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Laufberichte

Man kann nicht immer Erster sein

 

Schon einmal waren Judith und ich in Tuttlingen, im Jahr 2016, als der Aesculap run & fun Marathon erstmalig auf neuer Strecke ausgetragen wurde. Damals verlief der Parcours, für Eisenbahn-Fans wie mich ganz interessant entlang alter verrosteter Dampflokomotiven, vorbei am gleichnamigen Museum und mit einer Donau-Querung über eine kleine Pontonbrücke. Ganz anders, so wurde uns seinerzeit berichtet, war die ursprüngliche Strecke ein Punkt-zu-Punkt-Lauf entlang der Donau. Ein anspruchsvoller, aber wunderschöner Landschaftsmarathon.

Thomas Ulrich, der Veranstalter des „run & fun“, war anscheinend genauso frustriert wie viele Sportler wegen der coronabedingten Absage des Laufs im Frühjahr, weshalb er für den 1.11. einen kleinen Marathon auf der Originalstrecke ausschrieb. Das Hygienekonzept hätte 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer zugelassen. Letztendlich meldeten sich für eine geringe Startgebühr von 15 €  62 Personen an.

Da seit Mitte Oktober die Infektionszahlen wieder rasant gestiegen waren, hatten die Politiker für die Zeit ab  2.11. neuerliche Beschränkungen angekündigt. Ab dann sollte nur noch Individualsport erlaubt sein. Und so freuten sich die Angemeldeten darüber, vorher noch einmal an einem kleinen Sportevent teilnehmen zu können.

Judith und ich planten sogar noch eine Übernachtung vor dem Lauf ein. Vom Münchner Osten aus ist Tuttlingen nicht besonders leicht zu erreichen. Ab Memmingen erwartet uns eine lange Fahrt über Landstraßen durch das südöstliche Baden-Württemberg. Da merkt man erst wieder, dass Deutschland auch ein Agrarland ist. Wer von Norden her anreist, kommt über die A 81 schneller voran.

Die Kreisstadt Tuttlingen ist mit 36.000 Einwohnern das „Weltzentrum der Medizintechnik“. Rund 600 Betriebe sind hier mit der Herstellung von chirurgischen und medizintechnischen Erzeugnissen beschäftigt. Die Stadt selbst brannte am 1.11.1803, also vor 197 Jahren, komplett ab und wurde neu aufgebaut, sodass den Touristen der malerische Stadtteil Möhringen, in dem wir Quartier beziehen, sicher besser gefällt.

 

 

Wie so oft hatten die Wettervorhersagen uns zu viel versprochen. Der Sonntag beginnt regnerisch, wenn auch nicht übermäßig kalt. Wir parken am Tuttlinger Hauptbahnhof und treffen schon viele Bekannte. Unter ihnen Volker, der heute einen Freund zur Bestzeit coachen will und mit dem Judith und ich auf der Ausschreibung des Laufs im Internet abgebildet sind. So ein Zufall. Um kurz vor 9 Uhr bringt uns eine Bahnfahrt donauabwärts nach Hausen, das wir - dank zweier Tunnel, die einige Donauschleifen abschneiden - schnell erreichen.

Die Pacer scharen ihre Grüppchen um sich und zeitlich versetzt gehen diese an den Start. Judith und ich gesellen uns zum letzten Pacer. 4:30 Stunden hat er sich auf das Fähnchen geschrieben, welches aber aus Gründen der Bequemlichkeit gleich mal zurückgelassen wird. Mit so vielen Damen waren Pacer Thomas, Georg, mit dem wir vor drei Wochen in Rutesheim liefen, und ich schon lange nicht mehr unterwegs. Das kann ja heiter werden.

Einen Kilometer geht es im Gänsemarsch auf dem Gehweg ein Stück donauabwärts, dann ist die Ortschaft Hausen erreicht. Wir schwenken auf den ersten nassen Kiesweg des Tages.  Bei Kilometer drei dann ein 180-Grad-Schwenk über die Donau. Von nun an geht es bergauf. Bei der Donau handelt es sich hier mitnichten um einen majestätischen Fluss. Jeder fängt mal klein an, und die Quelle in Donaueschingen ist nur wenige Kilometer entfernt. So gesehen kann Tuttlingen nicht mit Ulm, Regensburg, Wien oder Budapest mithalten.

Hat die Stadt aber auch nicht nötig. Es gibt hier an der Strecke etwas ganz Besonderes, nämlich den ersten und im Gegensatz zur Weltenburger Enge echten Donaudurchbruch. Dieser entstand während der Alberhebung. Aber bis dort sind es noch ein paar Kilometer. Ich beschäftige mich mit Ausblicken auf die hohen Felsen und möchte keine der dort thronenden Burgen verpassen. Aus den Wolken taucht dann bei Kilometer 7 das Schloss Werenwag auf einem Felssporn weit oben auf. Der Bergfried stammt aus dem 12. Jahrhundert. Das Schloss wird immer noch von der Familie zu Fürstenberg bewohnt. Auf dem Satellitenbild erkenne ich später einen Pool direkt am Abgrund. Weitere bizarre Felsformationen treten rechts und links in unser Blickfeld.

 

 

Unsere Strecke folgt dem Donauradweg, der nicht ohne Grund als anspruchsvoll angekündigt wurde. Einige steile Anstiege verleiten dazu, eine kurze Gehpause einzulegen. Und so entschwindet dann langsam die Gruppe um den Pacer, die für 4:30 vielleicht auch etwas zu schnell unterwegs ist. Wir sind jetzt zu dritt. Der Begleitradler kommt ein paar Mal zu uns zurück. Einmal gibt er den Tipp, dass die Strecke mit blauen Kreidepfeilen markiert ist. Und ja, das stimmt wenigstens auf den Teerstellen. Der Regen setzt der Kreide ziemlich zu. Ansonsten kennt unsere Begleiterin die Gegend, sie wohnt in der Nähe und läuft heute ihren zweiten Marathon.

Die Burg Wildenstein ist zugänglich und liegt 200 Meter über der Laufstrecke. Geschützt durch eine Vorburg und 16 Meter tiefe Halsgräben war sie auch in Zeiten der ersten Kanonen noch uneinnehmbar. Inzwischen dient sie als Jugendherberge, wenn sie nicht gerade wegen einer Pandemie geschlossen ist.

Zwischen Kilometer 10 und 12 überqueren wir zweimal die Donau. Eine Kapelle, die einem amerikanischen Monumentalfilm entsprungen zu sein scheint, wurde 1868–1870 von den Patres Desiderius Lenz, Gabriel Würger und Lukas Steiner erbaut. Die drei zählen zur sogenannten Beuroner Schule, die in ihrer Architektur ägyptische und byzantinische Elemente aufgriff. Auf der anderen Wegseite steht an einem Haus die Aufforderung „ora et labora“ - „bete und arbeite“, ein Motto, das mit der Tradition des Benediktinerordens in Zusammenhang gebracht wird.

 

 

Wir sehen einen Bahntunnel und erreichen Beuron. Es geht bergauf und wir haben einen schönen Blick auf die Silhouette des Ortes. Die Buchheimer Straße queren wir mit Hilfe der DLRG. Zur Sicherheit haben die Ersthelfer auch gleich ein Surfbrett dabei. Ihr Versprechen, dass wir uns an anderer Stelle wiedersehen, wird sich nicht erfüllen. Vermutlich sind wir nicht schnell genug. Oben auf dem Berg wieder ein kleines Gebäude.

Die nächsten sieben Kilometer sind sicher die schönsten der Strecke. Natur pur  und einige stramme Anstiege. Hinter dem Donaudurchbruch, den wir wohl wegen des Blätterdachs übersehen haben, kommen wir zum Ausflugslokal „Jägerhaus“. Ein Bulle auf der Weide wird nicht müde uns anzubrüllen. Der weithin vernehmbare Hall erinnert mich an die Trompeten von Jericho. Etwas unheimlich. Aber die Kälber, die es hier in allen Farbschattierungen gibt, sind überaus niedlich.

Ein Schild weist auf eine Donauversinkung hin. Dabei verschwindet Flusswasser im Karstboden, taucht in der 20 Kilometer entfernten Aachquelle wieder auf und fließt dann nicht etwa ins Schwarze Meer, sondern über den Bodensee und den Rhein in die Nordsee. Nachgewiesen hat diesen Weg der Geologe Adolph Knop im Jahr 1877 mittels Salz, Schieferöl und Natriumfluorescein. Zwar nicht hier, sondern in Möhringen auf der anderen Seite von Tuttlingen. Und wie das Leben so spielt, konnte ich das im Unterricht Gelernte wieder mal nicht nachvollziehen. Die Versickerung gibt es nicht jeden Tag zu sehen. Nächstes Mal vielleicht.

 

 

Bei Fridingen an der Donau öffnet sich das Tal. Auf der anderen Flussseite eine riesige Schafherde. Der Schäfer joggt voran, seine Zöglinge versuchen mitzuhalten. Ein nettes Bild. Immer öfter muss ich nun auf dem Smartphone nachsehen, was die Streckenbeschreibung vorgibt. An einer Werkshalle wird ein neues Wehr an der Donau gebaut. Über einen bequemen Weg geht es kilometerweit dahin. Eine kleine Holzskulptur zeigt einen Biber. Nicht ohne Grund: In der Donau kann man hier viele von den Nagern gefällte Bäume liegen sehen.

Wir finden den Weg nach Mühlheim. Vor uns das Schloss aus dem Jahr 1753 mit seinen beiden schmucken Türmen. Die Freiherren von Enzberg wohnen noch heute darin. Links in den Griesweg. Am Ende des Dorfs eine Getränkestelle. Es gibt Wasser, Cola und warmen Tee, wegen Corona leider nichts zu essen. Deswegen schleppe ich auch einen Laufrucksack mit mir rum. Samt vieler Stullen und einer Wasserflasche, da die Verpflegungsstellen nicht so zahlreich sind.

Noch einige Wohnhäuser, bevor es an einem Spielplatz auf einen schmalen Pfad geht. Das muss stimmen, da links die Eisenbahn verläuft und rechts der Berg zu sehen ist. Hier heißt es aufpassen, dass man nicht über ein vom Laub verdecktes Hindernis stolpert. Nach einigen hundert Metern wird’s wieder besser. Hinter einer Kapelle in Nendingen der letzte VP. „Am Ende der Straße rechts“ wird uns gesagt.

 

 

Und siehe da: Ab jetzt kennen wir uns aus. Hier am Neubaugebiet befindet sich die östliche Schleife der neuen Marathonstrecke. Ich erinnere mich gut an die Qualen vor vier Jahren: Nach einer viel zu schnellen ersten Hälfte war ich völlig am Ende, hatte aber Hoffnung, dass ich es irgendwie doch noch unter 4 Stunden schaffen würde. Der anfangs beträchtliche Zeitpuffer schrumpfte zusehends und reichte am Ende gerade so. Auf einem Marterl am Wegesrand steht: „Es ist vollbracht“. Na ja, für uns noch nicht.

Zwei Bauernhöfe sind zu durchqueren, „Bleiche“ und „Papiermühle“. Ein Spaziergängerpaar legt eine gewisse Zurückhaltung an den Tag, als wir gut zwei Meter entfernt vorbei schnaufen. Auf einer Weide eine Herde pechschwarzer Rinder.

Wir queren und biegen in die Doktor-Karl-Storz-Straße ein, benannt nach dem Gründer einer hier ansässigen Firma für endoskopische Geräte. Ich erinnere mich an eine Fußgängerunterführung am Ende der langen Straße. Stopp! Da ist sie auch schon. Ich springe die Stufen der Treppe hinunter, um mir die Rampe zu sparen. Guter Witz. Dazu sind meine Beine viel zu schwer.

Die Rampe wieder hoch. Hier flattert viel Klopapier in den Bäumen, was wohl mit Halloween-Streichen zusammenhängen dürfte. Erst später fragt mich Judith, ob es sich noch nicht bis hierher herumgesprochen hat, dass wieder gehamstert wird. Leider habe vergessen, ein Foto zu machen.

Durch dichte Stadtbebauung geht es Richtung Donau. An der letzten Dammstraße des Tages ist es recht schön. Die Großbruck, der historische Donauübergang in Tuttlingen. Hier in der Grünanlage befindet sich das Zielgelände des großen Marathons. Über den Sängersteg, eine überdachte Holzbrücke, wechseln wir letztmalig die Donauseite.

Unter Auto- und Eisenbahnbrücken hindurch und gleich links. Das Ziel erwartet uns früher als gedacht schon hier und nicht erst am Bahnhof. Wir werden mit Jubel empfangen. Das Team von run & fun ist noch da und ein Grüppchen, das die Marathon-Novizin Julia feiert. Sie hat 4:18 Stunden benötigt.

Als Belohnung soll uns ein Finisher-T-Shirt nach Hause geschickt werden,

Leider sind unsere schnelleren Bekannten schon heimgefahren. Für Judith und mich beginnt nun der gemütliche Teil: Da das Tuttlinger Schwimmbad geschlossen ist, fahren wir nach Bad Dürrheim in die Sole-Therme. Und so geht der letzte Marathontag vor den neuen Beschränkungen zu Ende.

Wer weiß, vielleicht gibt es ja im Frühjahr noch mal die Gelegenheit für einen solchen Lauf?

 

Informationen: Donautal-Marathon
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