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Laufberichte

Das Gute am Neuen ist das Alte

15.12.18 Special Event
 

R(ud)olf Mahlburg hat mir 2012 beigebracht, wie man einen Etappenlauf überlebt. 320 Kilometer waren geplant, 360 wurden es dann. Morgen sind 65 geplant, von Offenburg nach Baden Baden, „wo wir unseren Einlauf haben werden“, sagt Rolf, braucht dann ein paar Sekunden, bis er unsicher in unser Gröhlen einstimmt. Als er seine Laufsocken mit den Worten „die sind für Läufer, die zu Blasen neigen“ anpreist, liege ich schon unter dem Tisch.

Der Tisch steht in der Tullahalle, wo wir Profiultras uns für die Übernachtung einstimmen. Tulla klingt nach Karneval, ist aber der badische Ingenieur, der den Oberrhein begradigte. Damals gab es viele Überschwemmungen und Malaria. Wir fiebern dem morgigen Lauf entgegen. Für die Fiebersenkung ist gesorgt, Maultaschen gibt es auch.   

Der Eisweinlauf ist ein Spendenlauf und der Abschluss für ein Jahr des Spendensammelns. Brigitte und Rolf machen das nun seit 17 Jahren. Angefangen hat es mit einem Dutzend Läufer. Sechs Laufveranstaltungen pro Jahr gibt es inzwischen.

 

 

Samstag 6:30 Uhr, Abfahrt mit dem Bus nach Offenburg zum Bahnhof. Dort treffen wir mit den regionalen Läufern zusammen. 80 Läufer sind wir, die mit warmen Worten seitens der Politik auf die 65 Kilometerstrecke samt 1800 Höhenmeter geschickt werden. Im Laufe des Tages steigen weitere Läufer bei den fünf Verpflegungsstationen in den Lauf ein, bis wir am Ende des Tages über 250 Teilnehmer sein werden. Wir treffen jeweils pünktlich an den Verpflegungsstationen ein, denn dies ist ein zeitlich exakt gelaufener Gruppenlauf. Kirsten und Dieter, frisch verlobt, übernehmen die Führung,  Steffen übernimmt die Funktion als Besenläufer. Früher machten das Brigitte und Rolf Mahlburg, langsam müssen Jüngere die Jobs übernehmen.  

Ziel wird der Weihnachtsmarkt in Baden Baden sein: „Wo wir dann unseren Einlauf haben werden.“ Also dann mal los!

An der ersten Ampel wird brav gewartet, obwohl um diese Zeit nix Auto. Nach wenigen Kilometern erreichen wir den Ortenauer Weinpfad. Die Ortenau ist das  Weinanbaugebiet am rechten Oberrhein, am Fuße des Schwarzwaldes. Steile Westhänge und hüglige Wein-und Obstplantagen. Eiswein gibt es nur zum Gucken, sonst bliebe keine Kohle vom Spendenlauf übrig. Aber ansonsten gibt es an den Verpflegungsstellen alles, was das Läuferherz begehrt.

 

 

Am Schloss Staufenberg auf dem hohen Bergkegel ist unser erster VP (km 10,5) mit Blick über die oberrheinische Tiefebene, schneebestäubte Spitzen des Schwarzwaldes und Weinberge. Unter uns der Weinort Durbach, am Horizont ist das Straßburger Münster zu sehen, dieses Jahr mit bitterem Beigeschmack.  

Das Schloss gehört Max Markgraf von Baden, der mit Valerie Isabella Habsburg-Lothringen verheiratet ist. Die Mutter von Max war die Schwester von Philipp Mountbatten, Max ist also Cousin von Prinz Charles. Eigentlich ist Max auch Prinz, bei gesellschaftlichen Anlässen wird der 85jährige mit „Seine Königliche Hoheit“ angesprochen. Ob Kasper Hauser wirklich der rechtmäßige Thronfolger des Hauses Baden war? Warum verkündete Reichskanzler Maxilimian von Baden in Versailles eigenmächtig die Abdankung des Kaisers? Der Verwalter des Schlosses hat uns den Innenhof zur Verfügung gestellt.

Weiter geht es Richtung Norden. Wir erreichen den Weinort Oberkirch. Ich liebe diese Weinberge mit den alten Steinen, Häusern und Wegen. Zweiter VP im Ort Tiergarten ist die Fatima Kapelle. Die vier Fenster der Kapelle zeigen das Wunder von Fatima. Mindestens 30.000 Menschen sahen 1917 nahe Fátima in Portugal den letzten angekündigten Besuch Marias.

Es ist eine anspruchsvolle Aufgabe,  Essen, Getränke und Entsorgung innerhalb von acht bis zehn Minuten zu erledigen. Die drop bags liegen nummeriert aufgereiht, aber Zeit für Klamottenwechsel hab ich nicht.

 

 

In Ulm, also dem im Schwarzwald, Erinnerungen an den Weinkeller meiner Eltern: Waldulmer Wein, lecker, nur der Korken war schwer reinzudrücken. Der nächste Weinort ist Kappelrodeck. Wir sammeln uns, um gemeinsam die Straße zu queren. Nun geht es hinauf nach Sasbachwalden mit seinen 40 verlockenden gastronomischen Betrieben. Einer davon ist unser dritter VP.  Im Kreise dackeln wir unter dem Carport um die Verpflegungstische. Wir sind schnell unterwegs gewesen, haben also 15 Minuten Zeit, dann sind diejenigen Läufer startbereit, die die restlichen 30 Kilometer mit uns zusammen meistern wollen. Es sind viele, sehr viele.

Berühmt ist die Weinlage Alde Gott : Nach dem dreißigjährigen Kriege war die Gegend so entvölkert, dass man auf weiter Flur keinen Menschen mehr antraf. Da war ein junger Mann auf der Suche nach anderen Menschen und einer Lebensgefährtin. Nach langer Wanderung traf er auf einem Hügel mit einem Mädchen zusammen, bei dessen Anblick er ausrief: „Der alde Gott lebt noch!“ Ich halte keine Ausschau, der Eisweinlauf ist gefährlich, zu viele Paare haben sich hier kennengelernt.

Ein eisernes Ungetüm trägt den Namen „Kaelble“, es ist ein Traktor der Familie der „Schlepperfreunde“.  Das sind keine geldgierigen Flüchtingshelfer, sondern Liebhaber alter Traktoren. Liebhaber schrauben gern (wieder kleine Anspielung von mir!).  Dieser schraubt Destilliergeräte zusammen. Für seine Produkte der Destillieranlage finden sich erstaunlich viele Läufer, so dass ich kaum an die Flasche Topinambur rankomme.

 

 

Topinambur sieht aus wie Sonnenblumen, unter der Erde hat die Pflanze aber dicke, stärkehaltige Knollen. Hier wird das Zeug Erdapfel, Erdbirne oder auch Ross-Erdäpfel genannt, weil es undestilliert an Pferde verfüttert wird. Wir springen weiter. Die Burganlage Neuwindeck liegt vor uns. Der letzte Erbe der Burg kam auf seiner Junkerfahrt in Venedig ums Leben. Die Junkerfahrt war eine obligatorische, ausufernde Reise der Söhne des Adels. Die Idee lebt im Junggesellenabschied und im Eisweinlauf weiter. Wer jetzt denkt, wir könnten bei diesem Lauf Wein, Weib und Gesang fröhnen, der irrt. Ist zwar alles verfügbar, doch wir sind nun 250 Läufer.

Hatte Besenläufer Steffen in der ersten Hälfte sich darum kümmern müssen, dass Büschebesucher den Anschluss finden, so gibt es jetzt erste Schleicher. Auch ich bin unter den Schleichern, brauche meine Mittagspause. Ich bin normalerweise kein Fan von Gruppenläufen, will gerne mal abschalten. Obwohl wir bei Steigungen prinzipiell wandern, so empfinde ich Zeitdruck, den ich aber als Training akzeptiere. Eine Stunde später bin ich  wieder auf der Höhe.

Passenderweise laufen wir durch Lauf. Die Stimmung wird immer besser, immer mehr wird gelacht, Zeit für einen Glühwein! Den gibt es auf der Burg Alt Windeck, unserem nächsten VP. Die Burg wurde nie durch Krieg zerstört, nur ein Feuer im 14. Jahrhundert machte sie unbewohnbar. Die Herren von Windeck residierten fortan im Schlosshof von Bühl. Der Aussichtsturm der Burg kann bestiegen werden. Aber dafür ist keine Zeit, ich muss mir trockene Sachen anziehen. Das dauert. Nach sieben  Minuten stehe ich in der Schlange, um eine der köstlichen Bockwürste zu ergattern.  Schnell Senftütchen ausdrücken und weiterlaufen.

Sobald wir hier weg sind, werden  schnell die  Tische, Bänke, Zelte und Fressutensilien eingepackt und zum nächsten VP gekarrt. Man muss sich das mal vorstellen: Da fallen 250 Läufer wie die Heuschrecken über alles her  was nach  Ess- und Trinkbarem ausschaut,  dann wird weiter gezogen bis zum nächsten Ort, wo der Schwarm wieder einfällt und alles wegfrisst, was nicht mehr laufen kann. Für die Organisation der Spendenläufe sind Brigitte und Rolf Mahlburg mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden.

Dann der letzte VP in Neuweier an der Kirche. Umziehen, es wird kalt. Pflicht ist es, ab jetzt  eine Signalweste und Stirnlampe zu tragen. Kaum Zeit für ein Bierchen. 40 Kinder mit laufbegabten Eltern begleiten uns ab sofort. Gelbwesten ziehen weiter, Richtung Baden Baden. Hinter uns geht die Sonne über der Rheinebene  hinter den Vogesen unter. Der Himmel leuchtet,  die Engelein backen Plätzchen.

Rolf probt mit den Kindern Weihnachtslieder, als wir an der Landstraße auf den Rest der Läufertruppe warten. Ab sofort fährt eine Polizeiescorte vor uns her in die Innenstadt. Dieter funkt Steffen per Walki Talki an: „Habt ihr aufgeschlossen?“ Es dauert eine Weile, dann beginnt die Krönung dieses Laufes. Bergab, nach einigen Kilometern scharfe Linkskurve und ich bleibe mit dem Kopf am Nussknacker hängen. Wieder einordnen! Nach vorne, nach vorne, es geht nicht um den Glühwein, ich muss auf die Bühne, bin Journalist!

 

 

Und nun: Das Beste am Neuen ist das Alte

Auffallend, wie oft Rolf den uns bekannten Thomas Eller vor die Pressevertreter bugsiert hat. Es gibt einen Grund: Brigitte und Rolf ziehen sich zurück, in die zweite Reihe. Thomas Eller wird ab sofort die Organisation der Spendenläufe von laufendhelfen.de übernehmen. Noch auf der Bühne, in der Konzertmuschel verkündet er die Revitalisierung der meisten Läufe, die das Ehepaar Mahlburg in den letzten Jahren aufgebaut haben. Es geht nichts zu Ende, alles läuft weiter!

 

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Es wird sich nichts ändern, außer der Teilnehmerzahl, und die kann ein junger Organisator besser bewältigen. Thomas Eller übernimmt nun ein dickes, gewaltiges, soziales Erbe. Das passt, wie die Faust! Dicker Knutsch für Brigitte und Rolf, die mir das Etappenlaufen beigebracht haben! Dicker Knutsch für Thomas!

 

 


 

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