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Laufberichte

Über den Dächern von Zermatt

 


VIP-Lounge der Gipfelprominenz


Das Riffelalp Resort auf 2.222 Metern ü. M. ist tatsächlich so etwas wie die VIP-Lounge der Gipfelprominenz. Wo sonst fährt schon eine elektrisch betriebene Trambahn knapp oberhalb der Waldgrenze in Höhen, wo man selbst vom Hotelpool nie den Blick auf das Matterhorn verliert. Man muss schon die goldene Plastikkarte zücken, um hier Urlaub machen zu dürfen. Dahinter steckt eine amerikanische Erfolgsgeschichte. Ärmliche Bauern waren die Vorfahren von Art Furrer. Als junger Mann liebte er das Skilaufen entgegen der strengen Regeln der Schweizer Skischule. Freestyle kannte man noch nicht, er machte es einfach und wurde damit zum Sonderling. Ohne Sprachkenntnisse wanderte er nach Amerika aus.

Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten wurde er schnell zum „Crazy Swiss Man“. Amerikanische Berühmtheiten lernten bei ihm das Skifahren. Als reicher Mann kehrte er zurück und baute auf der Riederalp zum Leid der einen, zur Freud der anderen. Auch wenn das ganze Areal einem Freizeitpark gleicht, mag ich diese Geschichte.

Vierzig Kilometer liegen hinter mir, nur noch fünf Kilometer mit achthundert Höhenmetern vor mir. Ehrgeiz und Aufmerksamkeit erfordert die weitere Topographie der Strecke. Selten ist das Hörnli im Blickfeld. Ich komme nur langsam voran, erachte meinen Laufschritt als ökonomisch. Es kann nicht falsch sein, sich die Erfahrungen der Einheimischen zu Nutzen zu machen. Wie zum Beispiel den Laufschritt des einstig ältesten Bergführers der Welt, Ulrich Inderbinen. Er starb im Alter von einhundert Jahren. Bis dahin allerdings bestieg er nachweisbar 371 (!) Mal das Matterhorn, das letzte Mal mit neunzig Jahren. Bergtouristen, die mit ihm unterwegs waren, beklagten sich nicht selten über sein mehr als gemütliches Aufsteigen. Unangenehm wurde es immer, wenn sie von anderen Bergführern mit ihren Gruppen überholt wurden. Letztlich war es aber der erfahrene Inderbinen, der am Ende meist vorne dabei war. Noch heute hat man Respekt vor dem "Uli-Schritt".


Gipfel-Polonaise


Unendlich langsam, im „Uli-Schritt“, beginnt die Gipfel-Polonaise hinauf zum Riffelberg. Die Gornergratbahn bietet den Alpinvoyeuren eine exquisite Gelegenheit, den Leidensweg der Extremläufer zu verfolgen. Für die Passagiere im Zug ist es wie Bergfilme anschauen in natürlichem Ambiente. Einige Mitfahrer feuern uns an, wecken ganz kurz den Ehrgeiz.

Auf den letzten Metern vor der Bahnstation Riffelberg werden wir von den Dudelsack-Musikern akustisch und von den im Wind wehenden Schottenröcken optisch unterstützt. Die kleinen Schweizer Fähnchen markieren die letzten anstrengenden Höhenmeter in Richtung Ziel – Halbmarathon oder Marathonziel wohlgemerkt.

Humorvoller nahm es wohl Mark Twain im Jahre 1878. Unnötig zu erwähnen, dass Mark Twain natürlich schon vor mir hier war und vor mir über die Riffelbergbesteigung berichtete. Am Riffelberg, mit dem ältesten Hotel der Zermatter Berge, beginnt für die Ultraläufer die eigentliche Herausforderung. Einigen Bergläufern genügen die 42 Kilometer und es genügt ihnen, das Marathonziel erreicht zu haben. Andere fragen sich vielleicht, ob das Ziel nicht doch zu hoch gewählt war. Viele müssen noch ganz hinauf.

 

Kilometer 42


3,4 Kilometer und 514 Höhenmeter liegen nur noch zwischen Marathon und Ultramarathon. Hatte ich schon erwähnt, dass die Gornergratbahn von Zermatt bis hinauf zum Gornergrat, also meinem Tagesziel, nur 28 Minuten benötigt? Ich denke an Natascha und Christian. Ob sie wohl oben auf mich warten? Sehr steil zieht sich der (Abfahrts-) Hang hinauf.

Bergläufe verlangen Ausdauer - nicht nur körperlich. Man muss geduldig sein, anders mit der Zeit umgehen, die schneller rast als ich laufen kann. Ich gehe ein langsames Tempo. Vor mir ein einzelner Läufer und hinter mir ein einzelner Läufer. Die Szenerie gleicht einem einzigen großen Schweigemarsch. Nur die hellgekräuselten typischen Walliser Schwarznasenschafe sind heute noch langsamer. 1927 hatten viele Bauern Nebenjobs wie Bergführer oder Träger. Mit Maultieren und Sätteln aus Holz führten sie die feinen Damen von Welt auf den Gornergrat. Ein Sesselträger erhielt sechs Schweizer Franken Tageslohn. In winzigen sogenannten „Teehäuschen“ an den Wanderwegen boten die Bäuerinnen Getränke, Bergblumen oder Souvenirs der fußfaulen Gesellschaft an.  

Fast könnte man ungeduldig werden, würde mein Herz nicht so rasen. Zur Eile gibt es (noch) keinen Grund. Zu viele Läufer ohne Konkurrenzkampf. Man motiviert sich gegenseitig, riskiert nichts mehr, es geht ruhig und gesittet zu. Ich liege noch in der Zeit, will jeden Schritt genießen. Ich male mir verführerische Pulverschneebilder aus. Was mir als Skiläufer nicht passiert, verändert sich als Läufer. Die Szene wird dreister. Ich spüre die „Schwarze Skipiste“ mache mir plötzlich Gedanken um Steigung und Gefälle, erlebe die Unterschiede schmerzhaft. Kilometer vierundvierzig - noch immer ist das Ziel nicht zu sehen. Ich laufe bis zu den Knöcheln durch ein regenerierendes „Kältefass“ aus Schneeresten.

Ein Blick hinauf lässt keinen Zweifel: Nun beginnt der härteste Teil des Ultras. Die Felswand ist so steil, dass die Zuschauer am Ziel scheinbar über den Läufer thronen. Die Schenkel brennen. Kraxlerei statt Lauferei. Ich erkenne Natascha in ihrer farbigen Jacke. Wir winken uns zu. Momente der Emotionen. Das aufmunternde "Hopp-hopp" der Zuschauer nehme ich das erste Mal wahr. Die ersten Gipfelbezwinger dieses Tages sind schon lange und glücklich im Ziel.

Endlich nehme ich Natascha in die Arme. Sieben Stunden und achtzehn Minuten nach dem Aufbruch in St. Sankt Niklaus erlebe ich dieses Gefühl dann selbst. "Glückwunsch, Startnummer 5615!" Bei 5 Grad Außentemperatur freue ich mich über die wärmende Thermofolie, der Läufermütze im Überraschungspaket und einen Sitzplatz in der Gornergratbahn.

Resümee: „Ultra“ ist ein Präfix aus dem Lateinischen – mit der Bedeutung „darüber, hinaus“. Beim Zermatt-Marathon kann man mit dem Ultra noch „darüber hinaus“ gehen. Über Grenzen, die manch einer so noch nicht kannte. Zermatt bietet für jeden das Nonplusultra!

Apropos Nonplusultra: Im nächsten Jahr finden hier in Zermatt der World Mountain Running Championship statt.

Wer bisher glaubte, dass die Schweiz teuer sei, Berglaufen anstrengend und Zermatt  eine Reise wert, der hat nach meiner heutigen Erfahrung damit  Recht. Aber ich komme wieder, koste es was es wolle.


Gut zu wissen:


ULTRAMARATHON (45,595 Kilometer)
8 Stunden und 5 Minuten Zeilimit, 2.500 Höhenmeter, Natur-, Wander- und Gebirgswege

Wettbewerbe:
Neben dem Ultra-Marathon (45,595 KM) werden ein Marathon (42,195 Kilometer), ein Halbmarathon (21,1 Kilometer) und ein Staffelmarathon (2er-Teams absolvieren je eine Halbmarathon-Distanz. Der erste Läufer geht von St. Niklaus nach Zermatt auf die Strecke, der zweite Läufer von Zermatt auf den Riffelberg) angeboten.
Neu dabei der 33M-Cup. 33M bedeutet, drei Länder, drei Monate, drei Marathons - eine Wertung. Dabei handelt es sich um den LGT Alpin Marathon Liechtenstein, den  Zermatt Marathon und dem Allgäu Panorama Marathon.

Temperatur:
Start 18°C – Ziel 5°C

Verpflegung:
Wasser, Iso (PowerBar), Cola, Bouillon, Bananen, Verschiedene PowerBar Produkte (Energieriegel, Gel, Ride Shots und Waffeln)

Zeitmessung:
Nettozeit per Datasport Chipsystem

Läuferpaket:
Funktionelles Finisher-Shirt, Medaille, Kleidertransport ins Ziel, Pasta-Party-Gutschein, Finisher-Foto, Gratis-Fahrt von Freitag bis Sonntag auf folgenden Strecken: Brig-St. Niklaus-Zermatt (MGBahn), St. Niklaus-Grächen (Postauto), Zermatt-Gornergrat (GGB) und Zermatt-Sunnegga (Standseilbahn Zermatt Bergbahnen).

 

Sieger

 

Ultra

Männer

1. von Allmen Konrad, Olten                  3:58.11,0    
2. Bärtschi Ruedi, Adelboden                 4:21.49,5    
3. Heiniger Stephane, Yvonand                4:22.49,1    

Frauen

1. Ogi Helene, Kandersteg                    5:00.49,0    
2. Dusch Kerstin, Baar                       5:14.15,5    
3. Käppeli Susanna, Oberurnen                5:18.34,5   

507 Finisher

Marathon

Männer

1. Michieka Paul Maticha, Immensee           2:55.04,8    
2. Cardona José David, Kolumbien             3:03.47,5     
3. Saban Mustafa, BUL-Sofia                  3:04.20,5  

Frauen

1. Camboulives Aline, F-St Jorioz            3:29.36,3     
2. Tobon Leidy Johana, Kolumbien             3:38.50,0    
3. Mereni Timea, H-Budapest                  3:41.55,0  

739 Finisher

 
 

Informationen: Zermatt-Marathon
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