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Laufberichte

Schlamm und Nebel im Schweizer Jura

 

Mann, war das herrlich! Schlamm in jeder Machart : flüssig, zäh, klebrig, glitschig, sauglatt, aber immer schön weich. Bis auf die Wurzeln und die Felsen dazwischen. Man kann ja nicht alles haben, hier im Schweizer Jura Schweizer beim 25. Jubiläum im Tal des Absinths, dem legendären Kräuterdestillat.

Bei früheren Veranstaltungen gab es angeblich eine Kostprobe des berüchtigten Anis-Schnapses, heute gibt es schwarze Masken gegen Covid. Obwohl - desinfizieren würde das Getränk ja auch. Kompliziert wird es sowieso. Der Kanton hat strenge Vorgaben erlassen. Aktuelle Negativtests sind vorzulegen, von den Coureurs wie von den Helfern. Wer den hat, kriegt ein Armband und darf rein, wer nicht, marschiert zum Testzentrum und testet erstmal. Aber dann ist alles wie immer. Startnummern, Depots, Toiletten-Duschen, Umkleide. Es wuselt, immerhin treten 560 zum 51 km- Trail an. Um 5 in der Früh sind bereits 505 zum 111er gestartet – und das im Regen. Es schüttete die ganze Nacht. Beste Bedingungen also.

 

 

Natürlich beginnt nach kurzer Pause der Regen sich wieder zu regen, pünktlich zum Start um 8:15. Nicht viel, aber die düstere Wolke zieht über uns her, sie ist genauso schnell wie wir. Patschnass - hurra! Im Stadion geht es los, eine Runde, über eine Brücke und - weg die Maske! Luft! Jetzt ist es wirklich wie immer. Strahlende, nasse Gesichter ringsum. Den kennst du doch? Klar, der Karl-Walter aus D. Bei jedem Alpenlauf ist er dabei. Der ist auch nicht kaputtzukriegen.

An einer alten Asphaltmine vorbei und vom breiten, guten Weg geht es runter auf die Wiese. Der erste Schlamm, von 2000 Füßen gut umgerührt. Das ist aber nur ein Vorgeschmack, nicht der Trail. Die ersten sauen sich ordentlich ein, die meisten aber sind vorsichtig. Langsam, schön bergauf und dann ein schmaler Pfad, wurzelig, steinig, aber meist gut laufbar. Bei Noiraigue mit dem ersten VP sind bereits 12 km geschafft. 1,5 Stunden, das geht ja noch. Hier lohnt sich eine gute Stärkung, denn es folgen 700 hm im Aufstieg, an einem Stück. Oben sind dann etwa 1462 Meereshöhe erreicht, der höchste Punkt der Strecke. Aber da muss man ja erstmal hin. Hier helfen mir die Stöcke. Die sind zwar nicht Pflicht, aber doch sehr nützlich. Später sowieso, bei den verschlammten Abstiegen. Denn auch das beste Profil der Schuhe ist mit dicken Schlammbatzen verklebt. Da hält dich nix mehr…

Der halbe Anstieg endet bei einem kleinen Bauernhof, ab hier geht es auf Serpentinen weiter. 14 mal links und rechtsrum. Zum Mitzählen. Die 8. Kehre ist gnädigerweise sogar nummeriert.

 

 

Je höher ich komme, umso nebliger wird es. Die Sicht geht auf 50 m zurück. Das war so gar nicht geplant, denn genau hier hat man den besten Blick auf den Canyon. Der Creux du Van ist berühmt wegen seiner bis zu 200m hohen senkrechten Steilwände, die ausschauen wie ein Amphitheater. Ohne Nebel ist der Anblick einfach grandios. Also: besser Wetter abwarten und nochmal hier hoch. Oder sich mit Bildern aus dem Internet begnügen.

Eine Trockenmauer trennt den sicheren Spazierweg vom Abgrund. Einige wenige Durchlässe erlauben einen persönlichen Eindruck. Unerwartet viele Wanderer sich trotz Nullsicht schon hier. Ist ja auch schon 11 Uhr vorbei und die Hütte ist offen. Die haben Glück: nur 1,5 Stunden später reißt der Nebel auf und Sonne scheint. Nur ich hab nix davon.

Kleine, gelbe Fähnchen markieren den Weg, Flatterbänder sind an Ästen oder blaue Pfeile am Boden. Bei wichtigen Richtungsänderungen ist da ein ganzer Wald markiert, fast wie ein Tatort sieht das dann aus. Die folgenden 13 km ziehen über grüne Almen allmählich 700 hm wieder herunter ins Tal. Fette Weiden, parkähnliche Landschaften. Trockenmauern und Zäune, mit Übergangshilfen, denn überall gibt es zufrieden mampfende Milchkühe. Die sollen ja bloß bleiben, wo sie sind.

Bovi-Stop auf breiteren Wegen: Diese Roste aus runden Rohren haben durchaus ihre Tücken. Beim nächsten VP bei 20 km heißt es: Maske auf! Es wird serviert und eingeschenkt, dann beiseite treten und genießen. Es ist ruhig hier. Das Feld ist schon lange vorüber, ich teile mir mit nur wenigen Coureurs die schöne Gegend. Die Aussichten ins Travers-Tal, das mit dem Absinth, sind grandios. Je tiefer wir kommen, umso mehr Wald und umso mehr Schlamm gibt es. Diese 10 km  nur bergab sind verflixt. Einfach entspannt rollen lassen funktioniert nicht überall. Die breiten Wege werden schnell wieder verlassen und auf schmalen Schlammpfaden geht es dann weiter. Die Stöcke helfen an den kritischen Stellen. Bei Trockenheit ist das alles easy. Nur nicht heute.

 

 

Und dann steht man vor einer Tür. Einfach so. Durchgehen soll man und dann für 24 Stunden verschwinden. Fester Glaube daran ist Voraussetzung. Das vermasselt einem gehörig die Zielzeit, aber ich will es trotzdem versuchen. Aber: Die Tür ist abgeschlossen! Die Rennleitung hat an alles gedacht und will sich Suchaktionen im Nirwana oder wo auch immer ersparen. Kunst kommt nun hier bei km 30 auch noch ins Spiel. Rote Figuren vor einem imposanten Wasserfall. Hier ist eigentlich mehr Wasser als Land.

Eine wildromantische Schlucht mit kleiner Klamm am oberen Ende beginnt. Gorge Poeta-Raisse mit Doppel-VP. Einen für den Aufstieg, den anderen später bei der Rückkehr. Hier ist nämlich eine Wegkreuzung. Man sollte sich unbedingt stärken, denn es wird steil! Manchmal gibt es Treppenstufen, aber die sind so rustikal, sie behindern eher. Fast bin ich oben, als mal wieder der Regen kommt. Diesmal als Wolkenbruch. Gleich ist es auch noch ein paar Grad kälter. Feste vor mich hin triefend, stapfe ich dem Regen entgegen. Der Weg nach der Klamm ist breit und gut, sogar laufen geht wieder. Ein paar Asphaltstücke dazwischen stören nicht wirklich, schon eher die tückischen Schlammpassagen auf einer MTB-Strecke, die steil nach unten führt. Über eine Wiese erreichen ich in einem Schuppen im Nirgendwo  den vorletzten VP, betreut von jungen Leuten.  Vorbildlich, kein Schlendrian, nur mit Maske darf man sich nähern.

 

 

Ständig wird die Laufrichtung geändert, längst habe ich die Übersicht verloren, wo ich denn so ungefähr bin. Das Höhenprofil ist auch nicht wirklich nützlich. Nur meine Uhr ist einigermaßen hilfreich. Es ist nicht mehr soo weit, sagt sie. Tatsächlich bin ich bei km 43 am letzten VP wieder zurück im Wassertal. Als Vorletzter genieße ich die ungeteilte Aufmerksamkeit aller Helfer. Das geht warm runter!

Schön ist es hier, nur muss ich nochmals ordentlich rauf. Die 2320 hm sind noch nicht erfüllt. Die letzten 7 km haben es nochmals doll in sich. Meistens sind es schmale Trails im Wald, kurze Passagen sind gut zu laufen, mühsam und gefährlich sind die glitschigen Treppen an einer Klippe. Und als ich denke, das Schlimmste überstanden zu haben, stelle ich entsetzt fest, dass alles so endet, wie es begann: mit einer Schlammstrecke vom Feinsten, keine Pussy-lane. Man muss mittendurch! Flach ginge ja noch, aber steil wie es ist, geht das nur mit Stöcken. Es gibt viele Spuren von Bodenkontakten. Ich muss ja nicht alles nachmachen. 10 Minuten für 100 m, aber dann raus aus dem Wald auf die Wiese. Schlamm abputzen  und auf gutem Weg den letzten km ins Stadion. Was für ein Trail!!!

 

Fazit

Ein wirklich außergewöhnlich schöner Traillauf mit höchst abwechslungsreichen Strecken ist das hier. Sehr präzise markiert, aber dennoch nicht einfach! Nur die beste Ausrüstung sollte dabei sein.  

 

Informationen: Swiss Canyon Trail
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