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Laufberichte

Ostrava City Marathon: Parada, parada Otto Seitl

20.09.20 Special Event
 

Hobbymarathonläufer auf der Suche nach Laufveranstaltungen während der (nun leider wieder aufflammenden) Corona-Pandemie  werden in Tschechien fündig.  Während anderswo Sportevents serienwiese verschoben oder ganz abgesagt wurden, lassen sich die Tschechen ihren Sportsgeist nicht nehmen. Mir ist so erst bewusst geworden, wie viele kleinere Marathonveranstaltungen es in unserem Nachbarland gibt, vom Trail-Lauf bis zum Citymarathon, wie am 20. September in Ostrava, wird alles angeboten. Fünfmal war ich heuer schon in Tschechien.

 

Registrierung, Anreise und Abholung der Startunterlagen

 

In den letzten Jahren habe ich bisher zweimal am Marathon in Ostrava (deutsch: Ostrau) teilgenommen. Mit 300.000 Einwohnern ist Ostrava die drittgrößte Stadt des Landes, in weniger als drei Stunden mit dem Zug von Wien aus erreichbar. Die polnische Grenze mit der einstigen Kohle- und Schwerindustrieregion Schlesien ist nur 15 km entfernt. Zwischen 1939 und 1945 gehörten Mährisch Ostrau und Schlesisch Ostrau als Teil des Protektorats Böhmen und Mähren zum Großdeutschen Reich. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Industriezentrum zum Ziel vieler alliierter Luftangriffe. Noch gegen Ende des 20. Jahrhunderts litt die Region unter starker Umweltverschmutzung, ausgelöst von der Schwerindustrie. Doch der Steinkohleabbau wurde 1994 eingestellt, 1998 wurden auch die Hochöfen in Vitkovice, einem Stadtteil von Ostrava, geschlossen. Heute versucht man mit Erfolg mit allerlei kulturellen und sportlichen Veranstaltungen Touristen für Ostrava zu interessieren.

Der Lauf wird vom renommierten Marathon Club Otto Seitl veranstaltet, der selbst eine jahrzehntelange Tradition hat. Bei vielen Läufen in den einstigen Ostblockstaaten sieht man Läufer dieses Club im Einsatz, gut erkennbar an ihren blau-gelben Shirts.

Die Startgebühr ist von 20 bis 40 Euro gestaffelt, Läufer über 70 sind vom Startgeld befreit. Ich freue mich auch deshalb auf den Bewerb in Ostrau, weil es ein reiner Stadtmarathon ist, der auf Asphalt gelaufen wird. Bei den letzten Marathons in Tschechien kam ich mit dem Terrain nicht zurecht, Trail-Läufe mit vielen Höhenmetern, auf schottrigem Untergrund und steilen, steinigen Pfaden durch den Wald lassen sich mit meinem Knieproblem nur schwer vereinbaren.

Wer 65 Jahre alt ist, fährt mit České dráhy  (der tschechischen Eisenbahn) sehr günstig. Ich zahle für die Hin- und Rückfahrt nur 20 Euro. Ich wähle das Hotel Ruby Blue mitten im Entertainment-Viertel Stodolni – leider keine gute Wahl, wie ich in der Nacht vom Samstag auf Sonntag bemerken sollte.

Der Marathon wird morgen vom Hauptplatz aus gestartet werden. Mein Hotel ist nur 400 m davon entfernt. Warum aber der Veranstalter die Ausgabe der Startunterlagen ins ca. 2 km entfernte Quality Hotel verlegt hat, ist für mich nicht nachvollziehbar. Allerdings bietet der Veranstalter den Läufern die Möglichkeit, auch am Renntag die Startnummer direkt im Startgelände abzuholen.

Am Eingang des Quality Hotels, das man nur mit Mundschutz betreten darf, reicht mir eine Helferin ein Formular auf Tschechisch, das ich lesen und unterschreiben soll. Nur verstehe ich den Text nicht. Es handelt sich um eine Erklärung, dass man als Starter keine Symptome, die auf eine Corona-Infektion hinweisen, hat.

 

 

Nachmelden kann man sich hier auch, einige machen davon Gebrauch. Die Ausgabe der Startnummer inkl. eines neonfarbigen Shirts, das im Startgeld enthalten ist, dauert für mich keine 5 Minuten. Überrascht bin ich allerdings vom Umstand, dass man mir die Medaille in einer  transparenten Folie verpackt, schon heute aushändigt. Dies ist vielleicht der Pandemie geschuldet.

Am späten Nachmittag spaziere ich durch die Stadt zum Einkaufszentrum Forum Nová Karolina, wo man im zweiten Stock einige asiatische Essenslokale vorfindet. Ich habe einen Gusto auf Woknudeln mit Rindfleisch. Daneben gibt es eine Bäckerei, wo man sich allerlei böhmische Mehlspeisen besorgen kann. Die Leute tragen im EKZ Masken, offenbar wurde die Bestimmung verschärft, denn in den Wochen davor  schienen sich vor allem junge Leute in Prag keine Gedanken über Corona zu machen. Aber in der Nacht zum Sonntag erlebe ich dann die pure Sorglosigkeit. Vom Hotelfenster aus sehe ich, wie betrunkene Jugendliche ohne Gesichtsschutz vor den Lokalen lärmen und sich hemmungslos besaufen. Man zündet Feuerwerkskörper, an Einschlafen ist nicht zu denken.

 

Mein Renntag

 

Das Frühstücksbuffet steht im Ruby Blue ab 8 Uhr bereit. Man kann sich selbst bedienen, ganz im Gegensatz zu den Vorschriften bei uns. Zwei Stunden bis zum Marathonstart sind ausreichend, um das Frühstück zu genießen. Ich habe mich mit der Strecke und den  Modalitäten bereits bei der Startnummernausgabe beschäftigt. Es werden vier Runden gelaufen, in einem sehr engen Radius in der Innenstadt durch einen Park und hauptsächlich am  Fluss Ostravice nach Osten und zurück zum Hauptplatz,  der ideale Ausgangspunkt, um die Sehenswürdigkeiten Ostravas zu erkunden.

 

 

An diesem Sonntag ist dort viel los. Vor allem wegen des Laufsportevents, Läufer werden von Angehörigen begleitet, Zuschauer säumen den gepflasterten und mit Messingplatten ausgelegten Hauptplatz. Dieser ist mit seinen vielen Geschäften, Cafés und Restaurants das eigentliche Zentrum des Stadtteils Moravská Ostrava. Für Besucher interessant ist das Alte Rathaus mit dem Ostrauer Museum, das einem die Geschichte der Stadt näherbringen soll. Mitten auf dem Hauptplatz steht ein moderner Springbrunnen, der im Sommer für Kühlung sorgt. Vom Turm des Museumsgebäudes ertönt regelmäßig das Glockenspiel, an das man sich gewöhnt. Die Pestsäule und die Statue des hl. Florian bilden die Dominanten des Platzes. Im Mittelalter wurden hier Märkte abgehalten. Unter einem Laubengang, der zum Ostrauer Museum führt, steht die Statue des ersten tschechoslowakischen Präsidenten Tomáš Garrigue Masaryk (1850-1937.

Das Menschenaufkommen ist groß, werden doch heute mehrere Laufbewerbe auf der gleichen Strecke durchgeführt. Der Viertel- und Halbmarathon werden mit dem Marathonbewerb (4 Runden zu  10.550 m) um 10 Uhr gestartet. Der Staffel- und Charity-Lauf folgen später.

Ich erkenne etliche Kollegen aus Tschechien und den Nachbarstaaten. Einer freut sich sichtlich, als er mich erblickt: Drago Boroja, der Haudegen aus Novi Sad, der schon so oft als erfolgreicher 4h-Pacemaker in Serbien und bei polnischen Marathons fungierte. Drago lebt in der Nähe von Kattowitz und hat als Gärtner einen entspannenden Beruf.

Sehr nett finde ich die Fahnenparade, an die 20 verschiedenen Flaggen der Teilnehmerländer hängen auf Seilen  in der Zieleinlaufstraße. Ein Pärchen bittet mich um ein Foto, die beiden lachen glücklich, als sie sehen, dass ein Oldie wie  ich den Auslöser auf dem iPhone richtig gedrückt hat.

Tomáš Ulma lacht auch herüber, der „Bursche“ (Jg. 1964) hat mich in den letzten zwei Jahren bei allen Läufen immer abgehängt. Es gab aber eine Zeit, das lachte ich über ihn, denn sein Rückstand war enorm. Inzwischen zählt er zu den arriviertesten tschechischen Marathonsammlern und dürfte schon mehr als 700 Marathons und Ultras erlaufen haben. Mein insgeheimes Ziel heute ist es, Tomáš nach 2 Jahren wieder einmal ein paar Minuten abzunehmen.

Ein weiterer Kollege, der bei fast allen Marathons in Tschechien am Start ist, ist Miroslav Vostry (Jg. 1977). Er kämpft immer so beherzt und verliert dennoch auf den letzten 5 km viel Zeit. Einmal hätte ich ihn knapp vor dem Ziel noch eingeholt, er finishte  nur 1 ½ Minuten vor mir. Ich erwähne das deshalb, weil kleine Wettkämpfe auch im hinteren Starterfeld belebend und motivierend sind.

Endlich geht es los, ich komme gut weg. Es herrschte Maskenpflicht am Start, jetzt werfen alle ihren Gesichtsschutz weg, ich packe meinen in die Bauchtasche. Für den Fotografen bieten sich nun viele Motive. Das Starterfeld besteht aus den Teilnehmern des Viertel,- und Halbmarathons (2 Runden) sowie jenen ca. 140 Läuferinnen und Läufern, die die Königsdisziplin, den Marathon (4 Runden), in Angriff nehmen.

 

 

Es geht zügig einen halben Kilometer in nordöstlicher Richtung durch die Stadt, später dann nach Osten in Richtung Fluss. Es folgt ein ca. 3 km andauernder Rennverlauf mit Begegnungszonen im Komenského Park mit vielen Schatten spendenden Bäumen. Schon auf der Hälfte der Strecke hier im Park kommen uns die Schnellen entgegen, darunter auch Drago. Für mich ideal, einige Schnappschüsse zu machen.

In der Mitte des Parks befindet sich das Denkmal der Roten Armee, das 1946 im Rahmen der Feierlichkeiten zum ersten Jahrestag der Befreiung der Tschechoslowakei enthüllt wurde. Das Denkmal wurde 1978 zum nationalen Kulturdenkmal erklärt, nach dem Fall der Mauer und der Auflösung des Warschauer Paktes mit der Unabhängigkeit der Ostblockstaaten ist aber die Bedeutung solcher Reliquien deutlich im Bewusstsein der Menschen gesunken.

Es geht wieder in südliche  Richtung zurück. Jetzt habe ich die Ehre, den Nachkommenden entgegenzublicken. Zu meiner Überraschung ist auch Tomáš unter den noch Langsameren. Er liegt bereits einen halben Kilometer zurück. Ich weiß aber, dass er einen langen Atem hat und ab Kilometer 30 sein Tempo konstant halten kann. Warten wir ab.

Der Marathonkurs verläuft nun an der Neuen Stadthalle vorbei auf die in Laufrichtung zur Hälfte gesperrten breiten Durchzugsstraße. Es geht erneut in nördliche Richtung weiter, ich befinde mich in einer kleinen Gruppe von Halbmarathonläufern, die sich wechselweise bei der Führungsarbeit ablösen.

Wieder dreht der Kurs nach Osten, die 5 km-Anzeige Tafel ist knapp vor der Labe in Sicht. Dort gibt es Wasser, Iso, Bananenstücke und Weintrauben. Ich blicke auf den Fluss Ostravice hinab, er fließt in  nördliche Richtung. Der  nun entlang der Ostravice, die aus dem mährisch-schlesischen Beskiden stammt, nach Südosten verlaufende Rad- und Spazierweg hat infolgedessen einen leichten Anstieg, den man aber nicht bemerkt. Es wird ein warmer Spätsommertag, die Sonne stört aber jetzt auf dem bewaldeten, befestigten Uferareal  nicht.

Ich bin Tempomacher für zwei bequeme Halbmarathonläufer. Weit habe ich es gebracht. Nach einem weiteren Kilometer folgt ein Abschnitt mit Gegenverkehr. Die ganz Schnellen bewegen sich bereits auf die Brücke zu, die zum Ziel auf dem Hauptplatz führt. Für  mich geht es in einer Grünzone mit Spielplatz und Raststätte an der Ostravice weiter. Ich habe nun ausreichend Gelegenheit zu fotografieren. Es kommen mir Dutzende Läuferinnen und Läufer aus den drei Bewerben entgegen.

Der Kurs führt nun leicht ansteigend hinauf zum Zentralfriedhof von Ostrava. Bei der Wende steht eine Helferin und brüllt enthusiastisch „Parada, parada!“ „Großartig“, so die deutsche Übersetzung. Als ich zum Kinderspielplatz komme, stapft mir Tomáš entgegen. Er liegt gut 500 m hinter mir.

 

 

Es geht in die zweite Runde. Im Park kommen uns nun viele schnelle Staffelläufer entgegen, auf den roten Startnummern sieht man die Reihenfolge – viele sind bereits in der 2. Runde. Zwar hat sich das Feld gelichtet, aber man ist niemals alleine auf der Strecke. Die beiden Polizisten, die den Abbiegeverkehr regeln, haben nun leichtes Spiel.

Meine Absicht ist, die Halbdistanz endlich wieder einmal unter 2:30 zu schaffen. Aber ich merke, dass mich die kleinen Steigungen hinauf zum Friedhof bremsen. Wieder kommen mir Miroslav und Tomáš entgegen.  Ich passiere beim zweiten Durchlauf das Ziel nach 2:35:44. Diesmal bleibe ich bei der Labe im Ziel stehen und lösche meinen Durst.

Meine dritte Runde wird schon zäher, aber der Asphalt ist heute meine Stütze. Zwar schmerzt das Knie schon die ganze Zeit, aber ich komme voran. Drago ist längst aus meinem Blickwinkel verschwunden.

Auf der 4. Runde verliere ich dann doch viel an Boden. Ich benötige für 10.5 km rund 1:20 h. Ich finishe den Ostrava City Marathon mit 5:23:44. Das ist meine „beste“ Laufzeit seit langem, Tomáš, den ich 16 Minuten abgenommen habe, gratuliert mir nachher im Ziel. So könnte es bei den anstehenden Bewerben, sofern uns Corona nicht alles verdirbt, für mich gerne weitergehen.

 

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Abschließende Bemerkungen

 

In Coronazeiten muss man dem MK Otto Seitl herzlich danken, ein bestens organisiertes Laufspektakel (auch mit Musik und Bandauftritten auf der Strecke) gegen alle destruierenden Vorbehalte erfolgreich durchgeführt zu haben. Der 4-Runden-Kurs ist aus meiner Sicht absolut bestzeitentauglich. Das Preis-/Leistungsverhältnis ist mit „Sehr gut“ zu bewerten, die Versorgung alle 5 km mehr als ausreichend und der große Schinkensandwich im Ziel füllt den Magen nach 5 ½ Stunden.

Auch die schöne Medaille  ist ein Erinnerungsstück und hat in meiner Sammlung einen hohen Stellenwert.

 

Siegerliste Männer:

1. Buček Petr (CZ) – 02:34:54
2. Muras Petr (CZ) – 02:38:21
3. Kučera Petr (CZ) – 02:44:31

Ranking  bei den Frauen:

1. Parzych Katarzyna (PL) – 03:20:14
2. Pachtová Iva (CZ) – 03:35:08
3.  Zárubová Pavla  (CZ) – 03:38:37

 

127 Finisher beim Marathon, davon 19 Frauen

 

 

 

 

 
 


 

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