marathon4you.de

 

Laufberichte

Guadarun: Piraten der Karibik

08.04.18

Übers Meer, von Insel zu Insel, fast wie ein Pirat kam man sich vor. Aber wir hatten besonders Laufen im Sinn. Zum Plündern und Brandschatzen waren wir hinterher regelmäßig zu faul... Mitgenommen haben wir aber bei diesem Laufabenteuer, das zum 19. Mal stattfand, die schönsten Eindrücke von jeder Insel.

In Frankreichs Laufkalender tauchen immer wieder tolle Events auf. Das Land ist ja auch groß und hat bereits im Mutterland viel zu bieten. Aber  in den Überseedepartements, alle zur EU gehörend, also quasi im Inland, ist richtig was los. Reunion kennen ja viele, aber auch Guadeloupe ist fantastisch und Schauplatz des karibischen Abenteuers. Die kleine Inselgruppe wird komplett erlaufen, jeden Tag eine andere Insel mit völlig anderem Charakter. Relaxen an weißen Stränden, unter Palmen, mit Vollpension.

Die Anreise wird ab Paris organisiert, aber man kann auch selber was tun. Hauptsache, man trifft pünktlich am Treffpunkt ein. Denn da sammeln wir uns im Bus, der dann zum ersten Camp fährt. Biwak bauen, umgucken, die Wärme ertragen und vor allem - mit den Laufkameraden bekannt werden. 1 Kanadier, 4 Deutsche und 30 Franzosen bilden das Team für die Woche. Jeder erhält ein Wurfzelt, die Paare ein großes. Also Platz genug für alles. Leichtes Gepäck hilft. Also nur: Matte, Schlafsack, Laufgerödel. Und für den letzten Tag was Schickes für die Schlußparty...

Am Abend dann gemeinsames Essen, Ausgabe der Startnummern, Vorstellung, Fotos, nettes Plaudern ( hier hilft übrigens enorm, wenn man französisch kann, aber englisch geht auch). Für die Ausländer sorgt Titine, die uns alles übersetzt. Sie ist die gute Seele des Laufs, die Königin der Helfertruppe und immer für uns da.

 

 

Tag 1  Basse-Terre, Jardin d`eau 16 km/630HM

 

Früh aus den Federn. Irgendwie den Schlafdreck abwischen, zum Klo. Jetlag. Was bin ich müde. Wie soll das gehen heute? Frühstück am Tresen, Baguette mit Kaffee. Das Leben kommt wieder zurück. Jede Menge Nachmelder heute. Krasse Typen dabei, mit Rastalocken und so. Genau wie in den Videos auf der website. Etwa 200 sammeln sich in der Hitze. Na, das ist ja was für mich: 16 km mit 630 hm, Flussquerung, Schlammwände, Dschungel. Und los geht‘s. Steil hoch, auf der Straße, durch den Ort. Oben die Bananenplantagen. Links ab, die letzten Zuschauer. Die rasten aus, als ich stehenbleibe und sie knipse. Dann runter ins Flusstal, durch das kühle Wasser. Aaah, welche Wohltat. Und dann in den Busch. Zum Eingewöhnen nur mäßig steil, gut zu laufen. Aber dann: steil, wurzelig, schlammig. Wie zu Hause. Oder in Belgien. Nur wärmer. Und noch zweimal durch einen Fluss. Wassergarten eben. Nochmals hoch und plötzlich raus aus dem Busch. Titine hat was zu trinken. Noch 5 km auf Feldweg und Straße, nur noch bergab. Ich habe fertig, bin platt.

 

 

Der abenteuerlichste Teil ist geschafft, ich auch. Baden im Fluss, in der Strömung gibt‘s die Bilharziose nicht. Marie-Claire massiert die Beine, klasse. Biwak abbauen, in den Bus, zum Mittagessen in eine Maniokspezialitätenhütte. Auf riesigen Kesseln wird für uns was richtig Leckeres zubereitet. Dann zum Hafen. Der Bus kommt da nicht hin, also booten wir mitten auf der Straße aus und wandern mit unserem Gepäck zur Fähre, 1 km ungefähr. Ein Heineken verkürzt die Wartezeit, dann an Bord: Eimerkette für Koffer, Zelte, Getränke und Kisten.

Überfahrt zu den Heiligen, im Finstern zur Dorfschule, auf dem Schulhof Biwak, Abendessen in einer kleinen Halle. Und Schluss für heute.

 

 

Tag 2  Les Saintes, Terre de bas 15km/555HM

 

Grausame Nacht: Sämtliche Gockel aufgeregt wie sonst was. Viel Krach, wenig Schlaf. Hoch im Dunkeln, aufrödeln und zum Hafen. Am Pier frühstücken. Der Maire kommt, kurze Rede und ab. Auf der Straße, halb rund um die Insel. Bergab in einen Ort, steil wieder hoch. Die Einwohner sind hingerissen von uns Verrückten. Die Kolonne zieht sich in die Länge, oben schöne Aussicht, ganz toll. Flott bergab in den nächsten Ort, scharf links am scharfen Wegweiser, zu Titine. Erfrischung. Das Wasser kann man trinken, besser aber über die heiße Rübe schütten. Abkühlen, denn nun geht‘s auf die Trails. Und die sind vom Feinsten, steil und steinig. Im Busch, in den Felsen ganz große Klasse. Fantastische Aussichten. Dann allmählich runter zum Strand, Zieleinlauf aber im Ort, oben. Also wieder hoch. Und... finish. Pause bis zum Abend.

 

 

Eine große Ehre wird mir zuteil: Stefan Schlett, ein bekannter Abenteurer und zum 7.Mal dabei. Er nimmt mich mit auf eine schnelle spontane Expedition zu 3 unbewohnten Inseln. Die erkundet er kletternd und schwimmend, und ich darf Zeuge sein... Ein Extraabenteuer mit einer faszinierenden Persönlichkeit!!

 

 

Ein kleiner Abendvortrag von unserem engagierten Begleit-doc über Azidose. Interessant, aber alle haben bloß Hunger... Was Leckeres für jeden, auch Veganitarier werden glücklich. Noch mal eine Nacht mit den Gockeln. Schnell schlafen, denn um 5:00 geht’s raus!

 

Tag 3  Les Saintes, Terre de haut 16km/560HM

 

5 Uhr, also fast Mitternacht. Im Finstern packen, Zelt abbauen, Gepäck abgeben und zum Hafen flitzen. Um 6 legt die Fähre ab. Pünktlich. Kurze Fahrt zur Nachbarinsel, das St.Tropez der Inselgruppe. Tausend Yachten, Shops, eine tolle Bucht, Nachtleben. Hier tobt der Bär.

Frühstück: Baguette, Marmelade, Kakao, Kaffee. Davon soll man dann stark sein. Liegt aber nicht schwer im Magen. Immerhin. Hauptquartier mitten im Ort an der Mairie. Und Start: gleich hoch auf den Trail. Erst ein Berg, dann das Fort Napoleon. Was für eine Aussicht in die Runde! Ganz besonders auf die andere Seite der Bucht, wo la chameau auf uns wartet, mit 300 hm. Trail. Am Stück. Und Gluthitze. Aber erstmal runter, durch den Ort mit all den Touristen (fragt sich, wer hier verrückter ist) und dann hoch. Singletrail vom Feinsten. Oben steht ein Turm, schnell vorbei, wieder runter. Maitre Bertolucci, unser begleitender Kameramann, lauert überall. Seiner Drohne entkommt keiner. Und er macht klasse Filmchen, jeden Tag bis tief in die Nacht. Siegerehrung in der Mairie im Ratssaal.

 

 

Weiterfahrt nach Marie-Galante. Wal - da bläst er, an backbord. Taucht ein paarmal auf, die Fähre stoppt. Blas über den Wellen und dann - er taucht tief, zeigt die Fluke! Gewaltig! Anlegen, es gibt einen Willkommenstrunk: Rum, verschiedene Geschmäcker! Lecker und hebt die Stimmung ganz enorm. Neben dem Skipper (unser Stützpunkt) das Biwak. Pause und wieder lecker essen...

 

 

Tag 4 Marie-Galante 23km/400HM

 

Kolumbus ist schuld. Hat einfach diese Insel nach seinem Schiff benannt. Und das gilt bis heute. Am ursprünglich geplanten Trail herrschen heute unerträgliche Zustände. Alle paar Jahre kommt es in der Sargassosee zu einer Algenblüte. Strömung und Wind landen tonnenweise Algen an den Stränden an. Das Ausmaß ist gewaltig und vom Flugzeug aus zu sehen.

Jetzt haben wir alternativ eine genauso schöne Strecke vor uns, den Sentier de Vieux Fort, ein ausgeschilderter Wanderweg, 2 Runden plus Hin und Rück. Berge, Küste, Straße und Trail, erstmalig auch Strand... Es ist wie zu Hause. Felder, Wälder, Kühe. Hier noch Zuckerrohr und Palmen. Aber erst eine Runde durch den Ort zum Warmwerden, dann in die Berge, auf Trails durch den Busch zum Strand. Was für ein Anblick! Ferienidylle! Aber vieel besser: der VP mit massig Kühlwasser, Früchten, Säften. Und Titine, unser Schatz.

Zum nächsten Strand führt ein Trail steil hoch.  Schwierig, aber traumhaft. Dann noch ein Strand, diesmal am Wasser längs. So früh hat es noch keine Besucher, die sind erst zur 2. Runde da. Auf Tails weiter zum 2. VP, hoch und runter, erst am Friedhof, dann an der Massakersenke vorbei... Es war wohl nicht immer so friedlich hier.

Die 2. Runde geht schneller. Der Weg ist ja bekannt, nicht schwer, man kann so richtig loslegen.  Wenn da nur die Hitze nicht wäre. Schließlich ab in den Ort, geradewegs an den Strand. Zieleinlauf. Sofort ab ins Meer, mit allen Klamotten, das erfrischt...

 

 

Igitt, Schweiß und Sonnencreme auf der Linse - so ein Weichzeichnereffekt ist nicht wirklich willkommen. Tut mir leid. Das Biwak muss wieder wandern.  Wir kriegen die späte Fähre, müssen auch umsteigen zur nächsten Insel. Eimerketten aufs Schiff, dann ins nächste Schiff, dann von Bord. Leichtes Gepäck ist wirklich von Vorteil.  Gleich am Hafen werden wir biwakieren, im La Payotte gibt es Abendessen (seehr lecker!) und dann: heiaheia, das haben wir uns verdient! Nur Frederic, der Maitre Chrono, arbeitet am Rechner, pflegt die Ranglisten und liefert Präzisionsarbeit.

 

 

Tag 5  La Desirade 23km/419HM

 

Kolumbus' erste Sichtung auf der 2. Reise, daher der Name. Ein langgestrecktes Eiland mit etwa 270 m Höhenrücken als Rückgrat. Also ganz einfach: Unten hin und oben zurück. Zuerst auf Straße, wellig auf und ab. Am Ostende steht ein Leuchtturm und eine Wetterstation in einer Steinwüste. Elende Hitze macht alle fertig. Wären da nicht freundliche Anwohner mit ihren Gartenschläuchen und unsere VPs. Der Aufstieg klappt besser als erwartet. Oben stehen Eoliennes (schöner Name für die Windkraftanlagen, oder?) und müssen ab und zu repariert werden, wenn so ein Hurrikan Kleinholz macht. Dann ein langer, schattenloser Feldweg, leicht steigend, heiß und zermürbend. Endlos zieht es sich hin. Plötzlich abwärts, immer steiler und schneller, man kommt gar nicht mehr zum Halten.  Da ist eine Kapelle, unser VP, Daniel zeigt mir die Sehenswürdigkeiten. Ein toller Aussichtspunkt. Einfach alle Inseln im Blick, das hat was.

Und weiter runter, schnell und ohne Gnade für die Schenkel. Heißa. Noch ein Stück Hauptstraße, abbiegen zum Strand, endlich geschafft. Die Insel der Lurche ist besiegt. Jawohl, Lurche. Die gibt es hier in jeder Größe, natürlich unter Schutz, auch auf Verkehrsschildern wie bei uns die Krötenschilder...nur heute hatten die wohl alle Urlaub oder es war ihnen zu heiß. Oder nicht heiß genug.

 

 

Duschen am Strand, Mittagessen, Siegerehrung. Heute wird mal von rückwärts geehrt: der Maire übergibt den letzten 7 der Rangliste  (auch mir), ein hübsches Büchlein über die Insel und alles drumrum. Dann wieder Sachen packen, Biwak abbrechen, alles verladen und auf die Fähre,  zur Hauptinsel und im Bus weiter zur Site du Duval, einer Art Landschulheim. Auf der Wiese ist Platz für alle, Abendessen aus der Plastikschale, ruhiger Tagesausklang.

 

 

Tag 6  Grande Terre, Port d`enfer  19km/111HM

 

Aufstehen, flott frühstücken, Biwak abbauen und Antreten zum Gruppenbild. Kurz darauf schon der Start.  Es ist wolkig und noch nicht so heiß. Genau richtig. Zur Küste geht‘s durch die Zuckerrohrfelder, wellig und einfach zu laufen. Nette Leute unterwegs, alle gut drauf und freuen sich. VP nach 5-6 km, wie immer hochwillkommen.

Da geht mir der Strom aus. Akkuwechsel geht auch nicht, die Reserve ist leer (die verflixten Akkus sehen alle gleich aus). Und nun der überhaupt schönste Laufabschnitt überhaupt: ein Sentier an der Küste. Ein sagenhaft schöner Trail. Ab und zu ganz steil runter und wieder hoch, Seilsicherung, Steine, verblockt bis ganz einfach, oben an der Steilküste längs mit tollen Ausblicken, unten die Atlantik-Brandung und alles in einem grünen, schattigen Tunnel. Zum Höllenhafe,  donnernde Brandung in einer schmalen Bucht.

Ziel ist ein idyllischer Badeplatz, leider mit den Sargassoalgen  verschmutzt. Traumhafter Anblick, angenehm ruhig zum Ausruhen, Mittagessen wird gebracht. So manche Besucher kommen vorbei, hier ist eine wichtige, pittoreske Naturschönheit zu bestaunen. Und wir natürlich auch.

 

 

Irgendwann kommt der Bus und fährt uns zur Basse-Terre quer über die Hauptinseln. Also ein bisschen  sightseeing so ganz nebenbei. Quartier im DeLuxe Hotel Fort Royal. Kein Biwak mehr. Doppelzimmer, Bungalows, Luxus. Urlaub. Der Lauf ist zu Ende. Am Abend dann Buffet bis zum Abwinken. Absolut Spitze, für jeden Geschmack.

 

Tag 7  Basse- Terre, Bonuslauf 13,5km/200HM

 

Der Lauf geht doch noch weiter: Es gibt eine Bonusetappe hier an der Küste. Sandstrand, Trails, ein Berg, nochmal von allem etwas. Nur so zum Spaß, ohne Wertung. Um 8:30 geht‘s ab, fast alle laufen mit. Ein paar Nachmelder sind auch dabei. Hier erlebt man nochmals Karibik pur. Die Palmen, der Strand, Touristen, wie im Prospekt. Dazu dann ein 165 m Anstieg, ein schöner Trail, der richtig alles fordert. Und wieder runter, etwas Straße, und am Strand zurück. Wirklich toll. Aber leider nicht für alle: Mike aus Kanada bricht sich den Fuß. Er wird abgeholt und taucht erst zum Abendessen wieder auf.

 

 

Der Nachmittag ist ruhig, an der Bar, im Wasser oder wo man will. Dann heißt es schick anziehen. Die große Siegerehrung beginnt. Ein Moderator heizt die Stimmung an, und dann bricht die Party los. Ausgelassenheit pur.

 

 

 

Fazit

 

Ein Abenteuer über 8 Tage. Absolut tolle Strecken. Jeden Tag was Neues: andere Inseln, andere Leute. Super organisiert, ein wenig gelassen, ohne Druck. 2-3 Tage Akklimatisation vorher wären sehr sinnvoll. Die scheinbar kurzen Strecken haben es bei der Hitze derbe in sich. Unbedingt leichtes Gepäck. Trailschuhe sind zu empfehlen, aber profilierte Straßenschuhe gehen auch. Nicht immer kriegt man alles trocken. Vom Zelt zum Luxus. Keine Mücken! Das Team ist herzlich, hilfsbereit und in jeder Hinsicht super. Immerhin war es zum 19.(!!!) mal. Das bedeutet Jubiläum in 2019! Das wird bestimmt ganz speziell.

Also: Nix wie hin, sowas findet man nicht nochmal auf der Welt!

 


 

Anzeige

Das M4Y-Buch

Das M4Y-Buch bestellen

Aktuelle Print-Ausgabe

Das marathon4you.de Printmagazin