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Laufberichte

Rock `n` Roll in Liverpool

 

Marathon in London – da würden viele Deutsche gerne mal mitlaufen. Für unseren ersten Marathon im Vereinigten Königreich wählen Judith und ich aber eine andere Stadt, und zwar Liverpool.

Ziel unseres Billigflugs ist allerdings Manchester, nach zwei Londoner Flughäfen drittgrößter Airport Großbritanniens. Da wir erst abends landen und möglichst viel sehen wollen, bleiben wir eine Nacht dort. Wir fahren mit der Trambahn in die City und gewinnen unterwegs schon viele Eindrücke. Auch den folgenden Vormittag verbringen wir mit Sightseeing. Aber ich verkneife mir hier jetzt das Schwärmen von dieser pulsierenden Stadt mit ihren vielen modernen Gebäuden und romantischen Kanälen. Der Manchester Marathon 2019 ist für mich quasi schon gebucht. Viele Leute sehen unsere M4Y-Jacken und wünschen uns Glück für der Greater Manchester Run am Sonntag, einen Halbmarathon samt 10 km-Lauf, den Sir Mo Farah gewinnen wird und der ganz groß in den Medien gefeiert wird.  Aber da wollen wir ja gar nicht hin.

Beeindruckt von den Erlebnissen des Samstagvormittags nehmen wir den Zug Richtung Meer nach Liverpool. Interessant ist es, auf einer antiken Strecke mit einem ultramodernen aber kleinen Zug zu fahren. Die Brücken lassen einfach keine größeren Wagen zu. Im Jahr 1830  wurde die Liverpool and Manchester Railway eröffnet, das Referenzmodell für die folgende Entwicklung der Eisenbahn weltweit. Fünf Jahre später erhielt Deutschland seine erste Eisenbahnstrecke zwischen Nürnberg und Fürth.

56,3 km weiter erwartet uns Liverpool, eine Stadt mit einem ganz anderen Charakter. Die knapp 500.000 Einwohner zählende Universitätsstadt an der Mündung des Flusses Mersey beherbergt den zweitgrößten Exporthafen Englands und ist als Heimat der Beatles sowie der Premier-League-Fußballclubs FC Liverpool und FC Everton bekannt. Im Jahr 2008 war Liverpool Europäische Kulturhauptstadt. Wir gehen durch die von vielen Läden gesäumte Fußgängerzone direkt an den Fluss  zum Exhibition Centre Liverpool, wo die Unterlagen abgeholt werden können. Den Namesaufdruck auf der Startnummer konnte man selbst wählen und einige Mitläufer waren da sehr kreativ, wie ich nun feststelle. Ich habe es bei meinem Vornamen bewenden lassen, und den werden die Zuschauer am Sonntag oft genug rufen. Dann gibt es noch ein Lauf-T-Shirt und keinen Beutel. In den Informationen zur Gepäckaufbewahrung wird auf die Maximalmaße der Taschen hingewiesen, aber ich kann schon verraten, dass es am Sonntag auch eine Abgabemöglichkeit für größere Kaliber wie Rollkoffer & Co.  geben wird. Was leider auf der Messe ganz fehlt, sind Infostände von anderen britischen Marathons. Einige Läufer tragen aber Hemden, die von Großtaten im  aktuellen Jahr künden.  "8 Marathons in 4 Months" kann man da beispielsweise lesen.  Dazu sind Orte aufgeführt, von deren Existenz ich bisher nichts ahnte..

 

 
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Veranstaltet wird der Liverpool Marathon im Rahmen der Rock ´n´ Roll Series, einer Vereinigung hauptsächlich US-amerikanischer Marathons. In Europa haben Judith und ich bereits am Madrider Rock´n´Roll teilgenommen und dazu auf M4Y einen Bericht veröffentlicht. Marathons scheinen ein gewinnträchtiges Business zu sein, sodass die Serie inzwischen von Ironman übernommen wurde, dessen EMEA (Europa und mittlerer Osten)-Büro sich in Frankfurt befindet. Kein Wunder, dass sich in die vielen Info- und Werbemails auch gelegentlich ein deutsches Wort einschleicht. Bei so einem Veranstalter erwarte ich mir natürlich einen perfekt organisierten Lauf mit viel Musik an der Strecke.

Die Infos gibt es im Internet und alles Nötige auch ausgedruckt mit der Startnummer. Natürlich nur auf Englisch. Während ich in Manchester kaum Verständigungsprobleme hatte, wird hier in Liverpool ein eigenwilliger Dialekt, genannt “scouse” (abgeleitet von dem Gericht “lobscouse”, deutsch “Labskaus”) gesprochen, gern ohne die Verwendung des R. So wurde ich im Hotel nach dem "Ka" gefragt. Erst als die Dame es mit “vehicle” probierte, stellte ich fest dass, sie wohl “car”meinte. Und viele Einheimische, Liverpudlians oder “Scousers” genannt, haben Probleme, auf ein dialektfreies Englisch umzusteigen. Da hilft auch mein im beruflichen Umfeld angeeignetes südindisches Englisch nicht weiter.

Am frühen Samstagabend wird es Zeit, zu unserem Hotel in einem Vorort aufzubrechen. Dort gibt es  Carboloading mit Reis beim Chinesen in so reichhaltigen Portionen, dass wir gar nicht alles aufessen können.

 

Marathontag

 

Sieben Kilometer ist der Start von unserem Hotel entfernt, die S-Bahnen fahren im normalen Sonntagstakt alle 30 Minuten. Wir nehmen den Doppeldecker-Bus, der vor 8 Uhr am Start ankommen soll. Denn danach ist das Zentrum für viele Buslinien gesperrt. Dumm nur, dass wir trotzdem in Brunswick rausgeschmissen werden, um die letzten drei Kilometer mir der S-Bahn zu fahren. Die kommt 15 Minuten zu spät, ist aber doppelt so lang wie angekündigt, sodass wir noch einen Sitzplatz finden. Wer sich das Geld für ein teures Hotel in Startnähe sparen will, erlebt halt manchmal schon vorab ein kleines Abenteuer.

Nächster spannender Moment: Vor der Halle müssen wir uns in einer Reihe aufstellen, unsere Tasche einen Meter vor uns auf den Boden legen und dann kommt der Sprengstoff-  oder Drogenspürhund. Eine Frau muss ihren Beutel öffnen. Die hat wahrscheinlich eine Wurst dabei. Ich werde gebeten, nicht zu fotografieren.

 

 
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Die Taschenabgabe erfolgt alphabetisch nach Familiennamen. Auch mal was Neues. Dann noch schnell auf eine der Toiletten in den Messehallen oder in der Echo Arena. Dixies gibt es auch noch beim Start. Der befindet sich nahe den Albert Docks, seit 2004 UNESCO-Weltkulturerbe. Der Bereich ist schmal, es gibt zwölf Abschnitte, corrals genannt, wir sind im vierten,  Kontrollen finden keine statt.  Aber die Teilnehmer scheinen sowieso recht gelassen zu sein. Vielleicht schummelt der Brite von Haus aus nicht? Der Sprecher gibt eine Verzögerung um 10 Minuten bekannt, danach noch mal um ein paar Minuten. Womöglich sind einige der 8.000 Halbmarathonis noch in der Nähe, die vor einer Stunde gestartet sind.

Landeinwärts ist ein Hafenbecken, in dem sich die Narrow oder Long Boats befinden. Die Wasserkraft lieferte am Beginn der industriellen Revolution die Energie für die Spinnmaschinen, die Güter wurden dann über Kanäle verschifft. Dabei waren die Schleusen nur für Boote mit einer Breite von 2,20 Metern und einer Länge von bis zu 22  Metern ausgelegt, Hier findet man noch einige dieser ungewöhnlich schmalen Boote, die anscheinend als Hausboote genutzt werden und auf denen man sicher gemütlich über die alten Wasserstraßen schippern kann, selbst zu bedienende Schleusen inklusive.

Für uns beendet der Startschuss die Gemütlichkeit. In kurzen Abständen werden wir auf die Piste geschickt. Und es gibt sofort die nächsten Highlights:  Als die “Drei Grazien Liverpools” wird das Ensemble aus Royal Liver Building,  Cunard Building und Port of Liverpool Building bezeichnet.

Das Royal Liver Building, erbaut als Hauptsitz einer Versicherung im Jahr 1911, war mit über 90 Metern bis 1932 das höchste Gebäude Europas. Auf den obersten Kuppeln befinden sich die beiden mythischen, 5,5 m hohen Liver Birds aus Kupfer, entworfen von dem Deutschen Carl Bernard Bartels. Die Vögel haben sich schnell als Wahrzeichen Liverpools etabliert. Das Cunard Building wurde 1914-1917 erbaut und ist stilistisch von der italienischen Renaissance und dem Greek Revival beeinflusst. Bis 1960 war hier die Reederei Cunard Line ansässig. Das neobarocke Port of Liverpool Bulding datiert aus dem Jahr 1907 und war bis 1994 Sitz der Hafenbehörde.

 

 
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Die erste Musikgruppe empfängt uns mit Beatles-Evergreens. Die “Fab Four” aus Liverpool konnten nach ihrem Erfolg in Hamburg - der Beatles-Platz wird beim dortigen Marathon ja auch gequert - hier ihren Aufstieg fortsetzen. Wir umrunden die Bronzestatuen  von John, Paul, George und Ringo. Etwas eng ist es hier und so habe ich Probleme  mit dem Fotografieren. Ein Bild davon ist veröffentlicht.

Vor uns ein Kreuzfahrtschiff. Stolz ist man auf die neue Anlegestelle. Und dann nach rechts in die Stadt hinein,  leicht bergauf. Nein, ein flacher Marathon wird das nicht werden. Viele majestätische Gebäude zeugen von einer wohlhabenden Vergangenheit. Es geht auf einer Straßenbrücke weiter bergauf. Die nächste Musikgruppe heizt uns ein. Links kommen die ersten netten viktorianischen Reihenhäuser ins Bild. So bei km 6 dann eine Begegnungsstelle. Ein einsamer, aber pfeilschneller Läufer kommt uns entgegen. Auf uns wartet das nächste Highlight des heutigen Tages: Wir umrunden das Stadion des FC Everton, das Goodison Park Stadium.

In eine Ecke des Stadions wurde auch gleich noch die Kirche St. Luke integriert. Ansonsten künden große Fotos auf den blauen Wänden von den Erfolgen und Helden des Clubs. Für uns geht es in den Stanley Park, einer von vielen schönen Parks in Liverpool. Gewächshaus, See, Bäume,  irgendwie erinnert mich das ein wenig an den Englischen Garten in München.

Vor uns taucht das nächste Stadion auf.  Diesmal in Rot gehalten das Anfield Stadium, Heimat des FC Liverpool. Vorher noch eine Schleife durch den Park. Vor dem Musiktruck haben es sich auch einige Liverpooler bequem gemacht. Dann am Stadion entlang. Wieder viele Fotos, dann rechts rum und - ich glaube zu träumen – in das Gewölbe unter der Tribüne hinein. Rechts kommen ein paar Läufer aus einem hellen Eingang. Vorsichtig bremsen und zurück. Ein Durchgang ist für uns geöffnet. Ein kurzer Blick auf das Spielfeld. Wenn ich das meinen Kollegen erzähle, werden sie sicher grün vor Neid. Vor dem Stadion viele Andenkenplaketten an Spieler und eine Tafel zur Erinnerung an die Katastrophe  von 1989 im Sheffielder Hillsborough Stadium, bei der 96 Zuschauer starben und 766 verletzt wurden.

 

 
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Dann über die Anfield Road zurück in den Park. St. Domingo Road mit Sambatruppe und ein Schlenker in den Everton Park. Gut 80 Meter über dem nahen Meer sind wir nun hoch. Der Blick öffnet sich auf die Silhouette der Stadt. Ich bin begeistert und bringe das mit einigen von den Indern gelernten Ausrufen zum Ausdruck. Freundliches Lächeln der Einheimischen. So umwerfend hätte ich das hier nie erwartet. Nächste Band und dann bei km 15 wieder auf der Hochbrücke bergab. Gas geben.  Links von uns die Wellington-Säule, dahinter ein riesiges neoklassizistisches Gebäude. Laut Stadtinformation ist die als Konzert- und Gerichtsgebäude dienende Saint George's Hall, errichtet von 1841-1854,  das schönste Bauwerk dieser Art weltweit.

Über die breite Dale Street geht es durchs Zentrum.  Der Läufer vor mir wird auf Spanisch angefeuert. Mein „Eviva Espana“ wirkt Wunder. Da geht die Post ab. Die Engländer haben in dieser Hinsicht noch Nachholbedarf. Wir sind mitten im Herzen der Stadt. Links in ein kleines Gässchen. Die Mathew Street ist gesäumt von Pubs. Dann der 1957 als Jazzlokal errichtete Cavern Club, wo später zahlreiche Bluesbands und Beatgruppen auftraten. Die Beatles trafen hier erstmals mit ihrem späteren Manager Brian Epstein zusammen und hatten in diesem Club 1961 ihren ersten Auftritt nach ihrer Rückkehr aus Hamburg. Das alte Gebäude wurde inzwischen abgerissen, der Neubau 1984 eröffnet.

Einkaufspaläste, anscheinend bleiben die sonntags geschlossen. Vor uns ein neobarockes Monument mit der Skulptur einer stattlichen Dame. Es handelt sich um das Queen-Victoria-Denkmal, das 1906 enthüllt wurde. Die breite und von schönen Häusern gesäumte Castle Street führt direkt auf das von einer Kuppel gekrönte Rathaus zu. Auf dem Balkon eine fetzige Musikgruppe. Die Tische vor den Cafés und Pubs sind gut besetzt. Auch ein Läufer vor mir ist voll des Glücks.

 

 
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Zurück auf The Strand. Das Gebäude mit dem hohen Turm dient der Belüftung des Queensway Tunnels unter dem Mersey River. Die Straße schraubt sich unter den gerade durchlaufenen Häuserblöcken hinunter. Vor einigen Jahren führte der Marathon von der gegenüberliegenden Seite hier durch den Tunnel hinüber. Das wäre so ein Sahnehäubchen gewesen. Jetzt ist diese Strecke den Läufern des 10-km-Tunnelruns vorbehalten.

Rechts die alten Canning Docks mit den neuen Gebäuden des Merseyside Maritime Museum, wie viele Museen in Großbritannien eines mit kostenlosem Eintritt. Wenn man nur mehr Zeit hätte. Am Salthouse Dock vorbei,  dahinter der Startbereich beim Albert Dock,  rechts ein langes Ziegelgebäude der Wapping Docks. Wir sind im Baltic Triangle, einem Viertel mit ehemaligen Lagerhäusern, die nun zu Wohnungen umgerüstet werden. Das wird sicher sehr schön, wenn es in einigen Jahren fertig ist.

Großbritannien ist ja auch bekannt für seine chinesischen Viertel. Und hier kommt nun die nach London zweitgrößte britische Chinatown. Richtig chinesisch mit den zugehörigen Schriftzeichen auf den Straßenschildern und einem reich verzierten Tor.

Von weitem hatten wir öfter eine riesige Kirche auf einem Hügel gesehen. Die anglikanische Kathedrale mit ihrem markanten Vierkantturm ist der viertgrößte Kirchenbau der Welt. Leider laufen wir nicht direkt daran vorbei. Da wir in den letzten Tagen andere anglikanische Kirchen besichtigt und uns über Cafés, Blumenstände und Diskomusik in den heiligen Hallen gewundert haben, wäre ich nicht erstaunt gewesen, wenn der Marathon-Parcours uns durch die Kathedrale geführt hätte. Die Anglikaner sind da wohl anders gestrickt als die Katholiken. Aber soweit wollte man es dann an einem Sonntag wohl doch nicht treiben, und so freue ich mich über die kleine katholische Peter-und- Paul-Kirche, an der wir vorbei ziehen. Die im Zentrum liegende Kathedrale der Katholiken sollte übrigens nicht minder imposant werden, wurde dann aber aus Geldmangel doch umgeplant und nach den Vorgaben des Zweiten Vatikanischen Konzils als Rundbau angelegt. Die 1957 fertig gestellte Kirche hat ein rundes Dach mit Spitzen, die an die Dornenkrone erinnern sollen.

Auf der grünen Princes Road geht es weiter. Schöne viktorianische Häuschen bestimmen auch hier das Bild. Wer ein Satellitenfoto betrachtet, hat sowieso den Eindruck, die ganzen Städte in England bestünden hauptsächlich aus kleinen und kleinsten Reihenhäusern  und vielen Kirchen. Hier nun auch die griechisch orthodoxe Kirche St Nikolaus. Gegenüber Saint Margaret of Antioch,  daneben die Princes Road Synagoge. Kurz danach ein Kirchengebäude mit eingefallenem Dach, das zu mieten wäre.

Am Eingangstor zum Princes Park dann die Halbmarathonmarke, ein weiterer Bandtruck und eine Verpflegungsstelle. Die VPs bieten Wasserflaschen mit 300 ml Inhalt (oder was die imperialen halt so abmessen), Iso-Flaschen, die fast zu groß sind und ab jetzt auch mehrmals Iso-Gel. Bananen oder andere feste Nahrung sucht man vergebens. Die Flaschenkappen sind recht schwer zu öffnen, so dass ich über die schon aufgeklappt angereichten Flaschen sehr froh bin. Der Veranstalter hatte ausdrücklich dazu aufgefordert, die Flaschen  mitzunehmen, um gegen die ungewöhnliche Hitze gewappnet zu sein.  VP-Stellen gibt es in ausreichender Menge. Und Toilettenhäuschen sind dort auch vorhanden,  wie auch bei den Bands.

Ich hatte mir bezüglich des Streckenverlaufs nur noch gemerkt, dass es von Meile 13 bis 22 durch viele Parks geht. Und der Senfton Park ist nicht minder eintönig. Schön, dass man die nach und nach zu durchlaufenden Streckenteile nicht sieht und hört. In einem Pavillon spielt eine Frau Gitarre. Auf dem Hang gegenüber sieht man viele Zuhörer beim Picknick. Und wir mitten durch. Awesome, (genial) sagen die Inder.

Trotzdem bin ich mir mit Judith einig, dass wir schon so viel Tolles gesehen haben, dass es jetzt ruhig weniger spektakulär zugehen kann. Und dann zur Abwechslung wieder eine Pendelstrecke. Einen Kilometer geht es bergauf. Die Vier-Stunden-Pacer kommen entgegen und sind wohl nicht mehr einholbar. Eine gusseiserne Fußgängerbrücke verbindet die beiden Teile des Liverpool College.

 

 
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Und dann ein kurzes Stück in ein kleines Sträßchen, in the middle of nowhere. Am Wendepunkt ein Wagen, aus dem das Beatles-Lied “Penny Lane” ertönt.  Fürwahr, wir sind in der Penny Lane, wo John Lennon und Paul McCartney aufwuchsen. Dann hat sich die Mühe natürlich gelohnt. Die Straßenschilder sind nur noch aufgemalt, so oft wurden sie von Fans schon mitgenommen. Die Strawberry Fields sind übrigens auch hier in der Nähe.

Immer öfter gibt es nun auch von kleinen Fans angebotene Gummibärchen. In einem wohl etwas besseren Wohnviertel greife ich zu. Leider muss ich feststellen, dass auch ein Gummibärchen-Liebhaber wie ich den Geschmack beim Laufen nicht so recht genießen kann. Dann schon lieber die Duschen vor einigen Häusern.

Alle 10 Kilometer ein metrisches Schild,  die 30-km-Markierung steht aber irgendwie falsch. Ich rechne herum. Bei mile 20 (zu Hause nachgesehen 32,187 km) dann die Erkenntnis: nur noch 10 Kilometer. Mit Meilen kann sich der Veranstalter viele Schilder sparen. Gut wäre es, wenn auch  die anderen Maße mit angegeben würden, zumal ich gehört habe, dass auch Engländer gerne nach Kilometern trainieren.

Egal, über eine lange Allee geht es dahin. Auf der Gegenrichtung viel Stau. Eine Schikane  bringt uns unter dem Stau durch eine kleine Unterführung in einen verwunschenen kühlen Park. In einem Tal des Otterspool Parks geht es Richtung Mersey River hinunter, noch 6,5 km. Ich habe mir in den Kopf gesetzt, unter 4:10 h zu bleiben und strenge mich ziemlich an. Der Mersey River ist hier besonders breit. Ein idealer Platz für große Hafenanlagen. Aber die sieht man fast nicht, alles ist grün. Allerdings liegt der neue Containerhafen auch viel weiter flussabwärts.

Von Liverpool aus brachen in den Jahren 1830 bis 1930  etwa neun Millionen Menschen (damals fast ein Viertel der europäischen Bevölkerung)  zur Fahrt in ein besseres Leben auf der anderen Seite des Atlantiks auf. Zusammengepfercht auf den Decks starben viele auf der Überfahrt an Infektionen. Riesige Schiffe wurden hier gebaut. 1940 wurde Liverpool von der deutschen Luftwaffe bombardiert, um den Nachschub aus den USA zu blockieren. Ein Großteil der Altstadt wurde dabei zerstört. In den 1950er  Jahren nahm die Bedeutung Liverpools als Hafen- und Industriestandort kontinuierlich ab.  Von 1930 bis 1985 sank die Einwohnerzahl  der Stadt  um 400.000  auf 460 000. Erst seit den 1990er Jahren dreht sich das Blatt wieder und es kommen vermehrt Besucher in die Heimat vieler bekannter Musiker.

Das Negativimage früherer Jahrzehnte hat Liverpool vorerst abgestreift. Die Tage dort und in Manchester waren eine wunderbare Erfahrung in einem schönen Land, mit freundlichen Leuten, die nur eine Sprache sprechen. Ich werde sicher wieder kommen. Und deswegen bin ich auch heute wieder mit meinem Europafähnchen unterwegs. Eingedenk der Tatsache, dass Judith und ich eine halbe Stunde an der Passkontrolle auf die Einreise warten mussten.

 

 
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Viele Gedanken auf diesem langen Uferweg,  dann noch um das Brunswick Dock und danach um das Coburg Dock herum. Viele Läufer habe ich auf den letzten Kilometern überholen können, nun bieten mir einige paroli. Wieder zurück an den Mersey River. Der berühmte Song “Ferry `cross the Mersey” von Gerry and the Pacemakers aus dem Jahr 1964 kommt mir in den Sinn.

“Life goes on day after day
Hearts torn in every way
So ferry 'cross the Mersey
'Cause this land's the place I love
And here I'll stay

People around every corner
They seem to smile and say
We don't care what your name is boy
We'll never turn you away

So I'll continue to say
Here I always will stay

Das Leben geht weiter, Tag für Tag
Herzen werden überall gebrochen

Also Fähre, bring mich über den Mersey
denn dieses Land ist der Ort, den ich liebe
und hier werde ich bleiben

Leute eilen überallhin
Jeder mit seinen eigenen geheimen Sorgen

Leute an jeder Ecke
Sie scheinen zu lächeln und zu sagen:
Uns ist egal, wie du heißt, Junge,
wir werden dich niemals wegschicken

Also sage ich immer wieder:
Hier werde ich für immer bleiben.”

Unter dem Jubel der Zuschauer laufe ich glücklich über die Ziellinie. Kurz hinter mir kommt Judith angebraust. Ein letzter Blick auf die Uhr. Ein Stolperer und mit ziemlich dicker Lippe aber allen Zähnen kommt sie benommen ins Ziel, von einem freundlichen Mitläufer begleitet. Daher verzichten wir heute auf ein gemeinsames Foto.

 

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Fazit:


Ich bin begeistert von Liverpool und der Umgebung. Die Stadt ist sehr interessant. Wer über Manchester einfliegt, sollte auch dort einen Tag bleiben. Liverpool besitzt ebenfalls einen internationalen Flughafen. Beide Städte liegen mit Bus oder Zug eine gute Stunde auseinander.

Tipp für sparsame Reisende: Zug- und Bustickets können vorab im Internet günstig gebucht werden, die Zugfahrt hat uns mit Platzreservierung 4 Euro gekostet. Ohne Reservierung geht es bis 35 Euro.

Das Tagesticket in Liverpool kann um die Zone der anderen Merseyseite erweitert werden. Dann kostet es ca. 8 Euro und enthält auch die Fahrt mit der Fähre, die alleine 11 Euro kosten würde.

Einfache Hotels sind recht günstig.

Die Pub-Kette Wetherspoon bietet ein Hauptgericht mit Getränk für unter 10 Euro. Außerdem gibt es Restaurants vieler verschiedener Nationalitäten in der Gegend um die Bold Street.

Der Eintritt in die meisten Museen ist kostenlos.

Trotz Warnungen im Internet machten mir die Städte keinen gefährlichen Eindruck. Bettler gibt es bei uns ja auch.

Der Liverpooler Dialekt stellt Auswärtige vor gewisse Schwierigkeiten. Aber irgendwie geht es dann schon.

Mit einem Reisepass mit e-Funktion, also dem viereckigen Symbol, kann man die automatische Grenzkontrolle passieren, was schneller geht. Der neue Personalausweis funktioniert dort nicht. Dann heißt es warten.

Der Marathon ist sehr gut organisiert, die Strecke gut gesichert. Das Musikangebot ist top Klasse, mit vielen Live-Bands, wie bei der Rock´n´Roll Series nicht anders zu erwarten. Zahlreiche Zuschauer.

Die Strecke ist auf der ersten Hälfte sehr interessant. Die vielen Hügel machen einem zu schaffen. Je nach Angabe sind es 250 bis 400 Höhenmeter.

Die Startgebühr variiert zwischen 45 bis 55 Pfund. Dazu kommen noch fast 10 Prozent Aufpreis für den Transaktionsservice. Letztendlich haben wir 70 Euro bezahlt. Dafür gibt es ein Laufhemd, eine sehr aufwändige Medaille und viel Zielverpflegung, samt einem Freibier.

Keine Massage, Duschen eventuell in einem Fitnessclub gegen Gebühr.

Das Wetter mit strahlendem Sonnenschein bei 25 Grad ist vielleicht nicht besonders marathontauglich, wäre aber jedem Besucher zu wünschen.

Die Teilnehmerzahlen steigen kontinuierlich jedes Jahr, nicht ohne Grund.

 

Sieger Marathon:
1 Terence Forrest    2:35:55
2 Adam Holland    2:39:56
3 David Alcock    2:42:39

Siegerinnen Marathon:
1 Hilary Honeyball    3:13:48
2 Ashleigh BARRON    3:17:22
3 Rachel Hodgkinson    3:18:36

Finisher Marathon: 3.239

Finisher Halbmarathon: 8.292, darunter 4.589 Frauen.

 


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