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Laufberichte

Warschau Marathon: Do widzenia 2020

29.09.19 Special Event
 

Voriges Jahr feierte der „maraton Warszawski“ sein 40. Bestandsjubiläum, das ich leider verpasste. Die Medaillen, die bei den größeren polnischen Cityläufen ausgegeben werden, sind allesamt Sammlerstücke, so auch jene, die  den Finishern beim 33. Bewerb in der polnischen Hauptstadt gereicht wurde. Sie  zeigte den 2010 verstorbenen Präsidenten des Polnischen Olympischen Komitees, Piotr Nurowski und hat bei mir zu Hause einen Ehrenplatz in der Vitrine bekommen.

Wenn ich meine Statistik so durchscrolle, so war das damals erst mein 86. Marathon, aber die Finisherzeit mit 04:31:31 ist nach 8 Jahren und mehr als 300 weiteren Marathons für mich inzwischen mit all den orthopädischen Beschwerden unerreichbar geworden. Ich bin auf lange Öffnungszeiten angewiesen, die 41. Ausgabe des größten Laufspektakels in Warschau am 29. September bietet großzügig 6 ½ Stunden an. So freue ich mich wieder einmal nach Polen zu reisen und auf eine schöne Medaille.

Polen hat sich seit dem EU-Beitritt 2004 richtig gut entwickelt – dass das 38 Mio. Einwohner zählende Agrarland mit vielen kulturhistorischen Bauwerken in den größeren Städten der größte EU-Nettoempfänger ist, hat zu vielen Investitionen mit nachhaltiger Bedeutung für die Infrastruktur und den Tourismus geführt. Mit 312.696 km² ist das Land ca. 4x so groß wie Österreich und nur geringfügig kleiner als Deutschland. Die Hauptstadt Warschau mit zahlreichen Institutionen, Universitäten, Theatern, Museen und Baudenkmälern ist die flächenmäßig größte und mit über 1,75 Mio. Einwohnern bevölkerungsreichste Stadt des Landes. Zahlungsmittel in Polen ist nach wie vor der Złoty, ein Euro entspricht derzeit ca. 4,37 Złoty.

Für den Marathon registrieren konnte man sich bequem über die mehrsprachige Veranstalter-Website. Wie bei etlichen anderen Marathons in Polen erhalten Senioren über 60 besondere Vergünstigungen – das kann von einer 50 %igen Ermäßigung wie in Warschau bis zu einem Gratisstartplatz (wie in Danzig beim Solidarnosc Marathon) reichen.

Aus Bequemlichkeit nehme ich diesmal nicht eine siebenstündige Zugfahrt von Wien nach Warschau auf mich, sondern ziehe den einstündigen Flug mit der AUA vor. Als ich um 15 Uhr 30 im Hotel einchecke, verbleiben mir bis zum Ende der Frist zur Abholung der Startunterlagen noch 4 ½ Stunden.  Am Renntag selbst werden keine Startsackerl ausgegeben.

 

 

Ich kenne mich in Warschau etwas aus.  In den 1970ern, lange vor dem Fall des Eisernen Vorhangs war ich regelmäßig in Polen. Für einen US$ bekam man bis zu 150 Złoty, ich lebte als sonst „armer Student“ hier auf großem Fuß: im einzigen Kaufhaus kleidete ich mich immer neu ein und ließ die alten Sachen gleich in der Umkleidekabine hängen. Ein üppiges Essen im besten Restaurant kostete vielleicht 400 bis 500 Zloty. Und in den zwei ostdeutschen Buchhandlungen kaufte ich kofferweise Fachbücher – auch in den naturwissenschaftlichen Werken war der mehrseitige Vorspann stets mit marxistisch-leninistischer Doktrin versehen. Eine Freundin hatte ich auch, ich brachte ihr Geschenke aus Wien mit. Einmal erzählte mir ihre Großmutter aus Versehen, dass Grazyna bei ihrem Verlobten in Krakau weile, so hat sich unser Kontakt verflüchtigt.

Metro gab es damals natürlich keine, sie wurde erst 1995 eröffnet und umfasst derzeit zwei Linien mit einer Länge von 32,4 km und 31 Stationen. Auf der Homepage wird gut beschrieben, wie man zur Expo kommt.

Die Expo selbst erlebe ich nicht als besonders spektakulär: Sportbekleidungsausteller und Veranstalter, die ihre Marathons bewerben. Was aber fehlt, ist eine Merchandise-Ecke. Ich würde mir gerne das offizielle Shirt kaufen, aber nur wer eines bei der Registrierung bestellt hat, für den ist es im Startpaket enthalten. Dann mache ich mich auf den Weg zur Bushaltestelle, wo inzwischen großer Andrang herrscht. Als mir ein junger Mann im Bus seinen Sitzplatz anbietet, wird mir klar, dass meine beste Zeit eindeutig vorbei ist – man hält sich selbst nicht für gebrechlich, aber das Umfeld nimmt das Alter wahr. Ich sage „dziękuję“ – vielen Dank, aber die Frau mit Kind braucht ihn eher.

Der Hauptbahnhof ist nur ca. 200 m entfernt, ebenso der am Abend beleuchtete Kultur- und Wissenschaftspalast,  ein zwischen 1952 und 1955 im Baustil des Sozialistischen Klassizismus errichteter 237 m hoher Wolkenkratzer – der „Stalinpalast“ ist inzwischen eine Art Wahrzeichen von Warschau.   

 

 

Mein Lauftag

 

Das Hotel bietet täglich bereits ab 06:00 ein Frühstücksbuffet an – ein halbes Dutzend Läufer sind schon wie ich gestellt. Ein gut gefüllter Magen auch vor einem Marathon gehört für mich dazu. Gaumenfreuden davor helfen darüber hinweg, wenn es dann beim Sport nicht so gut läuft. So sitze ich ein Stunde beim Frühstück und hoffe, dass mir heute bei einem sehr großen City Marathon mit ca. 5.000 Teilnehmern endlich wieder einmal eine passable Finisherzeit gelingen möge.

Das Marathon Village beim Traugutta Park ist total durchgeplant – es ist alles da, was man braucht und von anderen großen Laufevents kennt: Dixi-Klos, fast 50 kleine DPD-Busse zur Aufbewahrung der Kleidersäcke, die man bei der Expo mit einem Klebeetikett bekam, Duschen, eine Feldküche, VIP-Zelt, Liegestühle zum Ausruhen vor und nach dem Lauf, eine langgezogene Finishermeile beim Multimedia Park Fontann nahe dem Weichselufer u.a.m.

 

 

Um 08:20 ist schon reger Betrieb, der Platzsprecher kommentiert in bestem Englisch das Geschehen, er verweist auf das gute Wetter – bewölkt bei ca. 12 Grad C am Morgen – für den Marathon. Eine starke Abordnung der Laufgruppe „Spartanie Dzieciom“ ist auch am Start. Sie verbindet den Sport mit Kinderhilfe. Diese Gruppe habe ich schon mehrmals bei Marathons in Italien angetroffen. Die meisten wirken bestens trainiert, mal sehen, wie es ihnen dann im Rennen mit ihrer schweren Ausrüstung so geht.

Pacemaker werden auch aufgeboten, aber nur bis 4:50 Stunden Laufzeit. Da wäre ich gerne von Anfang bis zum Schluss dabei. Alle Starterinnen und Starter werden vom Platzsprecher angesprochen, sich gemäß dem beim Registrieren angeführten Leistungsniveau in die dafür gekennzeichneten Sektoren zu begeben, wo zur Verdeutlichung die Tempomacher stehen.

Ich bin mitten im Feld, die einmalige Chance, Hunderte Starter beliebig abzulichten. Bis mich die Nachhut erreicht hat, werden Minuten vergehen. Wir laufen nach Westen, dann dreht der Kurs und es geht nach Norden entlang der Andersa zum Bahnhof Dworzek Gdanski, wo auch eine Metrostation ist. Der kleine Anstieg auf die Brücke über die Gleise wird am Anfang des Rennens bei hohem Adrenalinspiegel nicht wahrgenommen. Joe Kelbels Beobachtungen, dass Läufer sexy sind, trifft auf die Frauen im Feld noch mehr zu, die Sportartikelindustrie hat das Ihre dazu beigetragen.

Zahlreiche Läufer höre ich neben mir Deutsch reden, die 4:40er Pacer sind schon durch. Ja, die Leute, die an mir vorbeiwirbeln, haben genug Luft zum Quatschen. Mich erkennt ja eh keiner hier, beim Fotografieren weiche ich auf den Gehsteig aus. Inzwischen sind auch die 4:50er, die letzte Pacemakergruppe mit einigen Dutzend Followern im Schlepptau nachgekommen, ich bleibe eine Zeitlang dran, erst 3 km sind erreicht.

 

 

Zur rechten sieht man die erhöht liegende Warschauer Zitadelle, eine  Festung aus dem 19. Jahrhundert. Sie diente als Bollwerk der russischen Besatzungsmacht gegenüber Unabhängigkeitsbestrebungen der Polen. Hier bei Kilometer 4 – laut Ankündigung werden auf der gesamten Strecke alle Kilometer ausgewiesen – kommt es zu einem Ansturm der Spartanergruppe, die von hinten nachdrängt. Ich fotografiere die Abordnung, die einen schweren Wagen mit einer Walküre oben am Sitz nachzieht. Es geht leicht aufwärts, die Gruppe fällt zurück. Der erste Brückenabschnitt über die Weichsel in östliche Richtung ist über die Most Gdansk, eine 406,5 m lange und 17 m breite Stahlfachwerkbrücke, die  am 31. Juli 1959 nach dreijähriger Bauzeit eröffnet wurde, ist zu bewältigen. Knapp vor der Brücke befindet sich die erste großangelegte Versorgungsstelle mit Iso, Wasser und Bananen. Dutzende Schülerinnen und Schüler haben sich als Helfer bereitgestellt.

Die Weichsel unter uns ist ein 1048 Kilometer langer, tlw. naturbelassener Strom und der längste Fluss in Polen, der in die Ostsee einströmt.  Auf der Brücke befindet sich die 5km-Anzeigetafel mit der ersten Messvorrichtung. Nach der Brücke dreht der Kurs wieder, im Uhrzeigersinn geht es weitläufig am großen Gelände des Warschauers Zoos mit mehreren Tierarealen vorbei. Noch vor dem Kilometerpunkt 8 folgt die nächste kleinere Labestation. Ich kämpfe mich an einigen noch Langsameren vorbei und wünsche dem Kollegen, dass er den Marathon schaffen möge.  Vor dem Tunnel mit einem Sauerstoffsprühregen für jene, die reinlaufen, kommt der nächste Ansturm der Spartaner. Ich bin überrascht und beeindruckt, mit welchen Reserven die verbliebenen – einige Starter sind schon zurückgefallen – Kämpfer und Unterstützer kranker und bedürftiger Kinder in Polen bei der Sache sind. Bis Kilometer 10 laufen wir gleichauf, dann fallen sie wieder etwas zurück – wohlgemerkt mit einigen Extrakilos dank der Ausrüstung.

 

 

Meine Zielzeit für 10 km unter 1:20 habe ich laut Garmin erreicht, dieses „Tempo“ aber zu halten, wird schwer. An der Labe bei Kilometer 11 gönne ich mir eine Pause. Wir sind kurz durch Wohngebiet gelaufen, ab und zu applaudieren einige wenige Zuschauer, die eher zufällig das Geschehen erleben. Auch eine Musikgruppe habe ich bereits gesichtet.

Beim 2012 für die Fußball-Europameisterschaft erbauten Stadion Narodowy kommt es zu einer Begegnungsstrecke.  Wir, die links laufen, haben eben 12 km geschafft, die uns rechts entgegen kommen, liegen einen Kilometer vorne – auch die 4:40er-Pacemakergruppe ist darunter. Hinter uns kommen erneut die Spartaner nach, diesmal muss ich die Gruppe ziehen lassen, ihr Tempo ist mir zu hoch.

Nun führt der Kurs wieder über eine Bücke, die Most Świętokrzyski, eine in den Jahren 1998 bis 2000 errichtete Schrägseilbrücke, die die zentralen Stadtteile Warschaus an beiden Weichselufern verbindet. Bei Kilometer 14 ist die erste Staffelübergabe vorgesehen. Die nächste große Versorgungsstelle folgt beim Nationalmuseum, das mit seinen Außenstellen im Königsschloss und im Palast von Wilanów das größte Museum der Stadt ist – 15 km sind erreicht. 

Der Marathonkurs führt weiter durch einen Stadtteil mit Villen aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Im weitläufigen Lazienki-Park befinden sich ein botanischer Garten und der prunkvolle gleichnamige Palast aus dem 18. Jh. Unweit des Chopin-Denkmals gibt es Aufführungen klassischer Musik. Die Galerie im Schloss Ujazdów zeigt moderne Kunst. In der Nähe steht das Stadion des Fußballclubs Legia Warschau, der nicht nur wegen sportlicher Erfolge, sondern auch wegen Fanausschreitungen in die Schlagzeilen kam. Beim Durchlauf auf der sandigen Straße mit einer Länge von fast 2 km inmitten von vielen Spaziergängern, die kaum Anteil am Geschehen nehmen, kann ich wieder einige einholen.

Gleich darauf folgt die nächste Versorgungsstelle – diesmal gönne ich mir ein Bananenstück. Versorgungsstellen gibt es beim 41. Warschau Marathon zuhauf, knapp vor Kilometer 20 folgt erneut eine. Die Halbmarathondistanz bei der ul. Nowy Świat, eine der historischen Straßen von Warschau und Teil des Warschauer Königswegs vom Königsschloss nach Wilanów, erreiche ich wenig später.

Eine Sambagruppe im grün-gelben Brasil-Look sorgt für rhythmische Klänge, die uns Läufer beflügeln sollen. Wir Nachzügler sind auf dem Wege in die Altstadt von Warschau, man kann zur Linken den ca. 2 km entfernten Kulturpalast erblicken. Wer nach rechts blickt, sieht einige Sehenswürdigkeiten wie z.B. die 1816 gegründete Universität  von Warschau, die Platz für 50.000 Studenten bietet, den Warschauer Präsidentenpalast  aus dem 17.Jh., das Königsschloss und die Sigmundsäule.  Wer sich noch an den Geschichtsunterricht erinnert weiß, dass Polen von 1795 bis 1918 als souveräner Staat von den Landkarten Europas verschwunden war. Doch die polnische Kultur überlebte diese Zeit trotz fremdstaatlicher Unterdrückung und feierte nach 1918 eine Wiedergeburt. Fast wäre es im Dritten Reich erneut zu einer „Ausradierung“ der Eigenstaatlichkeit gekommen – heute ist Polen das sechstgrößte Land in der EU.

Ein Stand mit Traubenzucker kommt mit gerade recht – mit viel Wasser spüle ich den Energiespender hinunter und setze zu einer „Aufholjagd“ an.  Es geht nun in einer großen Runde stadtauswärts, durch Wohngebiet im Grünen, auf langgezogenen, nie enden wollenden Straßen. Ich zähle die Kilometer. Wir nähern uns einer Autobahnauffahrt, eine Spur auf der DK7 ist für die Marathonläufer reserviert. Es geht nach Süden, man hat gute Fernsicht.

 

 

Nach 34 Kilometern kommen wir zurück in eine Grünzone, wo es einen leichten Anstieg gibt.  Ich kann hier wieder einige schnelle Walker einholen, doch sobald es eben wird, holen sie mich wieder ein. Diese Runde auf die Most Gdańsk sind wir schon gelaufen, die 36 km-Anzeige befindet sich auf der Brücke. Diesmal laufen wir nicht um den Zoo herum, sondern durch den Park. Die letzten Kilometer ziehen sich. Bei Kilometer 39 folgt der Anstieg auf die Most Świętokrzysk. Damit es besser ausschaut, imitiere ich den Läufer 100 m vor dem postierten Fotografen. Bei Kilometer 41 beanspruche ich nochmals die Versorgungsstation, es ist warm geworden, mein Gaumen ausgetrocknet. Durch Stadtgebiet und weiter auf der gesperrten Schnellstraße parallel zur Weichsel geht es ins Ziel. Eine Französin überholt mich knapp davor und schreit mir zu: „Allez, allez!“

Ich bin froh, das Ziel endlich erreicht zu haben. Je eine Flasche Mineralwasser und ein blau gefärbtes Isogetränk, sowie eine Dose alkoholfreies Bier und Bananen zum Mitnehmen stehen für die Finisher bereit. Ich bewege mich schweren Schrittes mit schmerzenden Füßen zum Suppenstand. Schon ein Hit, so eine warme Suppe.

 

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Ein kurzes Fazit:

Alle großen Marathons, die ich in Polen kenne, sind bestens organisiert, die Startgebühr zumeist um die Hälfte günstiger als im westlichen Ausland. Auf Goodies und Extras wird Wert gelegt, bisher habe ich bei allen Marathons in Polen zumindest ein Shirt in Baumwolle gratis bekommen.  Diesmal musste es allerdings bei der Registrierung gegen Vorkasse bestellt werden. Liebhaber von schönen Medaillen kommen bei Marathons in Polen auf ihre Rechnung. Der Warschau Marathon ist flach, auf der schnellen Strecke trotz viermaliger Brückenüberquerung kann man durchaus ein Personal Best anstreben. Das Zuschauerinteresse ist am Laufevent jedoch gering, die zahlreich aufgebotenen Musikgruppen spielen mehr für sich. Trotzdem halte ich den Warschau Marathon für absolut empfehlenswert.

 

Siegerliste Herren:

1. Dadi Yami GEMADA (ETH) – 02:11:39
2. Asmamaw Chalachew TIRUNEH (ETH) – 02:11:54
3. Abeyneh Endale BELACHEW (ETH) – 02:15:10

 

Reihenfolge bei den Frauen:

1. Jepchirchir Rebecca KORIR (KEN) – 02:29:04
2. Eunice MUCHIRI (KEN) – 02:23:24
3. Ayana Aberu MULISA (ETH) – 02:37:07

 

4555 Finisher beim Marathon

 


 

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