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Laufberichte

Chișinău Marathon (Moldawien): Eine Stadt blüht auf

30.09.18 Special Event
 

Der weit und vielgereiste Marathon- und Ländersammler Klaus Egedesø aus Dänemark, der wie ich am Samstag von Wien nach Chișinău, der Hauptstadt der Republik Moldova, fliegt, sagt zu mir nach der Ankunft bei der Passkontrolle: „One more challenge, one more country.“

 

Wer kennt Moldawien?

 

Angesichts der Startgebühren hierzulande machen die bescheidenen 22 Euro (bei Anmeldung bis 23.09.2018) für die Teilnahme in Kischinau richtig Freude. Wer nun argumentiert, dass man die Fluganreise mit einer oder zwei Nächtigung(en) in einem Hotel gegenrechnen müsste, vergisst, dass Marathonlaufen mit dem Kennenlernen von neuen Orten und Ländern eine spürbare Leidenschaft ist, auf die man nicht verzichten will und kann, solange man dazu (irgendwie) imstande ist.

Moldawien ist für viele geografisch auf Anhieb nicht zuzuordnen, selbst beim Kürzel KIV für die Flugdestination Chișinău denkt man eher an Kiew. Dabei ist die 530.000 Einwohner zählende und bevölkerungsreichste Stadt des Landes, die ein wichtiger Wirtschaftsstandort sowie Universitätsstadt und Kulturzentrum ist, nur etwas mehr als eine Flugstunde von Wien entfernt, wie bspw. Berlin. Moldawien ist ein Binnenstaat in Südosteuropa mit einer Fläche von ca. 33.000 km² und 3.5 Mio. Einwohnern. Das Land grenzt im Westen an den EU-Staat Rumänien. Im Norden, Osten und Süden wird Moldawien vollständig von der Ukraine umschlossen. Zum Schwarzen Meer besteht kein direkter Zugang. Amtssprache ist Rumänisch, das Russische ist aber im Alltag und in der Bevölkerung stark verbreitet.

Die Republik Moldawien gibt es erst seit 1991, als man sich während der Auflösung der Sowjetunion für unabhängig erklärte. Das Territorium war Teil des einstigen Fürstentums Moldau, ab 1812 gehörte es zum Russischen Kaiserreich, nach dem Ersten Weltkrieg dann großteils zu Rumänien, nach dem Zweiten Weltkrieg bis 1991 zur Sowjetunion.

Klaus und ich sind nach der Landung draufgekommen, dass wir unabhängig voneinander das gleiche Hotel gebucht haben. Bei der Passkontrolle werden wir nach den Grund unserer Einreise gefragt, dass morgen ein Marathon in der Hauptstadt stattfindet, weiß der Beamte offensichtlich nicht. EU-Bürger benötigen kein Visum für Moldawien, ihr Reisepass wird aber abgestempelt.

Die Wechselstuben bieten wie üblich einen schlechteren Umrechnungskurs und verrechnen zusätzlich Spesen, daher hebt jeder 400 moldauische Leu (MDL) am Bankomaten ab, das entspricht ca. 20 Euro. Klaus merkt an, dass der Bus ins Zentrum nur drei Leu kosten würde, wir dafür Kleingeld brauchen und daher unbedingt vorher einen Hunderterschein einwechseln müssen. Die Fahrt dauert rund eine halbe Stunde, am Weg zum Hotel Astoria kommen wir am Expo-Gelände beim Bulevardul Ștefan cel Mare vorbei. Aber zuerst wollen wir einchecken und dann hierher zurückgehen.

Der deutsche Chemiker Dr. Jürgen Kuhlmey, der trotz seiner 80 Jahre wie ein Mittsechziger aussieht, topfit ist und mit 93 gesammelten Ländern schon sehr nahe am Hunderter dran ist, hat in einem Rundmail alle Country Club Mitglieder, die morgen in Kischinau laufen werden, zu einem gemeinsamen Meeting im Rahmen der Pasta Party eingeladen. Wenn ich so höre, dass Klaus Egedesø vorletzte Woche noch in Sydney war, dann von Auckland nach Buenos Aires geflogen ist, um dort den Marathon zu laufen und morgen schon wieder im Einsatz sein wird, wird klar, dass hier in der Runde eigentlich alle bereit sind, auch finanziell viel für den Hobbylaufsport zu investieren.

 

 

 

Mein Renntag

 

Das neu adaptierte und empfehlenswerte Hotel Astoria ist vom Start- und Zielbereich beim Kathedralpark und dem Triumphbogen ca. 800 m oder zehn Gehminuten entfernt. Klaus und ich haben uns gestern abends sicherheitshalber im nahen Supermarkt noch etwas Proviant besorgt, falls es mit dem am Sonntag ab 7 Uhr 15 angesetzten Frühstück nicht klappen sollte.

Gegen 8 Uhr 15 treffen wir ein, es herrscht großer Andrang, sind doch neben dem Marathon (vier idente Runden) ein Lauf über die Halbdistanz, ein 5 und 10 km-Bewerb sowie ein Fun-Run (ohne Startnummer bzw. Zeitnehmung) angesetzt. Bei der Registrierung konnte man seine (erhoffte bzw. angestrebte) voraussichtliche Finisherzeit angeben – beide haben wir eine Startnummer mit einem D davor zugeteilt bekommen mit dem Ziel, nach Möglichkeit unter 5 Stunden zu bleiben.

Ich nutze die Gelegenheit für einige Momentaufnahmen mit meiner neuen Digicam – an Sehenswürdigkeiten in unmittelbarer Nähe des Start- und Zielbereiches sind die 1928 eröffnete Statue Fürst Stefans des Großen, der im 15. Jh. erfolgreich gegen die Ungarn (unter König Matthias Corvinus) und die Osmanen kämpfte, sowie der 1841 fertig gestellte, 13 m hohe Triumpfbogen zu Ehren des Sieges über das Osmanische Reich im 19. Jh. zu nennen. In den öffentlich zugänglichen, sehr gepflegten Parkanlagen befinden sich weitere Bauwerke wie bspw. die in den 1830er-Jahren errichtete und mit einer Kuppel gekrönte neoklassizistische Kathedrale der Geburt des Herrn. Wir werden während der vier Runden entlang der Marathonstrecke am Bulevardul Ștefan in beide Richtungen Gelegenheit haben, weitere Bauwerke zu sichten – das Regierungsgebäude zu unserer Linken hier im Zentrum am Großen Nationalen Platz ist ebenfalls nicht zu übersehen.

Eine knappe Viertelstunde vor dem Start treffe ich zunächst Jürgen Kuhlmey und dann Donald Ying, der vom Moskaumarathon auf abenteuerlichen Umwegen über Odessa mit dem Zug nach Kischinau angereist ist – wir haben noch Zeit für ein gemeinsames Foto.

 

 

Die Flaggen jener Länder, aus denen die zahlreichen internationalen Teilnehmerinnen und Teilnehmer kommen, befinden sich beidseitig des Start- und Durchlaufkorridors. Während ich die österreichische Fahne auf Anhieb erblicke, halte ich vergeblich nach der deutschen Ausschau. Neben den Schweden, Ukrainern, einigen Amerikanern und Russen stellen die Deutschen laut Anmeldeliste aber ein größeres Kontingent. Darunter auch der vielen bekannte Marathon- und Ultramarathonläufer Klaus Neumann, der voriges Jahr  beim Jungfrau Marathon seinen 1000. Marathon gelaufen ist.

Minuten vor dem Start kommt Laufkollegin Ingrida aus Litauen, die in Norwegen lebt und arbeitet, auf mich zu – wir kennen uns inzwischen von zahlreichen Marathons, sie war heuer (wie ich) in Dubai, Limassol und Riga am Start.

Drei Minuten nach dem erfolgten Startsignal wird meine Zeit genommen. Wir laufen gegen Osten, der mit freiem Auge gut erkennbare wellige Kurs mit langen Anstiegen weist laut Plan mehrere Hundert Höhenmeter auf.  Auf der ersten Runde herrscht viel Gedränge, denn die Läuferinnen und Läufer aller drei Bewerbe (an unterschiedlichen Startnummernfarben gut erkennbar) nehmen sozusagen gleichzeitig das Rennen auf. So unfreundlich kalt, ja herbstlich es gestern am frühen Nachmittag war, so schön ist das Wetter heute: zwar etwas kühl, aber sonnig und trocken.

Donald und ich laufen anfangs nebeneinander. Das Rathaus, das Nationaltheater und das Ministerium für innere Angelegenheiten zu unserer Rechten haben wir nicht wirklich bewusst wahrgenommen, alle sind auf den Lauf konzentriert. Bald darauf kommen wir zu einer Anzeigetafel, mit der die 5 km-Läuferinnen und -Läufer aufgefordert werden, zu wenden, während alle anderen weiterlaufen.

Am Ende des Bulevardul Ștefan bei der beidseitigen Labestelle dreht der Kurs in südliche Richtung, doch nach bisher gelaufenen zwei Kilometern sind nun auf weiteren zwei Kilometern konstant ansteigend rund 50 Höhenmeter zu überwinden. Donald zieht an mir vorbei, ich halte mich zurück, Klaus liegt hinter uns zurück. Im Feld befindet sich auch wieder der Kollege aus Ungarn, der immer mit einer oder sogar zwei Fahne(n) läuft.

Auf einer mittels Pylonen getrennten Strecke kommen uns zu unserer Linken die Schnellen entgegen. Der Kenianer Kiprop Benjamin Serem liegt ganz vorne.

Nach vier Kilometern wird gewendet, wir laufen durch einen Torbogen mit einer Zeitmessvorrichtung. 50 m weiter mache ich bei der Labe kurz Halt, es gibt Wasser in Flaschen und Bechern, auch Bananen- und Orangenspalten werden angeboten. Nun geht es endlich “abwärts” – ich schaue auf die GPS-Uhr, mit 5:50 min auf den folgenden zwei Kilometern kann ich die 7er-Zeit beim Anstieg wieder gut kompensieren. Viel Aufmerksamkeit bekommt der konstümierte Schlussläufer in schwarz, der als “Sensenmann” dafür sorgen soll, dass die 6 Stunden eingehalten werden.

 

 

Es geht nun wieder zum Start- und Zielbereich zurück, den leichten Anstieg spürt man. Ich laufe hinter einem Schweden-Trio, die beiden Frauen (Pippi und Rose) haben am Rücken ihres gemäß der landestypischen Fahne gelben Shirts die Zahl 42 abgebildet, der Mann in der Mitte (Fluffer) hat die 69 – vom Aussehen her gesehen könnte er auch so alt sein und es nochmals wissen wollen, wozu er (im Sport) noch fähig ist. Die Zuschauer sind alle beim Triumphbogen bzw. neben den Absperrungen postiert, beim Durchlauf sind acht Kilometer erreicht.

Für uns geht es nun nach Westen ca. einen Kilometer weiter, die Strecke weist ein leichtes Gefälle auf, das man aber bei der Wende, wo ebenfalls gemessen wird, auf dem ansteigenden Rückweg wieder ausgleichen muss. Auf einem sanft abfallenden Parcourt komme ich immer besser und schneller voran. Während ich hinter den Schweden laufe, kommen uns auf der Gegenseite die 4 h-Pacer entgegen.

Eine Musik- und Tanzgruppe sorgt seitlich der Laufstrecke für Unterhaltung, Countryclub-Kollegin Akinbode klatscht mit einigen von ihnen ab. Mit etwas Verspätung beende ich die erste Runde, bereits jetzt hat sich das Feld gelichtet, denn es sind mehr als 1.000 10 km-Läuferinnen und Läufer am Start (gewesen).

Die 1858 errichtete Kathedrale des großen Märtyrer Teodor Tyron besticht durch ihr hellblaues Erscheinungsbild und den goldenen Kuppeln. Es wird gerade eine Messe gelesen – für einen Moment denke ich, dass die gläubigen Menschen in der Kirche in inniger Andacht einen geistigen Prozess erleben, während wir uns unserer körperlichen Grenzen gewahr werden. Zur gleichen Zeit kommen uns auf der Gegenseite die 3:30er-Pacer entgegen, die, wenn man es genau nimmt, schon 4 km mehr in den Beinen haben. Die 4:00er- und 4:30er-Gruppen folgen bald darauf. Den 5 h-Tempomacher habe ich noch nicht gesichtet, er liegt aber definitiv hinter mir. Als ich nun auf meiner zweiten Runde nach der Wende auf der Abwärtspassage wieder Tempo zulegen kann, stürmt entgegenkommend der Siegesanwärter bereits heran – er müsste bereits auf seiner dritten Runde sein.

Jetzt auf dem Rückweg in den Start- und Zielbereich erblicke ich auf der anderen Seite den 5 h-Pacer – der liegt ja weit zurück.  Ist mein Vorsprung von ca. vier Kilometern ein beruhigender Polster? Die Halbdistanz erreiche ich nach 2:24 h Laufzeit, in Anbetracht der Steigungen ist das für mich ok.

Meine dritte Runde beginnt, nun sind auch die meisten der ca. 700 angetretenen Halbmarathonläuferinnen und -läufer schon im Ziel und das Feld hat sich weiter gelichtet. Zum dritten Male geht es die langgezogene Steigung auf dem Bulevardul Dacia hinauf, Klaus Neumann ist schon wieder auf dem Rückweg. “Du schaffst das!”, ruft er zu mir rüber. “Tu poti”, wie vorhin als Ansporn zu lesen war.

Ein junges Mädchen hält vor der Labe eine Tafel mit der Aufschrift “Noi credem in tine” (wir glauben an dich) in der Hand – nicht nur sie glaubt an mich, auch ich tue das. Zumal ich noch nie bei einem Marathon aufgegeben habe, sondern bisher bloß dreimal wegen Zeitüberschreitung unfreiwillig (!) das Rennen nicht mehr fortsetzen durfte. Der toughe Klaus aus Dänemark hat mich nun doch eingeholt, er hat all seine Kräfte auf der dritten Runde mobilisiert und lässt mich hinter sich. Währenddessen konnten Akinbode und Jürgen, der ein Laufphenomen ist und viele weitaus Jüngere auch heute schon abgehängt hat, auf mich keinen Boden gutmachen.

So richtig in Schwung komme ich nicht mehr. Auch der 5 h-Pacer hat den Anschluss gefunden und liegt nur noch einen Kilometer zurück. Ich beginne nach dem Durchlauf meine vierte und letzte Runde – die GPS-Uhr zeigt 3:32 für 30 km an. Das ist bei mir genau jener Richtwert, der bei den letzten Marathons sehr knapp nicht ausgereicht hat, sub 5 Stunden zu finishen. Wird der Zeitpolster von 1:27 Stunden  für verbleibende 12 Kilometer diesmal genug sein?

 

 

Der “Sensenmann” hat sich einer älteren Läuferin, die bisher immer am Schluss des Feldes gelegen ist, angenommen.  Er läuft mit ihr Hand in Hand – kein Zweifel, dass sie es schaffen wird. Meine Uhr zeigt beim letzten Durchlauf nach 40 km eine Zeit von 4:47 Stunden an. Aber die Tafel “Never give up!” wird für mich als Ansporn nicht ausreichen, noch unter 5 Stunden zu bleiben. Daher nehme ich meinen Ehrgeiz zurück, ich trabe gemächlich ins Ziel und finishe mit 5:03.

Die Medaille ist schön, groß und schwer, ich treffe Klaus aus Dänemark in der Erholungszone, er lässt sich massieren. Langsam trudeln auch die Nachzügler des hier quasi als Team auftretenden Country Marathon Clubs ein. Wir setzen uns zusammen, weitere Erinnerungsfotos werden gemacht. Strahlender Sonnenschein bei wolkenlosem Himmel und einer beinahe spätsommerlichen Temperatur von 22 Grad C bereiten den anwesenden Läufern im abgesperrten Areal einen angenehmen Nachmittag bei einem geselligen Beisammensein.

 

 

 

Abschließende Bemerkungen


Die größte und bedeutende Laufsportveranstaltung Moldawiens wird weiter wachsen, das internationale Teilnehmerfeld ebenso. Die dortigen Menschen sind an Kontakten mit dem westlichen Ausland sehr interessiert, der völkerverbindende Marathonlaufsport fördert den gesellschaftlichen Aufholprozess ehemaliger Oststaaten wie Moldawien.  

Für die Einheimischen mögen 22 Euro Teilnahmegebühr für den Marathon viel Geld sein, für gutverdienende Angehörige aus den reichen westlichen Staaten ist das wenig. Aber nicht nur wegen des sehr günstigen Startgeldes und den zahlreichen Goodies im Startpaket sollte man einmal in Chișinău gelaufen sein, sondern auch wegen des trotz langgezogener Steigungen eigentlich schnellen Kurses auf einer komplett für den Verkehr gesperrten Strecke.

Das Preis-/Leistungsverhältnis könnte besser nicht sein, ebenfalls die Organisation. Ich behalte den Marathon in Chișinău in bester Erinnerung und kann ihn nur weiterempfehlen.  

 

Siegerliste Männer:

1. Kiprop Benjamin Serem (KEN) – 02:16:38
2. Nikolay Gorbusho (MDA) – 02:28:45
3. Serhi Popov (UKR) – 02:31:39

Reihung bei den Frauen:

1. Iryna Masnyk (UKR) – 02:53:53
2. Pilar Isidro Mahamud (ESP) – 03:13:49
3. Oleksandra Kyryllova (MDA) – 03:22:34

327 Finisher beim Marathon (als Letzter im Klassement wird Dmitir Parcevschii aus Moldawien mit 6:15:38 geführt), 694 Läuferinnen und Läufer haben den Halbmarathon beendet.

 


 

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