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Laufberichte

Zeppelin-Gedächtnislauf: Zwischen Allgäu und Bodensee

09.04.06

Bilder von der Hopfenblüte...


...sind es nicht, die ich präsentieren kann, das ist erst Ende Juni/Anfang Juli soweit. Doch die Region, durch die der Zeppelinlauf führte, von dem gleich berichtet werden soll, ist weltweit bekannt für den Anbau dieses zur Bierherstellung notwendigen Produktes. Doch nun zum Lauf und dessen Entstehung:

 

Als um die Jahrhundertwende in Friedrichshafen ein gewisser Graf Zeppelin eben die nach ihm benannten Luftschiffe bauen ließ, trug es sich zu, dass eines dieser monströsen und damals Respekt einflößenden Konstruktionen auf einer Probefahrt unterwegs war und von einer wohl starken Sturmböe erfasst wurde. Die darauf folgende Notlandung nahe Kißlegg im Allgäuer Land verlief glimpflich für die Besatzung, der Zeppelin jedoch war nicht zu retten. Dieses ereignete sich am 17. Januar 1906. In den Folgejahren errichtete man in der Nähe der Absturzstelle ein Denkmal, das die nachfolgenden Generationen an diesen Vorfall erinnern sollte. In diesem Jahr nun jährte sich diese Ereignis zum hundertsten Male, was bei dem ortsansässigen Laufenthusiasten und Laufschuh-Spezialisten Achim Linder, die Idee aufkommen ließ, dieses Ereignis mit einem Laufsportevent in Erinnerung zu rufen.

 

Wohin sonst als zur Geburtstätte der Zeppeline, also nach Friedrichshafen am schönen Bodensee könnte wohl ein solcher Lauf führen? Das „Problem“: Vom Denkmal nach Friedrichshafen sind es 60 Kilometer... Mit einem 60-Kilometerlauf wird man nicht viele Teilnehmer gewinnen können, schon gar nicht, wenn der Lauf erstmals stattfindet. Also wurde der Lauf in Etappen geteilt, deren Längen zwischen 10 und 14,5 Kilometer betrugen.

 

So konnte man tatsächlich über 370 Voranmelder mobilisieren, wobei jedem Teilnehmer freigestellt war, sich für eine einzelne Etappe, mehrere Abschnitte oder die ganze Strecke zu entscheiden. Bustransfers sorgten für reibungslosen und teilweise sehr individuellen Transport der einzelnen Läufer zu den gewünschten Etappenorten. Es handelte sich bei diesem Lauf auch nicht um einen Wettkampf, sondern eben um einen Erlebnislauf – im wahrsten Sinne des Wortes, wie sich zeigen sollte. Doch nicht nur das, nein, der Veranstalter wollte diesen Lauf mit einem guten Zweck verbunden wissen. Der Erlös sollte dem Hospiz in Friedrichshafen zugute kommen, einer Einrichtung, die schwerkranken Menschen ein würdevolles Leben und Sterben ermöglicht.

 

Am Morgen des 09.04.06 betrug die Temperatur gerade mal 5°Celsius, was sich am Tag nicht wesentlich ändern sollte, dazu Dauerregen – nicht stark aber ohne Unterbruch. Die lange Hose wurde aus dem Schrank gezogen, Shirt und Wetterjacke und mein - bei Regen so funktioneller - Schlapphut! Ein kurzer Test vor der Haustür ließ mich dennoch auf die kurze Hose umschwenken, irgendwann muss doch mal der Winter weichen...

 

Auf ging es mit den Vereinskameraden nach Kißlegg. Für die Startgebühr von 20 Euro bekam man Startnummer und Gepäckaufkleber, einen durchaus funktionellen Rucksack mit einem dem Lauf entsprechenden Aufdruck, der auch noch einige Kleinigkeiten für unterwegs enthielt. Busse standen bereit, die die Läufer in die Nähe des kleinen Teilortes Fischreute transportierten, auf dessen Gemarkung sich das Denkmal des Absturzes befindet. Am Denkmal dann eine kurze Ansprache des Organisators und des Kißlegger Bürgermeisters. Etwa 120 Läufer wollten auf der ersten Etappe dabei sein, wovon sich 36 an der Gesamtstrecke versuchen wollten. Bekannteste Läufer, die sich die ganze Strecke nicht entgehen lassen wollten, waren wohl der Kemptener Dr. Thomas Miksch, und die Biberacherin Jutta Kolenc, - beides  Teilnehmer an vielen Ultraläufen und Starter für die deutsche Nationalmannschaft der 100-km-Läufer bei Europa- und Weltmeisterschaften.

 

Der Regen ließ nicht locker. Bis zum Start fror ich wie ein Hund. Schon kurz nach dem Start wurde das Feld gesprengt – zu unterschiedlich waren die Leitungsniveaus der Läufer. Man plauderte mit dem einen oder anderen über Trainingsphilosophie, Ernährung, Ziele in diesem Jahr. Es war ein nettes Miteinander. Ein Vereinskamerad hatte es wohl sehr eilig: Während ich noch eines der angefügten Fotos schoss, schoss er ziemlich an der Spitze laufend davon. Die Spitze bildete jedoch Dr. Miksch, der wohl mit weniger als 4:30er Schnitt den Lauf begann. Ich hangelte mich ran an die erweiterte Verfolgergruppe und mir wurde endlich warm. Einige dieser Gruppe liefen nur zwei oder drei Etappen. Etwa 5er-Schnitt war mir für einen 60-km-Erlebnislauf eigentlich etwas heftig, doch in Folge der Geselligkeit, die diese Truppe versprühte, ließ ich mich mitziehen. Ab und an zückte ich die Kamera, auch wenn ich mir in dieser wunderschönen Allgäuer Voralpenlandschaft durchaus schönere Szenen ausmalen könnte, als die, die es dann geworden sind.

 

Nach 11km nahte schon der erste Etappenort Wangen. Der Organisator persönlich benennt per Mikrofon namentlich die ankommenden Läufer. Er kennt sich gut aus in der oberschwäbischen und Allgäuer Laufszene, hat viele Kontakte zu den Aktiven und einen guten Ruf für eine exzellente Beratung beim Laufschuhkauf. Drei Becher Wasser, kaum Verweilen und es ging weiter. Die anderen tummeln sich noch ein Weilchen im trockenen. Vor mir nur Dr. Miksch, den ich aber schon lange nicht mehr sehe.

 

Der Himmel kennt noch immer kein Erbarmen. Der „Verfolgertrupp“ schließt wieder zu mir auf. Weiter geht es nach Amtzell. Auch hier steht schon der Organisator mit Mikrofon vor einem Schulgebäude und begrüßt die ankommenden Läufer, wenn freilich ob des miesen Wetters kaum Zuschauer verharren und das Treiben verfolgen.

 

Die dritte Etappe wird in Angriff genommen. Ich bin allein, da die anderen der netten Truppe wieder so ewig an der Verpflegungsstelle ausharren, was ich gar nicht brauchen kann. Zwei Minuten genügen mir da vollkommen. Ich weiß nicht was die anderen da treiben und trabe weiter. Nach Verlassen des Ortes dauert es nicht lang, bis die perfekt ausgeschilderte Strecke durch ein größeres Waldstück führt. Der Weg hat diese Bezeichnung eigentlich nicht mehr verdient! Hier wird es nun richtig „crossig“: Was nun? Augen zu und durch? Mit wassergetauchten Schuhen hatte ich letztes Jahr schon mal das zweifelhafte Vergnügen bei einem Lauf noch 50 Kilometer „Reststrecke“ absolvieren zu müssen. Aber mit dem mindestens Knöchel hohen Schlamm wollte ich nicht wirklich Bekanntschaft machen. Nein, auch dann nicht, wenn es zum Thema „Erlebnislauf“ gepasst hätte. Ich wählte stattdessen den Umweg über Brombeergestrüpp und Wurzelwerk. Die Hose konnte ich mir ja schlecht zerreißen – ich hatte ja die kurze gewählt. Irgendwann schien mir der „Weg“ wieder besser zu sein. Ich ziehe die Kamera: Da läuft wieder einer zu mir auf, mit dem ich schon zuvor ein paar Kilometer lief. Er will dieses Jahr seine Marathon-Bestzeit ein wenig näher an die 3 Stunden verrücken. Wir fachsimpeln über Renneinteilung, negativen oder positiven Split, Tagesform und die vermutliche Zeit, die wir heute hier laufen. Er lässt dann an einer Steigung irgendwann abreisen. Nanu, eigentlich bin ich ja nicht die Bergziege. Na, denk ich bei mir, vielleicht läuft er wieder auf, wenn ich zur nächsten Fotosession stoppe. Ich laufe weiter.

 

Reichlich Höhenmeter gab es auf den ersten drei Etappen. Ich fühle mich gut - da lockt der Rennsteig! Ich mach noch mal Dampf. Ja, es ist kein Wettkampf, aber nur Sightseeing bei diesem Mistwetter – da gibt’s was Besseres! Ankommen und dann mit den Läufern fachsimpeln, vielleicht was Deftiges für den arg vernachlässigten Magen, ein Bier dazu oder doch lieber ein warmer Kräutertee? Irgendwie schafft es einer meiner Vereinskameraden vor Erreichen des dritten Etappenortes aufzuschließen. Ralf flucht – „Alles nass! – Mir wird kalt...“ Es nieselt nur noch leicht. Ich frage mich, ob vielleicht die kurze Hose doch die bessere Wahl war. Meine Beine sind nahezu trocken, während seine Hose tatsächlich durchweicht zu sein schien. Wir kommen zu dem Schluss: Laufen macht warm! – Wir laufen flott weiter! Auch an der dritten Station Neukirch nehme ich nur etwas Wasser zu mir. Ich treffe auf drei Vereinskameraden, die sich mit dem Bus transportieren lassen haben. Ein - zugegeben - etwas vorlautes „Hallo Mädels!“ kann ich nicht zurückhalten und lässt diese gestanden Männer dann doch - gefolgt von einem Schmunzeln – zunächst etwas erschrocken aufblicken... Ich schmunzle zurück. Wir verstehen uns – bei nächster Gelegenheit bekomm ich wieder die „Hiebe“ – ganz sicher…

 

Ich ziehe weiter, mein Vereinskamerad lässt wieder nichts aus, was es am Verpflegungsstand zu erheischen gibt. Ralf will in Hamburg seine Marathon-Bestzeit knacken – in 14 Tagen - verrückt! Wenn er das schafft, dann müssen wohl einige Lauf-Lehrbücher neu geschrieben werden.

 

Inzwischen sind auch viele Läufer unterwegs, die sich vermutlich für die letzten beiden Etappen gemeldet hatten. Der Weg führt nun in Richtung Tettnang. Die Hopfenfelder gehören nun zur Standardkulisse. Dazwischen ein paar Apfelplantagen oder Spargel- und Erdbeerfelder.

 

Vor mir ein Läufer, der sich etwas erschrocken umblickt. Eine Junge, vielleicht 15 Jahre jung, der nicht recht zu wissen scheint, ob er nun laufen oder walken soll. Ich gehe ein paar Schritte mit ihm und frage nach, ob er sich verletzt hat und wie es ihm geht. Er sagt etwas verschämt, dass es ihm gut gehe. Er macht nur diese eine Etappe und scheint zu frieren. Es ist noch immer eisig und der Nieselregen weicht fast ununterbrochen nicht nur die Kleidung, sondern auch die Gemüter auf. Ich empfehle ihm, dass er, um nicht auszukühlen, nicht zu lange Gehpausen einlegen soll. Er stimmt mir zu und versucht auch gleich wieder im Laufschritt vorwärts zu kommen. Ich strecke den Daumen und ziehe weiter, mutterseelenallein. Es naht die Giessenbrücke über die Argen, die sich im idyllischen wilden Tal gen Bodensee schlängelt. Hier führte mich vor Jahren schon eine schöne Radtour bei allerdings bedeutend schönerem Wetter vorbei. Nun mussten noch einige Höhenmeter bis Tettnang genommen werden. Im Wald steht da plötzlich ein Stativ mit installierter Videokamera, gerade an einem Anstieg. Ich frage kurz den Mann „am Set“, ob die Anlage streikt, es hätte gar nicht geblitzt. Er lächelt verschmitzt und winkt ab. Vermutlich darf er nichts sagen und nur das Hecheln der Läufer aufnehmen. Oder gehört er gar nicht zum Lauf und verewigt gerade die Stimme des Eichelhähers, der im Moment seine warnende Stimme erhebt?

 

Dieses Waldstück zieht sich ein wenig. Dennoch ist es nicht langweilig. Das hier am Weg lagernde geschlagene Holz verbreitet einen äußerst angenehmen Duft, den ich tief inhaliere.

 

Bald wird der Stadtrand von Tettnang erreicht. Der Waldweg wechselt zu Asphalt. Zwei oder drei Straßen müssen überquert werden. Wie überall auf der Strecke, so sind diese neuralgischen Punkte auch hier durch Streckenposten besetzt, weisen den Weg, geben eventuell vorbeikommenden Fahrzeugen entsprechende Signale. Vor der Stadthalle in Tettnang warten meine ganz persönlichen Betreuer, mit denen ich mich hier verabredet habe - meine Familie. Das Timing passt. Ein kurzes Hallo und es geht an die Verpflegung. Auch hier wieder ein paar Vereinskameraden – man wechselt ein paar Worte. Ich nehme dieses Mal von der Koffeinbrause. An dieser Stelle muss wohl Jutta Kolenc an mir vorbeigezogen sein. Nach kurzer Diskussion mit Ralf, dem Hamburgstarter, der gerade hereinkommt und selbst äußert, dass er sich nicht mehr gut fühlt, laufe ich allein weiter, dachte ich.

 

Mittlerweile 4 Stunden 11 Minuten bin ich nun auf den 48 km unterwegs – 5:15 je km – fast mein Biel- und Rennsteig-Schnitt - und noch 12 Kilometer liegen vor mir. Der Rest ist relativ flach. Also gehe ich voller Zuversicht das Reststück an. Doch abermals geht es nach einer Straßenquerung durch ein Waldstück. Irgendwie verstehe ich jetzt die Streckenführung nicht so ganz: Statt über ganz normalen Waldboden führt nun der Weg in eine Art Wasserlauf, durch die vermutlich bis vor wenigen Tagen das Schmelzwasser floss. Derart aufgeweicht, hatten hier die Helfer versucht, die Passage mit Sägespänen zu präparieren. Knöchel hoher Schlamm war auf diesem zwar kurzen aber dennoch anspruchsvollen Teilstück „das Highlight“ des Laufes. Zur Entschädigung folgte eine wirklich wildromantische Sturzbachüberquerung auf einem schmalen Holzbrückchen. Das Rauschen des Baches entschädigt. Allmählich führt die Strecke dann wieder aus dem Wald auf asphaltiertem Belag weiter.

 

Nachmittägliche Sonntags-Spaziergänger mit Regenschirm schauen vermutlich ob meiner kurzen Hose schon von weitem etwas verdutzt. Ich versuche, mit einem freundlichen „Hallo!“, keine Zweifel an meiner Zurechnungsfähigkeit aufkommen zu lassen und: …mein Gruß wird erwidert!

 

Die Natur ist noch nicht weit, dieses Jahr. Irgendwie scheint mir hier dennoch das Grün etwas satter zu sein. Ob die Nähe des Bodensees soviel ausmacht? Eine Holzbrücke, die mich ein wenig an die alte, ebenfalls überdachte Holzbrücke in Aarberg auf der Bieler Strecke erinnert, überspannt die Schussen, ein Flüsschen, an dessen Quelle, ca. 50 km nördlich, ich schon häufig am Ende einer langen sonntäglichen Trainingsrunde Wasser schöpfte, um mich zu erfrischen. Heute bedurfte es keiner Erfrischung.

 

Am Stadtrand Friedrichshafens kam mir einer der Radbegleiter des Organisators entgegen. Nicht ganz ernst gemeint, fragte ich kurz, ob nun er oder ich in der falschen Richtung unterwegs sei. Er meinte, dass ich schon richtig wäre und bot mir breit grinsend an, ihn doch noch ein Stück in die andere Richtung zu begleiten, was ich dann doch freudig lächelnd ausschlug. Dass die Strecke 570 Meter Anstiege beinhaltete, wie ich später von einem Mitarbeiter des Organisators erfahre, hätte ich nicht gedacht. Gerechnet auf die Distanz aber war das jedoch in Ordnung.

 

Dann kam die Markierung „Nur noch 3 km“, die mich animierte, noch mal eine Gang höher zu schalten. Ich fühlte mich gut. Vor dem Zielbogen an der ehemaligen Messehalle und heutigen „Arena Friedrichshafen“, in der die hervorragenden VfB-Volleyballer trainieren und Ihre Bundesliga- und Europacup-Spiele austragen, warteten meine zwei Kleinen, um mit mir die letzten Meter zu genießen.

 

5 Stunden und 15 Minuten war ich „on Tour“. Ich blicke mich um und traue meinen Augen kaum: Ralf kommt auch angeflogen! An seiner Seite ein Bekannter von ihm. Er hatte es sich überlegt und ist doch noch den letzten Abschnitt gelaufen. Ich beglückwünsche ihn, wir liegen uns in den Armen. Er freut sich riesig über seinen ersten Ultra, nur: Seine Hamburg-Marathon in 2 Wochen scheint er momentan vollkommen verdrängt zu haben und ich will ihm nicht die Euphorie-Welle brechen, auf der er gerade reitet.

 

Obwohl dieser Lauf kein Wettkampf war, soll nicht unerwähnt bleiben, dass Dr. Thomas Miksch in etwas mehr als 4 1/2 Stunden und Jutta Kolenc in reichlich 5 Stunden die Strecke absolvierten.

 

Ein Lauf mit Seltenheitswert, bei dem sich auch die Bürgermeister der Etappenorte nicht versteckten, sondern selbst jeweils mindestens eine Etappe unter die Füße nahmen, wie ich beim Abschluss erfuhr. Hier kamen dann auch der Oberbürgermeister Friedrichshafens, Josef Büchelmeier, und der Leiter des Zeppelinmuseums, Wolfgang Meighörner zu Wort.

 

Reichlich Bilder und vor allem Erinnerungen an die Gespräche unterwegs, das Gesehene und das Gefühlte nehme ich nun mit nach Hause und das Gewissen, ein kleinwenig Gutes bezweckt zu haben: Dem Hospiz in Friedrichshafen gingen ca. 2.000 Euro aus dem Erlös dieses Laufes zu.

 


 
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