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Laufberichte

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Wir überqueren nun einen kleinen Bach und ein Geröllfeld, bevor wir das km 30 Schild erreichen. Für die nächsten 3 Kilometer habe ich noch eine halbe Stunde Zeit, denn dort in Kreuztal ist der Cutoff mit 6 Stunden. Das müsste normalerweise reichen. Vor allem, weil  das Gelände hier nicht übermäßig ansteigt. Ein Schild zeigt einen weiteren Bergpreis in 500 m an. Der Mann von Anja, einer Lauffreundin, wartet hier. Ob ich weiß, wo sie steckt, möchte er wissen. Sie müsste kurz hinter mir sein.

Nach einer Kurve geht es dann tatsächlich nochmal hoch. Schon von weitem ist ein weißes Marathontor zu erkennen. Hier scheint gerade eine Wandergruppe angekommen zu sein, die sich ratlos im Läuferkanal aufhält. Schnell werden die Besucher von den Helfern weg gescheucht. Dadurch kann ich ungehindert die VP erreichen. Schnell nach zwei Bechern gegriffen, dann geht es weiter. Fast hätte ich die kleinen Schilder übersehen; die Strecke zweigt ohne Vorwarnung auf einen kleinen Pfad, der komischerweise abwärts führt. Nach ein paar Metern bin ich plötzlich unsicher: jetzt falsch bergab zu laufen, wäre verheerend. Hinter mir kommt dann noch ein Läufer; also scheint alles in Ordnung zu sein. Ich bin aber erst beruhigt,  als das km 31 Schild vor mir auftaucht.

Jetzt lasse ich es laufen. Ein Schild zeigt km 31,5. Gut, das ist Luxus aber so kurz vor dem Cutoff auch nicht schlecht. Der Weg ist mittlerweile breiter und viele Spaziergänger sind unterwegs. Ich bewundere die Holzfiguren am Wegesrand. Wo ist die Kreuzalm? Km 32, km 32,5, km 33 und immer noch keine Hütte in Sicht. Bei km 33,5 bin ich schon etwas nervös. Ich habe noch 10 Minuten und weiß nicht, wo hier der Cutoff sein soll. Dann geht es um eine lange Kurve und ich kann in einiger Entfernung ein weißes Marathontor erkennen. Beim Näherkommen höre ich den Sprecher. Er meint, dass es nun bald vorbei wäre. Kurze Zeit später bin ich durch das Tor. Ich werde angesagt und beglückwünscht. Es ist ganz schön was los. Am VP mache ich erst einmal Pause.

Die Läufer der Staffeln und die vom 33 km Lauf sind hier fertig und werden mit einem Shuttlebus abtransportiert. Für mich geht es weiter bergauf. Ein paar Wanderer helfen mir beim Wechseln des Akkus der Kamera. Während der breite Wanderweg weiter hinauf führt, zweigt die Laufstrecke auf einen Singletrail ab. Die Aussicht ist gigantisch. In der Ferne türmen sich schneebedeckte Gipfel und unter mir im Dunst liegt Brixen. Der Trail ist wider Erwarten gut zu laufen und geht tendenziell flach oder sogar bergab. Nanu, ich denke, wir müssen nach oben.

Das Läuten von Glöckchen weckt meine Aufmerksamkeit. Eine VP kommt in Sicht. Die Helfer vom SG Eisacktal haben eine witzige Laufpuppe gebastelt und begrüßen mich mit lauten Anfeuerungen. Ich erkundige mich, wann es endlich hoch geht. Es folgt eine für mich zu komplizierte Beschreibung des weiteren Wegs. Nur, dass man über einen Grat steil nach oben muss, kann ich heraushören. Na hoffentlich komme ich mit meiner Höhenangst da hoch. Zunächst geht es aber immer noch bergab.

Plötzlich kommen schnelle Schritte von hinten. Ein Pärchen, Petra und Volker, laut Startnummer Marathonläufer, überholen mich. Nanu, wo kommen die denn her? Sie berichten, dass sie in Kreuztal erst einmal Pause gemacht haben. Jetzt sind sie frisch gestärkt, was auch gleich deutlich wird. Schnell sind sie hinter der nächsten Kurve verschwunden. Immer wieder begegne ich Wanderern, die mir auf dem schmalen Weg Platz machen und mich anfeuern. Bis km 38,5 komme ich gut voran, obwohl ich an den besonders steinigen Passagen lieber nichts riskiere und dort gehe. Dann biegt der Trail auf einen großen Weg und eine Hütte kommt in Sicht.

Die VP ist vor der Hütte der Ochsenalm aufgebaut. Ich sehe Bierflaschen. Sie sind alle leer. Schnell schickt die Helferin die Kinder, um frisches Bier zu holen. In Rekordzeit sind sie zurück. Das Bier ist kühl und schmeckt lecker. Die Helferin meint, eine Stunde braucht man für den Aufstieg zum Ziel. Auf meine Frage meint sie, das letzte Stück auf die Plose, sei richtig steil; sie würde sich das nicht zutrauen. Einerseits macht mir das Hoffnung, denn ich hab noch eine Stunde und 10 Minuten Zeit. Andererseits meldet sich bei der Aussicht auf einen steilen Anstieg meine Höhenangst. Aber umkehren ist nicht. Noch kann ich nicht erkennen, wo wir hin müssen; nur der Einstieg ist zu sehen.

Mit gemischten Gefühlen mache ich mich auf den Weg. Bei km 39,5 kann ich auf dem Gipfel vor mir eine große Antenne erkennen. Mein Weg scheint gerade dort hin zu führen und von unten sieht es auch richtig steil aus. Also gut, da muss ich wohl hinauf. Einen Fuß vor den anderen setzend, steige ich nach oben. Es wird immer schmaler und felsiger. Manchmal komme ich der Kante an dem Grat ziemlich nah. Ich traue mich nicht, nach unten zu schauen und fixiere meinen Blick auf den Gipfel. Nanu, der kommt aber schnell näher. Das sind doch niemals noch 2 Kilometer. Hinter mir kommt ein Läufer in einem rotem Shirt. Er sammelt die weggeworfenen Becher ein. Irgendwie surreal: ich kämpfe hier mit Panikattacken und er steigt locker an mir vorbei mit einem Turm leerer Becher in der Hand. Daraufhin rede ich mir ein, dass es so gefährlich wohl nicht sein kann. Die Selbsthypnose hilft mir in diesem Moment tatsächlich weiter.

Das letzte Stück ist dann wirklich richtig steil. Dann bin ich oben. Freudig werde ich begrüßt: „Hallo Birgit, wir machen jetzt erst mal ein Foto.“ Der Helfer nimmt meine Kamera und wir suchen eine schöne Stelle für die Aufnahme. Dass ich mich auf einem so exponierten Platz extrem unwohl fühle, lasse ich mir dabei lieber nicht anmerken. Dann bekomme ich das Angebot Wasser oder Wein. Nein, kein Scherz, es gibt Rotwein. Das muss man mir nicht zweimal sagen. Dann lasse ich mich aufklären, wo es weiter geht und wo denn eigentlich das Ziel ist. Oh je, es geht wirklich auf einem Grat entlang und hinten nochmals hoch. Schon von weitem kann ich Personen hoch oben erkennen. Ob das mal gut geht? Die Helfer meinen, ich soll mir Zeit lassen. Der Besenläufer sei noch ganz unten.

Vorerst einmal tiefenentspannt, jogge ich auf dem flachen, aber winzigen Trail entlang. Hinter einer Kurve erkenne ich, dass es nicht auf dem Grat, sondern unterhalb davon seitlich entlang geht. Das ist natürlich etwas ganz anderes. Die Personen oberhalb sind tatsächlich Streckenposten, die mich beim Näherkommen freundlich begrüßen. Wie, es kommt noch eine VP? Das Schild zeigt in 100 Metern, die aber steil nach oben gehen. Dort werde ich bereits erwartet. Die Helfer beglückwünschen mich. Wieso? Jetzt sehe ich es auch: Von nun an geht es nur noch flach, und die Zeit wird auf jeden Fall reichen. Ich bin so glücklich!

Der schmale Trail ist nun kein Problem mehr. Bald kommt das Schild km 41,5. Die Fotografin ist bereits auf dem Rückweg und freut sich auf ihren Feierabend. Schon von weitem kann ich Anjas Mann auf einem Felsen sitzend, erkennen. Schnell bin ich auch an ihm vorbei. Vor mir baut sich mit jedem Schritt eine unglaubliche Szenerie auf. Auf dem Gipfelplateau vor mir ist eine kleine Zeltstadt zu erkennen. Im Hintergrund riesige bizarre Felsformationen und schneebedeckte Gipfel. Die Landschaft ist ein Traum.

Beim Zieleinlauf scheinen die Felsen zum Greifen nah. Noch eine Kurve und der Zielbogen ist direkt vor mir. Eine kleine Rampe mit rotem Teppich führt mich direkt ins Ziel. Ich habe es geschafft. Norbert begrüßt mich als erster. Dann entführt mich der Sprecher zu einem Interview. Wie soll man in Worte fassen, wie der Lauf war? Mir fällt in diesem Moment nichts ein. Das muss man einfach selbst erleben.

Dann nimmt man mir den Chip ab und dafür bekomme die ungewöhnlich gestaltete, schwere Medaille aus Edelstahl. Auf das einmalige Finishershirt hatte ich mich besonders gefreut. Der Verpflegungsstand lockt mit Wassermelone, Äpfel und Tee. Ich habe mich unterwegs gut versorgt und bin deshalb nicht besonders hungrig oder durstig. Etwas unterhalb des Zielbereichs gibt es ein Festzelt in dem die Pasta Party stattfindet. Für die Nudeln hat jeder Läufer einen Gutschein bekommen. Getränke gehen auf eigene Rechnung. So verweilen wir auch etwas länger als nötig, das Zelt ist beheizt und es gibt sogar Livemusik. Gerade als wir in den Shuttlebus steigen wollen, fängt es an zu regnen. Während wir, zuerst mit dem Bus und dann mit der Seilbahn, ins Tal fahren, kommt schon das angekündigte Gewitter mit Blitz und Donner. Gerade nochmal Glück gehabt.

Fazit:

Der Brixen Dolomiten Marathon ist trotz seiner 2.400 Höhenmeter für trainierte Läufer, zumindest bei trockenem Wetter, gut machbar. Getränke gibt es genügend auch bis zum Schluss. Mit den angebotenen Keksen und meinen eigenen Gels war ich gut versorgt. Die Wege und Trails sind bis auf wenige steinige Stellen mit Trailschuhen gut zu laufen.

Der Staffelwettbewerb ist auf jeden Fall eine Bereicherung, die Läufer waren sehr freundlich und hatten immer ein nettes Wort. Ein Heer von Streckenposten sorgt zusätzlich zu der ausführlichen Beschilderung dafür, dass man sich nicht verlaufen kann. Die Landschaft ist wunderschön und abwechslungsreich, Wald-, Wiesen- und Alpin-Trails sind inklusive. Die Helfer sind freundlich und motivieren einen, wo es nur geht. Ich rate jedem, ans Ziel trockene, warme Wechselbekleidung zu schicken. Oben ist es deutlich kühler und der Rücktransfer nicht unbedingt verlässlich. Auch ein paar Euro mitzuführen ist nicht verkehrt.
Brixen – wir kommen wieder.

 

 

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Marathonsieger

 

Männer

1. Wyatt Jonathan, Ziano di Fiemme (TN)      3:32.23,5
2. Birchmeier Ralf, CH-Buchs SG              3:34.37,8
3. Niederegger Thomas, Stilfs (BZ)           3:36.11,9

Frauen

1. Thaler Edeltraud, Lana d'Adige (BZ)         4:30.16,0
2. Scribani Francesca, Cortina d'Ampezzo (BL)  4:38.44,5
3. Küster Meike, USA-Fort Leonard Wood MO      5:06.28,2

384 Finsiher

12
 
 

Informationen: Brixen Dolomiten Marathon
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