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Laufberichte

Isle of Man Marathon: Unter Ausschluss der Öffentlichkeit

11.08.19 Special Event
 

Ihre Bekanntheit verdankt die direkt der britischen Krone unterstellte, autonom verwaltete Isle of Man der seit 1911 veranstalteten Tourist Trophy (TT), dem wohl gefährlichsten Motorradrennen der Welt, das auf normalen, kurvenreichen Straßen der Insel weitläufig rund um den Snaefell Mountain führt und bislang 259 Todesopfer gefordert hat. Obwohl der vom IOM Veteran Athletes‘ Club von Ramsey aus veranstaltete Marathon heuer bereits in seine 41. Auflage geht, ist das Aufsehen in der Öffentlichkeit im Vergleich zu der von Tausenden begeisterten Zuschauern verfolgten TT sehr gering. Das kann man an den ausgewiesenen Teilnehmerzahlen der vergangenen Jahre auf der Veranstalterhomepage gut nachvollziehen.

Die Frage stellt sich, warum man an diesem Lauf teilnimmt – für Mitglieder des Country Marathon Club zählt gemäß Statuten die in der Irischen See liegende, 572 km² große, nur ca. 85.000 Einwohner zählende Insel, die weder zum Vereinten Königreich noch zur EU gehört, eine eigene Fahne, Nationalhymne und Amtssprache (Manx), auch ein eigenes Autokennzeichen hat, wo neben dem Pfund Sterling (GBP) das 1:1 konvertible Isle-of-Man-Pfund (IMP) als Zahlungsmittel verwendet wird, als eigenes Land. So ist es nicht verwunderlich, dass auf der Starterliste wieder einige Kollegen vom Klub zu finden sind, die wie ich ihr Marathonländerkontingent ausweiten wollen.

Der Marathon mit zwei fast identischen Runden ist laut den Infos auf der Veranstalterwebsite sechs Stunden offen. Ich bin seit fast einem Dreivierteljahr „out of order“, die OP im März im linken Knie hat nichts gebracht, sogar beim Gehen spüre ich, wie im Gelenk die Knochen wegen fehlender Knorpelschicht im Innenknie aufeinander reiben. Die Orthopäden meinen es gut mit mir und empfehlen ein neues Teilknie, nur bin ich nicht überzeugt, dass ich ein solches brauche. Es ist aber bitter, wenn man nicht mehr laufen kann, das drückt aufs Gemüt. Ich habe schon seit längerer Zeit Entzugserscheinungen. Ganz lassen möchte ich es noch nicht, daher will ich hier beim Isle of Man Marathon wieder ein Lebenszeichen setzen, mich bei den Kollegen nicht nur vom Country Club physisch in Erinnerung bringen.

 

Anreise, Quartier und Abholung der Startnummer

 

Am 9. August geht es frühmorgens mit der AUA nach Frankfurt und mit der Lufthansa weiter nach Manchester. Aus sieben Stunden Wartezeit bis zum Anschluss werden dann neun Stunden – der Anschlussflug mit einer Propellermaschine der Fluggesellschaft Flybe hat wegen Schlechtwetters Verspätung. Das Motto von Flybe „faster than train or car“ ist nicht zu revidieren, denn abgesehen vom Angst hervorrufenden Schaukeln eines Kleinstflugzeugs im Sturm, das nur 6.000 m hoch fliegen kann, ist der 30minütige Flug nach Douglas, Hauptstadt der Isle of Man, weitaus schneller als eine Fährverbindung etwa von Liverpool aus.

Mit dem 1er-Bus fahre ich um 2,70 Pfund vom Flughafen in das ca. 15 km entfernte Douglas, Hauptstadt der Insel. Die Fahrt entlang einer hügeligen, grünen Landschaft, durchzogen von mit Steinmauern abgegrenzten Weideflächen, auf denen Kühe, Schafe, Ziegen und  auch Pferde gehalten werden, dauert rund 30 Minuten. Ein Läufer aus Manchester, der hinter mir im Flugzeug gesessen ist, hat wie ich im Empress-Hotel an der Loch Promenade in Douglas sein Zimmer gebucht, ich werde drei Nächte bleiben. Bei uns in Wien sind für das Wochenende wieder an die 30 Grad C angekündigt, Sommergefühle kommen hier auf der Insel nicht auf. Eher das Gefühl, dass nach dem Kalender der Herbst nur mehr einige Wochen entfernt ist – auf der Isle of Man sind 20 Grad Lufttemperatur im August schon das Maximum. Lauf Wettervorausschau soll es in den kommenden Tagen stark regnen und abkühlen.

 

 

Die gut 2 Meilen lange Promenade entlang der Bucht mit Blick auf die irische See in Douglas wird derzeit renoviert, Schutzzäune wegen der Bauarbeiten schränken die Sicht auf die sehenswerten Gebäude stark ein. Hervorzuheben ist bspw. das  im Jahre 1900 gebaute Gaiety Theater. Im Innern erinnern die Holzvertäfelungen und das bunte Fensterglas an den Jugendstil – das mag auf die Renovierungen im Jahr 1976 zurückgehen. Die aneinander angebauten Häuser sind vielfach zu Hotels und Appartements umfunktioniert worden, es gibt aber auch traditionelle Unterkünfte wie das bereits 1892 eröffnete Sefton.

Der Bus No. 3 fährt über Land in ca. 40 Minuten nach Ramsey, eine Kleinstadt im Norden der Insel, wo morgen der Marathon durchgeführt werden wird. Wenn man kein Bargeld hat, kann man in den öffentlichen Bussen auch mit Visa „contactless“ zahlen. Die Ausgabe des Starterpaketes erfolgt im Ballacloan Stadium, ca. 500 m von der Busstation und der berühmten „Electric Tram“, mit der ich morgen nach dem Marathon zwecks Sightseeing zurückfahren will, entfernt. Die Teilnahmegebühr ist mit 30 Pfund festgesetzt worden, Nachmeldungen am Renntag sind nicht möglich. Wer den Shuttlebus um 7:20 am Renntag und zurück um 14 oder 15 Uhr beanspruchen möchte, zahlt weitere 10 Pfund.

 

Mein Rennverlauf

 

Mit Mike spaziere ich Punkt 7 Uhr vom Hotel zur Abfahrtsstelle des Shuttlebuses beim Schiffsterminal. Es ist kühl, das Thermometer zeigt 12 Grad C an, eigentlich ja ein ideales Laufwetter. Im Stadium angekommen, treffe ich gleich drei finnische Kollegen vom Country Marathon Club; Jorma, Unto und Mauri – sie verzeichnen 70+ Marathonländer. Die Isle of Man soll mein 71. Land werden – ein Finish ist gleichsam ein Muss. Das Starterfeld ist international besetzt, die schnellen Leute haben sich an der Mooragh Promenade bereits vorne aufgestellt.

 

 

Es geht los, der Chip ist hinter der Startnummer angebracht, meine Nr. 86 scheint die letztausgegebene zu sein. Ich orientiere mich gleich zu Beginn an den Finnen und hefte mich an ihre Fersen. Während Mauri davonzieht, bleibe ich an einer Handvoll Läufer dran, darunter neben den verbliebenen Finnen auch zwei Briten. Auf der North Road geht es eine Zeitlang flach dahin, doch nach  1 ½ Meilen (Marathons in anglikanischen Ländern werden bekanntlich in Meilen gemessen, 42.195 Meter entsprechen ca. 26,2 Meilen) steigt der Marathonkurs anhaltend an, von Meereshöhe auf den ersten drei Meilen laut Streckenplan auf der Website auf 250 ft. (ca. 80 bis 90 m). Mein „Probegalopp“ in Kainach letzte Woche kommt mir entgegen, die Finnen und Briten schnaufen aufwärts, ich komme zügig schnellen Schrittes an ihnen vorbei. Wir sind schon mehr als eine Stunde unterwegs, bald werden uns die schnellen Halbmarathonläufer, deren Start um 9:30 erfolgt ist, einholen.

Auf Asphalt komme ich ganz gut voran, die Hügelkuppen des welligen Kurses schaffe ich im langsamen Lauftempo. Doch was ich unbedingt vermeiden wollte, tritt ein: ich verliere den Anschluss an meine Kollegen und bin plötzlich von Dutzenden Halbmarathonis umringt, die aufmunternd „Hold on“ rufen. Die Finnen liegen gut 300 m vor mir.  Wie ist das möglich, wo doch Jorma hinkt und Juhani mit einer künstlichen Hüfte unterwegs ist?  

Die nächste Ortschaft ist Andreas, der Marathonkurs verläuft gegen den Urzeigersinn, wir befinden uns im Landesinnern ganz im Norden der Insel. Aufgrund der Topologie kommt es einem vor, als würde man 100 m über dem Meeresspiegel sein. Andreas liegt nur 20 m hoch, das entspricht der Höhe einer Felsklippe am Rande der Insel. An den Straßenabzweigungen sind Ordner postiert, die Strecke ist mit gut leserlichen Tafeln, die die Distanzen in Meilen anzeigen, ausgeschildert. Den Läufern wurde angeboten, Eigenverpflegung abzugeben, auf die an den Labestationen zurückgegriffen werden kann. Wasserflaschen zu 0,3 l gibt es zuhauf, feste Nahrung nicht.

Ich scheine den Anschluss an meine Kollegen völlig verloren zu haben, auch die letzten Halbmarathonis sind vorbeigezogen. Doch den Kampf gegen die Zeit auf der ersten Runde habe ich längst „gewonnen“, ich werde unter 2:50 h bleiben. Erschwerend ist der Eindruck, dass es immer aufwärts geht, sogar beim Einlauf in das Stadtgebiet von Ramsey geht es bergauf. Erst auf der letzten halben Meile nach der ersten Runde führt der Marathonkurs auf einer am Sonntag stark befahrenen Straße vielleicht 15 oder 20 m auf tiefer liegendes Terrain hinunter. Die Ordner denken, dass ich ins Ziel laufen will.  Erst als ich meine rot unterlegte Startnummer kenntlich mache, wird klar: „One round more!“

 

 

Auf der langgezogenen Northern Road erblicke ich in einem Kilometer Luftlinie entfernt drei  Gestalten. Das gibt Auftrieb, denn die Finnen sind ja auch nicht mehr die Jüngsten und müssen mit ihren Kräften offenbar haushalten. Aber die Kleingruppe einzuholen, wird dauern. Für die zweite Runde verbleiben mir exakt 3h 18 min Zeit, das ist auch für nicht fitte oder bewegungseingeschränkte „Läufer“ wie ich einer bin gut zu schaffen ist. Ich genieße bei meinem Aufholversuch die grüne Landschaft, überall weidet Vieh auf den Feldern.  Schade, dass auch am dritten Tag noch kein Sonnenstrahl die Schönheit der Isle of Man fürs Auge verdeutlicht hat.

Endlich komme ich nach 20 Meilen an die drei Finnen heran, Jorma eilt den anderen beiden voraus, Unto macht das Tempo. Bei einem Marathon herrscht auch unter den Langsamen eine gewisse Konkurrenz.  Sie sind erstaunt, dass ich wieder aufgetaucht bin. Ich sage zu den beiden: „Now you follow me!“ Und spurte an, als wäre mein linkes Knie wieder voll einsatzfähig.  Es macht Spaß, die beiden aus der Reserve zu locken.  Sie versuchen, an mir dranzubleiben. Jorma hat mitbekommen, dass ich wieder da bin, er versucht wegzukommen. Abwärtslaufen war immer eine meiner Stärken, ich vergesse den Knieschaden und kann Jorma 300 m vor dem Ziel einholen. Zu einem Endspurt kommt es aber nicht, denn er bleibt stehen und wartet auf seine beiden Sportsfreunde. Zu dritt kommen sie eine knappe Minute hinter mir ins Ziel. Mit 5:50 habe ich die Anforderungen unter 6 Stunden zu bleiben, erfüllt. Das gibt Auftrieb für weitere Langsamlaufabenteuer.

Im Stadium wird eine Duschgelegenheit angeboten, die ich nutze. Auch ein kleines Buffet steht bereit. Ich bekomme so nicht mit, dass doch noch ein Läufer während des gesamten Marathons hinter mir war: Toshinori (70+) finisht mit 6:15 h. Die Veranstalter haben ihre zeitliche Vorgabe für die Finisherzeiten „overruled“, das finde ich ok und gut für den Japaner, der eine weite Fluganreise hat.

 

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Mein Fazit:

 

Der Ilse of Man Marathon hat ein gutes Preis-/Leistungsverhältnis: für 30 Pfund (rund 33 Euro) bekommt man zum Startplatz ein Funktionsshirt, Kopftuch, eine kleine, aber feine Medaille, die Möglichkeit sich zu duschen und sich nachher am Buffet zu stärken. Allerdings hat der Kurs viele Höhenmeter, einige Hundert sind es bestimmt. Bestzeiten werden auch fitte Läufer hier nicht schaffen, dazu ist die Strecke inmitten einer grünen Landschaft zu wellig und anspruchsvoll. Es sind hauptsächlich Länder- bzw. Städte- und Ortesammler, die sich eine Reise auf die Isle of Man zum Marathon „antun“.

 

 

Die Organisation des Marathons und die Betreuung während des Laufes sind positiv hervorzuheben, alle eingebundenen Helfer sind freundlich und hilfsbereit. Der Autoverkehr auf den nicht gesperrten Straßen fällt nicht ins Gewicht, es wird Rücksicht auf die Läuferinnen und Läufer genommen. Das Geschehen läuft allerdings ohne Zuschauer ab, die Menschen in Ramsey dürften kaum mitbekommen, dass einmal im Jahr – inzwischen zum 41. Male – auch ein Marathon stattfindet.

 

Ergebnisliste Männer:
1.    Christian Varley – 02:44:44
2.    John Quave – 03:01:38
3.    Marc Potter – 03:05:33

Damenwertung:
1.    Jane Farquhar – 03:52:32
2.    Alexandra Battersby – 03: 55:25
3.    Annmarie Williams – 03:57:12

73 Finisher beim Marathon, 299 beim Halbmarathon

Veranstalter-Website: http://www.isleofmanmarathon.com/

 


 

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