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Laufberichte

Comrades vom Bilstein

 
Autor: Joe Kelbel

Am Gebirgspass (446 m),  dem Umschwang ( km 17) gibt es Versorgung. Brutal, wie sich die schnellen Läufer ein Wasser greifen und weiterfetzen. Ich stelle mich hinter den Tisch, da habe ich die Ruhe, die ich für meine Nahrungsaufnahme brauche.

Hier am Umschwang, dem Verbindungsweg zwischen dem Fulda- und dem Werratal, wechselten die Kaufleute zwischen den Vorspannpferde der Hessischen und der Hannoveranischen „Pferdevermieter“.  Wo die Schutzhütte steht, waren einst die Stallungen.  Nördlich der Schutzhütte blickt man durch eine Baumlücke zur ehemaligen innerdeutschen Grenze und fast  zum Kyffhäuser, den ich gestern umrudet habe, und wo Kaiser Barbarossa immer noch schläft.

Die alte, verseuchte Bunkeranlage, von der ich berichtet hatte, erinnert wieder an unschöne Sachen. Für uns scheint die Sonne, die schnellen Kurzstreckler reissen mich mit. Auch gut, dass mich einige Läufer beim Überholvorgang grüßen. Man kennt mich.

Bei km 22 kreuzen wir die Rampe, die hinauf zum Bilstein führt. Die Halbmarathonläufer fetzen jetzt dort hoch. Ich habe ein Date mit der Almwirtin. Ein älterer Bilsteinwanderer erzählt mir, dass er den Thüringen Ultra und Rennstein gelaufen ist, jetzt aber nur noch wandern kann.

Es geht unterhalb des Steinberges Richtung  Großalmerode. Nach dem Niedergang der Glasindustrie nutzte man die Tonvorkommen von Großalmerode und stellte Knicker her. Wir nannten die Kugeln,  mit denen man auf dem Schulhof spielte, Klicker. Die Tonkugeln waren zu behäbig, machten meine schöneren Glaskugeln kaputt. Großalmerode hat meine Jugend zerstört!  Ich muss viel Laufen!

Im Quellgebiet der Roten Nieste, einem Nebenfluss der Fulda, beginnt es extrem trailig zu werden. Die Nieste wird vom Eisengehalt ihrer Quelle rot gefärbt. Das Eisen stammt von Algen eines Meeres, in dem auch der Buntsandstein entstand. Die Quelle allerdings entspringt zwischen zwei Basaltsteinbrüchen, das Eisen sickert an den Rändern des Vulkankegels hinab.

An den Seiten der Kegel wurden Tonschichten hochgebogen, die eine schöne Abdichtung bilden, auf denen Moore entstanden. Innerhalb  der Moore entsteht Kohle. So laufen wir jetzt durch ein uriges, ehemalige Übertage-Kohlebergwerke, welches von vulkanischen Basaltsäulen begrenzt wird. Das ist weltweit einmalig!

Der Trail über die alten Abraumhalden ist nicht einfach. Blick auf die vom Grundwasser geflutete Grube, und weiter zu den verfallenen Wirtschaftsgebäuden, wo noch einzelne Treppen zu erkennen sind. Einzig der Pumpenturm ist vollständig erhalten. „1921“ steht im Giebel. Ein Blick durch das Gitter hinab ist schon beeeindruckend.

Dann kommen wir zum Steinberg, die Basaltsäulen kristallierten in 6eckigen Säulen, als sie abkühlten. Wie ein gewaltiges Kirchenschiff sehen die Säulen aus. Es ist ein alter Basaltbruch, Material für Strassenbau. Ein Spaziergängerpärchen schaut auf das Kilometerschild: „Oh! Km 25! Das ist aber verdammt viel!“

Vorbei geht es an den Fundamenten einer alten Transportbahn. Die ersten Marathonläufer überholen mich, werden aber gleich abbiegen. Blick auf den Hohen Meisner,  wo die Kultstätte von Frau Holle, ehemals Freya stand.

Ganz brutal aber wunderschön über Kalksteinblöcke geht es abwärts. Als ich beim nächsten VP ankomme, fallen mir die Augen raus: Ein großer Trupp Ultraläufer steht dort, schwitzend, keuchend, richtig aufgelöst: „ Morgen ihr Luschen!“  Das kommt nicht gut an. Ich dachte, ich hätte die eingeholt.  „Joe, du musst dort runter. Das ist man richtig happig. Vergiss alles, was du jemals gelaufen bist!“

 

Neue Streckenführung, ich bin geschockt

 

Schön flink geht es abwärts über bemoosten Waldboden, über mir  hohe Fichten. 35 Minuten brauche ich für den steilen Weg hinab, schwierig, matschig schön! Am Giesenbach (km 30) geht es sonnig und flach entlang, ich würde jetzt gerne eine Gehpause machen, aber der Weg ist zu einfach…noch.

In Wickenrode hatte Frau Holle den Honighof in Brand gesteckt. Den Hof, auf dem einst die dicksten Kartoffeln wuchsen. Der geizige Bauer und seine Söhne verbrannten, die hübsche Tocher überlebte, ist inzwischen aber vermutlich auch tot. Hinter der Gemarkung Honighof biegen wir ab und laufen im Bogen wieder hinauf Richtung Bilstein.

Der Aufstieg ist scheisse, zermürbend, frustrierend. Für die Läuferpsyche eine sehr harte Nummer. Ich darf jetzt nicht aufgeben. Man sagt, General Lettow von Vorbeck sei der einzige deutsche General, der nie kapituliert hätte. Seine kleine Armee ist im Versailler Vertrag nicht erwähnt, weil einfach vergessen worden. Die Nachricht des Kriegsendes erreichte ihn Tage später in Rhodesien.  

Ich bin zwar nicht in Rhodesien, weiss aber nicht, wie ich das hier überlebe. Es ist heiß, es gibt nix, nur ewig lange weisse Wege. Ich verliere Gerhard, einziges Lebenwesen seit Stunden, bis auf die Wildschweinrotte. Wo ist der Unterschied?

Die Comrades an den Verpflegungspunkten kennen mich, wissen, wann ich komme: „Da ist ja wieder der Joe!“ Man weiss, was ich trinke. Ich bin Stammgast beim Bilstein. Es baut unglaublich auf, dass man auf mich wartet. Die Bierflasche wurde bis zuletzt verteidigt, weil jeder weiss, ich schaffe es 100 %ig.

Auch Karin, die Almwirtin oben am Bilsteinturm, freut sich ber mich. Der Aussichturm wurde von Königin Auguste Victoria besucht. Sie, die Königin, nicht Karin, war die Gattin von Wilhelm II, dem letzten deutschen Kaiser, der dem General Lettow-Vorbeck nach seiner Rückkehr nach Berlin den höchsten preussischen Orden verlieh.

Karin, nicht Königin Auguste, verdient einen Orden, denn der Königin wurde schlecht in ihrem offenen Mercedes. Deswegen musste extra für ihren Besuch eine kurvenlose Strasse zum Bilsteinturm gebaut werden. Wenn man sich vorstellt, dass auf dieser Strasse die Damen mit ihren überdimensionalen victorianischen Hüten und fetten Kleidern Spalier standen, und die Herren im schwarzen Anzug, mit Melone und Spazierstock…  die Zeiten ändern sich. Ich finde es klasse, jetzt in leichter Laufkleidung hier zu sein.

Die Kurzstreckler finden es auch klasse, denn sie durften vor ein paar Stunden, ab dem „vielarmigen Wegweiser“, über diese immer noch unasphaltierte, aber ewiglange, langweilig-gerade Strasse, die nur für die seekranke Kaiserin gebaut wurde,  zurück nach Kleinalmerode laufen.

Für uns beginnt der lange, wunderschöne Lauf, rechts herum, hinunter nach Roßbach. Sehr, sehr lang ist dieser Weg, sieben, acht Kilometer. Ich weiss es nicht, muss mich auf meine schmerzenden Oberschenkel konzentrieren. Roßbach ist deshalb so interessant, weil hier der Bach verschwindet. Karstgebiet. Karst ist alter Kalkstein, der durch den Regen durchlöchert wird. Hier beim Bilstein Ultra durchlaufe ich in wenigen Stunden geologische Besonderheiten, die ein Schüler in 13 Jahren nicht kapiert. Gut, dass Ihr mich habt!

Und jetzt blicke ich hinüber nach Roßbach und den Wacholderbüschen, ohne zu wissen, dass die Streckenführung endlich, endlich dort hinüber geht, wo ich nochmals richtig gequält werde.

 

„Ich wusste, dass er kommt!“

 

So will ich begrüßt werden! Und eisgekühlt ist mein Getränk auch noch! Es ist schön, wenn man Helfer in der Not hat. Wir schwatzen lange. Wir haben uns ein Jahr lang nicht gesehen. Wir haben viel erlebt, es gibt kalten Nachschlag.

Jetzt beginnt ein wunderbares Trailrevier. Ich bin etwa bei km 52 und laufe über den Trockenhang von Roßbach mit seinen Wacholderbüschen. Oh sonnendurchflutete Schönheit! Da lacht das Trailerherz.

Ich habe jetzt die Entwicklung des Bilstein Ultras von Anfang an verfolgen dürfen. Erst  jetzt ziehen die Laufkameraden alle Register. Ich denke, da ist noch mehr drin, da gibt es noch mehr Trailspielereien, denn die Gegend hier ist ein Hit!

Ein Schild „ Ruheplatz“ dahinter der VP von Rüdiger: „Ich wusste, dass er kommt!“

Als hätte man sich abgesprochen. Einfach genial, diese Begrüßung. Ich habe jetzt 99 Wochenendkilometer hinter mir und hier stehen 5 Flaschen Bier, beschriftet mit meinem Namen. Ich kann hier Hero und VIP sein, ohne Spitzenzeiten aufzustellen! Und in 1,7 km bekomme ich den Orden, den Orden vom BilsteinUltra, dieses Jahr mit rosa Kirschblüten garniert, lecker, fast zum reinbeissen.

Dieses Jahr haben die Comrades vom Bilstein es mächtig krachen lassen. Klasse, ganz klasse neue Streckenführung, Aber ein Schild sagt alles: „10 Wildmühlen in 2016“.  Also wird es nächstes Jahr brutaler, noch brutaler und geht auf den großen Berg hinauf. Na gut, Kameraden! Das nehme ich nächstes Jahr bestimmt auch noch mit!

Wenn man bedenkt, was die Comrades vom Bilstein für einen Genehmigungsmarathon durch die Behörden hinter sich haben, wegen brütender Vögel im Wald usw. Dabei habe ich nicht einen brütenden Vogel gesehen. Da kann man in 2016 getrost zu den 10 Windmühlen  hinauflaufen. Wer dort in den Windmühlen brütende Vögel findet, darf  2017 wiederkommen.

Ich habe das Ziel gefunden. Die Markierungen waren perfekt. Ob ich nochmals den Kyffhäuser vorher laufen werde, glaube ich nicht.  Der Comrades vom Bilstein wird  immer heftiger, immer schöner, immer anspruchsvoller. Wieder mal absolut PriMa der BiMA ! Großes Lob!

Für nächstes Jahr: Wer preisgünstiges, startnahes Quartier sucht: Bitte an die Orga wenden. Wer bei der Anmeldung verspätet ist: An die Orga wenden, es gibt eine Warteliste. Für den verlängerten Comrades Deutschland in 2016 gilt: Ein Deutscher hat mit einer 100fachen Übermacht Katz und Maus gespielt. Die Jungs haben hier in Witzenhausen trainiert, kein Witz! Der wahre Comrades ist am Bilstein!

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Informationen: Bilstein-Marathon
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