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Laufberichte

Ho Chi Minh City Marathon: Tropen-Marathon Nr. 2

04.01.20 Special Event
 

Zum Jahreswechsel 2019/2020 wollten wir die sehr arbeitnehmerfreundliche Feiertagsregelung nutzen, um nach unserem Aufenthalt in Thailand noch einen Badeurlaub in Vietnam zu verbringen. Die Insel Phu Quoc entwickelt sich gerade vom Geheimtipp für Rucksack-Traveller in Richtung Massentourismus. Viele Hotels sind im Bau, teilweise erinnert mich das an die Adria in meiner Jugend. An manchen Stränden entstehen Mammut-Anlagen von der Größenordnung der Themenhotels bei Antalya. Beim Eingang zur 8 km langen, 2018 eröffneten Seilbahn, die Phu Quoc mit der kleinen Nachbarinsel Hon Thom verbindet und die als längste Dreiseilumlaufbahn der Welt für Personenbeförderung gilt, entsteht ein italienisches „Dorf“ oder besser gesagt eine Kleinstadt inclusive

Fassadengestaltung in toskanischer Wischtechnik und Nachbau des Glockenturms vom Markusplatz in Venedig. Als Bauherr fungiert eine Firma von Vietnamesen, die längere Zeit in der ehemaligen UdSSR gelebt haben. Ob dergleichen auf den Geschmack der hier allgegenwärtigen russischen Touristen zugeschnitten ist, oder Freunde von Disneyland anlocken soll?

Irgendwie scheint sich der Wandel zu schnell zu vollziehen. Denn auch wenn man auf der Insel Traumstrände mit weißem Sand und türkisfarbenem Meer findet und es bereits Resorts der exklusivsten Art gibt, in der jede Wohneinheit über ihren eigenen Swimmingpool verfügt, hausen die kleinen Händler wie eh und je im Hinterzimmer ihrer mehr als bescheidenen Läden und wird nach wie vor der Müll an der Straße verbrannt. Der Geruch von brennendem Plastik geht mir nicht mehr aus der Lunge. Ich huste viel und bin froh, als wir nach Ho-Chi-Minh-Stadt, früher bekannt als Saigon, aufbrechen. Vor unserem Heimflug steht dort noch ein Marathon an.

 

 

Bei der Recherche stieß ich auf den HCMC International Marathon. Der schöne M4Y-Laufbericht von Anton Reiter stammt allerdings von einer anderen Veranstaltung, die Anfang Dezember stattfindet. Zwei Marathons in derselben Stadt mit einem Monat Abstand abzuhalten, erscheint mir nicht besonders klug. Ich zweifle etwas an der Seriosität des Ganzen. Immer mal wieder haben wir in der letzten Zeit von Sport- und Kultur-Events gehört, die kurzfristig abgesagt wurden und bei denen sich die Organisatoren sang- und klanglos mit den Teilnahmegebühren aus dem Staub gemacht haben. Aber hier scheint es mit rechten Dingen zuzugehen. Es gibt tatsächlich einen Marathon am 5. Januar, der zum siebten Mal ausgetragen wird. Die Anmeldung kostet für ausländische Starter satte 42, im „early bird“-Tarif 29 Euro. Und das in einem Land, in dem ein Abendessen für Zwei 7-10 € kostet, samt Bierchen. Oder eine anderthalbstündige Fahrt mit dem Wassertaxi auf dem Saigon River samt interessanter Ausblicke auf die ständig wachsende Skyline der Stadt gerade mal 1,25 Euro pro Nase.

 

 

Aber der Termin passt perfekt. Wir reisen schon am Donnerstag an, um negativen Überraschungen wegen der hier üblichen Flugverspätungen vorzubeugen.  Außerdem wollen wir uns die Stadt noch ein bisschen ansehen. Ein Doppelzimmer inclusive reichhaltigem Frühstück im Innenstadt-Hotel mit Pool auf dem Dach gibt es für 40€. Immerhin sind wir in den Tropen. Da chillt man gerne im Pool nach einen anstrengenden Besichtigungstag. Die Temperaturen liegen hier stets um die 30 Grad.

Nur am Samstag erhält man die Teilnahmeunterlagen im siebenten Stadtbezirk beim Start- und Zielbereich. Mit dem Taxi sind wir in 20 Minuten dort. Die Veranstaltungen - es gibt Läufe über 5, 10, 21 und 42 km sowie einen „Kids Dash“ am Samstag - sind ausverkauft. Für den Marathon sind 1000 Starter vorgesehen. Ein paar interessante Stände gibt es hier: Nicht nur Angebote rund um den Sportbedarf und Merchandising-Produkte unter dem Motto „More than a race“ sind zu finden, sondern auch das Programm des Hauptsponsors Taiwan Excellence, der wohl viele unterschiedliche Gerätetypen auch für den Haushaltsbereich herstellt. Am Stand fallen mir zudem Computer-Router auf, die auch bei uns unter dem Namen draytek vertrieben werden.

Damit nicht genug, werden Kartoffeln aus den USA beworben und Äpfel aus Frankreich, verteilt von jungen Vietnamesinnen in Ringelhemd und Baskenmütze, die auf den Zuruf „Vive la France“ hin belustigt bis verschämt kichern.

Beide Länder haben Vietnam in der jüngeren Vergangenheit geprägt. Aus der französischen Kolonialzeit, die Mitte des 19. Jahrhunderts begann und 1954 mit dem Ende des 1. Indochinakriegs ihren Abschluss fand, stammen Gebäude wie die Kathedrale Notre Dame, das 1908 fertiggestellte Rathaus und das alte Postamt. Die USA wiederum unterstützten den Süden, dessen Hauptstadt Saigon war, im Vietnamkrieg der 1960er und 1970er Jahre (auch 2. Indochinakrieg genannt) gegen den kommunistischen Norden und zogen sich dabei ihre erste militärische Niederlage zu. An die Gräueltaten der US-amerikanischen Soldaten erinnert heute das Kriegsreste-Museum, dessen Besuch für Touristen ein Muss ist.

Auf die Geschichte und die wichtigsten Sehenswürdigkeiten im Zentrum der größten und wirtschaftlich bedeutendsten Stadt Vietnams ist Anton Reiter in seinem Bericht von 2018 schon ausführlicher eingegangen. Wir haben all diese Stätten 2009 unserem ersten Aufenthalt in Ho-Chi-Minh-Stadt besichtigt und interessieren uns diesmal eher für neue architektonische Highlights wie den Bitexco Financial Tower, mit 265,5 Metern bei seiner Fertigstellung 2010 das höchste Gebäude in Vietnam, oder das 461 m hohe „Landmark 81“, das diesen Titel seit 2018 innehat. 2017 neu eröffnet wurde das „Deutsche Haus“, in dem u.a. das Generalkonsulat der Bundesrepublik untergebracht ist und das Maßstäbe für Energieeffizienz „made in Germany“ setzen will.

Den Nachmittag verbringen wir noch in Chinatown in Cholon im Distrikt 6. Interessant ist dort die Markthalle Chợ Bình Tây. Ebenso gibt es chinesische Tempel zu besichtigen. Mit dem klimatisierten Stadtbus geht es dann für 0,27 € zurück ins Zentrum von Saigon.

 

Der Marathon

 

Und wieder einmal heißt es früh aufstehen. Um vier Uhr ist der Marathonstart angesetzt. Wir sind binnen 15 Minuten am Startbereich und das schon um 2:30 Uhr. Somit befinden wir uns wieder einmal unter den ersten Sportlern. 900 Marathonis sollen heute ins Rennen gehen. Es gibt zwei Blöcke. Die ganze Veranstaltung macht einen sehr professionellen Eindruck. Die Sprecher informieren öfter auf Englisch als in Vietnamesisch. Wir erfahren, dass sehr viele internationale Starter dabei sind. Vorne weg die Taiwaner, Thailänder, Koreaner und Chinesen. Auch aus dem Westen gibt es ein paar Teilnehmer/innen. Unter anderem wird auf Berlin als Herkunftsort verwiesen. Zum Starttermin redet der Sprecher immer noch wie ein Wasserfall und um 4:07 Uhr erhalten wir die Auskunft, dass die Strecke in Kürze freigegeben wird. Und wirklich: Kurz darauf geht es für uns los. Nicht besonders schnell, aber die breiten Straßen lassen viel Platz zum Überholen.

Im Grunde werden wir heute zwei Runden à 14 km laufen und ein Anhängsel nach Kilometer 4. Aber zuerst geht es einmal in ein Viertel mit noblen Häusern, Vergleiche mit der Elbchaussee oder Grünwald durchaus angebracht. Wobei: Hier werden die teuren Karossen vor dem Haus abgestellt. An allen Straßenecken stehen kleine Büdchen mit Sicherheitsleuten und dahinter befinden sich auch „gated communities“ mit schönen Mauern vor den Villen. Ich bin mal gespannt, wie das bei Tageslicht aussehen wird.

 

 

Es folgt ab Kilometer vier die breite Nguyễn Văn Linh, eine Ringstraße. Wir sind auf dem zweispurigen Seitenstraße unterwegs, abgetrennt vom Fernverkehr durch eine Baumreihe. Wir kommen auf die Zufahrtsrampe zur Cầu Phú Mỹ, einer 2009 eröffneten Brücke, die den Saigon River überquert. Die 705 Meter lange Schrägseilbrücke hat auf unserer Seite eine 758 Meter lange Zufahrtsrampe, auf die es nun hinauf geht. Die Straße ist gut beleuchtet und so haben wir genug Helligkeit. Wir laufen auf der Mopedspur, die durch Betonelemente von den beiden Fahrspuren abgeteilt ist. Der Verkehr ist noch überschaubar. Hier kann man auch eine Besonderheit im vietnamesischen Straßenraum sehen: Der Fernverkehr nimmt immer die linke Spur. Schnellere Fahrzeuge überholen dann rechts, obwohl Rechtsverkehr herrscht wie bei uns. Im Moment quält sich links ein LKW die Brücke empor. Leichtere LKW mit meist leeren Containern überholen laut scheppernd auf unserer Seite. Es stinkt nach Abgasen. VP-Punkt. Wir laufen links weiter. Inzwischen sind die um 4:30 Uhr gestarteten Halbmarathonis unter uns, überholen natürlich oft. 45 Höhenmeter müssen wir uns auf einem Kilometer erlaufen.

Auf der Brückenmitte dann die Wendestelle. Da hier zwischen Mopedbahn und Fußweg dieses Betonmäuerchen existiert, hat man eine Rampe gebaut, über die wir das Mäuerchen queren. Unten sieht man große Schiffe und Lagerhallen. Der Fußweg ist sehr schmal, vielleicht 1,5 Meter. Links ragen oft Verbindungsanker zu den Seilen in den Laufweg. Überholen ist eher schwierig. Ich fluche so vor mich hin. Dunkelheit, Gestank, das laute Brummen der LKW. Da hat man keine Lust,  sich mal etwas umzusehen. So eine blöde Streckenführung. Ich hoffe, dass dieser Marathon bald vorbei sein wird. Am Ende der Stahlseile werden Fuß- und Mopedweg wieder zusammengeführt. Prompt stolpert ein Läufer vor mir und landet auf der Gegenrichtung. Und da kommen jetzt Massen von Halbmarathonis. Manchmal überholen sie auch über unseren schmalen Fußweg, Auf der Rampe wird es etwas breiter. Ab dem VP laufen wir nun rechtsseitig. Wegen der Betonmauer wird ein Teil des Untergrunds nicht durch das Licht der Straßenlampen erhellt. Ich meide diesen Bereich, obwohl bisher der Laufuntergrund perfekt ist.

 

 

Bei km 13 sind wir wieder auf der breiten Allee, spulen bis km 19 den bekannten Weg ab. In der Nähe des Ziels drehen wir nach Süden. Auch hier erst mal neuere Villen. Die Kanadische Internationale Schule deutet darauf hin, dass hier viele Ausländer wohnen. Ganz im Süden erwartet uns eine einen Kilometer lange Pendelstrecke durch die Pampa. Die Sonne geht gerade auf. Eine mobile Dusche verspricht Abkühlung. Bei Kilometer 27,5 gibt es ein Armband, wohl als Nachweis, dass wir die Runde auch tatsächlich gelaufen sind. Meines Erachtens wäre das nicht nötig. Viele Zeitnahmematten liegen auf der Strecke und gelegentlich werden auch unsere Nummern notiert.

Das letzte Drittel kann ich nun genießen. Im Villenviertel ist inzwischen mehr los. Eine Radlerin mit dem obligatorischen spitzen Reisbauernhut auf dem Kopf nimmt mir die Vorfahrt. Im Café an der Ecke sitzt ein westlich anmutender Mann beim Frühstück und schaut uns zu. Bei der zweiten großen Schule hat man einen schönen Blick auf die Natur am Saigon River. Einige Male werden wir von Helfern angefeuert. Ich diskutiere mit Judith, ob wir unter 4:30 bleiben werden. Die dafür zuständigen Pacer sind nun schon ein gutes Stück vor uns, aber wohl zu schnell unterwegs. Die 5- und 10- Kilometer-Läufer sind nun auch dabei. Die Stimmung bei den Sportlern ist nahezu auf dem Nullpunkt. Jeder läuft für sich dahin. Bis auf einen polnischen Läufer, der mir ein verlorenes Geltütchen freundlich aufhebt.

An der privaten Verpflegungsstelle eines Sportklubs stehen Tiger-Bier-Dosen. Da greife ich zu und spüre prompt die Energie in mir. An den vielen offiziellen Stationen gibt es Iso der japanischen Marke 100+, Wasser, Bananen. An der Pendelstrecke auf der Nguyễn Lương Bằng spürt man jetzt um kurz vor 8 Uhr die Sonnenstrahlen schon recht kräftig. Das Ziel ist sieben Stunden offen und die langsamen Läufer werden mit der Hitze noch mehr zu kämpfen haben als wir. Eine Hochzeitsgesellschaft steht am Straßenrand und wartet auf Einlass in einen Tempel. An zwei Stellen müssen wir die breite Straße kreuzen. Der Verkehr hat zugenommen und die Helfer lassen gelegentlich Mopeds und Kraftfahrzeuge queren. Diesmal erwischt es auch mich und ich muss einige Sekunden warten, bis ich weiter laufen kann.

Generell ist das Überqueren von mehrspurigen Straßen außerhalb des Marathons eine spannende Sache: Da kommen unzählige Mopeds und einige Autos angefahren. Man geht nun langsam los und ist plötzlich mitten einem Feld von Mopedfahrern, bis man genervt und schweißgebadet die andere Straßenseite erreicht hat. Ampeln sind eine Seltenheit.

An einem Bauzaun prangt Reklame für deutsche Einbauküchen, dahinter die Fußballer von Barcelona, die für Waschmaschinen Werbung machen. Ich gebe Gas. Bei Kilometer 41 spielt sogar eine kleine Musikkapelle. Unzählige Sportler werden von mir überholt, darunter auch das 4:30er-Pacergrüppchen, welches nun Tempo herausnimmt, um nicht 10 Minuten vor der Planzeit ins Ziel zu kommen.

 

 

Im Zieleinlauf werde ich vom Sprecher namentlich begrüßt. Auch Judith kommt in diesen Genuss. Die Zielverpflegung bietet noch mal Getränke und Obst. Auch unser Finisherhemd können wir hier abholen. Wir holen unsere Beutel und machen uns per Taxi auf den Weg ins Hotel. Das Frühstück wartet und am Nachmittag geht schon der Flieger Richtung Heimat. Gut, dass wir so schnell waren.

 

Fazit

 

Der HCMC-Marathon ist ein professionell veranstalteter Marathon in einer südlichen Vorstadt von Saigon. Die Streckenführung auf die Saigon-Fluss-Brücke enttäuscht wegen des lauten Verkehrs, der Abgase von LKWs und Industrie und der Menge an Läufern, die sich hier in der Dunkelheit abmühen. Nach dem Bericht von Anton Reiter über den Techcombank-Marathon würde ich diese Veranstaltung Anfang Dezember bevorzugen, wenn es terminlich passt. Da kommt man an den wichtigsten Sehenswürdigkeiten vorbei.

HCMC ist eine Stadt, die sich gut für einen Wochenendaufenthalt eignet. Das Zentrum macht einen gepflegten Eindruck, die Prachtstraßen im einstigen „Paris des Ostens“ wirken mondän, und es gibt nette Lokale und Garküchen. Die Preise für Hotels und landestypisches Essen sind sehr günstig. Eine Dose Bier im Lokal gibt es ab 60 Cent.

Wer im Zentrum übernachtet, findet eine nette Trainingsstrecke am Saigon-Fluss Richtung Süden und dann am Rach Bến Nghé Kanal entlang. Vorsicht vor den Stangen am Boden, die Mopedfahrer von der Benutzung des Fußwegs abhalten sollen.Transport entweder mit Taxi oder billiger mit der Grab-App, einer asiatischen Uber-ähnlichen Firma. Die öffentlichen Busse sind klimatisiert. Gezahlt wird beim Schaffner. Über Fahrplan und Zeiten gibt die Movit-App Auskunft.

 

Siegerinnen Marathon

1 Le Pham Thi Hong        3:00:49
2 Ly Le Thi Kha        3:11:51
3 Giang Hua Thanh        3:16:36    

 

Sieger Marathon

1 Saeki Makino        2:33:16    
2 Mohd Syahidan Bin Alias    2:46:24    
3 Thuan Long Hua        2:49:26    

644 Finisher, 1000 Anmeldungen und damit ausverkauft.

 


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