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Laufberichte

Amsterdam Marathon: Endlich, I amsterdam

21.10.18 Special Event
 

Quer über Deutschland geht es mit dem Flieger zu unserem nächsten Marathonziel nach Amsterdam. Der Landeanflug über die Felder um die Stadt und die Hafenanlagen ist beeindruckend: Überall gibt es Kanäle und Seen.  Es sieht so aus, als könnte das Land das ganze Wasser nicht aufnehmen. Wieder einmal zeigt sich, dass der Erdkundeunterricht recht hatte: Die Niederlande liegen hier schon ziemlich weit unter dem Meeresspiegel, geschützt durch unzählige Dämme.

Vom großen und quirligen Flughafen Schiphol geht es über Amsterdam Zuid per Bahn zu den Sporthallen beim Olympiastadion. Im breiten Strom der Läufer bewegen wir uns in die erste Halle, ganz ohne Taschenkontrolle. Überall wird gedrängelt und man muss einen kühlen Kopf bewahren, um hier nicht zu verzweifeln. Gleiches gilt für die Helfer hinter den Schaltern für die Startnummernabgabe und die Ausgabe der Laufshirts. Im Gewühl besteht die schwierige Aufgabe darin, den Abholbeleg für das Shirt von der Startnummer abzutrennen, ohne den gleich daran anschließenden Chip zu zerreißen. Und dann halte ich endlich das im Startpreis inkludierte Shi in Händen. Wie oft habe ich schon bei anderen Rennen den Aufdruck „I amsterdam“ gelesen. Jetzt „bin“ auch ich praktisch „Amsterdam“, nur der Lauf fehlt noch. Kleidersack gibt es keinen, was sicher der Umwelt gut tut.

In den folgenden zwei Sporthallen gibt es eine kleine Marathonmesse und ganz in der Ecke die Möglichkeit, den Chip zu prüfen. Er funktioniert noch. Die Pastaparty für 15,-€ schenken wir uns, Nudeln wird es im Zentrum auch noch geben.

 

 

Hotels sind in Amsterdam nicht gerade billig, zumal die Stadt sich in den letzten Jahren zu einer ausgesprochenen Touristenhochburg entwickelt hat. Am Marathonwochenende gilt das gehobene Preisniveau auch für die Außenbezirke. Dafür kommen wir mit der U-Bahn ohne Umsteigen in unsere Unterkunft in einem Bürogebiet nahe der Johan-Cruyff-Arena und freuen uns über ein Zimmer mit einem schicken verglasten Bad.

Weiter ins Zentrum der Hauptstadt der Niederlande. Die alte und im letzten Krieg nicht zerstörte Stadt zählt gut 850.000 Einwohner und ist von unzähligen Kanälen, Grachten genannt, durchzogen. Die typischen, oft schmalen Häuser mit Giebelfassaden sind auf Millionen von Holzpfählen gebaut und stehen alle irgendwie schief. Dazwischen Menschenmassen, viele Geschäfte und unzählige nette Lokale und Bars. Außerdem 270 Coffeeshops, wegen denen wohl auch viele Besucher nach Amsterdam kommen. Meine Kollegin hat mich vor dem Genuss von Graskeksen gewarnt. Weiß Gott, was sie damit gemeint hat, wir suchen jetzt erst mal einen Italiener für unsere Pastaparty.

Dann zurück ins Hotel und alles für den großen Tag vorbereiten.

 

Marathontag

 

Unsere Metro ist am Sonntag um halb acht noch ganz leer. Da zahlt es sich mal aus, fast an der Endstation zu wohnen. Gedränge hingegen herrscht beim Ausstieg am Amstelveenseweg. An vier automatischen Türen der Haltestelle ist das elektronische Ticket aufzulegen, um den Weg zum „Olympisch Stadion“ antreten zu dürfen. Tipp: Der östliche Ausgang an der Schnellstraße ist viel weniger frequentiert und die Schnellstraße kann dank Sperrung auch gefahrlos überquert werden. Später hören wir, dass die Bahnen aus Richtung Zentrum hoffnungslos überfüllt waren. Am Stadion sind wir nahezu die Ersten, selbst etliche Helfer trudeln später ein. Die eigene Tasche kann man an einer der vielen Gepäckabgabestellen loswerden. Zur Identifikation erhält man Aufkleber für Tasche und Startnummer. Auch große Reisetaschen werden angenommen. Lange Schlangen vor den vielen Toiletten. 15.000 Menschen sind halt doch eine ganze Menge.

 

 

Bis 9:15 Uhr sollten wir durch das Marathontor in das Stadioninnere vorgedrungen sein. 9:00 Uhr müsste noch locker reichen, denken sich außer uns noch viele andere und es wird sehr eng. Als wir endlich dran sind, wird verkündet, dass der Eingang in einer Minute geschlossen wird. Anscheinend werden die restlichen tausend Teilnehmer über die Tribüne ins Innere geschleust. Drinnen gibt es mehre Bereiche mit farblicher Markierung und noch mal zahlreiche Toilettenhäuschen. Das hätten wir uns am Samstag von der Tribüne aus mal genauer ansehen sollen.

Um 9:30 Uhr beginnt der Start mit den Spitzenläufern. Der Amsterdam Marathon – in diesem Jahr zum 43. Mal durchgeführt – kann mit seinem IAAF Gold Label wohl viel Geld für die Weltelite ausgeben und zählt daher bei den Finisherzeiten zu den schnellsten Marathons überhaupt. Wir verfolgen das Ganze auf Videowänden, bis wir selbst an der Reihe sind. Der Startbogen ist recht schmal, was sich in Folge auf das Gedränge an Engstellen positiv auswirken wird.

Ich hechle, von einer leichten Erkältung genesen, Judith hinterher und versuche einige Fotos im Laufschritt zu schießen. Stehenbleiben am Laufrand geht nicht, da dieser gefühlt über Kilometer mit Metallgittern abgesperrt ist. Nicht schlecht, da sehr viele Zuschauer unterwegs sind.

Die zweisprachige Marathonbroschüre zählt drei Sehenswürdigkeiten an der Laufstrecke auf: Nummer 1 ist der Vondelpark, den es auf 1,5 Kilometern komplett zu durchlaufen gilt. Dann kommt noch mal ein Kilometer durch das sogenannte Museum-Plein, samt Durchlaufen des renommierten Rijksmuseums. Gäbe schöne Bilder, aber ich kann beim besten Willen nicht stehen bleiben. Links und rechts in der Hofdurchfahrt sieht man einen modern gestalteten Museumsinnenhof. Wer das mal aus der Nähe sehen will, ist mit mindestens 19 € dabei.

Die Kilometer 6 bis 9 führen durch ein Neubaugebiet mit einigen sehenswerten Hochhäusern. Laut Bautafel am Streckenrand werden gerade noch 120 Luxuswohnungen erstellt. Nebenan im fertigen Gebäude steht ein Mittfünfziger im weißen Bademantel auf seiner großen Dachterrasse und lächelt uns zu. Dann den gleichen Weg zurück. Immer geht es bei diesem Lauf irgendwo hinüber und auch mal drunter durch. Also extrem flach ist die Strecke nicht.

 

 

Am VP bei km 10 verliere ich Judith. Und das geht bei so einem großen Teilnehmerfeld innerhalb von Sekunden. Wieder mal ist es an der Zeit, mein Klagelied auf die Sportuhrenhersteller anzustimmen, die es auch dieses Jahr nicht geschafft haben, eine Uhr mit Grouptracking anzubieten, bei der man sehen kann, wo sich die Lauffreunde gerade befinden. Meine gute Laune ist dahin, keine blöden Bemerkungen mehr. Wie soll ich ohne Häschen eine gute Zeit laufen? Es folgt eine weitere 500 Meter lange Begegnungsstrecke, die wird mir helfen, Judith vor oder hinter mir zu finden. Pustekuchen. Dafür winkt mir Herbert aus Frankfurt zu, den wir immer mal wieder auf Laufveranstaltungen treffen. Wie üblich ist er mir weit voraus.

Von Kilometer 13 bis 25 kommt ein interessantes Stück: Es geht ins Grüne und am Fluss Amstel entlang, bekannt auch als Namensgeber des Biers. Auf der Gegenseite sieht man vereinzelt schon sehr schnelle Sportler. Ich beobachte mehr den Boden. Hier sind rote Ziegel verlegt, die eine gewisse Sturzgefahr bergen. Gut, dass nach einiger Zeit endlich eine Teerbahn unter uns verläuft. Zu sehen gibt es vereinzelte Herrenhäuser, Windmühlen und zur Abwechslung über dem Fluss Flyboard-Artisten, die von weit oben zu uns herabwinken. Nette Idee. Und dann ist da noch eine kleine Jacht mit einem Rudi-Carrell-Verschnitt auf dem Dach, der Schlager auf Holländisch darbietet. In einem Flussbogen sehe ich einige hundert Meter vor mir jemanden, der mich von der Kleidung und vom Laufstil her an Judith erinnert. In der nächsten Biegung bin ich mir sicher und erhöhe vorsichtig mein sowieso zu schnelle Tempo.

In Ouderkerk bei km 19 geht es auf einer Drehbrücke über die Amstel. Und das war es dann auch mit Ouderkerk. Dafür gibt es eine Blaskapelle mit viel Stimmung und noch mehr Zuschauern. Danach dann Amstel, Ziegen, Schafe und Ponys. Scharf rechts sieht man auch noch in der Ferne die Fußballarena.

Endlich hole ich Judith ein. Die hat gar nicht mitbekommen, dass ich sie verloren hatte. Sehr witzig. Halbmarathon unter 2 Stunden ist o.k.. Bei km 24 dann wieder Halligalli, eine Metrostation liegt in der Nähe und spuckt Zuschauer an die entlegene Laufstrecke. Wieder VP-Punkt. Die sind recht groß, bieten Iso, Wasser in Bechern, Bananen, Riegel und ab km 20 auch Iso-Gel. Natürlich samt Geschupse und Drängelei. Es sind halt bei dem nicht gar so warmen Wetter viele hitzige Läufer unterwegs.

Zwei Kilometer schnurgerade auf breiter Allee durchs Industriegebiet. G-Star Raw besitzt hier ein riesiges Gebäude. Ist aber kein Sponsor, deswegen ist dort auch tote Hose, bis auf drei Diskopoints: Die Amsterdamer haben wohl ein Faible für Oldtimer und halbe Autos, aus denen Diskomusik ertönt. Davon stehen sicher 20 an der Strecke. Ziemlich cool.

 

 

Judith zieht davon,  ich habe fertig. Die nächsten sechs Kilometer geht es über breite Straßen, durchs Grüne und an Lärmschutzwänden vorbei durch aufgelockerte Bebauung Richtung Nordosten auf das Zentrum zu. Immer mit den bekannten Über- und Unterführungen und mit viel Musik und Applaus. Viele Marathonschleusen warten auf uns: Querende Fußgänger, Radler und Mopedfahrer, die anscheinend den gleichen Status wie Radler haben, warten eingezäunt in einer Mittelinsel der Straße darauf, dass der Läuferstrom einmal links und dann wieder rechts am eingezäunten Bereich vorbei geleitet wird. Auf der läuferfreien Seite findet dann der Austausch der Querenden statt. Also viele Zuschauer - und viel blauer Dunst. Amsterdam wird mir als Raucherhochburg in Erinnerung bleiben.

Von dem Abschnitt am Rande des Zentrums entlang hatte ich mir mehr erwartet. Es bleibt städtebaulich uninteressant. Nichts, was das Auge erfreuen würde. Durch eine tiefere Autounterführung trägt einen die Anfeuerung der Amsterdamer.

Ich falle immer mehr in eine meditative Phase, lese „Tata Consultancy Service“ auf vielen Laufshirts. Ein Kollege aus Indien hat mir erzählt, dass der Geschäftsführer von Tata selbst Marathons läuft und ihn dabei unzählige Angestellte begleiten, da sie nur dort so engen Kontakt zu ihrem Boss bekommen können. Wenn also in den nächsten Wochen, verstärkt „Tata Consultancy Service“- Shirts auf den Laufstrecken der Republik auftauchen, denkt an Amsterdam, nicht an den Tata Mumbai Marathon.

Etwas aufregender wird es zwischen km 37 und 39 auf der Stadhouderskade. Hier ist es so, wie ich mir einen Stadtmarathon wünsche. Innerstädtisch, Stimmung, Ausblicke auf schöne Häuser auf der anderen Seite der Gracht. Viele Ausflugsboote sind unterwegs. An der „Heineken Experience“ vorbei, Brauerei und Museum. Schon mal Heineken Alkoholfrei probiert? Daher der Name Experience. Aber hier gibt es das nicht. Oft sieht man Menschen mit Blumensträußen, aber keine Tulpen. Scheint wohl nicht die richtige Jahreszeit dafür zu sein.

Km 38 mit den rosa Häschen vor dem Rijksmuseum. Keine Halluzination, auch wenn ich sehr leide. Wir kommen auf eine nun schon bekannte Strecke, nämlich den Vondelpark mit nicht enden wollenden 1,5 km. Ich laufe mit 7:00 min/km, überhole eine Dame mit gelbem Hemd samt Aufdruck „Lustig“. Kurze Zeit später düst sie wieder an mir vorbei. Und natürlich viele andere. Um die Gehenden „kümmern“ sich die vielen Zuschauer. Noch 1,5 km über den Amstelveenseweg, der Marathonweg bleibt den Halbmarathonis vorbehalten, die um 13:30 Uhr gestartet sind. Jetzt zieht auch noch das Pärchen mit der deutschen und europäischen Fahne vorbei, das laut Trikotaufdruck schon oft beim Köln Marathon mitgemacht hat und hinter dem Judith und ich am Start standen.

 

 

Egal, ich laufe noch, statt zu gehen, und genieße die schöne Baumallee. Dann endlich die Rechtskurve zum Stadion. Nein, noch mal ein Stück geradeaus und dann nach rechts: 500 Meter sind noch zu bewältigen. Das dritte Highlight des Laufs liegt vor mir: Für die Olympischen Spiele 1928 erbaut, wurde das Stadion bis 1996 für Fußballspiele von Ajax Amsterdam genutzt. Während Renovierung und Rückbau des zweiten Rangs befanden sich Start und Ziel des Marathons auf dem zentralen Platz Dam in der Altstadt. Durch das Marathontor hindurch. Die Meter werden heruntergezählt. Ordentlich angegeben, stehen die Schilder an der Außenkurve versetzt.

Unter dem Jubel von vielen Zuschauern auf der Tribüne laufe ich durchs Ziel. Madam „Lustig“ hat mich noch abhängen können. Im Ziel bekommen Mitarbeiter der Fluggesellschaft KLM die Medaille von Stewardessen umgehängt. Für uns gibt es die Medaillen weiter hinten. Wer will, kann die Atmosphäre auf dem Spielfeld genießen. Wozu die beiden großen Zelte dort stehen, bleibt unklar.

Ich muss jetzt erst mal etwas ausruhen, dann geht es ein letztes Mal durchs Marathontor zur Zielverpflegung vor dem Stadion: Iso-Getränk, Banane, Riegel und Tschüss. Das Heineken immerhin blieb uns erspart.

Die Duschen in den Sporthallen sind ausreichend. Massagen gibt es auch. Danach geht es für Judith und mich zum Bahnhof, Taschen einsperren und dann auf Tour in das Rotlichtviertel, wo man laut Stadtplan unbedingt gewesen sein muss.

Ausklingen lassen wir den Tag bei einem Bierchen mit Herbert, bevor es per Zug für ihn und Flug für uns nach Hause geht. Von der interessanten Stadt habe ich noch nicht genug gesehen. Vielleicht steht noch mal ein Besuch auf dem Programm und dann natürlich wieder mit dem Marathon.

 

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Fazit

 

Mit 77 € Startgebühr inklusive Laufshirt ist der Amsterdam Marathon ein Schnäppchen unter den großen Stadtmarathons. Das Sightseeing-Erlebnis des Laufs beschränkt sich aber auf wenige Punkte.

Desweiteren sind der große Zuschauerzuspruch und die vielen Musikpunkte an der Strecke erwähnenswert, welche auch die 13 Kilometer an der Amstel abwechslungsreich gestalten.

Für Sammler von Länderpunkten, Hauptstadtpunkten, Zieleinläufen in Olympiastadien auf jeden Fall ein Muss.

 

Sieger Männer

1 Lawrence Cherono        02:04:06
2 Mule Wasihun        02:04:37
3 Solomon Deksisa        02:04:40

Sieger Frauen

1 Tadelech Bekele        02:23:14
2 Shasho Insermu        02:23:27
3 Azmera Gebru        02:23:31


Finisher Marathon: 12.131
Finisher Halbmarathon: 15.423
Finisher 8k: 4.918

Alle Läufe:

121 Nationen
Deutschland: 2.132 Teilnehmer/innen
Österreich: 198
Schweiz: 320
Großbritannien: 4.442
Belgien: 2.266
Frankreich: 3.387

 

 


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