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Laufberichte

Wien Rundumadum: Die kurze Gschicht

31.10.20 Special Event
 

WIEN Rundumadum ist eine insgesamt 120 km lange Rundwanderung um die 2 Mio. Metropole in 24 Etappen zwischen 3 und 10 km, deren Ausgangspunkte allesamt mit  öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar sind. Wenn man auf seinem Smartphone in den Einstellungen die Standortbestimmung aktiviert, kann man den ausgewählten Wanderweg im elektronischen Wien-Stadtplan nachverfolgen.

Der Verein Mehrkampf Team Austria veranstaltet seit 2014 auf der von der Wiener Magistratsverwaltung betreuten offiziellen Wanderstrecke rund um Wien Trail-Läufe, die am Anfang nur über 124 und 60 km im Einzelbewerb gingen. Im Jahre 2017 kam erstmals die Marathondistanz (Kurze Gschicht) dazu. Das recht komplexe Laufprogramm für den 31. Oktober 2020 sieht zudem Bewerbe über 130 km (Ganze Gschicht), 88 km (Dreiviertel Gschicht) und 61 km (Halbe Gschicht) vor – die auch in (gemischten) Staffeln (2er bis 6er Gruppierung) absolviert werden können.

Ich gehöre zu den Teilnehmern, die dankbar sind, dass in Coronazeiten überhaupt ein Laufevent veranstaltet wird und bin froh, mich noch kurzfristig anmelden zu können. Allerdings empfinde ich 90,-- Euro Startgeld als relativ hoch, denn es wird (coronabedingt – wie der Veranstalter deutlich anmerkt) keine  Verpflegung auf den 4 vorgesehen Labestellen geben und kein Getränkeservice. Jeder Teilnehmer ist angehalten, im pflichtigen Rucksack entweder feste Nahrung und Wasservorräte selbst mitzuführen oder vor dem Start entsprechende, mit Namen versehene Beutel für die Versorgungsstellen abzugeben. Ich entscheide mich, Wasser und Eigenverpflegung im Rucksack zu verstauen, der dadurch mit den obligaten Pflichtutensilien (Regenjacke, Warnweste, falls die Laufkleidung keine Reflektoren aufweist, Smartphone, Tracker, Erste Hilfe-Set inkl. Notfallsdecke, Stirnlampe mit Ersatzbatterien) schwerer wird als  bei meinem Andorra-Trail.

Auf der Veranstalterhomepage kann man sich die angebotenen Laufstrecken ansehen und die dazugehörigen gpx-Daten für die GPS-Uhr runterladen. Ich verzichte auf eine elektronische Rückversicherung bzw. Nachverfolgung des Kurses der „kurzen Gschicht“ auf meiner Garmin. Das sollte sich in der Nacht bitter rächen.

 

Abholung der Startnummer und des Trackers

 

Wegen des späten Starts gegen 14 Uhr kann ich am Samstagvormittag die erste Hälfte des Tages gut für andere Dinge nutzen. Kurz nach 12:00 Uhr stelle ich mein Auto auf einem öffentlichen Gratisparkplatz ab und spaziere zunächst vorbei am Koreanischen Kulturzentrum zum Start- und Zielbereich der Trail-Läufe  im Sportcenter Donau City gegenüber der Alten Donau. Dieses stehende Binnengewässer hat eine Fläche von rund 1,6 km2, enthält rund 3,7 Mio. m3 Wasser und ist durchschnittlich 2,3 m tief. In den letzten Jahren haben Rotalgen die Wasserqualität etwas beeinträchtigt, Mähboote waren auch diesen Sommer ständig im Einsatz.

Dank der U-Bahn ist die aus Grundwasser gespeiste Alte Donau in die Nähe des Stadtzentrums von Wien gerückt und mit ihren populären Strandbädern und dem Gänsehäufel, eine bewaldete Sandinsel mittel in der Unteren Alten Donau mit FKK-Strand und Platz für 30.000 Badegäste in Vor-Coronazeiten ein stark frequentiertes Badeareal. Die Menschen, die hier in der Umgebung leben haben es gut: Auch der 1964 im Zuge der „Wiener Internationalen Gartenschau“ gestaltete Donaupark mit ca. 632.000 m2 und vielen Spiel- und Sportplatzen ist ein beliebtes Freizeitzentrum. Nicht zu übersehen ist im Donaupark der Donauturm als eines der Wahrzeichen von Wien. Mit 252 m ist er das höchste Gebäude von Wien und ganz Österreich.

Der heutige Marathonbewerb wird nicht wie die anderen Trail-Läufe vom Sportcenter im Donaupark aus gestartet werden, sondern im Nationalparkhaus Lobau beim Dechantweg. Der Autobus 92b fährt in ca. 15 Minuten dorthin. Die Wagramer Straße führt zur Bushaltestelle direkt vor dem Vienna International Center, eines von vier Hauptquartieren der Vereinten Nationen. Ich erinnere mich noch an die Zeitungsmeldungen anlässlich der Eröffnung der „UNO City“ im Jahre 1979, als der riesige Gebäudekomplex für einen symbolischen österreichischen Schilling (heute 7 Eurocent) an die Vereinten Nationen auf 99 Jahre vermietet wurde. Bruno Kreisky war damals Bundeskanzler, Kurt Waldheim Generalsekretär der UNO und von 1986 bis 1992 dann österreichischer Bundespräsident. Rund 5.000 Angestellte aus mehr als 125 Ländern arbeiten für die in Wien ansässigen UNO-Organisationen. Der 40-jährige Jahrestag am 23. August 2019 fand allerdings kaum Beachtung in der österreichischen Tagespresse.

Erwähnen sollte ich auch, dass seit 2001 – genau am 11.Mai – der Wien Marathon erstmals vor der UNO-City gestartet wurde (vorher gegenüber dem Schloss Schönbrunn im Westen von Wien). Das war auch mein erster Marathon überhaupt, nachdem ich erst im November 2000 mit dem Laufen angefangen hatte. Ein paar Tage vor dem Marathon absolvierte ich im Prater 5 Proberunden zu etwas mehr als 8 km (die Praterallee rauf und runter) und war um eine halbe Stunde schneller als dann beim VCM (4:44 h) am Renntag.

Bei der Haltstelle warten bereits einige adjustierte Läuferkollegen. Die Maskenpflicht erschwert die rasche Zuordnung von sonst bekannten Gesichtern. Der Bus 92b ist um die Mittagszeit schwach besetzt, die meisten Nichtläufer steigen in Kaisermühlen, Teil des Gemeindebezirkes Wien-Donaustadt, aus. Dort befindet sich der berühmte Goethehof, bekannt aus der Serie Kaisermühlen-Blues, die höchst erfolgreich vom ORF in den Jahren 1992 bis 1997 ausgestrahlt wurde.

 

 

Bei der Neuen Donau Mitte steigen weitere Läufer hinzu, ich erkenne u.a. Harald Wurm, der sich der Kronenzeitung widmet. Leichte journalistische Kost vor einem Marathon mag der Entspannung dienen. Bei der Haltestelle Raffineriestraße/Biberhaufenweg verlassen alle Läufer und einige Wanderer den Autobus. Hier befindet sich der berühmte Gasthaus Roter Hiasl, den es schon 1973 gab, als ich aus dem Süden Österreichs kommend nach Wien „zugewandert“ bin und nun nach bald 40 Jahren den Wiener Dialekt zwar einigermaßen verstehe und imitieren könnte, aber in meinem Lebensalltag sprachlich nicht verwende (was man als Integrationsverweigerung interpretieren könnte).

Ich plaudere mit Harald am kurzen Weg zum Nationalparkhaus Lobau. Nicht wie ich annahm, würden wir die Startutensilien in den dortigen Räumlichkeiten bekommen, nein: eine Abordnung des Veranstalters bedient uns auf dem Parkplatz von einem Lieferwagen aus. Es herrscht Maskenpflicht, das Briefing ist kurz.  Wichtig scheint zu sein, dass bald nach dem Start die 42 km-Läufer nicht dem offiziellen Rundumadum-Markierungspfeil, der die Ultraläufer über 61 und 130 km betrifft, folgen, sondern nach links abbiegen. Das sollte man sich merken können. Meine zugeteilte Startnummer 309 ist als Armband konzipiert, den Tracker, der zur GPS-Verfolgung des Läufers durch die Rennleitung dient, platziere ich ganz oben im Trailrucksack. Ich lasse mir auch das Streckenbuch in ausgedruckter Form geben, vielleicht brauche ich es noch. Fraglich ist aber, ob man in der Nacht bei schwachem Licht von der Stirnlampe die klein gedruckten Straßenbezeichnungen überhaupt lesen kann.

 

Der Rennverlauf

 

Die Rennleitung eröffnet allen schon Anwesenden einen früheren Startbeginn, wovon ich Gebrauch mache, um die bereits um 16:30 Uhr einbrechende Dunkelheit etwas hinauszuschieben. Ich bekomme das OK und los geht’s, sofern man mit gut 5 kg (eher mehr) Gepäck am Rücken befreit laufen kann.

Nach einem Kilometer erblicke ich die früher unter Nudisten beliebte Dechantlacke – heute ist der untere Teil der auf der anderen Seite der Raffineriestraße gelegenen Neuen Donau ein kilometerlanger FKK-Bereich. Alle Welt ist im Sommer dort anzutreffen, vom AMS-Empfänger über den pensionierten Beamten bis hin zum hitzegeplagten Generaldirektor, der sich eine Auszeit zur Abkühlung an einem heißen Tag nimmt. Wenn ich auf der Neuen Donau mit dem Rad unterwegs bin, staune ich jedes Mal über die hochpreisigen Pkws, die entlang der Neuen Donau parken.

Ich komme ganz passabel voran, überhole einige Fußgänger, schließe sogar zu einer vierköpfigen Läuferinnengruppe auf, die offenbar nicht wissen, wie nach 2 km der Kurs weitergeht. Auf das herzförmige Symbol mit rotem Pfeil der MA 49  darf man sich ja nicht verlassen, weil der Kurs der 42 km-Läufer von den Ultraläufern abweicht. Doch ich bewege mich ohne nachzudenken auch stur geradeaus voran – inmitten von 61 km-Läufern. „Wird schon richtig sein“, denke ich. Es geht über die erst vor einigen Jahren neu erbaute Holzbrücke, den Josefsteg, die zur sicheren Überbrückung des Schilfgürtels dient. Nach ca. 30 Minuten läutet im Rucksack das Smartphone. Ich stoppe und erfahre, dass ich mich laut Tracker nicht mehr auf dem 42-er Kurs befinde. Bis ich zur Abzweigung, die nicht entsprechend markiert oder beschriftet wurde, sind es fast einen Kilometer zurück. Eine weitere Läuferinnengruppe steht dort und rätselt, wie die Strecke verläuft. Ich empfehle den Frauen, mir zu folgen. Ich habe aber zunächst mehr Reserven und die Kolleginnen fallen zurück.

 

 

Als ich mich nun endlich auf dem richtigen Kurs befinde, kommen laufend Läufer nach und Wanderer sowie Radfahrer mir entgegen. Ein Spaziergang um diese Jahreszeit durch die Lobau vermittelt den Eindruck einer intakten Natur inmitten einer Großstadt wie Wien. Herbstfarbenes Laub vermittelt mir das Gefühl, mitten in der Natur zu sein. Bei der Vorwerkstraße erblicke ich den Zusatzaufkleber 42 und 61 km unter dem offiziellen Zeichensymbol des Wien Rundumadum-Wanderweges, ich bin also richtig.

Kollegin Heidi Riepl spurt nach, sie hat sich wie ich verlaufen – aber bei ihr sind es weit mehr als 2 km, wie sie kurz erwähnt. Ob sie den Zeitverlust vor allem in der Dunkelheit noch aufholen kann, wird sich weisen. Auch Ernst Fink dürfte später als ich gestartet sein oder sich verlaufen haben. Ihn erblicke ich nach einem Trinkstopp nur mehr von hinten.

Die erste Verpflegungsstation nahe dem Gasthaus Hansl lasse ich aus, ich folge der Kirschenallee im 22. Wiener Gemeindebezirk. Die Labe befindet sich beim Kilometerpunkt 5,2 in Essling, das aufgrund seiner Lage und der Lebensqualität im Grüngürtel zu den großen Stadterweiterungsgebieten Wiens zählt und seit Jahrzehnten im Wiener Bezirk Donaustadt einverleibt ist.

Bei der Esslinger Hauptstraße führt der Kurs weiter nach Norden. Einige Ultraläufer haben mich inzwischen eingeholt. Ich vermute, dass so mancher seinen Leichtrucksack nicht vorschriftsmäßig vollgepackt hat. Angesagte Kontrollen beim Check-in und während des Rennens haben bisher nicht stattgefunden.

Wir Läufer haben heute großes Glück. Der starke Regen von gestern hat die Feldwege tief aufgeweicht. Nicht auszudenken, wenn die heutigen Bewerbe unter den gleichen schwierigen Bedingungen stattfänden. Bei Tageslicht kann man den tiefen Pfützen seitlich ausweichen, in der Nacht sollte das Licht der Stirnlampe dafür auch ausreichen.

Ich unterhalte mich mit zwei Ultraläufern, die sich die „halbe Gschicht“ vorgenommen haben. Sie lassen sich relativ viel Zeit, hoffen aber nach 7 Stunden zu finishen. Das wird sich kaum ausgehen, denn bei Kilometer 29 haben sie auch noch den kurzen Abstecher mit etwas Anstieg auf den Bisamberg vor sich. Auf dem Wege nach Aspern – links von uns befindet sich die Seestadt, eines der größten Stadtentwicklungsgebiete Europas, wo in den kommenden Jahren neuer Wohnraum und neue Arbeitsplätze geschaffen werden sollen – bleiben die beiden stehen und kramen in ihren Rucksäcken. Eine Dreiergruppe mit einem Begleiter auf einem Fahrrad holt mich ein. Sie laufen die 42 km. Der Kollege auf dem Rad erzählt, dass er aus Schladming kommt und es anstrengend findet, hinter seinen Freunden nachzufahren.

 

 

 

Es ist erst 15 Uhr, aber man sieht, wie die Dunkelheit langsam aufzieht, die Sonne steht im Westen schon tief, noch brauche ich meine Stirnlampe nicht. Der Übergang über die Ostbahn und verlängerte U2 zieht sich ein wenig. Eine für die Jahreszeit leicht bekleidete Läuferin im flotten Trail-Outfit schreit von hinten kommend, der Radfahrer und ich mögen doch ausweichen. Dass sie auch einen kleinen Bogen um uns auf einer vier Meter breiten Brückenstraße hätte machen können, kommt ihr nicht in den Sinn. 10 km sind erreicht, dank des früheren Starts und des Umwegs bin ich schon bald 2 Stunden unterwegs.

Der Kurs führt nun über vom gestrigen Regen aufgeweichten Feldwegen, tiefe Pfützen erschweren das Vorankommen, denen ich ausweiche, um nasse Schuhe zu vermeiden. Die (noch) nicht asphaltierten Zugänge zu den einsamen Reihenhäusern inmitten von Nirgendwo sind überflutet.

Bei der Breitenleer Straße befindet sich eine Billa-Filiale. Es ist nicht ein Läuferkollege, der aus dem Lebensmittelgeschäft rauskommt, es ist der Schladminger Begleiter auf dem Fahrrad: „Ich hob mia wos zum Essen kaft, des is anstrengend auf dem Radl“. Auch die beiden 61-Trailrunner sind nachgekommen,  wir bewegen uns eine Zeitlang nebeneinander bis sie beschließen, wieder schneller zu werden.

Nach ca. 17 km erreichen wir Süßenbrunn, bis 1938 eine eigenständige Gemeinde und heute ein Stadtteil von Wien-Donaustadt. Bei der Umrundung Wiens im Norden wird mir bewusst, wie zentral ich in Citynähe wohne und wie lange man mit öffentlichen Verkehrsmitteln braucht, um von hier in den 1. Bezirk zu kommen.

Einige Häuser haben auf den Fensterbänken und Gartenzäunen inzwischen beleuchtete Kürbisse aufgestellt. Heute Nacht ist Halloween, ein Brauch, der sich seit den 1990er Jahren in US-amerikanischer Ausprägung auch im kontinentalen Europa verbreitet hat und ursprünglich auf die Kelten zurückgehen soll. Kinder bekommen Süßigkeiten, das ist bei uns im Wohnhaus so üblich.

Die nächste Labe befindet sich bei Peters Reiterstüberl, ein Fahrzeug hat die abgegebene Verpflegung inkl. Getränke geladen. Etliche Läufer, die mich auf den letzten 5 km überholt haben, machen hier eine Erholungspause. Ich habe beim Start weder feste Nahrung noch ein Getränk deponiert. Als Trinkvorrat habe ich zwei 0.5 l Wasserflaschen sowie je eine Dose Red Bull und Cola im Rucksack. Ich frage mich, wozu ich einen Trinkbecher benötige, der vorschriftshalber mitzuführen war. Ich arbeite mir einen kleinen Vorsprung heraus, bis mich dann wieder einige der Kollegen auf dem Elfingerweg in Richtung Gerasdorf zur 20 km-Marke einholen.

 

 

Dort setze ich mich auf eine Gartenmauer und gönne mir eine Pause. Ein etwas beleibter Mann kommt aus dem Haus und fragt, warum ich heute am Halloweentag hier mit einem Rucksack unterwegs bin. „Wos, des tuast da on, moch an Umweg oder nimm glei die Schnellbohn do vurn.“ Guter Ratschlag, aber der Kollege von der Rennleitung, der die Trackerspuren als Lichtpunkte auf dem Display hat, würde mich „zurückpfeifen.“

Jetzt um 16:30 Uhr ist die Dunkelheit schon voll da, der Plan im Beiheft zeigt eine längere Wegstrecke durch Gänserndorf. Eine Markierung des städtischen Rundumadum-Weges sehe ich allerdings nicht. So bewege ich mich mit der Ungewissheit voran, vielleicht den richtigen Weg erneut verloren zu haben. An einigen Fensterbänken leuchten die Kürbisse, Menschen sind aber keine unterwegs. Wen und wie hätte ich fragen sollen? Aber dann doch: an einem Masten hängt das heute auf der Marathonstrecke schon hinlänglich gesichtete rot-weiße Band zur zusätzlichen Streckenmarkierung. Komisch ist schon, dass kein Läufer hinter mehr derzeit nachkommt. Erst als der Kurs (für die 61 km und 42 km) nach Norden abbiegt, sehe ich die beiden mir vom Smalltalk bekannten Ultraläufer erneut. Sie haben am Straßenrand ihre Rucksäcke abgestellt und rüsten sich für die Dunkelheit. „Ihr holt mich bestimmt wieder ein!“ rufe ich ihnen zu. Doch da habe ich mich geirrt. Sie werden hinter mir finishen. Und es sind noch 20 km zurückzulegen. Bei Dunkelheit und leider für ungeübte Trail-Läufer wie mich keine leichte Aufgabe. Ich bin gewöhnt, auf einem gut markierten Kurs einen Marathon zu laufen, heute muss ich permanent den richtigen Weg suchen.  

Hinter mir zeigen sich Lichtkegel von Stirnlampen, eine Gruppe von vier Läuferinnen hat zu mir aufgeschlossen. Auch die vier „Frühstücksläuferinnen“, wie sie sich nennen, haben sich einmal verlaufen, erzählt eine, als ich mich der Gruppe auf Zubringerwegen in Richtung zum Marchfeldkanal anschließe. In der Dunkelheit kann man dieses eigentlich künstlich errichtete, naturnah gestaltete Gerinne mit Wasser aus der Donau in Niederösterreich und Wien nicht ausmachen. Der 18 Kilometer lange Kanal ist Naherholungsgebiet und ein wichtiger Wasserlieferant für die Gemüsebauern des Marchfelds.

Als meine Garmin schon fast 28 km anzeigt, dreht der Kurs von Westen, weg von Marchfeldkanal wieder nach Norden. Die Gegend hier ist reines Ackerland. Im Marchfeld fällt seit Jahren sehr wenig Niederschlag, was man angesichts der stehenden Pfützen gar nicht so recht glauben kann. Es ist nicht so einfach, vorstehende Wurzeln und all die Unebenheiten bei Dunkelheit zu sehen. Eine Kollegin aus der Gruppe der Frühstücksläuferinnen kann gerade vor mir einen Sturz abwenden. Als wir endlich zur stark befahrenen Brünner Straße kommen, herrscht Ratlosigkeit – wieder fehlt an der richtigen Stelle die Markierung. Doch die Damen sind nicht das erste Mal dabei, sie haben vorgesorgt: nach Anrufen zu Hause bei Angehörigen, die den Track elektronisch mitverfolgen, kommen wir wieder voran. Beschämend ist, dass ich keine Hilfe bin, sondern ohne die vier Kolleginnen mit großer Wahrscheinlichkeit hier gestrandet wäre.

Wir befinden uns nun in der unmittelbaren Umgebung des 358 m hohen Bisambergs, dessen südliche Ausläufer bis nach Stammersdorf und Strebersdorf, beide zum 21. Wiener Gemeindebezirk (Floridsdorf) gehörig, reichen. Man merkt deutlich den Anstieg im Gelände und muss auch mehr Kraft beim Marschieren aufwenden – von Laufen kann hier keine Rede mehr sein, wenn man fast bei jedem Meter schauen muss, ob vielleicht eine neue Abzweigung kommt. Während die 61 km-Läufer auf den Bisamberg ganz hinaufmüssen, geht es für uns nun zur letzten Labe bei 30 km (meine Garmin zeigt inzwischen 32.8 km an). Ich ändere meine Strategie und mache an der Labe eine Pause.

 

 

Die Kolleginnen verweilen dort fast 10 Minuten – das hätte ich mir sparen sollen, denn als wir dann gemeinsam zum abwärts führenden Stammersdorfer Heurigenpfad entlang der Krottenhofgasse auf Kopfsteinpflaster kommen, zieht die Gruppe davon. Ich komme nur langsam voran. Auch die Kamera ist bei Dunkelheit nicht einsetzbar. So kann ich die Umgebung, Weinberge und -gärten sowie versteckte Gässchen mit Weinkellern etc. nicht fotografieren.  Auch am asphaltierten Mühlweg durch Strebersdorf kann ich die vier Frühstücksläuferinnen nicht mehr einholen.

Hinter mir kommen weitere 42 km-Läufer nach. Die verbleibenden 10 km sind aber auch für alle anderen Renndistanzen bis in Ziel im Donaupark gleich. Probleme mit der Orientierung bekomme ich erneut, als ich mich auf einem Teilstück entlang des Marchfeldkanals bewege und infolge der Dunkelheit die Markierungen nicht ausmachen kann. Hilfreich ist die Stirnlampe  einer Läuferin, die mich überholt hat und nun gut 300 m vor mir in einem Waldgebiet unterwegs ist. Ich kann ihrem Lichtkegel folgen. Sobald die für mich knifflige Passage nach der Unterführung bei der Prager Straße geschafft ist, wird die Orientierung dank Straßenlaternen hin zur Überführung über die Donauufer-Autobahn bei Kilometer 35 wieder viel leichter.

Von nun an geht es auf einem mir bekannten Terrain, dem Radweg auf der oberen Donauinsel, voran. Doch die 7 km scheinen heute in der Dunkelheit kein Ende zu nehmen. Ein halbes Dutzend Läuferkollegen, zumeist aus dem 61 km-Bewerb, überholen mich. Mein Problem heute ist das ungewohnte Gewicht am Rücken.  Zum Laufen fehlt mir Kraft und Technik. Und auch die Motivation, weil mich fast 3 km zurückgelegte Umwege einfach wurmen.

Ich passiere die Schilfhütte zu meiner Rechten, ein Restaurant, das nach Bränden erst 2019 wieder eröffnet wurde.

Bis ins Ziel ist es noch ein weiter Weg, den man mit dem Rad in 20 Minuten zurücklegt, beim schnellen Gehen aber dafür eine weitere Stunde braucht. Die Nordbrücke kommt in Sicht, die nachfolgende Floridsdorfer und Brigittenauer Brücke über die parallel zum Donaustrom in den Jahren 1972 bis 1987 als Entlastungsgewässer für den Hochwasserschutz gebaute Neue Donau auf einer Länge von 21 km sind dann für mich weitere Ankerpunkte im nächtlichen Marsch zum Donaupark.

2 km vor dem Ziel kommt mir eine Radfahrerin entgegen, die mich fragt, ob alles in Ordnung sei. Ich entgegne, dass ich Probleme mit der Orientierung habe und mit dem Trail nicht zurechtgekommen bin. „Das höre ich sehr selten“, antwortet die Kollegin von der Streckenaufsicht. Ein zweiter mobiler Streckenkontroller weist darauf hin, dass ca. bei Kilometer 40 links abzubiegen ist. Es geht erneut über die Donauufer-Autobahn hinein in den Donaupark. Wieder kommt mir ein Läuferduo nach, hier in der gut beleuchteten Umgebung sollte man sich nicht verirren. Doch leider fehlt es gerade jetzt wieder an einem Wegweiser bei den Abbiegeoptionen. Ich orientiere mich an dem Lärm, der vom Zielgelände herkommt. Endlich ist es soweit. Auf der Straße erblicke ich einen roten Pfeil, der nach links durch einen geöffneten Zaunbereich hinein ins Ziel führt, welches in einem überdachten Areal untergebracht ist. Gleich werde ich nach den Tracker gefragt, den man wie das als Startnummer fungierende Gummiarmband ebenso prompt abgeben muss. Die Medaille ist aus Plexiglas mit einem Aufkleber. Mit meinen 7:39 h falle ich in die Kategorie Bronze, für Silber hätte ich unter 7 h finishen müssen. Zur Stärkung kann man einen prall gefüllten Verpflegungssack mitnehmen. Einige Finisher haben sich im Zeltbereich umgezogen und essen nun ihre Käsesemmeln. Ich werde am Weg zum Auto die überdimensionierte Zimtschnecke mit Genuss auffuttern.

Aber um ehrlich zu sein, ich bin froh, dass ich den Marathon geschafft habe. Das war ein hartes Stück Arbeit.

 

 

 

Was fällt mir als Fazit ein?

 

Nach mehr als 400 Marathons in bald 20 Jahren war dies mein erster richtiger Orientierungslauf bei Dunkelheit. Trail-Läufer wird man nicht von heute auf morgen. Ein wichtiger Aspekt ist die Ausrüstung, die so leicht wie möglich sein sollte. Der Tracker mag eine Schutzvorrichtung sein, aber nicht immer wurde man angerufen, wenn man vom Weg abkam, das haben mir etliche Läufer/innen bestätigt.

Als Manko empfinde ich die vielfach fehlenden bzw. bei Dunkelheit einfach nicht sichtbaren Bandmarkierungen. Wer die Strecke nicht kennt bzw. sich den Verlauf nicht vorher am Plan  genau angesehen hat, kommt auf gewissen Abschnitten nicht voran und kann sich rasch verirren. Man hat es verabsäumt, an einigen heiklen Stellen zumindest ab Einbruch der  Dunkelheit Streckenposten einzusetzen, die den Läufern den richtigen Weg hätten weisen können.

Das Preis-/Leistungsverhältnis würde ich mit unzureichend bewerten: 90 Euro Startgeld sind zu hoch gegriffen. Meine Empfehlung an den Veranstalter: Entweder auch den Marathon schon am Vormittag beginnen statt um 14 Uhr oder gleich die ganze Veranstaltung in das Frühjahr/den Sommer zu verschieben – dann würde man mehr und während der gesamten Laufzeit die schöne Landschaft genießen können.

 


 

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