mir, dass sie wie immer an der Strecke sei und er sie wolle. Ich sehe, wie man ihm einen Blumenstrauß übergibt und bin gespannt, was es damit auf sich hat. Ich kann mich an ihn dranhängen und werde Zeuge, wie er seiner Mutter etwas verspätet zum Muttertag überrascht. Ich drücke ihr stellvertretend für alle Mütter auch die Hand und mache mich dann weiter auf den Weg.

 

 

Trollinger hilft der Seele, lese ich auf dem Kilometerschild 25. Ein paar Meter kann ich das gleich in die Tat umsetzen, denn Konvent aus Dürrenzimmern (ein Trollinger) wird ausgeschenkt. Letztes Jahr hat hier Bacchus mit einem großen Glas gewartet.

Der Streckenverlauf wir nun wieder welliger, die  Steigungen häufen sich. Irgendwie müssen ja die 340 positiven Höhenmeter zusammenkommen. Neipperg erreichen wir mit dem 28. Kilometer. Schon von weit sehen wir die gleichnamige Burg auf dem Ausläufer des Heuchelberges. Die ältesten Teile der Burg stammen aus dem 13. Jahrhundert. Unterhalb hatte sich in dieser Zeit der Ort entwickelt. Heute dominiert natürlich auch der Weinbau. Wir streifen den Ort nur kurz und laufen unterhalb der Burg wieder zurück auf geteerten Wirtschaftswegen. Staffeln schicken wieder frische Kräfte ins Rennen.

Kilometer 32, ein Weinberghäuschen des Jupiter-Weinkellers. Zwei, drei Biertische an denen es sich ein Dutzend Zecher gemütlich machen. „So kann man es aushalten“, rufe ich und bekomme prompt die erhoffte Einladung: „Willscht an Schlock?“ Da höre ich mich nicht nein sagen und leere das Glas in einem Zug. Die Menge grölt und der Autor füllt noch einmal nach, auf dass der Pegel nicht heruntergeht.

Nach nur einem Kilometer der nächste Nachschub in Nordhausen. Howry Sur schüttet gerade den Nordheimer Trolli allein hinunter. Das geht natürlich überhaupt nicht. Ich greife mir auch ein Glas. Auch hier hat sich der harte Kern der Bewohner niedergelassen und feiert mit uns Marathon. In der Mitte der Ortschaft sehe ich die Waldenserkirche, die im Jahr 1721 errichtet wurde. Eine schnurgerade Landstraße bringt uns nach Nordheim. Meine Beine werden langsam schwer.

 

Nordheim / Klingenberg

 

Das Feld ist nun total auseinandergerissen. Viele Einzelkämpfer, nur wenige Pärchen haben sich gebildet und ziehen ihren Weg. Am Maibaum in Nordheim findet gerade eine Hocketse statt. Trollinger vom Nordheimer Sonntagsberg wird ausgeschenkt. „Becher oder Glas?“ fragt der Helfer. An der Alten Kelter feiern die Maibaumfreunde ihr Frühlingsfest. Den Maibaum hat man wahrscheinlich auch erst am Vortag aufgestellt. Viele Zunftzeichen, Kränze und Wappen sind angebracht, Tradition zählt auch hier noch. In meiner Heimat ist das nicht anders.  Am 1. Mai oder am Vortag werden die Stangerln (oft 30 Meter lang und mehr) mit Muskelkraft in die Höhe gebracht. Natürlich, um später das noch ausgiebig mit Bier und Schweinebraten zu feiern, vielleicht auch noch mit einem Maitanz. Bei der härteren Version wird ein Maibock ausgeschenkt.

 

 

Das Alte Rathaus (aus 1593), heute die Ortsbücherei, sowie die Bartholomäuskirche (aus 1307) liegen an der Strecke. Nordheim verlassen wir mit einer Steigung. Ich muss gehen, die Beine schmerzen und mich dürstet. Einige Kinder stehen an der Seite und wollen abklatschen.

Kurz nach Kilometer 37 erreichen wir Klingenberg. „Gleich kommen die Halbmarathonis“, lese ich. Sehr steil geht es in den Ortskern hinunter, fast zu steil, um es laufen zu lassen. Eine Jugendkapelle spielt an der Einmündung der Halbmarathonstrecke. Und da kommen Massen heran. Die gelbe Farbe dominiert, alles Leute von Lidl.

An der Tankstelle nimmt der Helmut Betz gleich einen ganzen Becher Trolli mit. Kein Wunder, er ist von der Genossenschaftskellerei Heilbronn und läuft mit Trollinger. Er ist wahrscheinlich genauso in Übung wie ein bayerischer Braumeister. Nach dem x-ten Glas Wein haut es bei mir endgültig die Sicherung raus. Ich pfeife auf die Zeit, zumal der Zugläufer für die vier Stunden seit geraumer Zeit nicht mehr zu sehen ist. Ewig lang zieht sich die Theodor-Heuss-Straße hin. Noch drei Kilometer.

 

Nur noch heim

 

Der Wind ist weg, die Hitze ist kaum noch auszuhalten. Viele Anwohner haben jetzt in der entscheidenden Phase Bottiche und Wannen an die Strecke gestellt. Einige halten Gartenschläuche bereit und spritzen die Läufer auf Anforderung nass. Die Gundelsheimer Guggemusik, das Kuhberg-Echo, treibt uns mit einer schrägen Musik weiter. Diese Gruppe ist schon 33 Jahre zusammen und ist die älteste Guggemusik der Region.

 

 

An der nächsten V-Stelle sind die Trinkbecher ausgegangen. Am Rand stehen die angetrunkenen Speziflaschen am Boden, manche reichen die Flasche gleich im Läuferfeld weiter. Ich nehme mir einen tiefen Zug, ich brauche Zucker,  erwische aber zu viel. Gleich wird mir übel.

Kilometer 40, Aufgabe ist nun keine Option mehr. Böckingen, letzte Steigung, ich muss nochmals in den Gehschritt wechseln und komme so aber auch nicht langsamer voran, als die Halbmarathonis. Einen Läufer hat es ärger erwischt, um ihn kümmern sich schon Sanis. Der wird garantiert kein Finisher, leider. Die Sambanditos, eine Musikband, versuchen, uns nochmal Beine zu machen. Ich trabe an und bleibe im nächsten Moment wieder stehen für ein Bild.

Wir verlassen die Hauptstraße. Auf einem Plakat lese ich „Ihr schafft das“ und dann kommt die allerletzte V-Stelle. „Rot oder weiß“ fragt die Helferin und stellt mir einen gut gekühlten weißen Trolli hin. „Das Glas bleibt aber da,“ sagt er. Eigentlich bringt die letzte V-Stelle überhaupt nichts mehr, man könnte sie auch links liegenlassen. Letzter Kilometer.

In der Bahnunterführung lasse ich einen lauten Brüller los. Kaum einer antwortet, jeder ist nur noch mit sich selbst beschäftigt. Die Steigung auf der Badstraße über den Neckar gehe ich. Die letzten Meter hinunter zum Eingang zum Stadion laufen dann wieder nun von selbst. Linkskurve, dann sehe ich bereits die blaue Tartanbahn, wo ich nach 100 Meter unter dem Zieltransparent durchlaufe. 4.14 Stunden lese ich auf der Uhr. 30 Minuten mehr als letztes Jahr. Aber heuer ist die Beute reicher: Mehr Bilder und mehr Wein.

 

 

Zielimpressionen

 

Mädels in Tracht hängen die Medaillen um. Viele glückliche Gesichter im Zielkanal und auf dem Spielfeld. Viel Betrieb am Bierausschank, aber die Wartezeit ist erträglich. Der Finisher kann jetzt kneippen, sich massieren lassen oder sich gleich eine kalte Wasserdusche genehmigen. Staffeln laufen zusammen ins Ziel, einige Läufer holen sich ihren Nachwuchs zum gemeinsamen Endspurt.

 

 

Henny steht am Zielkanal, sie ist total happy, da sie innerhalb kurzer Zeit vier Halbe gemeistert hat und der heutige mit netto 2.02 Stunden ihr Schnellster war - trotz Hitze am Ende und trotz der Steigungen. Und wie schaut es bei mir aus? Mit meiner Zeit lande ich auf Gesamtplatz 237 und in der Altersklasse M55 auf Rang acht. Zuhause bin ich neugierig auf meinen Konsum. Ich betrachte meine Bilder und komme so auf zehn Weinproben auf den 42 Kilometern. Umgerechnet wahrscheinlich eine ganze Flasche Wein. Ich brauch jetzt ein Bier. Alkoholfrei!

 

Ergebnisse Marathon Männer:

1. Markus Weiß- Latzko, Sparda-Team-Rechberghausen, 2.29.28
2. Addisu Tulu Wodajo, Team Finishline, 2.3,.26
3. Kay-Uwe Müller, TSG Schwäbisch Hall, 2.32.14

 

Ergebnisse Marathon Frauen:

1. Veronika Clio Hähnle-Pohl, TSG 1845 Heilbronn/Teusser Team 2.56.15
2. Bettina Englisch, TSG 1845 Heilbronn/Team g.weber 2.58.01
3. Katrin Vogler, LG Filder, 3.07.34

593 Finisher Marathon.

 

Nächste Ausgabe am 07.05.2017

12
 
 

Informationen: Heilbronner Trollinger Marathon
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