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Maratona di Reggio Emilia: Ich komme wieder

 

Nach meinem Abstecher nach dem Marathon in Lecce in Kalabrien, am Stiefelabsatz der italienischen Landkarte gelegen, über Bari mit der Adria-Fähre nach Durres in Albanien, um am dortigen Nationalfeiertag von Shkodra ins benachbarte Montenegro einen weiteren, abenteuerlichen Marathon binnen 48 Stunden zu laufen, plane ich für das kommende Wochenende eine regenerative Ruhepause in meiner Lieblingstherme Bad Blumau ein. Ein wieder akut gewordenes gröberes Problem mit meinem rechten Vorfuß und ein eingezwickter Nerv im Rücken erinnert mich alsbald an meine durch den Hobbylaufsport begünstigten Blessuren. Ich suche  meine Stamm-Orthopädie-Praxis auf und lasse mir von der Frau Dozentin eine Cortison-Injektion 48 Stunden vor meinem Start in Reggio Emilia verabreichen. Meine kleine Welt ist wieder so, wie sie mir gefällt.

 

Anreise, Besuch der Expo und Sonstiges

 

2015 bin ich mit dem Auto dorthin gefahren, aber für die 800 km bei angekündigtem Schneefall und dadurch möglichen Behinderungen im Straßenverkehr disponiere ich auf eine Bahnfahrt um, die trotz Vorteils-Card und zusätzlicher CartaFreccia in Summe mit dem nur mehr verfügbaren Schlafwagen-Abteil Grand de Luxe (mit eingebauter Dusche) um gut 100 Euro teurer kommt als die Hin- und Rückreise mit einem schon in Österreich mit Diesel vollgetankten PKW (meinen V70 habe ich noch immer). Mobile Marathonsammler, die wie ich fast jede Woche auf Reisen sind, geben für ihr Hobby eigentlich viel Geld aus. Man fragt sich dann in stillen Stunden, wozu das alles und wohin das Ganze führen soll und wird.

Eine ad hoc-Antwort darauf kann ich nicht geben, wohl aber fällt mir ein, dass in Reggio Emilia, nicht wegen der Einwohnerzahl mit ca. 171.000 eine bedeutsame Stadt in der Region Emilia Romagna, sondern vor allem ihrer Geschichte, mein im heurigen Jahr 48. Marathon anfällt. Mit einer gewissen Strategie ließen sich wie 2013 auch heuer noch weitere 4 Läufe hinzufügen, vorausgesetzt, man ist bereit, weitere Reisekilometer und Kosten auf sich zu nehmen. Bei den Marathon Maniacs bekommt man für 52 in einem Jahr absolvierte Marathons eine interne „Auszeichnung“ – den Titanium-Level. Wer eine goldene Schallplatte bekommen hat, freut sich auch auf eine zweite. Also „schau ma amoi“.

Die Startnummernausgabe im Palazzo dello Sport nahe dem Start- und Zielbereich am Corso G. Garibaldi hat heute bis 20 Uhr geöffnet. Ich mache mich auf den Weg, bei jedem Auftritt schmerzt mein rechter Vorfuß. Die Orthopädin erwähnte nebenbei, dass halt so jeder (s)eine Sucht habe – sie hat nicht unrecht. Aber was soll’s?

Beim Betreten des Expo-Areals treffe ich den Präsidenten des Club Supermarathon Italia, Signore Paolo Gini, erfolgreicher Unternehmer und selbst Marathonsammler, der auf den Vierhunderter zusteuert. Immer mit bestem Beispiel voran und wie es sich für einen Vereinsobmann gehört. Freudig verkündet er, dass Gerhard und Werner aus Österreich und beide Clubmitglieder, anwesend sind – das ist deshalb erwähnenswert, weil gerade der Maratona di Reggio Emilia eine durch und durch patriotisch-italienische Laufveranstaltung mir sehr geringem Anteil an „stranieri“ ist. Paolo ist ein geschäftstüchtiger Präsident, der sich vorgenommen hat, sobald er ein Mitglied des Club Supermarathon bei der Expo erspäht, dieses zum eigenen Stand lotst und dort abkassiert, so wie es nun mir passiert – die Jahresgebühr von 20 Euro ist aber moderat und zumutbar.

Auch das Startgeld für den Marathon in der Höhe von 50 Euro (gestaffelt nach dem Zeitpunkt der Anmeldung), das diesmal ein sehr schickes Kurzarm-Shirt und einen Bon mit Preisnachlass für den Bezug einer Pasta vor oder auch nach dem Marathon beinhaltet, ist wie immer annehmbar, im Vergleich zu Städtemarathons in Österreich oder Deutschland eigentlich günstig.

Ich bleibe nicht lange, sondern mache mich hatschend auf den Weg zurück ins Hotel. Die Stadt erstrahlt im weihnachtlichen Glanz. Lichterketten schmücken die Via Emilia Santo Stefano, wo morgen der Marathon gleich nach dem Start entlang führen wird. Es ist kalt. 2001, als ich hier meinen insgesamt 5. Marathon lief, gab es einen echten Wintereinbruch, wir stapften durch 20 cm Neuschnee.

Ich war bisher zwar schon dreimal in Reggio Emilia, aber im Winter ist Sightseeing meine Sache nicht. Bauhistorisch gesehen sind die aufgezählten Sehenswürdigkeiten, Museen und Plätze gewiss von Bedeutung, ihr Renommee bekommt Reggio Emilia aber primär als Stadt der Tricolore: Die italienische Nationalfahne in den Farben grün-weiß-rot hat dort ihren Ursprung. Die Idee stammt von dem Ingenieur Ludovico Bolognini, dessen Entwurf 1797 von den Vertretern aus Reggio Emilia, Modena, Ferrara und Bologna als Symbol der Repubblica Cisalpina angenommen wurde. Es gibt in Reggio Emilia ein Tricolore-Museum, das bei freiem Eintritt besucht werden kann.

Beim Frühstück ab 6 Uhr 30 sind wie zu erwarten ein Dutzend Läufer anzutreffen. Es geht dezent zu, die Außentemperatur liegt knapp über null Grad. Ich habe Handschuhe dabei, lasse sie aber im Gepäck. Je weiter ich mich vom Hotel auf dem Wege zum Start entferne, desto kälter wird mir. Bis zum Start bleibt mir noch eine gute Stunde, der Fußweg alleine wird 30 Minuten dauern. Beim Eintritt in die Halle sind die Läuferinnen und Läufer dort zu Hunderten auf den Tribünen des Sportpalastes versammelt, um ihre Taschen, zwar mit Nummer versehen, aber letztlich unbeaufsichtigt, irgendwo zu deponieren. Ich habe diesmal keinen Kleiderbeutel mitgenommen, denn das Hotel hat mir wieder ein kostenloses Late-Check-out angeboten. Um bis 14 Uhr 30 dort wieder einzutreffen, muss ich heute unbedingt sub 5 h laufen.

 

 
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Mein Rennverlauf

 

Es kann losgehen – als ich zur Startaufstellung komme, ist es eine Minute vor 9 Uhr. Auch heuer spielt die Militärmusik im braunen Tarnanzug mit viel Pathos und unter akustischer Anteilnahme vieler Läuferinnen und Läufer sowie der Zuschauer die Fratelli d’Italia, die Nationalhymne Italiens, deren Refrain zum Mitsingen animiert. Ich knipse die vorne stehenden Läufer und begebe mich zu den 4:30er-Pacern. Auch eine Abordnung von 6 h-„Tempomachern“ ist im hinteren Feld zu.

Es sind fast zwei Minuten vergangen, als ich die Matte überquere. Zwar ist heute kein Wind, aber bei Temperaturen unter null und Morgenfrost ist meine schicke M4Y-Jacke als dritte Lage unentbehrlich. Die leicht bekleideten Läufer in kurzen Hosen und nur einem Singlet sind schon vorne weg gezogen, mag sein, dass ihr schnelles Tempo und die stärkere Durchblutung der Extremitäten ein Kälteschutz sind.

Der Marathonkurs führt uns vom Corso Garibaldi durch die Stadt wieder zurück zum Start- und Zielbereich. Die Militärmusiker mit ihren auffallenden schwarzen Federschmuck auf den Hüten stehen wie viele Zuschauer hinter den Absperrungen weiterhin Spalier. Nochmals laufen wir die weihnachtlich dekorierte, am Abend in Festbeleuchtung erstrahlende Emilia San Pietro entlang, biegen dann nach Nordwesten ab. In einem sanften Bogen geht es erneut durch die Innenstadt von Reggio Emilia, vorbei am Opernhaus an der Piazze dei Theatri und der Piazza della Vitoria. Der kreisförmig verlaufenden Kurs führt uns zum dritten Male zum Start- und Zielareal. Während der Läufertross durch die enge Gasse drängt, kommt uns ein Mann am linken Gehsteig entgegen, der offenbar eben erst seine Startnummer im Sportpalast abgeholt hat. „Avanti, avanti“, tönt es ihm aus der Menge entgegen. Ob sie ihm um 30 Minuten verspätet starten lassen?

 

 
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Nach ca. 4 ½ Kilometern verlassen wir die Altstadt von Reggio Emilia und es wird die erste von insgesamt acht Versorgungsstellen erreicht. Ich habe damit gerechnet, dass es warmen Tee geben wird, was bei der Kälte gewiss vorteilhafter als Eiswasser ist. An der Labe erblicke ich einige bekannte Gesichter, wie Michele, der in den letzten Wochen wie ich in Ravenna und Verona dabei war. Ist Laufen eine Sucht? Die Ärztin sagt dezidiert „Ja“. Oder geht es uns/mir ums Dabeisein? Ich sitze die ganze Arbeitswoche fast nur am Computer und bewege mich sonst kaum – die unter der Woche verabsäumten und empfohlenen 10.000 Schritte pro Tag überkompensiere ich daher beim Marathon.

Die ländliche Umgebung von Reggio Emilia mit kleinen Ortschaften ist hügelig, das kann man nach 5½ km mit Blick in die Ferne gut erkennen. Und in meinem Hinterkopf ist irgendwo gespeichert, dass es einige Passagen mit langgezogenen Anstiegen geben wird, die Substanz kosten. Immerhin sind laut „Percorso“-Plan auf den ersten 17 km ca. 100 Höhenmeter zu überwinden.

Mein bislang schmerzender Vorfuß wird sich mit seiner heutigen Aufgabe, den Druck meines Körpergewichts von 85 kg aufzufangen, anfreunden müssen. Die überlasteten und entzündeten Sehnen benötigen Schonung. Zum „Tempobolzen“ komme ich heute nicht, aber ich hänge immer noch an den 4:30ern dran.
Gisueppe Tundo, der die Marathonserie 10in10 in Orta erfolgreich beendet hat und unter M-65 startet, macht heute einen sehr fitten Eindruck. Er zieht davon und wird vielleicht das Tempo der Pacemaker bis ins Ziel halten können. Auch Sir Marathon, wie er sich selbst am Shirt erkennbar nennt, den ich von vielen Läufen kenne – er ist eher ein wortkarger Typ – ist nicht nur schneller als ich unterwegs, sondern hat in den Jahren auch fast doppelt so viele Marathons angesammelt.

Ich spüre die morgendliche Kälte, noch ist keine volle Stunde vergangen.  Es sollte gegen Mittag wärmer werden, wenn die Sonne unter den dichten Wolken zumindest ein wenig durchkommt. Im ländlichen Gebiet, umgeben von Äckern, auf denen die Pflanzen nach der Wintersaat bereits im zarten Wachstum sind, auch um diese Jahreszeit noch immer grünen Wiesen sowie landwirtschaftlich behüteten Weingärten hinter Metallzäunen als Schutz gegen Vögel und Kleintier, erreichen wir nach ca. sieben Kilometern den Vorort Coviolo, der zur Kommune Reggio Emilia gehört. Ich habe den Anschluss an die 4:30er verloren, weil ich einen Gang zurückgeschaltet habe. Bei der 10 km-Marke zeigt meine GPS-Uhr 64 Minuten an.

Die Labe befindet sich im Ortsgebiet von San Rigo, das ebenfalls zur Kommune Reggio Emilia gehört. Von den freundlichen Helfern aus Thermoskannen ausgeschenkter warmer Tee und Kekse im Überfluss, neben Iso, Wasser und Orangen- und Zitronenstücken, laden zum Verweilen ein. Ein abgerissener 4:30er-Pacer denkt wie ich, er lässt sich ebenfalls Zeit.

 

 
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Der Marathonkurs verläuft weiter durch ländliches Gebiet. Nach 12,5 km kommt die erste Spugnaggio, wo Schwämme ausgegeben werden, in Sicht. Doch kaum jemand nutzt das Angebot, obwohl die Helfer laut „spugne calde“ rufen, bei zwei Grad über null erübrigt sich auch ein Abtupfen der Stirn und des Gesichts mit einem in warmes Wasser eingetauchten Schwamm.

Ein Gespann von zwei wohl befreundeten Läuferkollegen überholt mich bei Kilometer 14. Während der eine im schwarzen Wintertight nicht auffällt, ist der andere mit kurzer Hose und weißem Kurzarm-Shirt sowie einen Wuschelkopf wegen seiner Körpergröße von 2 Metern und den muskelbepackten 100 kg nicht zu übersehen. Ich kann mir eine Bemerkung nicht verkneifen und sage halblaut und eigentlich zu mir selbst „King-Kong in Laufschuhen“. Er hört das und dreht sich um: „perché?“ Kleinlaut deute ich auf seine unübersehbaren Oberarmmuskeln und antworte: „Sei un uomo forte…“ Er fühlt sich bestätigt und zieht wieder an – doch die beiden bleiben in meiner Reichweite.

Wir nähern uns der nächsten Versorgungstelle bei Kilometer 15. An einem Zaun sind verschiedene Transparente angebracht. Neben der italienischen und Regenbogen-Fahne mit Pace-Aufdruck sind auf den Transparenten Slogans wie „Lunga vita al podismo“ oder „Gruppo Podistico Tanetto“ zu lesen. Ich nehme warmen Tee im Becher und ein Keks, das reicht. Marco, der laufende Riese mit King-Kong-Physiognomie ist auch da und langt zu.

 

 
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Auf der via Montegrappa, von der Breite her gesehen mehr Feldweg als Straße, geht es nun weiter. Ich wundere mich, warum am Wegrand Netzballen liegen. Da kommt mir ein Mann entgegen, der so ein zusammengerolltes Netz auf der Schulter trägt. 300 Meter weiter erkennt man den Grund dafür: die mehrere Hundert Meter langen und ca. 50 cm breiten Netze werden entlang der Freiflächen-Begrenzungen mit Pflöcken eingespannt bzw. verankert – und schon kann die Treibjagd auf das wenige noch vorhandene Kleintier, Hasen, Fasane, vielleicht auch Füchse, beginnen. Ich blicke nach rechts, in einem eingezäunten Areal von gut 20 ha folgen 5 Männer mit Jagdausrüstung einem davonlaufenden Hasen. Möge seine Sprungkraft so groß sein, dass er ihnen über den Zaun entwischt.  

Montecavolo, mit 3500 Einwohnern ein weiterer Vorort von Reggio Emilia und mit 144 m Seehöhe  der höchste Punkt des Kurses, kommt ins Sicht. Ein Platzsprecher verkündet die auf der Startnummer stehenden Namen der Durchlaufenden, mich übersieht er wohl, weil hinter mir die fesche Lucia folgt. Auf beiden Seiten der Straße im Ortsgebiet stehen Jugendliche mit roten Pullovern und blasen als Ehrengarde in ihre Trompeten, trommeln dazu eifrig und schwenken eine Fahne mit dem Wappen der Kommune. Am Ende des Ortes befindet sich nach ca. 17.5 km wieder eine Schwammstation, aber wie vorhin bleibt kaum jemand stehen und nimmt einen entgegen.

Hier wendet die bislang nach Süden führende Marathonstrecke und verläuft nun sozusagen auf dem Rückweg wieder in nördliche Richtung und damit eine Zeitlang und auch schon spürbar kontinuierlich für uns Läufer abwärts. Ich lege einen Gang zu, um vielleicht noch an die 2:15 h für die Halbdistanz ranzukommen. Dabei überhole ich mehrere Dutzend Läufer, auch King-Kong und seinen Partner. Die 20 km-Tafel befindet sich nahe der Ortschaft Rubbianino. Die Halbmarathondistanz erreichen wir dann in dem direkt anschließenden Vorort Ghiardello. Mit 2:16 und den abzuziehenden 1 ½ Minuten „Startguthaben“ ist mein Plansoll fürs erste erreicht, er kann ruhig so weitergehen.

Der Marathonkurs verliert laut Plan bis Kilometer 24 rund 50 Höhenmeter, wenngleich einige Zwischenanstiege einzukalkulieren sind. Gleich nach der Zeitnahme befindet sich die vierte Versorgungsstelle, die wieder üppig bestückt ist:  Apfel-, Bananen-,Orangen- und Zitronenstücke werden angeboten, auch Schoko und Kekse, Wasser, Iso, Cola und warmer Tee. Ich verweile wie die meisten Läufer an der Labe etwas länger und stärke mich.

Der Marathonkurs führt auf der etwas ramponierten Via Dante Freddi in ländlicher Umgebung nun in nördliche Richtung weiter. Ich überhole Massimo, Mitglied im Club Supermarathon Italia. Wenn schon ein Vierzigjähriger wie Massimo mit der 5 h Marke kämpft, dann brauche ich mich eigentlich nicht so abzustrudeln, denke ich mir. Aber für das Gemüt ist eine „schnellere“ Laufzeit Doping, mich spornt es an. Bei San Bartolomeo, einem weiterem Vorort schon wieder in Richtung Reggio Emilia, überhole ich einen älteren Läufer geschätzt an die Siebzig, der noch beim Halben an mir vorbeigezogen ist. Jetzt hat ihn die Müdigkeit übermannt, aber meine Hochachtung hat er trotzdem, denn er läuft mit einem komplett steifen, herunterhängenden, rechten Arm.

Bei Kilometer 24 biegen wir nach Osten ab,  auf einem recht steilen Anstieg erreichen wir die oben befindliche Labestelle. Die 25 km habe ich nach 2:44 h geschafft, das Zeitpolster ist geblieben. Den Anstieg hinauf zur Versorgung lege ich daher im schnelleren Gehtempo zurück, ich will mich ja nicht zu sehr verausgaben und muss  den rechten Fuß schonen.

 

 
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Nach der Labe verläuft die Marathonstrecke in den Hügeln von Reggio Emilia in südliche Richtung, dort wo Rubbianino liegt. Einige Kollegen, die ich auf dem schnellen Abwärtspassage nach der Halbdistanz überlaufen habe, sind nun wieder nachgekommen und haben zu mir aufgeschlossen. Ein Streckenposten steht bei Kilometer 28, der wellige Kurs dreht von Süd auf Nordost wieder in Richtung Reggio Emilia. Wie gewohnt marschieren inzwischen viele bei den Anstiegen, versuchen den Zeitverlust dann bei den Abwärtspassagen durch kurzweilige Laufeinheiten wieder einigermaßen zu kompensieren. Ich erblicke in der Ferne die im Gelände tieferliegende 30 km-Labstelle, das beflügelt mich zusätzlich.

Die längste Zeit schon laufe ich einmal vor und dann wieder hinter einer Läuferin um die Dreißig, die in ihrem engen schwarz-rosa Winter-Outfit sehr attraktiv aussieht. Für einen Oldie am Abstellgleis wie mich weckt die Augenweide Erinnerungen an jene Zeiten als mein männliches Balzverhalten viel ausgeprägter als heutzutage war. So wird man bei der gegenwärtigen „meToo“-Kampagne nie zum Beschuldigten. Doch Italiener denken da anders – ein Siebzigerjähriger hängt sich an die Kollegin an und flirtet kurzatmig mit ihr. Ich lege Tempo zu und vertschüsse mich von beiden. Doch bei San Rigo, wo wir heute schon durchgelaufen sind, holt mich die fesche Läuferin wieder ein. Ich bleibe hinter ihr dran, ein älterer Streckenposten klatscht mit ihr ab, mich beachtet er dabei gar nicht. Nach der 34 km-Anzeige folgt wieder ein Anstieg, die 35 km-Labe, wo köstliche italienische Salami ausgegeben wird, erreiche ich nach 3:58 h Laufzeit. Nach Adam Riese, falls der ein Kopfrechner war, werde ich heute mit einem Schnitt von 7 min/km auf den noch verbleibende 7 km die angepeilte sub 5 h schaffen.

Siehe da, wer ist denn da vorne? Es ist King Kong, der im Gegensatz zu seinem Partner schon ziemlich geschlaucht wirkt. Ich sage „ciao“, er freut sich, dass ihn jemand devot anerkennt. Aber der Kollege mit den ausgeprägten Extremitäten hat noch Reserven. Plötzlich sprintet er wieder los, bei der 36 km-Anzeige unter einer Unterführung liegt er schon wieder 100 m vor mir.

 

 
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Die Marathonstrecke schlängelt sich entlang des seichten Flusses Torrente Crostolo. Es kommt zu Positionskämpfen, ich lasse mich da hineinziehen und kann mithalten – fast, muss ich ergänzen, denn die von uns Altherren kurzzeitig umschwärmte Kollegin ist auch plötzlich wieder da. Ich sage „andiamo“ und deute, sie möge sich an mich anhängen, doch sie bleibt zurück, ebenso wie King Kong mit seinem Partner. Bei der 40 km-Labe verweile ich nicht, andere wiederum nehmen das Fotoangebot eines als Petrus mit weißem Bart verkleideten irdischen Zeitgenossen an, sich unter einen Himmelsbogen zu stellen, der dann am Wege zum Ziel sozusagen ins Paradies führt – auf Kosten der Laufzeit natürlich.  

Eine Zeitnehmung ist bei der 40 km-Anzeige nicht zu sehen, daher beeile ich mich umso mehr, die letzten beiden Kilometer gut hinter mich zu bringen. Ich drehe mich um, ja, die sexy Kollegin braust heran, sie holt mich ein. Wo hat sie wohl ihre Startnummer versteckt, wäre ja interessant, nachher in der Ergebnisliste nachzuschauen, wie schnell sie gelaufen ist. King Kong und sein Partner mobilisieren die letzten Kräfte und überholen mich 300 m vor dem Ziel, das ich dann mit 4:51:11, auf dem großen Display gut sichtbar, passiere.

Als das obligate Finisher-Foto mit umgehängter Medaille gemacht ist, begebe ich mich zum Ausgang. In einem Innenhoftrakt eines Gebäudes gibt es nochmals warmen Tee, Kekse, Orangen, Wasser, Cola. Und die umschwärmte flotte Kollegin steht nun da und macht ein Selfie mit ihrem Freund, Lebenspartner oder was immer die beiden verbindet. Ich nicke ihr zu und klatsche mit King Kong ab.

Den Chip muss man in der Sporthalle abgeben, erst dann bekommt man das obligate Essenssackerl ausgehändigt. Das Nudelpaket übergebe ich einem neben mir stehenden Kollegen, die beiden Fläschchen mit Alkohol nehme ich mit. Ich bedaure, nicht doch einen Kleiderbeutel abgegeben zu haben, denn der ca. 3 km lange Rückweg ins Hotel bei tiefen Temperaturen mit verschwitzter Kleidung wird kein regenerativer Spaziergang. Aber nach der heißen Dusche und dem Empfinden, dass der marode Fuß durch das Laufen „besser“ geworden ist, weil sich einige auf Nervenstränge und Knochenhaut drückende Knöchelchen sich vielleicht wieder eingerenkt haben, gibt Auftrieb.

 

 

 

Fazit

 

Das Preis-Leistungsverhältnis ist gut: Im Startgeld (43 bis 55 Euro für Läufer mit Runcard, bei der Expo 70 Euro) sind ein sehr schickes Funktionsshirt, eine hochwertige Medaille und ein gut gefülltes Goodie-Packet mit allerlei kleinen Aufmerksamkeiten enthalten. Bei einer Öffnungszeit von sechs Stunden sind auch noch langsamere Läufer als ich imstande, den Marathon zu beenden.

Auf der  Marathonstrecke sind wie sonst bei den klassischen Läufen in Italien acht Labestationen aufgebaut, die eine sehr gute Versorgung garantieren. Vor allem der warme Tee ist als echtes Highlight hervorzuheben. Als gut gemeint, aber überflüssig betrachte ich Schwammstationen im Winter, dementsprechend blieben die Betreuer darauf sitzen.

Zwar besteht in der großen Sporthalle ausreichend Platz, seinen Kleiderbeutel unbeaufsichtigt zu deponieren, aber richtige Umkleiden und Duschen werden hier nicht geboten. Daher streifen die meisten Läufer nur einen Trainingsanzug über und müssen die nötige Körperpflege vorerst zurückstellen. Zwei Stunden nach dem Lauf übermittelte TDS das eigene Laufergebnis mit ausdruckbarer Urkunde per Email – auch dieser Service ist nicht selbstverständlich. Der Bon für eine um 4,80 Euro ermäßigte Nudelportion wird von den meisten nicht eingelöst, nach dem Marathon im verschwitzten Zustand Essen auszufassen, ist eher unüblich.
Aber mir hat es gefallen, ich möchte wiederkommen – 2020 wird das 25. Jubiläum stattfinden.

 

Sieger bei den Herren:

1. Jean Baptiste SIMUKEKA (RWA) – 02:16:30  
2. Youness ZITOUNI  (MAR) – 02:17:06
3. Puhar ROK (SLO) – 02:17:49  

Damenwertung:

1. Tsehai Alemau MARU (ETH) – 02:33:41  
2. Laura GOTTI (ITA) – 02:38: 21
3. Nikolona SUSTIC (CRO) – 02:46:28   

2299 Finisher (1952 bei den Herren, 347 bei den Damen)

 


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