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Laufberichte

Die schnellste Strecke der Welt

 

So wirbt der Veranstalter SCC Events für den 46. BMW Marathon Berlin. Und Recht hat er. Sage und schreibe 11 Weltrekorde wurden bisher dort gelaufen, zuletzt 2018 von Eliud Kipchoge mit 2:01:39. Dieses Jahr gibt es einen Anmelderekord zu vermelden: 46.983 Starter aus 150 Ländern freuen sich, einen Startplatz ergattert zu haben. Und man erwartet den 1 Millionsten Finisher in Berlin!

Für mich ist es die zweite Bewerbung, um den größten deutschen Marathon laufen zu dürfen, 2018 erhielt ich leider eine Absage. Doch diesmal ging es gut.  Gleich nach der Zusage buchte ich ein Hotel für ein paar Tage Berlin, um das ganze Drumherum entspannt genießen zu können. So geht es bereits Donnerstag in die Hauptstadt und direkt Richtung Platz der Luftbrücke zur Startnummernausgabe. Alles ist total entspannt. Was ich später von Wartezeiten hörte, war Donnerstag nicht existent.

 

 

Ein langer Weg führt durch die Ankunftshalle des ehemaligen Flughafens Tempelhof, die riesige Expo verteilt sich teils in Hangars und teils draußen, aber überdacht. Auf halbem Wege werden alle Läufer mit einem Armband versehen und bekommen ihren Starterbeutel. Von einer Startnummer fehlt noch jede Spur. Dazu müssen wir durch die Messehallen, in denen alles, was auch nur im Entferntesten etwas mit Marathon zu tun hat, angeboten wird. Das kann sich sehen lassen und verdient tatsächlich den Namen Messe. Ganz am Ende geht es dann in einen riesengroßen Bereich, welcher nur für Läufer zugänglich ist. Geschätzte 100 Bildschirme stehen zur Anmeldung bereit, ich komme sofort dran. Kurzer Check meiner Anmeldebestätigung, Personalausweis und Champion-Chip, dann wird mir meine Startnummer druckfrisch überreicht. Wir schlendern noch gemütlich über die Expo und rechnen mal die Öffnungszeiten der Startnummernausgabe durch. Hier müssen an den drei Ausgabetagen stündlich 1800 Starter abgewickelt werden. Oha, ich bin froh, schon Donnerstag hier zu sein!

Zwei Tage Sightseeing Berlin vergehen wie im Flug. Bereits am Samstag starten die Mini Marathons am Potsdamer Platz getrennt nach Grundschulen und Oberschulen. Leider hat Petrus hier gerade kein Nachsehen und es schüttet wie aus Eimern. Auch die Ankündigung der Wetterdienste für Sonntag verheißt nichts Gutes: Es wird nass!

 

Race Day:

 

Nach einer unruhigen Nacht verlassen wir um 7:30 Uhr das Hotel. 30 Minuten Fahrzeit sind eingeplant und man empfiehlt, 60 Minuten vor dem Start im Startblock zu sein. Es sind zwar noch weite Wege zu Fuß, aber so ist man gleich etwas aufgewärmt. Menschenmassen sind unterwegs, alles ist weiträumig abgesperrt und nur Läufer kommen noch in Richtung Startaufstellung. Manchmal scheinen die Volunteers etwas überfordert zu sein. Bestimmt könnte man sie noch etwas besser briefen.  Ich erreiche pünktlich meinen Startblock, hier läuft gerade das Aufwärmprogramm durch ein Fitness Team. Mehrere riesige Leinwände auf dem Mittelstreifen senden das Live Programm von RBB und man kann sich mit Berichten über den Marathon die Zeit vertreiben.

 

 

Um 8:50 starten die Handbiker, um 8:56 die Rollstuhlfahrer und um 9:15 geht die Marathon Elite mit der ersten Welle auf die Strecke. Das alles können wir auf den Bildschirmen verfolgen, während wir geduldig warten. Um 10:10, also fast eine Stunde später, ist es endlich für den letzten Block soweit. Die Straße des 17. Juni ist so breit,  dass man sofort ungehindert loslaufen kann. Jetzt geht es auf die „Goldelse“ zu, welche auf der Berliner Siegessäule als Siegesgöttin Victoria mit einer imposanten Höhe von 67 m über dem großen Stern thront. Kurz davor überrascht mich Tanja, die mir ein nagelneues Shirt entgegenhält, das ich mir aber erst noch verdienen muss.

 

 

Der erste Kilometer ist schnell gelaufen. Es geht gerade Richtung Ernst-Reuter-Platz, von dort nach Alt-Moabit. Dann  bewegt sich das dichte Feld zum Hauptbahnhof und der erste 5 km Abschnitt ist geschafft. Alle 5 km wir die Zwischenzeit angezeigt und registriert. Am ersten VP ist die Hölle los, ebenso auf den dahinter stehenden Dixis. Wir passieren den Reichstag und es geht weiter Richtung Osten. Jede Menge Zuschauer am Streckenrand feuern uns an, Trommler und Bands sorgen für Partystimmung.

 

 

Dann wird es zunehmend feucht von oben, ich ziehe meine Regenjacke drüber. Wir nähern uns dem Alexanderplatz und erhaschen einen Blick auf den Fernsehturm, der mit 368 m Höhe das höchste Bauwerk Deutschlands ist. Während ich gerade mal 10 km gelaufen bin, dürfte der Sieger mittlerweile im Ziel sein. Ok, er hat fast eine Stunde Vorsprung …

Am Straußberger Platz drehen wir auf Südkurs , queren zum vierten und letzten Mal die Spree, und laufen nach Berlin Mitte. Der Regen wird stärker, wir passieren das Kottbusser Tor nach 15 km. Es folgen leider viele Kilometer zwischen Swim&Run und einfach nur Head-down Kilometer abspulen. Am Hermannsplatz biegen wir am östlichsten Punkt ab und die nächsten 12 km führen uns bis zum westlichsten Punkt quer durch die Stadt. Kurz vor dem Kleistpark haben wir Halbzeit, die Pfützen auf den Straßen könnten inzwischen als Seen eigene Namen beantragen. Hier kommt keiner mehr trockenen  Fußes durch. Eine große Überraschung ist eine Gruppe aus Sage und Schreibe 7 Albhornbläsern!

Es geht über den Innsbrucker Platz und wir erreichen den 25. Kilometer. Musik- und Trommlergruppen (90 sollen es sein, ich habe aber nicht nachgezählt) beschallen die Laufstrecke fast lückenlos,  gerade erfreut uns eine Gruppe im Kilt  mit ihrer Dudelsack-Musik. Stimmungshochburg ist beim Wilden Eber. Zuschauer gibt es hier mehr, als vielerorts im Ziel. Entsprechend ist die Stimmung. Verrückt.

 

 

Am Hohenzollerndamm haben wir km 31, der Regen lässt etwas nach. Am Kurfürstendamm hat der Hauptsponsor BMW seinen Hotspot eingerichtet. Die Zahl der Zuschauer nimmt wieder deutlich zu, viele halten trotz des Wetters tapfer durch. Wir passieren die Gedächtniskirche und über die Tauentzienstrasse das berühmte KaDeWe. Mit Arbeitsbühnen haben sich die Sportfotografen über der Strecke platziert und fotografieren somit mitten aus dem Geschehen. Da sind nur die Reporter von Marathon4you noch näher dran!

Hot Spot Adidas, Hot Spot Red Bull, die Dichte der Actionpoints erreicht ihren Höhepunkt und pusht uns voran. Über den Potsdamer Platz, dann ist der 39. Km geschafft, Endspurt Stimmung kommt auf. Der Regen nimmt wieder zu.  Gleich sind wir am Gendarmenmarkt mit dem Konzerthaus und dem Schiller-Denkmal zwischen dem Deutschen und dem Französischen Dom.  Die Berliner sagen, es sei einer der schönsten Plätze.

 

 

Und dann beginnt er endlich, der schönste Kilometer des Tages, beginnend auf der Prachtstraße Unter den Linden. Zuschauer rechts und links, Jubel und Applaus. Geradeaus sieht man schon das Brandenburger Tor. Gänsehaut, immer wieder versuche ich, die Momente im Bild festzuhalten. Egal, wie viele mich überholen, ich genieße jeden Schritt und jeden Meter. Was für ein Erlebnis, durch dieses symbolhafte  Tor laufen zu dürfen. Ich bleibe stehen, drehe mich um. Kann sein, dass manche wegen mir den Kopf schütteln. Mir geht es genau anders herum:  Ich kann nicht verstehen, dass man an diesem Ort mit gesenktem Blick Richtung Ziellinie jagen kann. Wen interessiert hier eine Minute?

Bewusst langsam trabe ich entlang der applaudierenden Zuschauer. Fast wünsche ich mir, es würde kein Ende nehmen. Auf der Ziellinie reiße ich die Arme hoch, ich hab’s geschafft! Berlin ein ganz besonderer Marathon. Er ist einer der größten der Welt und der absolut größte in Deutschland. Deshalb wollte ich mir hier einen Traum erfüllen, auf den ich 8 Jahre hin gearbeitet habe: Es ist mein 100. Marathon/Ultramarathon.

Ich freue mich auf Tanja, die mir das Trikot des 100 Marathon Club besorgt hat und ich freue mich auf Mario Sargasser, dem 1. Vorsitzenden des 100 MC, der mich zur offiziellen Überreichung der Urkunde im Ziel erwartet.

Es gibt eine große und schwere Medaille, die, einem traurigen Anlass geschuldet, das Porträt von Lutz Derkow trägt. Er war der dienstälteste, hauptamtliche Mitarbeiter von SCC Events und ist dieses Jahr 65 jährig am 30.06. verstorben. Eine schöne Geste des Veranstalters.

 

 

Der sich anschließende Finisherbereich ist riesengroß, was bei der Anzahl der Finisher auch notwendig ist. Die Zielverpflegung erhält jeder in einer vorbereitete Tüte, das erspart viel Gewusel. Jeder, der keinen Kleiderbeutel beantragt hat, kann stattdessen einen Poncho bekommen. Erdinger übernimmt die isotonische Auffüllung der Ressourcen und steht gleich mit zwei riesigen Ständen bereit. Eine Klasse Idee ist der „Treffpunkt“, wo man sich vor dem Kanzleramt alphabetisch von A-Z einsortieren und von Angehörigen oder Freunden gut gefunden werden kann.

Von der Dramatik, die sich an der Spitze des Rennens abspielte, bekomme ich erst jetzt etwas mit. Der Sieger Kenenisa Bekele hat den Weltrekord um nur 2 Sekunden verfehlt. Wie ärgerlich, hat er doch 2016 den damaligen Weltrekord hier in Berlin schon einmal um nur 6 Sekunden verfehlt.

Mich überrascht die tolle Strecke und die perfekte Organisation. Komplett abgesperrt und alles abgeschleppt, was im Weg stand.  Meine größte Sorge war der Hin- und Rückweg per U-Bahn, aber dies hatten die Berliner Verkehrsbetriebe vollkommen im Griff. Etwas eingetrübt wurde das Ereignis nur durch die lange Wartezeit vor dem Start und durch den Regen. Die Wartezeit ist sinnvoll, nur so lassen sich fast 47000 Starter auf die Strecke verteilen. Und für den Regen kann ja auch keiner was. Berlin, ein tolles Erlebnis und mein erster Zähler der Marathon World Majors Serie. Mal sehen, was da noch kommt.


Männer im Ziel: 30775

1.    Kenenisa Bekele – Äthopien -  2:01:41
2.    Birhanu Legese – Äthopien -  2:02:48
3.    Sisay Lemma – Äthopien –  2:03:36


Frauen im Ziel: 13289

1.     Ashete Bekere – Äthopien –  2:20:14
2.    Mare Dibaba – Äthopien  – 2:20:21
3.    Sally Chepyego –  Kenia - 2:21:06

 

 


 

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