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Laufberichte

Fürth Eich!

 

„Fürth Di“ ist die bayerische Grußformel, Singular. Plural, wenn mehr Läufer, als letztes Jahr erscheinen, dann sagt man „Fürth Eich!“ Fürth hat also nichts mit einem Flußübergang zu tun, sondern leitet sich vom Verb „behüten“ ab. Gerne wird Fürth mit dem höchsten Wesen genannt. Dann sagt man „Fürth Di Gott“. 

„Fürth Di“, 7 Uhr: Müde schleppe ich mich durch die mannshohen Stadtwiesen, in der Tasche die vollgesifften Laufklamotten vom 6 Std Lauf in Bad Endorf. Auf Anhieb finde ich die Laufstrecke: 5 Kilometer Volkslauf, 6 Kilometer Marathon, 6 Kilometer Halbmarathon. Ich wähle „Volkslauf“, weil kürzer. Am Fluß, weiss nicht welcher: „Durchgang verboten, Eltern haften für ihre Kinder“.  Egal, Kinder pennen um diese Uhrzeit, genau wie meine zwei Clowns, die mir den Weg hätten zeigen können. 

„Fürth Di“ ist nicht groß, Taxifahrer kommen kaum über den Hartz IV Satz. So bin ich bald auf der Freiheit, dem zentralen Platz. Die Zapfhähne sind noch geschlossen, die Fischbrötchen noch nicht geangelt. Der parc fermé gehört den Läufern. Ruckizucki die Startunterlagen erhalten: „Möchtest du einen Schirm oder einen Rucksack?“ Ich bin der Erste, der sich für den Rucksack entscheidet. Ich bin Optimist. Umzugszelt, Tasche abgeben.

 

 
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Dann wird´s heiss: Großbrand im Startbereich, also ein richtiger, also ein geiler, ein Brand im Dachgeschoß, so einer für´s Fernsehen. Manche denken, das gehört zur Show, zumal sich hier niemand aufregt. So ist das in einer Metropole wie „Fürth Eich“.  Unter den Leitern der vielen blaublinkenden Feuerwehrautos sammelt sich nun ein ziemlich blinkendes Völkchen. Das hat es auch noch nie gegeben. Mich erwischt man mit einer Colaflasche, hat es auch noch nie gegeben. Alles brennt, überall. 

„Metropol Marathon“, man wollte einen städteverbindenden Lauf Nürnberg-Fürth-Erlangen. 1000 Jahre Konkurrenz sollten überwunden werden. Beim Traum und beim Namen ist es geblieben. Die Absperrmaßnamen würden den Etat sprengen, so, als müsste man die  Nürnberger fernhalten.

Als 1835 beide Städte mit der ersten deutschen Eisenbahn verbunden wurden, brauchte man keine Absperrungen. Die in England gebaute „Adler“ fuhr mit 35 Stundenkilometer. Das reichte damals, um alles Lebende zu verscheuchen. Es gab sogar Diskussionen, ob ein Mensch diese Geschwindigkeit überleben könnte. Werde ich heute meinen angekündigten Rekordlauf überleben? 

Der britische Lokomotivführer William Wilson reduzierte die Geschwindigkeit auf 25 Stundenkilometer, ich werde voll durchlaufen. Nürnberg-Fürth wurde nicht zufällig für den Test ausgewählt, man hatte zuvor die Pferdefuhrwerke und die Fußgänger zwischen beiden Städten gezählt. Reger Verkehr!  Grund: Bier! Nicht gelogen! Die Fürther hatten besseres Brauwasser. 

„Die Adler-Fahrten sind ausverkauft“, so heisst es heute. Zu buchen bei der Deutschen Bahn, Sponsor, der  heute genausoviele Läufer an den Start schickt, wie Sponsor Obi: 350. 

So richtig ausgebrannt hat es sich noch nicht, da laufen wir laufen schon los. Später werden die Halben und die Sonstigen auf die Tour geschickt. 

 

 
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Direkt nach dem Start, links vom Bahnhof, gibt es einen Grünstreifen. Hier war die Originalstrecke der ersten Eisenbahn. Die prächtigen, viergeschossigen herrschaftlichen Häuser (ab 1883) haben aufwendig gestaltete Sandsteinfassaden. Die französischen Reparationszahlungen erlaubten solchen Prunk für Mietshäuser, natürlich den Pariser Boulevards nachempfunden.

Der Ausdruck „Gründerzeit“ war damals negativ besetzt. Die Geldflut bewirkte viele Firmengründungen, die genauso schnell wieder starben. Heute würde man „Neuer Markt“ sagen. Auch aus der Gründerzeit stammt die ev. Kirche St Paul mit dem höchsten Turm Fürths und dem ersten musikalischen Höhepunkt. Also das mit dem Turm stimmt.   

Ganz große Spitzenklasse sind die Leute am VP Flößaustrasse, wo ich bei jeder Runde nur die  Fröhlichkeit konsumiere. Es gibt reichlich VP´s in „Fürth Eich“.

Die gemütlichen Backsteinhäuser in der Flößaustraße waren einst Kasernen und Mietshäuser (1900), jetzt mit den angebauten Sommergärten ein Traumrevier. Die Musiker an der Musikschule im Südstadtpark sind genauso müde, wie ich. Morgenmuffel wie ich blühen später auf. Hätte werden würde, gestern gab es einen freundschaftlichen Klaps auf meinen Rippenbruch. 

 

 
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Wenn man von der Metrolpolregion redet, dann wird Nürnberg immer zuerst genannt. Es wurde immer bevorzugt. Fürth dagegen wurde von drei Herren regiert. Das dreiblättrige Kleeblatt im Wappen täuscht eine harmonische Dreisamkeit der Herrschenden vor. Dabei teilte man sich nicht etwa Stadtgebiete, die Herrschaft bezog sich auf einzelne Häuser und Grundstücke. So durfte der eine Hausbewohner die Türkensteuer zahlen, der andere Schutzgelder. Steuerbezeichnungen ändern sich, Zeiten nicht.

Bei km 6 komme ich dorthin, wo ich mich heute Morgen verirrte. Der Stadtpark war einst ein Friedhof. HuHuHu, ich habe Angst! Wer nicht joggen will, was ich nie machen würde, dem seien zwei Ziele empfohlen: Die Espan Quelle nördlich der Pegnitz und das Stadtcafé mit seiner authentischen Werbung der Bayerischen Milchversorgung aus dem letzten Jahrhundert. Logo, der Tip ist nicht auf meinem Mist gewachsen, ich würde solch banalen Sehenswürdigkeiten nicht erwähnen. 

Nun geht es an der Pegnitz entlang, fast bis zur Mündung in die Rednitz, wobei dann beide Flüsse zur Regnitz werden. In Zeiten von Autokorrektur bei Whats App lässt so ein Durcheinander jedes Mittsommerdate platzen!

Die Siedlung Eigenes Heim ist auch aus der Gründerzeit, erbaut von der gleichnamigen Baugenossenschaft. Oben beim Flughafen habe ich ein Problem: Die Straße ist vollgeköttelt, es stinkt nach Pferd, rechts Sonnenpannelen, und die Straße mit erbsengroßen Kötteln garniert. Was war hier los? Der Jäger deutet die Losung, doch ich finde keine Lösung. Wer köttelt hier nach Kaninchenmanier die Straße voll? Eigenartiges Land. Ich hätte nie die Lösung gefunden, doch dann: eine Schafherde!  Normalerweise kötteln Schafe ne Art Köttelknödel, doch hier sind die Gräser so knutteltrocken, daß das ganze Gebiet, samt Straße mit Kanickelkötteln… ach, wen interessiert das?  

In Unterfahrnbach (km 11) ist Stimmung. Leute, ihr seid gut. Ich hatte gehofft, es gibt noch eine zweite Runde durch.Unterfahrenbach. Es ist ne Pracht! Wirklich schöne Fachwerkhäuser, in einem Haus ne Dachdeckerfirma, im Rest Kneipen!  „Fürth Di!“

Hinter Unterfarnbach der Main-Donau-Kanal,  Vorläufer war der Ludwig-Donau-Main- Kanal. Der Ludwig setze auf den Kanal, nicht auf die Eisenbahn. Das Bier verhalf der  Deutschen Bahn zum Durchbruch, wie wir jetzt wissen. Beim Kanal geht nix mehr.

 

 
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Beim Obi geht mehr, eine gute Verpflegungsstelle. „OBI“ ist keine Abkürzung irgendwelcher Gründernamen, OBI ist französisch, bedeutet Hobby, wobei das „H“ fehlt, weil eh kein Franzose ein „H“ sprechen kann. OBI Deutschland gehört zu Tengelmann. Die Geschichte der Firmenstruktur ist abendfüllend. 

Die Hardhöhe hat nichts mit der Bonner Hardthöhe zu tun. „Hard“, in verschiedener Schreibweise, bedeutet Bergwald. Allerdings war dieser Hügel militärisch genauso wichtig, wie der in Bonn.  Die nördlich verlaufende B8 (km 13) ist die alte Reichstraße Frankfurt-Regensburg. Reichstraßen im fränkischen Reich standen unter dem Königsbann, jegliches Verbrechen auf dieser Straße wurde mit Hinrichtung geahndet, weswegen ich im Moment vorsichtig laufe.  

Natürlich hat das Gustav Adolf, den Schwedenkönig, im dreißigjährigen Krieg nicht gekümmert. Die Hardstraße  folgt exakt der Befestigungslinie seines letzten Lagerwalles (1632), dem Lager, von dem aus er nach Nürnberg einmarschierte.

 

 
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Bei km 15 kreuzen wir wieder den Kanal. „Eichenspinnerprozession“ warnt ein Schild. Eine seltsame Bezeichnung für Marathonläufer. Aber es muss sein, es ist die zehnte Austragung, da kann man schonmal ein Warnschild aufstellen. In Unterführbach wird meine  Berichterstattung flüssiger. Beim Griechen ist die erste Gelegenheit dazu.

Etwa bei km 17 kommt man zur Siedlervereinigung Hard. Die Leute sitzen hier seit mindestens 1935  und warten auf uns. Dementsprechend ist die Stimmung jetzt gerade am Höhepunkt.  Ich mache einen gravierenden Fehler: Ich laufe weiter, obwohl ich zwei Bierfässer sichte. Blöd,  aber ich dachte, die nächsten Runden gehen hier auch noch durch. 

Bei Kilometer 20 kommen wir in die Altstadt. Mich haut der Anblick mit den drohenden Gewitterwolken über den alten Gemäuern von den Socken. Laufen und Schauen, ich bin jede Woche unterwegs und genieße das. Geiles Läuferleben! 

 

 
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In   der Gustavstraße, eine der wichtigsten Straßen, erzählt man gerne von der Pfeifendurla (1848-1927), einer kleinen, zurückgebliebenen Person (wie wir Läufer), die mit ihrem Spazierstock die Kippen aufspiesste, um sie zu rauchen. Das gleichnamige Restaurant, in dem man sein Fleisch selbst auf dem Feuer grillen durfte, schafft es nicht mehr gegen die rechtlichen Ruhevorschriften anzugehen. Ich auch nicht. „Muss erstmal das Bier abgießen“, sagt die hübsche Kellnerin. Das dauert so lange, dass ich frage, ob nicht ein Weizen schneller geht. 

Schneller sind die Halbmarathonläufer, die nun durch die Kneipenstrasse fetzen. Sie haben  noch einen Kilometer bis zum Ziel, ihr Gesichtsausdruck ist aber trotzdem nicht so locker wie meiner. Die Gustavstrasse ist nach dem Schwedenkönig benannt, der im noch exestierenden Gasthaus „Grüner Baum“ übernachtete. Glücklicherweise muss ich nicht übernachten, das Weizen kam doch noch. 
  
Der folgende Weg über die Freiheit wird von Menschenmassen begleitet. Ich bin nicht froh, dass Absperrgitter mich vor meinen weiblichen Fans schützen. Ich hätte leicht 500 Bücher verkaufen können. Doch an Arthur, dem Moderator,  komme ich nicht vorbei: „ …Joe..285 km durch den Hohen Atlas…und gestern hat er Knoblauch gegessen!“  

Was gestern war, ist vergessen. Die Freiheit bebt, es ist viel los. Einige Läufer, also eher wenige, eigentlich kaum welche, sind schon im Ziel. 

22 Kilometer sind geschafft, die nächsten zwei Runden ziehen sich nun enger durch die Innenstadt, gehen auch richtig schnell. Ich überhole die letzten Halbmarathonläufer, während mich die ersten Staffelläufer einholen. Park, Altstadt und die evangelische Jugend sind  klasse! Sicherlich wollen die ihre Cola und Bananen an den Läufer bringen, aber absolut scharf ist deren Repertoire an Anfeuerungsrufen! Das pusht die kleine Anhöhe zum Markt hoch. Hier rockt nun eine wirklich gute Band.  Aber ich weiß, was nachher kommt. Also wieder auf ein Weizen rein zum Goldenen Löwen. 

 

 
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Das Gasthaus, vor 1800 erbaut, wurde bundesweit berühmt wegen der Parties von der SpVgg. Legendär ist die Party 2014 nach dem 5:1 Sieg gegen Nürnberg, denn danach mussten Susanne und Peter den Laden schließen. Seit letzem Jahr leiten Ulrich, Franz und Holger den Schuppen. Ich wäre heute eine Stunde schneller gewesen, aber ich musste unbedingt diese Infos sammeln. Irgendwie und irgendwo läuft der Bürgermeister von Erlangen. Aber  Läufer sind gleich, ähnlich, normal. 

Ich stehe wieder am Streckenrand. Jetzt sind nur noch Marathonläufer unterwegs. Die Nachmeldungen waren so reichlich, daß manche nur noch blaue Startnummern bekamen. Dann steht handschriftlich „grün“ oder „Marathon“ drauf. Ändert nichts daran, daß in den schmerzverzerrten Gesichtern die Gier auf mein Getränk zu erkennen ist. 

Wenn man Raumsonden durchs All schickt, dann muss man die Schwerkraft eines Planeten nutzen, das erhöht den  Schwung. Wir schwingen wieder über die die Freiheit, das gibt Schlampes durch bierseelige Finisher, die uns in die letzte Runde feuern. Den letzten Drive geben mir die geilen Helfer, die mich anbrüllen, als möchte mich jeder als Nachbar haben. 

Die letzte Runde ist die schönste. Ich habe Zeit und frage jeden Helfer nach der Richtung. Deswegen brauche länger, aber es gibt lustige Fotos und alle haben einen  Riesenspaß. 

Wieder bei der evangelischen Jugend. Vor dem Marktplatz geht die Sonne auf und die Band ist so gut, dass Axel Rose glatt einpacken könnte. 

Ich packe meine Beine hoch, genieße die Sonne, die Musik und das Leben. Und die Aufmerksamkeit. Ich entscheide selbst, wann ich den letzten Kilometer angehe. „Der spinnt doch!“ „Der erste Coole!“, „Der macht´s richtig!“ Das sind nur einige Kommentare. 

 

 

Das Lustige an meiner Authenzität ist, daß ich sofort ein Bierglas in die Hand bekomme. Irgendjemand erzählt  noch von den ganz, ganz wilden Zeiten. Da muss ich dann aber doch lachen, denn schließlich gibt es mehr als eine Metropole. Diese hier aber ist schon spitze. Réné Wallesch erzählt von seinem 1111 Mara/Ultra, und wie ihn sein Kumpel Affenzahn nachhause tragen musste. Wo mein 333 stattfindet, weiss ich nicht. Jedenfalls wird es lustig werden. 

Irgendwann laufe ich über die Ziellinie. Statistische Gründe. Schee war´s! Fürth Eich!

 

 
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Informationen: Metropol Marathon
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