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Laufberichte

Tiefer Schmerz im Salz der Erde

05.12.09
Autor: Joe Kelbel

Ein riesiges Tor taucht vor mir auf. Es ist ein Wettertor. Es dient zur Regelung der Belüftung. Seitdem in Sondershausen wieder Salz abgebaut wird, könnte es sein, daß eine Metanblase angebohrt wird.  Schon eine 5 bis 15 %ige  Metankonzentration würde ausreichen, um aus diesem Gang eine Flammenhölle zu machen und mich raketenmäßig über die Ziellinie zu schleudern. Doch bei mir kommt keine Geschwindigkeit auf.

In den kilometerlangen  Gängen brennt in regelmäßigen Abständen eine Neonröhre, aber zuviel Salzstaub hängt an ihnen um die Dunkelheit zu verdrängen. Totenstille. Kein Wind, kein Vogelgezwitscher, aber glücklicherweise auch kein Knacken über mir.

Abstützungen gibt es nicht, das Salz bleibt stabil, solange kein Wasser zu ihm gelangt. Ab und zu gibt es aber doch nasse Stellen, manchmal gibt es Pfützen. Aber das ist eine gesättigte Lösung, sie kann kein Salz mehr binden, sie entstand vor 250 Millionen Jahren ist ungefährlich, könnte aber auch Dino-Pipi sein.

Links und rechts der Strecke gibt es weitere gewaltige Abbaustrecken. Teilweise verschlossen, teilweise nur abgesperrt oder mit Schutt blockiert. Hochgiftiger Industriestaub lagert hier, aber auch Bauschutt, Klärschlamm, Holz-oder Keramikabfälle. Im zweiten Weltkrieg wurde hier unten auch Munition hergestellt, wer weiss, was hier in den zahllosen Gängen noch so schlummert. Vielleicht noch Kunstschätze? Die mit Salzgestein vermauerten unterirdischen Kammern können jedenfalls nicht mehr gefunden werden, nur aufwendige Bohrungen könnten Gewissheit schaffen.

Ich lasse mich hängen in diesen Gedankengängen, da schließt Hannes Kranixfeld zu mir auf. Er ist der Zweitplazierten beim Ultralauf-Europacup 2009 und ist schon eine Runde weiter als ich. Ich erkenne ihn aber in meinem Tran nicht und denke es ist nur wieder einer der vielen Österreicher. Auch er hat kein Feuer heute und will die nächste Runde nur noch fotografieren. Das weckt  mich auf, sodaß ich die dritte Runde haarscharf am Zeitlimit (2:45) antrete.

Dann übernimmt der Vizeweltrekordler mein Coaching. Seine Laufpartnerin Christine, die ein grandioses Laufjahr hinter sich gebracht hat, muss austeigen, somit hat Christian Kapazität für mich frei. Er labert mich zwar voll, aber ich bekomme endlich Diziplin in meinen Lauf und lege meinen Zombielaufstil ab. Wir beide laufen wunderbar gleichmäßig, rollen das leidende Feld von hinten auf  und meistern  mit erhobenem Kopf  die letzten  zwei Runden .

Ich hatte vergessen, wie hart dieser Marathon ist. Nun muss ich nochmals darauf hinweisen: 310 Höhenmeter pro Runde ergeben tierische 1240 Meter auf 42,2 Kilometern. Die Steigungen sind brutal. Die Temperatur liegt bei 22-29 Grad, Du haust dir alle 2,5 Kilometer 2 bis 4 Becher Flüssigkeit rein, doch die trockene Luft reisst Dir jeden Tropfen wieder raus. Du hast kein Gefühl für Zeit und Raum, deine Birne gaukelt Dir Schrott vor. Du hast keine Ablenkung, Dein Schmerz hat viel Zeit für Dich. Du siehst kein Ende und kein Ziel, kannst weder Steigung, Geschwindigkeit noch Entfernungen einschätzen, es ist ne absolut geile Erfahrung  und einer der schärfsten Marathons der Welt.

Makelloser Organisator des  Untertagemarathons ist der  sc-im-puls erfurt e.V, der hier eine einzigartige, unvergeßliche  Weltkulturveranstaltung kredenzt! Das haut Dich um!

Marathonsieger
Männer

1   Wahl, Martin   WSV Oberhof  03:13:29 
2   Hilpert, Jens   TUS Massenheim  03:22:06  
3   Hauch, Rainer   LSV Basel  03:25:37

Frauen

1   Tewes, Geertje   ASV Faßberg  04:02:42 
2   Reinhard, Graziella   Allschwill/ CH  04:08:12
3   Bruder, Birgit   LTF Marpingen 04:23:52

 

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Informationen: Untertage-Marathon
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