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Laufberichte

Heiße Füße auf dem Hartfüsslertrail

 

 

Auf dem ungenutzten Parkplatz hinter dem Firmengelände erobert sich die Natur Quadratmeter für Quadratmeter zurück. Überall quellen Sträucher und Gräser aus dem verwitterten Asphalt. Wir gelangen nun zum Aufstieg auf die Halde Lydia. Der schöne Pfad wird gegen Ende ziemlich steil. Oben erwartet uns in ca. 120 m Höhe ein Hochplateau. Wir erfreuen uns an der steifen Brise, die hier weht, der Aufstieg war erneut schweißtreibend. Wir folgen den Streckenmarkierungen in Richtung des Gipfelkreuzes.  Die Himmelsspiegel, kleine Seen, normalerweise mit Regenwasser gefüllt, sind nahezu ausgetrocknet. Das verstärkt das faszinierende Bild einer wüsten Vulkanlandschaft. Inzwischen bin ich zu müde, um das Panorama zu genießen und stürze mich gleich wieder den Weg hinunter.

Weiter geht es wie gehabt auf Wegen und Trails durch den Wald. Ich bin platt und bekomme wohl eine Blase am rechten Zeh. Ich frage mich, wie weit es noch bis zur letzten VP bei km 50 sein wird. Dort ist noch einmal ein Cut-off, der mich aber hoffentlich nicht ausbremsen wird. Gerade biegt der Weg nach rechts, als mir vom Trail Radler entgegen kommen. Das Paar gehört zu den Streckenposten und ist mir bereits mehrfach begegnet. Sie berichten, dass es gleich durch den Fischbach ginge und dass ein Läufer vor mir die gute Idee hatte, Plastiktüten um die Schuhe zu machen, um die Füße trocken zu halten. Vielleicht hätte ich Glück und die Tüten wären noch da.

 

 

Dann erreiche ich den Baumstamm, der über dem Fischbach liegt. Auf den Grund des Baches kann ich nicht sehen, aber den Helfer mit Fotoapparat auf der anderen Seite. Ich zögere nicht lange und stehe im kühlen Nass. Es ist gar nicht so schlimm. Auf der anderen Seite liegen auch die Tüten, von denen die Helfer vorhin gesprochen hatten. Der Fehler im System ist nur, dass die Tüten jetzt auf der falschen Bachseite liegen und so für weitere Läufer keine Hilfe mehr sind.

Nachdem ich das Hindernis so bravourös gemeistert habe, will ich erneut anlaufen. Das ist aber gar nicht so leicht. Meine Schuhe sind jetzt deutlich schwerer und quitschen. Außerdem haben kleine Steinchen die ich unterwegs aufgesammelt habe ihre Lage so ungünstig verändert, dass es nun an allen Ecken drückt. Also erst einmal gehen, bis sich die Lage beruhigt hat.

Der Weg verläuft flach auf einer Art Damm. Hier kann man gut laufen. Wie weit ist es denn noch bis zur VP? Links liegt ein langgezogener See. Idyllisch führt der Weg direkt am Wasser entlang. Dann geht es wieder in den Wald,  wo ich völlig unerwartet auf die VP stoße. Km 50 ist geschafft. Leider ist der typisch saarländische Schwenker schon aus, so dass ich ein anderes Mal herausfinden muss, was das ist. Außerdem rebelliert mein Magen und ich lehne auch das Brötchen des Helfers ab. Auch Bier lasse ich Bier sein und trinke Cola, was mir gut tut. Von Cut-off will auch hier niemand etwas wissen und so trolle ich mich schnell von dannen.

Es geht auf komfortablen Waldwegen mal rauf mal runter. Hoffentlich hält das Wetter; es hat nun ganz schön zugezogen und ich meine in der Ferne dunkles Grollen gehört zu haben. Bei Gewitter darf man die Halden nicht betreten, denn sie sind ja Blitzfänger.  Eine letzte Halde steht noch auf dem Plan. Jetzt bin ich schon so weit und es wäre wirklich schade, dort nicht hinauf zu können. So bin ich froh, als der Wald endet und der für eine Halde typische Bewuchs beginnt. Ein Helfer weist mich nach rechts. Er meint: „Wenn du noch kannst, gibt das eine tolle Aussicht“. Ich gebe mir alle Mühe und es geht noch was. Obwohl der „Weg“ sehr steil nach oben führt, macht er mir wenig Probleme. Wieder kommen mir die ewig Gleichen entgegen. Wieder tauschen wir gute Wünsche aus. Dann bin ich oben. Ich laufe bis zum Kreuz und kann nun ein letztes Mal die Aussicht genießen. Ich hab fast alles geschafft. Es sind keine 10 Kilometer mehr. Was soll noch passieren?

Gut gelaunt mache ich mich an den Abstieg. Der Helfer unten empfängt mich mit den Worten: “Noch 6 Kilometer!“ Läuft doch! Es geht am Fuß der Halde entlang und dann auf einen schmalen Trail lange bergab. Ich lasse es laufen. Die Blase an meinem Zeh ignoriere ich. Ein paar unebene Treppenstufen stellen mich vor eine größere Herausforderung, weil das Licht mittlerweile so diffus ist, dass ich sie nicht richtig erkennen kann. Es ist kurz vor 18 Uhr, eigentlich das Zeitlimit für das Ziel. Aber das ist jetzt auch egal. Ich erreiche eine Straße; dieser geht es ein Stück entlang. Helfer weisen mich auf die andere Seite. Ich will gerade hinüber, da bietet mir einer der Streckenposten ein Stück von der guten Wildschweinsalami an. Mein Magen hat sich mittlerweile beruhigt und ich nehme dankend an. Noch ein Schluck aus des Helfers Flasche (Zitronenlimonade ist nach dem vielen Wasser ein Hochgenuss) dann muss ich weiter; es ist nicht mehr weit.

Im Wald führt der Weg bergauf. Ein Schild zeigt an,  noch 4 km zu laufen. Welche Freude, es ist 18 Uhr 08. Das schaffe ich noch gut unter 10 Stunden. Prompt geht der Trail auch bergab. Juhu, da kann ich Zeit gutmachen. Leider geht es gleich wieder bergauf. Bis zum km 3 Schild habe ich jetzt 11 Minuten gebraucht! Nicht gut. Ich mache es kurz: Es geht auf schmalen Trails noch mehrmals bergauf, mehrmals bergab, an netten Weihern vorbei. Dann noch durch ein Meer von Goldruten, über die Autobahnbrücke, auf der anderen Seite wieder hinunter und erneut auf den Trail. Eine steile Steinpassage bringt mich etwas aus dem Konzept. Gut, dass hier keine Kamera steht. Das ist wohl nicht sehr elegant.

 

 

Dann ist es tatsächlich nur noch ein Kilometer. Der Trail endet allmählich an alten Backsteinhäusern. Ich kann aus der Ferne die Ansagen vom Ziel herüber hören. Dann erkenne ich die Straße. Es geht an der Treppe zur Schule und an unserem Auto vorbei. Die Pfeile zeigen rechts die letzten Treppen hinauf. Noch ein kurzes Stück den Weg entlang bis zum Sanitätsfahrzeug. Dort auf die Wiese und durch das Zieltor. Hier warten die Helfer, allen voran der Organisator Hendrik, um die letzten Finisher zu beglückwünschen. Ich bekomme meine Medaille und der Chip wird mir abgenommen. Dann gibt es das Zielbier. Norbert ist auch da. An den Biertischen sind die Bekannten von unterwegs versammelt. Als Zielverpflegung bekomme ich Nudeln mit Sauce Bolognese – ich bin platt.

 

 

Fazit:

Die Strecke lässt jedes Trailerherz höher schlagen. Bei vielen anderen Trails besteht die Schwierigkeit im unebenen Untergrund wie Wurzeln und Steine. Beim Hartfüssler sind die meisten Trails sehr gut laufbar, die Schwierigkeiten sind hier extrem steile An- und Abstiege und Naturhindernisse, was mir persönlich mehr liegt. Dabei gibt es keine gefährlichen Stellen, daher für Trailanfänger optimal. Gutes Training ist natürlich Voraussetzung. Zu beachten sind die wenigen VPs, was bei der Planung der Ausrüstung zu berücksichtigen ist. Danke an die wirklich vielen Helfer, die mit unermüdlichem Einsatz und Ideen den Lauf gestalten und für die Sportler zu einem unvergesslichen Erlebnis machen.

Die Idee des Hartfüssler Trail ist, 250 Jahre Industriegeschichte hautnah erlebbar zu machen. Er soll an die vergangene Zeit erinnern und helfen, dieses spezielle kulturelle Erbe in die Zukunft zu tragen. Was mich betrifft, ist dies gelungen und ich bin gerne in diese mir unbekannte Welt eingetaucht. Fast schöner noch ist aber das intensive Erlebnis in mittlerweile unberührter Natur. Tief im Wald ist es so unwirklich, dass es mich nicht gewundert hätte, wenn gleich eine Gruppe Hartfüssler in Bergmannskluft und Nagelschuhen an mir vorbei gelaufen wäre.

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Informationen: RAG Hartfüßler Trail
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