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Laufberichte

Rijeka Marathon: Homo si teć – Lasst uns laufen gehen

14.04.19 Special Event
 

Auch wenn im deutschsprachigen Raum im April sicher kein Mangel an schönen Marathons besteht, bin ich bekanntermaßen ein großer Fan von Läufen am Meer in südlichen Regionen.

Der letzte Anlauf im Februar auf Malta ist leider durch einen Sturm hinweggeweht worden, so dass  Judith und ich uns nun per Auto nach Kroatien aufmachen. Wie so oft bei Querungen der Alpen zeigt sich, dass die Autobahnen ohne Ferienverkehr sehr leer sind und man problemlos voran kommt. Es bleibt sogar noch Zeit, um einige Tunnel auszulassen und die parallelen Pässe zu befahren. So brauchen wir für die 520 km aus München insgesamt acht Stunden. Alternativ ist Rijeka auch mit dem Zug oder Flugzeug zu erreichen.

Samstags um 18:00 Uhr kommen wir am Hafen an und haben noch genug Zeit, dort im Zelt unsere Startunterlagen abzuholen. Im Startpreis von 17 bis 28 Euro sind ein Säckchen, Laufshirt, Mikrofasertuch und einige Pröbchen enthalten. Auch ein Milchmixgetränk und eine Dose Heineken 0,0 sind dabei. Problemlos findet man in Rijeka eine Unterkunft. Unser Appartement liegt fast direkt am Start/-Zielbereich.

Rijeka ist mit 128.000 Einwohnern die drittgrößte Stadt Kroatiens. Das Land selber hat eine Bevölkerung von 4,4 Millionen und zieht sich über 1.778 km entlang der östlichen Adriaküste von der Gegend um Dubrovnik bis nach Istrien. Die Stadt befindet sich am südlichen Ende der istrischen Halbinsel. Im Norden liegen das slowenische Koper und das italienische Triest. Die Häfen aller drei Städte bemühen sich wohl, ihre Transportkapazitäten an den Mann beziehungsweise die Unternehmen in Österreich und Ungarn zu bringen.

Rijeka - der Name  bedeutet nichts anderes als „Fluss“ - war schon in der Steinzeit besiedelt. Von 1465 bis 1918 gehörte es mit kleinen Unterbrechungen zum Habsburger Reich. Die Habsburger bauten die Stadt, die unter ihrer Ägide  „St. Veit am Flaum“ genannt wurde, parallel zu Triest aus. Vielleicht fallen mir deswegen viele Ähnlichkeiten auf.

Judith und ich nutzen den langen Abend, um uns ein bisschen in der schönen Altstadt umzusehen, bevor wir uns zum Essen in das Lokal Mornar aufmachen. Just dort treffen dann auch die afrikanischen Topläufer des Halbmarathons ein, die sich hier an Reis und Pommes laben, während der Funktionär die Fischplatte für sich entdeckt hat.

Der Rijeka-Marathon wird dieses Jahr zum vierten Mal ausgetragen und die Ausstattung des Start-/Zielbereichs braucht sich nicht vor anderen Veranstaltungen zu verstecken. Ein Läufer erklärt mir, es handle sich um  das größte Laufevent des Landes. Ein Manko sind vielleicht die nur wenigen Toilettenhäuschen beim Hafen, was aber durch die vielen Cafés in Startnähe mit entsprechenden „Einrichtungen“ kompensiert wird.

 

 

Kurz vor 9:30 Uhr haben sich über 850 Sportler versammelt und fiebern dem Start entgegen. Die Informationen des Sprechers prasseln auf uns nieder und perlen an mir gleich wieder ab. Ich kann halt kein Kroatisch. Links von uns das Gebäude von Radio Rijeka, das Rathaus und der Stadtturm, ein Wahrzeichen aus der Habsburgerzeit.

Dann geht es los. Schnell sind wir am Hafenkanal, den wir umrunden. Vor uns ein alter Seelenverkäufer, der vor sich hin rostet. Vielleicht ein historisches Schiff, das noch auf eine Renovierung wartet? Und schon geht es nach oben. Jürgen aus Kassel spricht mich an und klärt mich auf, dass es wohl heute einiges an Höhenmetern zu bewältigen gibt. Er selbst war letzte Woche bei wesentlich schönerem Wetter in Hannover unterwegs. Die Temperatur hier ist heute läufertauglich, schade nur, dass es recht trübe ist.

Die Straßen auf den ersten Kilometern sind ausreichend breit, es gibt einiges zu sehen. Schon bald wartet die erste Musikgruppe auf uns. Ein kleiner Park über dem Meer trägt den Namen Nike. Eine große Bucht wartet in Martinšćica auf uns. Auf der  Viktor-Lenac-Werft sind viele Kräne und Schiffe anzusehen, besonders auf der folgenden Steigungsstelle. „Paris“ liegt vor uns, hier aber nur als Name eines Restaurants. In einem kleinen Villengebiet warten einige Zuschauer. Die gibt es besonders auf der ersten Hälfte öfter.

Kilometer sechs bis neun kann man sicher als das Highlight des Rijeka-Marathons bezeichnen. Direkt an der zerklüfteten Küste entlang geht es über einen Fuß-/Radweg. Wunderbare Ausblicke auf kleine Kiesbuchten mit klarem, hellblauem Wasser, welches aber zurzeit nur mit 12 Grad Temperatur aufwarten kann. Der Weg ist so breit,  dass es zu keinem Gedränge kommt. In vielen Lokalen am Wegesrand sind die Tische schon gedeckt. Immerhin ist heute Palmsonntag und es werden später wohl noch viele Kirchgänger zum Mittagessen erwartet. Etablissements mit Namen wie Mosquito Bar, Metropolis oder Bunga Bunga versprechen ein reges Nachtleben. An der Copacabana Bar verlassen wir den Weg und müssen noch ein bisschen weiter Richtung Süden auf den Schornstein des Elektrizitätswerks zu.

 

 

Das erste Viertel ist geschafft. Es geht über die Straße wieder in Richtung Rijeka, ab Kilometer 14 auf bekannter Strecke. Zuvor hat uns eine Band beim Zieleinlauf der 10er musikalisch eingeheizt, während die wartenden Shuttlebusse einiges an Diesel-Abgasen verströmten. Die Wechselstelle der Dreier-Teamstaffel für den Halbmarathon sorgt für Stimmung. Nochmals die Band und dann mit schönem Ausblick weiter Richtung Innenstadt. Am Kroatischen Nationaltheater Ivan Zajc aus dem Jahr 1765 vorbei. Links die schönen Markthallen der Stadt, heute auch gut besucht.

Die lange Hafenmole wartet auf uns. Die Halbmarathonis dürfen recht bald wenden, doch für uns geht es weiter hinaus. Wendestelle, der Halbmarathon ist geschafft. Zeitnahme, wie recht häufig auf diesem Kurs. Auf dem Rückweg habe ich eher keinen Blick für die zwei markanten Kräne, unter denen wir hindurch laufen. Eher  interessieren mich die Mitstreiterinnen, die noch hinter uns sind, und dann sollte man hier auch den schlechten Laufuntergrund im Auge behalten. Letztendlich benutze ich dann wie alle anderen auch die eigentlich „falsche“ Seite, denn diese ist  geteert.

Zwei riesige Jachten unter  britischer Flagge liegen hier vor Anker. Prachtbauten an der Riva-Straße. Die Lourdes-Kirche thront über der Laufstrecke, die Eisenbahn kreuzt unseren Weg. Man kann oben bleiben und hoffen, dass die Schranke offen ist oder man muss durch die Unterführung. Während Judith und zwei Italiener aus Prato Nord oben laufen dürfen, muss ich Höhenmeter sammeln. Der Ordner will das so.

Mein Kampfgeist ist damit gebrochen. Oder auch nicht. Nach meiner vierwöchigen Laufpause wegen starken Hustens bin ich total glücklich, den ersten Teil so gut hinter mich gebracht zu haben. Nun schwinden meine Kräfte zusehends. Ich weiß aber, dass ich mir jetzt eine Geschwindigkeit von 5 km/h erlauben kann, um das Ziel nach 5:30 Stunden zu erreichen. Was will ich mehr?

Auf einer Pendelstrecke geht es erst mal für sieben Kilometer auf einer komplett gesperrter Allee dahin. Das ist ganz nach meinem Geschmack. Der motorisierte Verkehr kann wohl auf die nahe Stadtautobahn ausweichen. Die Führenden kommen entgegen und verziehen keine Miene, als ich sie anfeuere. Erst die führende Frau, Jasmina Ilijas, lächelt mich an.

 

 

Eine Statue hält ein Schiff in der Hand. Dahinter liegt wohl wieder eine Werft. Es folgen eine Musikgruppe und Zuschauer am Stadion Kantrida,  schöne Alleebäume, blühender Flieder, viele Entgegenkommende  und einige Zuschauer. So geht es dahin. Ganz vorsichtig muss ich noch erwähnen, dass auf dieser Hälfte noch mehr Höhenmeter zu bewältigen sind, auch recht happige, aber alle im Laufschritt zu schaffen.

Die große Allee biegt nach rechts, wir bleiben ufernah auf der Straße nach Opatija. Auf einer großen Hotelbaustelle wird heute gewerkelt. Ab und zu sieht man durch das viele Grün die Hügel Istriens mit dem mondänen Seebad davor. Kurz vor Kilometer 32 sind wir wieder auf Meeresniveau. Judith kommt mir nun auch entgegen. Ich freue mich auf die Wendestelle, obwohl ich etwas unzufrieden bin, dass wir nicht bis ins Zentrum von Opatija kommen. Hätte mich mal interessiert, wie es in diesem bekannten und altehrwürdigen Badeort aussieht. Dafür erst einmal ein Stopp an der Verpflegungsstelle. Auf der zweiten Hälfte gibt es Wasser, Iso, Bananen und Orangen, gegen Ende auch Cola. Die VPs wirken recht klein. Aber es passt, da ja nur 140 Marathonis unterwegs sind.

Was soll ich sagen? Der Rückweg wird kein leichter sein. Die Bauarbeiter haben inzwischen Feierabend. Der Besenwagen kommt entgegen. Ein Gumiservis – vermutlich ein Reifenhändler - bietet am Straßenrand seine Dienste an.

 

 

Ich laufe ein wenig in Trance, sehe im Unterbewusstsein, dass auch einige Radler, Inliner und Skateboarder die breite Allee nutzen. Die Band beim Stadion ist immer noch voll dabei und bringt statt lateinamerikanischer Klänge nun Free Jazz zu Gehör. Leider muss ich mich von einigen Mitstreitern überholen lassen. Schnell noch ein Foto, dann prasselt eine Schimpfkanonade in fremder Sprache auf mich ein. Ein bulliger Läufer entreißt mir die Kamera, während ich ihm auf Englisch  zu erklären versuche, dass ich das Foto auch sofort löschen kann. Er schleudert den Apparat zu Boden. Fallhöhen bis 1,5 Meter hält das Gerät aus. Aber nicht mit voller Wucht. Die Zoom-Funktion ist beschädigt.

Ich bin ziemlich perplex. Ein nachfolgender einheimischer Läufer erklärt mir, dass der Rabauke wohl kamerascheu und zudem ohne Startnummer unterwegs ist.

Soll ich mich bei der nächsten Polizeistreife beschweren und mit zeitaufwändigen Verhandlungen mein Finish gefährden? Besser nicht. Ich bleibe verdutzt auf der Strecke. Am Bahnhof steht ein Denkmal mit einer Dampflokomotive. Das heitert auf. Das frische Grün der Platanen ist wunderbar. Dann nochmals durch die Unterführung mit dem Zug über mir. Einige Läufer überholen noch, ich halte mein Tempo. Die letzten vierhundert Meter geht es dann durch die Fußgängerzone. Unglaublicher Zieleinlauf mit persönlicher Ansage. Eine schöne Medaille, während die Zielverpflegung lediglich aus Wasser besteht. Wenige Meter weiter am Hafen ist gerade die Siegerehrung samt Standkonzert zu Ende gegangen. Für uns gibt es gegen Gutschein Pasta Bolognese mit Nachschlag. Getränke sind wohl schon aus. Dafür gibt es die Gelegenheit, sich massieren zu lassen.

 

 

Die Erst- bis Drittplatzierten der Altersklassen bekommen eine Medaille in Gold, Silber oder Bronze samt Einkaufsgutschein. Judith ist Erste und darf sich für 500 Kuna (67 €) in einem Sportgeschäft einkleiden.

Aufgrund des schönen Wetters beschließen wir spontan, unseren Aufenthalt um einen Tag zu verlängern und die Insel Krk zu besuchen, die wir aus den 1970er Jahren kennen. Und am Abend leisten wir uns eine Fleischplatte.

 

Fazit

Der Rijeka-Marathon ist eine sehr gut organisierte Laufveranstaltung mit mehreren Distanzen. Die Strecke nach Süden ist sehr abwechslungsreich, nach Norden städtisch. Anstrengend sind die mindestens 400 Höhenmeter, die sich durch steile, aber im Laufschritt zu bewältigende Anstiege bemerkbar machen.

Der Startpreis samt Funktionshemd mit 17 bis 28 Euro ist für das Gebotene sicher sehr gut. Insgesamt sind die Preise in Rijeka sehr günstig, weshalb sich die Marathonteilnahme gut mit einem frühsommerlichen Kurzurlaub verbinden lässt.
 
Sieger Marathon
1. MODIC Matic        SLO    2:32:00    
2. NAGY Tamás        KEN    2:37:03    
3. RADOJKOVIĆ Robert    CRO    2:39:21

Siegerinnen Marathon
1. ILIJAŠ Jasmina        CRO    3:01:52
2. VRAJIC Marija        CRO    3:17:14    
3. ŠĆUR Valentina        CRO    3:25:59

133 Finisher, darunter 5 Deutsche, 2 Österreicher

Halbmarathon: 388 Finisher, 40 Staffeln
10 k: 293 Finisher

 


 

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