marathon4you.de

 

Laufberichte

Kini-Trail: Königliches Abenteuer

07.11.20 Special Event
 

Im Füssener Land wuchs der Kini – wie König Ludwig II. in Bayern genannt wird – auf, verbrachte dort die meisten Jahre seines Lebens und ließ Neuschwanstein erbauen. Den Großteil seiner Kindheit verbrachte er auf Schloss Hohenschwangau. Das kam dem phantasie- und gefühlvoll veranlagten Ludwig sehr entgegen. Die traumhafte Naturlandschaft vor den Schlosstüren legten den Grundstein für sein Interesse an der Natur. Alle Mitglieder der königlichen Familie waren naturverbundene und begeisterte Wanderer. Zur Sommerfrische waren sie stets in den Bergen rund um Füssen unterwegs. Somit dürfen wir beim Kini Trail quasi auf königlichen Spuren wandeln.

Seit ein paar Jahren wird der Kini Trail im kleinen Rahmen, mit ca. 20 – 60 Teilnehmern ausgetragen. Für heuer wurde das Teilnehmerkontingent, trotz Corona auf 115 erhöht. Das vorgelegte Hygienekonzept kam gut an bei den Behörden, so konnte Anfang Oktober die Anmeldung starten. Nach ein paar Tagen waren alle Plätze vergeben und einem Start stand nichts im Wege. Dann kam der Lockdown und schweren Herzens musste aufgrund der Maßnahmen der Regierung der Lauf doch noch absagt werden.

Die Enttäuschung beim Veranstalter Laufsport Ulm um Chris Münzing war groß, aber komplett aufgeben wollte man den Lauf dann doch nicht. So gibt es jetzt eine Regelung für alle, die zwischen dem 31.10. und dem 8.11. ihren privaten Kini absolvieren. Bei Nachweis mittels GPX-Track, wird der Lauf offiziell erfasst. Greppi und ich sind natürlich sofort dabei, wir starten am ursprünglich geplanten Termin.

Die Strecke des Kini Trail ist grundsätzlich nicht markiert, es wird ausschließlich nach GPX-Track gelaufen. Also müssen wir lediglich auf 4 VPs und das gemeinschaftliche Erlebnis verzichten. Jedes Jahr variiert man bei der Streckenführung etwas, um keine Langeweile aufkommen zu lassen. Der Lauf soll auch mehr ein Genuss- und Landschaftslauf ohne Renncharakter sein. 52 Kilometer und ca. 1600 Höhenmeter warten heuer auf uns. Beim offiziellen Lauf hätte es zudem ein Zeitlimit von 9:30 Stunden gegeben, das entfällt natürlich und kommt uns beiden ganz entgegen. Zumal wir auch erstmals nach Track navigieren werden.  Wer weiß, welche Schwierigkeiten da auf uns zukommen.

Start ist am Schwangauer Sportplatz, etwas unterhalb des Parkplatzes der Tegelbergbahn. Ein paar Minuten später als zur avisierten Original-Startzeit um 7:30 Uhr sind wir vor Ort. Wir sind heute nicht die einzigen, die gleiches im Sinn haben.  Als wir eintreffen, machen sich gerade drei andere Läufer auf den Weg. Am Alpenrand hat sich der Nebel bereits verzogen, uns erwartet blauer Himmel,  aber jetzt am Morgen auch zapfige -1 Grad. Somit packen wir erst einmal unsere Jacken aus, unsere Rucksäcke sind eh schwer genug, vollgepackt in erster Linie mit Getränken und Brotzeit. Natürlich sind wir uns auch bewusst, dass wir sehr leicht in die Dunkelheit geraten könnten.  Darum haben wir auch unsere Stirnlampen on board.

Kurz vor 8 Uhr sind wir und unsere GPS-Systeme startbereit. Ja, die werden heute noch wichtig. 52 km kreuz und quer durch die Wälder und über die Berge werden schon eine Herausforderung für Greppi und mich, bisher haben wir sowas ohne markierten Kurs noch nicht gemacht. Die ersten 500 Zusatzmeter handeln wir uns schon unmittelbar nach dem Start ein. Statt an der Pöllat abzubiegen, laufen wir bis zur Tegelbergbahn hoch. Über die Wiese schaffen wir es wieder auf den Track zu kommen.

 

 

Nach drei Kilometer ist das Einlaufen beendet, es geht hoch zum Traumschloss. Wir lassen uns immer wieder durch breitere Wege oder Pfade verleiten, den falschen Kurs einzuschlagen. Es sind immer nur kurze Stücke bis wir unseren Irrtum bemerken, aber das kostet Zeit und ein paar Meter zusätzlich summieren sich auch auf. Optisch sind die Trails durch das viele Laub oft nur mehr schlecht auszumachen. Der Veranstalter hat aber auch ganze Arbeit geleistet und wirklich exzellente Trails querfeldein, mitten durch die Pampa, für uns ausgesucht.

Leider führt uns heuer die Strecke nicht zum grandiosen Aussichtspunkt auf Neuschwanstein an der Marienbrücke,  die Pöllatschlucht ist gesperrt. Wir überlegen kurz, ob wir nicht doch die zweihundert Meter bis zur Marienbrücke einlegen sollen, verwerfen aber unsere Idee. Das beschäftigt uns aber noch eine ganze Weile und irgendwie stinkts uns doch, dass wir es nicht gemacht haben.

Den Neuschwanstein-View haben wir verpasst, dafür bekommen wir aber wenig später von hoch oben einen wunderbaren Blick auf Schloss Hohenschwangau und dem schlafenden Drachen geboten. Auf seinem Hals thront Schloss Hohenschwangau, dahinter erstreckt sich sein bewaldeter Rücken. Wie Flügel liegen rechts der Schwansee und links der Alpsee ausgebreitet

Der Alpsee ist auch unser nächstes Ziel. Auf dem Weg dorthin werden wir von den nächsten Kini-Startern überholt, da kommt fast so was wie Race-Feeling auf. Die Jungs sind aber zu schnell für Greppi und mich, wir sind viel zu viel mit navigieren und fotografieren beschäftigt. Wir lassen sie ziehen und dürften ja Corona-bedingt auch gar nicht dranbleiben. Immer abwärts führt unser Trail ans Westufer des Alpsees. Ein paar Extratouren sind natürlich auch wieder dabei. Aber es ist noch kein Navigator vom Himmel gefallen, das Abenteuer bekommen wir immer mehr in den Griff und es bereitet uns auch einen Heidenspaß. Ist doch mal was anderes, als immer nur auf ausgeschilderten Strecken zu laufen.

Der Ausblick am Alpseeufer mit Neuschwanstein ist traumhaft. Er gilt als einer der saubersten Seen Deutschlands und wird im Sommer als Badesee genutzt. Hier war auch einer der Lieblingsplätze vom Kini und der königlichen Familie, der als königliches Angel-, Ruder- und Baderevier diente. Ein 5 km langer Rundweg führt um das wunderschöne Gewässer herum, genau auf dem geht’s für uns jetzt weiter. Wir passieren das Marienmonument, das Adelige 1897 zu Ehren von Königin Marie an ihrem Lieblingsplatz aufstellen ließen. Das gesamte Westufer steht bereits voll in der Sonne. Greppi und ich lassen uns auf einer Bank zu einer kurzen Getränke- und Brotzeitpause hinreißen, zudem müssen wir auch dringend unsere Jacken ablegen.

 

 

Nur etwa 700 Meter entfernt liegt der tiefer gelegenen Schwansee, über schön zu laufende Trailserpentinen geht’s runter. Erneut überholen uns zwei schnelle Jungs, die ebenfalls auf dem Kini unterwegs sind. Rechts rum gibt es diesmal wenig vom See selbst zu sehen, wir biegen auch schnell ab Richtung Füssen. Knapp 2 km führen uns auf dem Fuß- und Radweg entlang der Parkstraße bis zur Lechbrücke an den Stadtrand von Füssen, der Abschnitt ist uns schon bekannt vom Königsschlösser Marathon.

Wir laufen am Lech entlang rauf bis zum Stadtpark Baumgarten, der gehörte ursprünglich seit dem 14. Jahrhundert zum barocken Benedektinerkloster St. Mang. Die Stadt Füssen erwarb um das Jahr 1900 herum das Gelände und legte ihn als öffentlichen Park an. Wir passieren die sogenannte Wasserburg, ein im 19. Jahrhundert gebauter Wasserspeicher. Sieht aus wie eine alte Burgruine, aber Pustekuchen. Dafür bekommen wir die Aussicht auf eine wirkliche Burg geboten, das prächtige Hohe Schloss liegt genau vor uns beim Aufstieg in den Park.

 

 

Auf bequemen Spazierwegen könnte man den Park durchqueren, das ist aber nicht im Sinne des Erfinders des Kini Trails.  Unser Kurs bevorzugt mehr die Single Trails, die manchmal kaum mehr als solche auszumachen sind, auch wieder bedingt durch viel Laub, das alles unter sich verschwinden lässt. Greppi und ich geraten hier mit unserer Navigierkunst öfter mal an unsere Grenzen. Manchmal führt der Track auch einfach durchs Nirgendwo. Oder doch nicht? Hier könnte tatsächlich schon mal einer gelaufen sein. Ich vermute, wir sind nicht immer genau auf Kurs, aber letztendlich treffen wir doch wieder auf die Lila Linie unseres GPX-Tracks.

Hoch über dem Alatsee kommen wir raus, mit einem wunderbaren Überblick auf die Seen und ins Alpenvorland. Der Alatsee liegt auf 868 Metern Höhe in einer schluchtartigen Senke nur etwa 80 Meter nördlich des Falkensteinkamms mit der Grenze zu Österreich, sowie gut 500 Meter Luftlinie südlich des tiefer gelegenen Weißensees. Liegt alles auch auf unserem Streckenplan. Wir steigen erstmal runter zum Alatsee.

Gerüchten zufolge wurden gegen Ende des Zweiten Weltkrieges Goldschätze der Deutschen Reichsbank, die zuvor auf Schloss Neuschwanstein gelagert worden waren, im Alatsees versenkt. Insbesondere in den 50er und 60er Jahren wurden davon zahlreiche Schatzsucher und -taucher angelockt, die vieles illegal bargen, vorwiegend Waffen. Ein Schatz oder andere Reichtümer wurden jedoch nie gefunden. Seit 1983 ist er zum Tauchen gesperrt.

 

 

Zum etwa hundert Höhenmeter tiefer gelegenen Weißensee geht’s für uns erstmal einen Kilometer auf Asphalt runter, direkt auf der Saloberstraße. Beinahe verpasse ich wieder den Abzweig in den Wald, man darf eigentlich sein GPS kaum mal aus den Augen verlieren, sonst handelt man sich schnell Zusatzmeter ein. Das ist schon eine ganze neue Erfahrung.

Ziemlich genau 6 km ist die Umrundung des Weißensee lang. Los geht’s auf einem schmalen Trail, direkt auf Wasserhöhe an der Südseite. Ein echtes Highlight ist das Felsentor, das sicher eines der beliebtesten Fotomotive am See ist. Bestimmt 15 Grad hat es in der Sonne, wir liegen ganz passabel in unserem Zeitplan, so können wir auf einer Bank am See eine Rast einlegen.  Wir müssen unbedingt mal ausgiebig nachtanken und uns Energie zuführen. Auf der Westseite kann man schön laufen, der Spazierweg führt nie weit vom Ufer weg.

Unsere Route führt wieder zurück zum Alatsee, aber nicht auf dem direkten Weg über die Saloberstraße, sondern praktisch in drei langgezogenen Serpentinen über den Falkensteinkamm mit der Grenze zu Österreich. Auf dem 8 km langen Abschnitt ist auch der längste Anstieg mit fast 400 Höhenmeter zu bewältigen. Immer am Hang aufwärts führt uns die erste lange Serpentine bis fast an den Parkplatz zum Alatsee. Hier machen wir eine 180-Grad-Wende und entfernen uns wieder vom See, anfangs noch auf nicht allzu steilen Wirtschaftswegen. Zum Ende wird’s aber immer rustikaler und steiler.

Der komplette Falkensteinkamm erreicht nicht einmal 1300 Meter Höhe, unser höchster Punkt liegt bei 1150 m. Dieses reizvolle Wandergebiet war auch dem Kini bekannt, der auf dem Falkenstein ein weiteres Märchenschloss errichten wollte. Dabei waren die anderen Schlösser noch nicht mal fertiggestellt. Aus den königlichen Plänen wurde nichts mehr und so stehen dort noch bis heute die Mauerreste der Burgruine Falkenstein. Wir wären nicht mehr weit davon entfernt. Aber ein erneuter U-Turn führt wieder Richtung Alatsee.

Der Weg zurück, auf fast nicht mehr sichtbaren Trails ist mühsam und ich bin etwas entnervt. Irgendwie zeigt meine GPS nicht mehr richtig an. Mehrmals starte ich meinen Track neu, aber das Gerät funktioniert nicht mehr richtig. Es ist schon ein Kreuz mit der Technik, aber abenteuerlich. Greppi hat auch etwas Probleme in diesem schwierigen Terrain, meint aber, wir sind auf Kurs. Ich bin eigentlich orientierungslos, aber unter uns können wir immer wieder den Weißensee ausmachen. Dann wird’s scho passen. Im Wald ist es ab 14 Uhr schon relativ dunkel und es hat spürbar abgekühlt. Wir folgen jetzt öfters Schildern und Wanderern, die auch zum Alatsee wollen. Vom Aussichtspunkt Vier-Seen-Blick bekommen wir eine tolle Aussicht auf den Forggen-, Hopfen-, Weißen- und Bannwaldsee geboten.

Nach langen zwei Stunden erreichen wir tatsächlich noch den Alatsee. Bei einer Pause nehme ich mir mal intensiv mein GPS vor und muss feststellen, dass kein GPS-Signal mehr angezeigt wird, daher funktionierte es nimmer. Irgendwie hat sich das Gerät aufgehängt, ein Neustart schaftt alle Probleme aus der Welt. Juhu, ich weiß wieder, wo ich bin.

 

 

Ein kurzer Stich über die Ländenscharte führt uns über die Grenze wieder nach Tirol. Der Ländeweg führt uns am Lech entlang zum Lechfall. Wir verpassen wieder mal einen Abzweig der Originalstrecke, die wieder in den Wald geführt hätte, aber letztendlich genauso am Lechfall geendet hätte. Mittlerweile ist es schon sehr dämmerig, außerhalb der Bäume können wir uns noch gut ohne Lampe bewegen, daher verwerfen wir eine spätere Möglichkeit, doch noch zum Originalkurs aufzusteigen.

Gerade noch rechtzeitig, um bei letztem Tageslicht noch ein paar Fotos zu schießen, kommen wir am Lechfall an. Bis zu zwölf Meter stürzen hier die Wassermassen des Lechs über fünf Stufen in die Tiefe. Vom König-Max-Steg aus haben wir einen einmaligen Blick auf das Spektakel. Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Lechfall zur Stromgewinnung künstlich angelegt.

 

 

Mehr zum Thema

 

 

Über den Kalvarienberg geht es weiter zum Schwansee, der Anstieg ist nicht mehr dramatisch. Mittlerweile ist es Kuhnacht geworden, einzig Neuschwanstein und Hohenschwangau strahlen durch die Dunkelheit. Aber wir haben ja unsere Lampen dabei, so kommen wir problemlos durch. Nach einer Streckenhochrechnung am Alpsee haben Greppi und ich mit unseren Verläufern mit 46 km, bereits etwa 3 km mehr auf unseren Uhren. Um in eine Wertung beim Kini Trail zu gelangen, müssen wir lediglich 52 km vorweisen, die Einhaltung der genauen Streckenführung des Originalkurses ist für den heurigen Wettbewerb keine Voraussetzung. Wegen der Corona-Problematik gibt es für Angemeldete sogar die Möglichkeit, den Lauf virtuell, auf einer ganz anderen Strecke durchzuführen.

So improvisieren wir wegen der Dunkelheit etwas und verlassen am Schwansee den vorgegebenen Kurs. Auf direkten Weg über Hohenschwangau geht’s zurück ins Ziel. Natürlich nicht, ohne wenigstens ein paar Versuche unternommen zu haben, ein paar Bilder von den prächtig beleuchteten Königsschlössern zu schießen. Unsere Outdoorkameras sind für solche Bilder aber nicht besonders geeignet, daher ist das Ergebnis auch nur mäßig. Die finalen 3 km legen wir noch am Seitenstreifen der Colomanstraße zurück. Uns reicht’s jetzt, dazu ist es wieder lausig kalt geworden. Greppi’s Uhr ist erfahrungsgemäß ziemlich genau, unser Timing hat gepasst, er hat gut 52 km aufgezeichnet.

 

 

Ein tolles Abenteuer auf königlichen Trails liegt hinter uns. Deutlich länger als gedacht hat’s gedauert, aber dafür auch viel länger saumäßig viel Spaß gemacht. Mein 150. Marathon/Ultra ist im Kasten. Einfach war’s aber nicht, ich hab die Strecke und das Navigieren mit GPS unterschätzt, das gebe ich gerne zu. Meine Stöcke liegen im Kofferraum, die wären ganz nützlich gewesen. Aber wo sollen sie hin, wenn man in einer Hand die Kamera, in der anderen das GPS hält?

Ich denke mir mal, es müsste ein großer Vorteil sein, dass wir die Strecke jetzt schon mal gelaufen sind. Für alle, die heuer angemeldet waren, steht für die Ausgabe 2021 ein Anmeldebonus von 25 Euro in Aussicht, den sollte man doch einlösen. Von Veranstalter Chris Münzing bekommen alle Finisher noch ein Paket, bin mal gespannt mit was wir überrascht werden.

 


 

Anzeige

Das M4Y-Buch

Das M4Y-Buch bestellen

Aktuelle Print-Ausgabe

Das marathon4you.de Printmagazin