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Laufberichte

Penang Bridge Marathon: Regen, Blitz und Donner

25.11.18 Special Event
 

Ich sitze in einem A320-200 Airbus der Thai Airasia auf dem Flug von Bangkok nach Bayan Lepas, dem internationalen Flughafen der Insel Penang. Den gegenüberliegenden Seat 5d belegt eine junge Italienerin, die wie ich am Sonntag nach Mitternacht beim X. Penang Bridge International Marathon starten will.

Nach dem Unfall einer Airasia-Maschine in Indonesien vor wenigen Wochen kommen wir auch darauf zu sprechen. Doch unser Flug verläuft ruhig, das um weniger als 2 Euro bei der Buchung mitbestellte Menu erfüllt die Erwartung. Ich erfahre bei einer entspannten Unterhaltung, dass bei den jungen reisefreudigen Leuten von heute zwei Orte in Südostasien im Trend sind: Chiang Mai im bergigen Norden Thailands und eben Penang. In meiner Studentenzeit in den 1970ern waren Trendorte Goa in Indien, San Franscisco in den USA und die griechischen Inseln – Leonard Cohen, einer meiner damaligen Lieblingssänger, widmete den Song „So long Marianne“ auch der Insel Hydra, wo er ein Haus bewohnte. Damals lief man keine Marathons, sondern hatte andere Interessen. Aber heute ist das anders: mit Sportevents werden Touristen zusätzlich angezogen, neben Penang in Malaysia wird auch im zweieinhalb Flugstunden entfernten Chiang Mai am 23. Dezember d.J. ein Marathon stattfinden.

Ich blicke mich um, die Sitzreihen hinten sind nur halb gefüllt, doch Läufer erkennt man schon von weitem. Dscho Kai scheint aber nicht im Flieger zu sitzen – ihr liegt falsch, wenn ihr jetzt vielleicht an den laufenden Dschoi aus der irischen Troubadourfamilie denkt, nein, unser Joe von M4Y ist gemeint, der, seit er beim Shanghai Marathon exakt 2222 Walker hinter sich ließ, sich nach dem Finish vor TV-Interviews kaum mehr wehren konnte und in den Sportnachrichten als  Gǔn dùzi – „rollendes Bäuchlein“ – bejubelt worden ist. Joe lacht gerne, auch über sich, das wissen seine vielen Fans und Leser. Nur würde es zu ihm passen, einfach so „mir nichts, dir nichts“ aufzutauchen.

Nach der Landung hat es die Italienerin plötzlich eilig, sie rauscht davon, da sie nur leichtes Gepäck hat und ich auf meine Tasche warten muss. Am Automaten behebe ich 200 malaysische Ringgit (1 Euro = 4,77), die Fahrt mit dem Bus ins Zentrum von George Town kostet nur 2,70 der hiesigen Währung. Wie in Bangkok ist es auch hier schwül und heiß – an die 30 Grad C. Beim Marathon am Sonntag um 01:30 Uhr nachts wird es auch nicht anders sein.

Dank des bereits in der Ankunftshalle umfassend aufliegenden Prospektmaterials betreffend Busverbindungen, touristischen Highlights und mit Infos ergänzten Stadtplänen der multikulturellen Hauptstadt der malaysischen Insel Penang habe ich auf der ca. 30 Minuten dauernden Fahrt Gelegenheit, mir bereits am Anreisetag weiterführende Infos für die nächsten Tage und auch meinen geplanten Bericht zu verschaffen.

Bei der Ankunft merke, dass der Tourismus die Insel sehr belebt und ihr auch Wohlstand gebracht hat. Neu war mir – wie ich  dem Prospekt entnehme, dass die UNESCO bereits im Jahre 2008 Penang zum Weltkulturerbe erklärt hat. Als eine Art Gegenleistung wird in der Hauptstadt George Town der Gratisshuttlebus CAT für Touristen von zeitig in der Früh bis in die Abendstunden angeboten, der im Stadtkern an 19 Stationen Halt macht, und so die zahlreichen baulichen Sehenswürdigkeiten in einer ethnisch, religiös und kulinarisch vielfältigen Stadt mit ca. 200.000 Einwohnern (Malaysia hat insgesamt ca. 31 Mio.) ermöglicht. Das für sechs Nächte gebuchte Vierstern-Hotel Bayview erreiche ich gegen 17 Uhr.

 

Sightseeing bis die Füße brennen

 

Am Freitag geht’s gleich nach dem Buffetfrühstück mit dem Stadtplan in der Hand los. 300 m vom Hotel entfernt befindet sich die St. George's Kirche, die aus dem 19. Jh. stammt und die älteste gebaute anglikanische Kirche in Südostasien ist. Schon gestern fiel mir auf, dass in der Altstadt nicht nur Bauwerke aus der britischen Kolonialzeit, aufwendig restauriert, zu bewundern sind, alle hier lebenden Ethnien – Malaien, Chinesen, Inder u.a. – bzw. Religionsgemeinschaften pflegen ihr Brauchtum sowie ihre Kultur und versuchen ihre Wohnviertel abzugrenzen. Aber rund zwei Drittel der Bevölkerung sind Muslime, der Muezzin-Rufer vom nahen Minarett aus war nicht zu überhören.  Ich brauche nicht weit zu gehen, im Umkreis von einen Kilometer trifft man auf Kirchen und Moscheen, kleine Hindutempel, chinesische Restaurants und Banken, ja sogar eine Chinatown hat George Town. An duftenden Garküchen mangelt es ebenfalls nicht.  Aber ein wenig Bedenken habe ich schon, wenn es um die Hygiene geht.

 

 

Strand gibt es in der Stadt keinen, sondern nur vorgelagerte, unwirtliche Felsen. Die Aussicht auf das Meer nach Nordwesten zeigt vor Anker liegende Frachtschiffe in der Straße von Malakka, daher ist das Wasser auch nicht rein. In der Nähe der Esplande liegt das im 17. Jh. errichtete Fort Cornwallis, benannt nach dem Generalgouverneur von Bengalen und ein Wahrzeichen der Stadt. Es hat sternförmige, ca. 3 Meter hohe Mauern, oben sind ein paar verrostete Kanonen aufgebaut. Früher beherbergte es eine Kapelle, Gefängniszellen, ein Munitionslager und den für die Schifffahrt wichtigen Leuchtturm.

Nicht minder historisch interessant ist die daneben liegende Victoria Memorial Clock, die zum Gedenken an das Thronjubiläum von Königin Victoria 1897 gebaut wurde. Der Turm steht etwas schief, man sieht es mit freiem Auge.

Ich suche das Postamt auf – Ansichtskarten gibt es keine, dafür aber herrliche Marken für Sammler. In früheren Jahren habe ich gewissen Leuten immer Postkartengrüße geschickt, heutzutage ist es gar nicht mehr so einfach, solche zu bekommen – das elektronische Zeitalter hat sie ziemlich verdrängt.
Fährhafen und Busterminal befinden sich auch hier im Ostteil von George Town. Ich habe mir vorgenommen, noch vor der Fahrt zur Expo das Schmetterlingshaus ca. 30 km von der Stadt entfernt aufzusuchen. Am Weg dorthin komme ich auch an der Tourismushochburg Batu Ferringhi vorbei, wo in einem der Hotels Tenho Lauri, Ländersammler aus Finnland mit seiner Tochter, abgestiegen ist. Die Hotels haben Privatstrände, es gibt aber auch einige öffentlich zugängliche Plätze am Meer. Sauber ist das Wasser trotzdem auch hier nicht – im Reiseführer wird vor Feuerquallen gewarnt. Und noch etwas sehe ich vorne vom Bus aus: eine 1 m lange Urzeitechse sitzt auf einem Felsen im Meer und sonnt sich. Ein Krokodil ist es nicht, die Zähne fehlen dem Tier.

Mit einer ID bekommt man als 60-Jähriger ermäßigtem Eintritt ins Entopia, wie das Schmetterlingshaus nach einem Umbau heißt. Ich bleibe zwei Stunden und schaue mir einiges an – leider sterben viele der hier in einer künstlichen Welt gefangenen Insekten rasch, Miniameisen fressen die Körper auf. Liebhaber haben Gelegenheit, Sammlungen hinter Glas zu kaufen, die Schmetterlinge sind wegen der Haltbarkeit präpariert, das sieht man.

Ein privater Zusteller, der auf Kunden lauert, will 28 Ringgit für eine Fahrt von Entopia zur ca. 50 km entfernten Expo in der Queensbay Mall haben, ich biete ihm 20 (weniger als 5 Euro) an. Wir kommen nicht zusammen, daher nehme ich den Bus zur Mall, wo übermorgen der Marathon gestartet werden wird. Aber wo bekommt man die Startunterlagen? Durchfragen bringt nichts, erst als ich einen Läufer mit einer Brooks-Tragetasche sehe, ist der Bereich eingegrenzt. Er deutet in den Südteil der Mall, oben im 2. Stock sei die Ausgabe. An die zehn Jugendlichen sind dafür zuständig. Nur vier Chinesen sind vor mir. Sie fragen mich, in welcher Disziplin ich antreten werde. Als sie Marathon hören, applaudieren sie. Ein Singlet bekommt man schon vor dem Lauf, ein Tee dann nach erfolgtem Zieleinlauf innerhalb des Zeitlimits von 7 Stunden. Gemessen an der hohen Zahl der Teilnehmer – an die 6.000 alleine beim Marathon laut Ankündigung – ist dies eine mickrige Marathonmesse.

Im Tiefparterre der Mall ist ein großes Lebensmittelgeschäft, es gibt zudem ein halbes Dutzend Restaurants. Ich gönne mir beim Chinesen wieder eine Portion Ente mit den üblichen Zutaten – um 12 Ringgit (3 Euro) kann man hier gut essen.

 

Mit Klaus Westphal auf einem Kulturtrip
noch vor dem Marathon

 

Klaus, der morgen sein 150. Land ansteuert, wohnt nahe am Start. Ich habe vorgeschlagen, dass wir heute zunächst zur Penang-Hill-Seilbahn fahren und anschließend uns noch den buddhistischen Tempel Kek Lok Si in unmittelbarer Nachbarschaft ansehen. Die Busfahrt ist sehr kurzweilig, obwohl wir auch fast wieder eine Stunde unterwegs sind. Klaus hat viel zu erzählen, als Mannschaftsarzt war er in früheren Jahren schon mehrmals bei Himalaya-Expeditionen dabei.

Es geht auf meine Kappe, dass wir die billigere Variante mit ermäßigt nur 30 Ringgit für die Standseilbahn hinauf auf den 833 m hohen Penang Hill wählen und dann an die zwei Stunden Schlange stehen, während die 80 Ringgit-Tickets-Inhaber an uns auf einem eigenem Trakt lächelnd vorbeispazieren. Doch die Aussicht oben auf die Stadt mit ihren Wolkenkratzern entschädigt uns für die Wartezeit – der Andrang an einem Samstag wird vor allem durch die Einheimischen ausgelöst. Auch die 1985 eröffnete, 13,5 km lange Schrägseilbrücke, die die von Georgetown 9,4 km entfernte Stadt Gelugor mit Seberang Prai auf dem malaysischen Festland verbindet, sieht man von oben gut – dort werden wir am Sonntag am frühen Morgen drüber laufen.

Für die Fahrt runter stehen wir nur kurz in der Schlange. Unten an der Station angekommen, beschließen wir nun definitiv, zum ca. 2 km entfernten buddhistischen Tempel Kek-Lok-Si („Tempel des Höchsten Glücks“) hinzugehen. Er ist ein beliebtes Ausflugsziel und Fotomotiv. Er gilt als größter buddhistischer Tempel in Malaysia und einer der größten in Südostasien.

Zur Einstimmung auf den Marathon gehen wird zu Fuß rauf – eine Schrägseilbahn gibt es auch. Um auf die Pagode hinauf zu dürfen, sind 2 Ringgit Eintritt zu entrichten. Auch die Buddhisten benötigen Gelder, um den Tempel in Schuss zu halten. Erst gegen 16 Uhr machen wir uns auf den Weg zurück.

 

Mein nächster Nachtmarathon in Südostasien

 

Es ist für mich keinesfalls normal, um 01:30 Uhr Ortszeit – Österreich liegt 7 Stunden zurück, bei uns ist es früher Abend – einen Nachtmarathon bei hoher Luftfeuchtigkeit und Hitze zu bestreiten. Erst eine Stunde vor dem Rennen treffe ich ein. Die Stimmung ist bestens, die gut Englisch sprechende Moderatorin unterhält die Wartenden. Nichtasiaten sieht man kaum, das Startareal ist schlecht beleuchtet, meine Fotos sind dementsprechend.   

Meinen Kleidersack gebe ich noch rasch ab, die Mädchen bei der Aufbewahrung tragen die  Startnummer in ein Notizbuch ein, heften eine Nummer an den Beutel, Beleg bekomme ich keinen. Es herrscht geschäftiges Treiben rund um die zahlreichen Aussteller, „out of stock“ sind die Event-Shirts, die man zusätzlich hätte kaufen können.

 

 

Ich stelle mich an  die Absperrung und warte bis der Start erfolgt, um vielleicht Tenho und Klaus zu sichten. Aber vergeblich, es ist zu dunkel und das Starterfeld zu dicht. Ich steige wie andere über den Zaun. Auf dem ersten Kilometer bleiben die Pacemaker zunächst als Gruppe zusammen. Die Laufkultur der Asiaten ist anders als bei uns – man will einfach dabei sein und hofft, die Distanz  irgendwie zu schaffen. Wegen der vielen Geher kommt es zu Staus, ich komme nicht voran. Bei einem Kreisverkehr biegen wir dann nach Norden ab, es geht auf einen gesperrten Highway. Die Strecke ist nun breiter, ich kann überholen und schließe auf die 5:30er-Gruppe auf – das wäre heute meine Finisherzeit, an der ich mich orientieren will.

Auf der anderen Seite kommen uns bereits die führenden Schwarzafrikaner entgegen, denen macht die Schwüle offenbar nichts aus. Bei der ersten Wasserstation herrscht dichtes Gedränge, ich schnappe mir einen Becher am Ende des Tisches. Auf der Laufstrecke kommt es nun ca. 500 m vor der Wende zu starkem Gegenverkehr, es gibt keine Absperrungen, Helfer versuchen mit Leuchtstäben, die Läufer auf ihrem Kurs zu halten. Was ich für fast unmöglich gehalten hätte, passiert schon nach 5 km: die 5:30er-Gruppe ist heute zu schnell für mich, ich müsste mich zu sehr anstrengen, um dranzubleiben. Mein Trost ist, dass nach der Wende gut ein Drittel des Feldes hinter mir aus der Gegenrichtung nachkommt.  

Das Begegnungsstück ist nur kurz, dann geht es wieder auf die linke Seite des Highways. Auch die zweite Wasserstelle wird bedrängt, mit meinen langen Armen greife ich unhöflich über 150 cm große Asiatinnen drüber und schnappe mir von hinten einen Becher.

Die Strecke hier, die ab 03:00 Uhr auch die Halbmarathonläufer sowie zu einem kleinen Teil ab 06:00 Uhr auch die 10 km-Läufer nutzen werden, ist gar nicht flach, denn die Autobahn hat auch einige kleinere Anstiege, die bremsend wirken. Die 10 km-Marke erreichen wir nach der dritten Versorgungsstelle noch vor der Wende auf dem Highway. Nun geht es auch für mich zurück, auf der Gegenseite sieht man ein riesiges Läuferfeld, das gemächlich nachkommt.

Bisher wurde beim Marathon nur Wasser angeboten, jetzt gibt es bei der vierten Labestation endlich auch ein Isogetränk. Auch eine Banane schnappe ich mir, sonst nimmt diese Kohlehydratspender fast niemand. Nun kommen wir zur Auffahrt auf die Penang Bridge, für die Autofahrer nur in Richtung Insel eine Maut entrichten müssen. Inzwischen wurde zwecks Entlastung weiter südlich eine zweite Brücke, die Sultan Abdul Halim Muadzam Shah Bridge, die mit 16,7 km länger als die Jambatan Pulau Pinang ist, für den Verkehr freigegeben.

Man merkt auch hier wieder den sanften Anstieg, wie es halt die Bauweise einer solchen Brückenkonstruktion mit sich bringt. Ist die höchste Stelle erreicht, kann man sich auf ein Gefälle einstellen. Eine Markierung für die 10 km Läufer ist links der Brücke angebracht, sie dürfen nun wenden. Doch bis diese nach ihrem vorgesehenen Start erst um 6:00 Uhr hier ankommen werden, sollte ich hoffentlich schon längst in Zielnähe sein. Im Grunde genommen ist dies nun der zweite Marathon in Südostasien für mich, der auf einer Autobahn verläuft. Von Pech kann man nicht sprechen, eher von den Problemen der Veranstalter, in Gebieten mit sehr hohem Verkehrsaufkommen, stark und durchgehend befahrene innerstätische Straßenzüge überhaupt sperren zu können. Dazu kommen die extremen Temperaturen am Tag, Marathons in dieser Region finden in der Nacht statt oder sehr zeitig am Morgen.

Ich habe mich jetzt damit zurechtgefunden, dass meine Zwischenzeiten wie bei den heimischen Bergmarathons aussehen, am Ende komme ich so um eine Stunde langsamer als gewohnt ins Ziel. Die 15 km-Anzeige erreiche ich nach 1:50 h Laufzeit, die Halbdistanz-Tafel sollte sich bei der höchsten Stelle der Brücke, am 101,5 m hohen Tower, befinden. Die dicken Halteseile hier am Turm bekommen im grellen Licht der Scheinwerfer, die es nur hier gibt, starke Konturen. Es  ist bereits 04:00 Uhr morgens, aber es herrscht noch tiefste Finsternis. In der Ferne sieht man auf der Festlandseite die Stadt Perai hell erleuchtet, aber noch weit entfernt – genau genommen führt der Marathonkurs ja gar nicht dorthin, sondern es wird am Festland in einer Achterschleife wieder zurück auf die Brücke gehen.

Es ist ein schweigsamer Marathon, die Läuferinnen und Läufer reden nicht miteinander, man ist so mit sich selbst beschäftigt, dass keine Kommunikation aufkommt. Mir fallen die superschicken Singlets der Frauen auf, die im Starpaket enthalten waren. Sie sind in schwarz gehalten und mit dem dünnen, stellenweise transparentem Material ein sexy Outfit.

Ich komme jetzt in Fahrt, denn es geht an die 2 km abwärts. Endlich schaffe ich wieder eine Sechserzeit. Ich laufe an Hunderten vorbei, aber der 5:30er-Pulk mit den in der Dunkelheit schlecht erkennbaren, grünen Ballons hat läuferisch um nichts nachgelassen. Die Pacer bleiben vor mir, ihr zeitlicher Vorsprung dürfte an die fünf Minuten betragen. Eigentlich ist das meine läuferische Bankrotterklärung. Da fällt mir ein, dass ja ein Drittel des Feldes hinter mir ist.

 

 

Und jetzt tritt ein, was die Wettervorausschau ankündigte: es wird regnen. Und wie! Selten habe ich ein so starkes Gewitter erlebt, mit  Blitzstakkatos, kaum 500 m entfernt am Meer draußen, lautem Donner, dass man Furcht verspürt und extrem starken Niederschlag. Wir sind hier auf der Strecke entlang dem letzten Teil der Brücke in Richtung Festland total exponiert und so im Nu vollkommen durchnässt. Ich habe Sorge, dass meine Kamera Schaden nehmen könnte, daher lasse ich das Fotografieren jetzt lieber sein. Auf den abschüssigen Lagen der Fahrbahn steht das Regenwasser knöcheltief, der Wind bremst dazu. Der starke Regen spült den salzigen Schweiß von der Stirn in meine Augen, sie brennen. Die Helfer kümmern sich um die vielen Aussteiger. Für die Einheimischen ist so ein Gewitter auch eine empfindliche Abkühlung, sie bekommen Folien und kauern fröstelnd eng zusammen – es hat geschätzt immer noch 25 Grad C.

Für die Tapferen geht es nun auf der Festlandseite in einer Art Achterschleife weiter – der Kurs führt einige Kilometer nach Westen, dreht dann wieder und mündet schließlich auf die andere Fahrspur des Penang-Brückenkomplexes ein, der mehrere Teilbereiche umfasst. Der Abschnitt über Wasser beträgt nur 8,4 km. Die 30 km-Marke ist erreicht, die Bedingungen sind nicht besser geworden. Lässt der Regen nach, zucken schon wieder Blitze am Himmel, neue Gewitterfronten nähern sich, wir müssen von hinten nachkommenden Einsatzfahrzeugen ausweichen.

„7 km to go“, auf dem nun absteigenden Abschnitt komme ich wieder besser voran, aber eine 5:30er-Zeit ist heute nicht drinnen. Jetzt sind plötzlich die um 03:00 Uhr gestarteten Halbmarathonläufer auf der Strecke. Zunächst denke ich, dass abgekämpfte Marathonis marschieren, aber nein, es sind die Kollegen von der kürzeren Distanz, die es nicht eilig haben. Wie Joe in Shanghai habe ich auch das erhabene Gefühl, jetzt 4 km vor dem Finish an Hunderten, wenn nicht sogar an einer vierstelligen Anzahl Langsamerer aus dem Hauptlauf und den Nebenbewerben vorbeizuziehen. Wir bekommen nicht mit, dass der 10 km-Lauf wegen des starken Sturms zunächst verschoben und dann überhaupt abgesagt wurde.

Bei Kilometer 40 ist sogar wegen des Gewitters die Straßenbeleuchtung ausgefallen, wir sind mitten in einer noblen Gegend, doch heute ist es auf der sonst stark befahrenen Straße finster. Eine Japanerin meint es gut mit mir. „Come on!“, ruft sie mir zu. Möglich, dass sie schon längere Zeit neben oder hinter mir unterwegs war. Ich finishe nach 5:42 h.

Das Festgelände wurde geflutet, noch immer regnet es. Die Finisher des Marathons und Halbmarathons müssen sich in unterschiedlichen Reihen im Regen um die Medaille anstellen, das dauert seine Zeit. Zusätzlich erhält man das Finisher Tee und eine  Goodietasche mit ein paar Kleinigkeiten. Ich hatte vor, im nun gänzlich vom Regen aufgeweichten erdigen Festbereich zu verweilen, aber nachdem ich meinen Kleiderbeutel zurückbekommen und das nasse Shirt gegen ein trockenes Baumwollleibchen getauscht habe, mache ich mich auf den Weg zum 1 km entfernten Shuttlebus. Man kann die nun eintrudelnden Läuferinnen und Läufer kaum zählen, so viele sind es.

Im Bus sehe ich dann nach, wie es in meinen Bauchtaschen aussieht, die völlig durchnässt sind. Die Banknoten sind intakt, das Klopapier ist schon Zellulose, die Kreditkarte unbeschadet.

 

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Was bei mir vom
Penang Brücken Marathon hängenbleibt?

 

Zuallererst der Eindruck, dass in asiatischen Ländern die Marathonlaufszene stärker ausgeprägt ist als bei uns. Es ist für Japaner offenbar selbstverständlich, sechs Flugstunden nach Malaysia in Kauf zu nehmen, um hier beim Brücken Marathon mitzumachen. Der Sitznachbar erzählt mir im Shuttlebus zurück nach George Town, dass er in zwei Wochen auch in Singapur dabei sein wird. Länder- und Marathonsammeln ist längst eine neue Bewegung, die Reisen mit dem Sport verbindet. Daher sind wir vom Country Club keine Exoten, sondern in guter Gesellschaft.

Ich habe den Lauf hier auf Penang primär deshalb ausgewählt, um bei meiner mehrwöchigen Asientour in einem Zeitkontinuum durchgehend neue Länder einzusammeln. Die Laufbedingungen habe ich völlig unterschätzt.  Nach dem Motto der US-Amerikaner „conquer the world with a bubble gum smile“ läuft es hier nicht. Hitze und Schwüle sind Kriterien, die man in unseren Breiten so auch im Hochsommer nicht vorfindet. Aber wenn man zwei Gänge zurückschaltet und einem wie in Penang sogar 7 h Laufzeit geboten wird, ist der Anspruch niedrig.

Die Organisation des Marathons hat bestens funktioniert, auch die Versorgung der Tausenden von Teilnehmern hat gut geklappt. Man muss die Deadline für die Anmeldung genau im Auge behalten, Nachmeldungen sind nur in Ausnahmefällen möglich. Das Preis-/Leistungsverhältnis bezeichne ich immer dann als sehr gut, wenn man für 40,--Euro noch ein oder wie hier sogar zwei schicke Leibchen bekommt. Die Goodiebags sind eine Draufgabe, die das gute Angebot abrunden.

Wie in Bangkok auf einer Autobahn letzte Woche oder wie hier auf einer Brücke über die Meerenge zwischen der Insel Penang und dem malayischen Festland, bekommt man in der Nacht natürlich keine Sehenswürdigkeiten zu Gesicht. Die gibt es, aber man muss sich dafür bei einem verlängerten Aufenthalt interessieren, wie ich dies getan habe und auch hier vorhabe. So gesehen zahlt sich die Teilnahme an diesem groß angelegten Laufevent schon aus. Ohne das Unwetter wäre es schöner gewesen.

Glück hatte der 32-jährige 4:30er-Pacer Cheng Kean Wee beim X. Penang Bridge International Marathon, ein Blitzschlag zerstörte nur seinen Ballon, er kam unbeschadet davon.

 

Siegerliste bei den Männern:

1.James Cherutich Tallam (KEN) – 02:24:23
2.Anouar el Ghouz (MAR) – 02:26:10
3.Stephen Mungathia Mugambi (KEN) – 02:27:59

 

Ranking bei den Frauen:

1.Peninah Kigen (KEN) – 02:46:54
2.Margaret Njuguna (KEN) – 02:47:19
3. Edinah Jeruto (KEN) – 02:48:11

 


 

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