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Laufberichte

„Do legst di nieder“

 

Neue Marathonläufe und solche, die ein Jubiläum feiern,  mag ich besonders. So wie beim diesjährigen Brixen Marathon, der nunmehr seine zehnte Auflage feiert. Besonders reizvoll dabei ist, dass ich auch bei der Premiere im Jahr 2010 dabei war. Ich kann es gar nicht glauben, dass schon so viele Jahre vergangen sind.

Der Kurs ist ganz einfach gelegt. Man holt sich Anlauf in der Stadt und kämpft sich dann über viele Schleifen immer weiter hoch, verliert manchmal dazwischen auch ein paar Höhenmeter, und kann am Ende  dann die Aussicht von der 2450 Meter hohen Plose genießen.

Zum Jubiläum hat man sich etwas einfallen lassen und richtig Gas gegeben. Denn zum Marathonlauf mit 2450 positiven und rund 600 negativen Höhenmetern hat man den Dolomites Ultra Trail (plus/minus 4728 Höhemmeter) über 81 Kilometer lanciert, den man aber nur als Paar laufen kann, sowie den Ladinia Trail über 28,3 Kilometer (+1852/-545 HM) für Einsteiger oder Genießer ins Programm genommen. Der Staffelmarathon zu viert oder zu zweit steht schon seit Beginn in der Ausschreibung und ist für nicht ganz so Ausdauernde und als Appetithappen gerade richtig. Zusammen mit dem Women's Run, einem Kinderlauf und einen Run für Rollstuhlfahrer sind rund 2000 Sportler an diesem Wochenende unterwegs.

Wo Brixen, der Italiener sagt Bressanone, liegt, dürfte den gemeinen Italienurlauber bekannt sein. Vom Brenner ist ein wenig mehr als die Marathondistanz nach Süden auf der Autostrada del Brennero A22 oder der Brennerstaatsstraße. Aber warum sich wegen Vignette, Maut und Stau ärgern, wenn in Brixen jeder Fernzug hält. Es gibt sogar alle zwei Stunden eine Eurocity-Verbindung nach München. Und diese Option ziehe ich wieder.

Brixen ist eine der ältesten Städte Tirols. Spuren gehen bis ins neunte Jahrhundert zurück. In den entsprechenden Urkunden ist von „Pressena“ und „Prihsna“ die Rede. Neben den Streitereien mit den Franzosen und Bauern (im 16. Jahrhundert) gab es einige Feuersbrünste, die die Stadt in Schutt und Asche legten. Über die wechselvolle Geschichte Südtirols in jüngerer Zeit weiß man Bescheid.  Wirtschaftlich erreicht Brixen das weiter südlich gelegene Bozen nicht ganz, doch die Menschen haben durch Industrie und Tourismus ein gutes Ein- und Auskommen. Das gilt für ganz Südtirol, das Land ist in Italien führend was die Wirtschaftsleistung betrifft.

Ich bin bereits zur Mittagszeit vor Ort und kann mir nach dem Einchecken in der Unterkunft noch die Altstadt gemütlich anschauen. Übrigens, der Bahnhof ist nur zehn Gehminuten von der Altstadt entfernt.

 

 

Direkt vor dem Brixener Dom erhalten wir die Startnummern. Wichtig ist der Hinweis, dass man mit einem ärztlichen Attest nachweisen muss, lauftauglich zu sein. Mit einem Startpass des DLV kann man sich das sparen. Ohne Startpass bzw. ohne Attest gibt es keine Startnummer. Die Starttasche ist reich bepackt mit Buff, Schokolade, Nudeln, Riegel, Getränkepulverprobe und Schüttelbrot. Der Bon für die Pastaparty kann erst am Lauftag eingelöst werden. Und wer zu den Bezwingern der Plose zählt, der darf dann neben der Medaille ein sehr schön gestaltetes Finishershirt in Empfang nehmen. Rund 500 Männer und knapp 100 Frauen aus über 30 Nationen haben sich alleine zum Marathon angemeldet. Bei der Premiere betrug die Zahl der Gemeldeten etwa die Hälfte. Erfreut von der Rekordzahl sind OK-Chef Christian Jocher und OK-Präsident Claudio Zorzi.

Am nächsten Morgen bin ich kurz nach 07.00 Uhr schon vor Ort. Am Domplatz laufen sich die Protagonisten um Sieg und Ehre bereits warm. Das brauche ich beim Bergmarathon nicht. Beim Herumschlendern und Schauen laufen mir schon erste Bekannte über den Weg. So auch Jens aus Benewitz, der sich mit seiner Teilnahme zum heutigen Geburtstag beschenkt. Die Ultratrailer sind schon längst über alle Berge verschwunden, denn ihr Start war eine Minute nach Mitternacht. Es werden dann noch die Aspiranten für den Sieg vorgestellt und  interviewt. Kurz vor 07.30 Uhr werden an alle an die Startlinie gerufen.

 

 

Der Start und das ganze Drumherum sind hier am Dom bestens situiert. Wir kommen zwar erst wieder zur Siegerehrung und Pastaparty zurück, doch in der Zwischenzeit werden die Ultraläufer hier ihren Zieleinlauf genießen dürfen. Der Dom Mariae Aufnahme in den Himmel und St. Kassian dominiert am Platz. Ich empfehle unbedingt einen Besuch des größten Sakralbaues in Südtirol sowie des Domkreuzgangs, der Johanneskapelle und der Frauenkirche. Das konnte ich schon am Vortag abhaken.

Es wird heruntergezählt und pünktlich um 07.30 Uhr werden wir mit der Marathonhymne von „Freiwild“ losgelassen. Noch am Domplatz laufen wir am Rathaus (Municipio) und der Pfarrkirche St. Micheal (aus dem 16. Jahrhundert) vorbei. Auf  Altstadtpflaster laufen wir zur Kirche zur Congregatio Jesu (erbaut im 18. Jahrhundert durch Franz de Paula Penz). Nur wenige Leute sind auf den Straßen, sie tätigen erste Einkäufe, holen etwas vom Bäcker oder führen den Hund aus. Wir drehen eine Schleife unter Aufsicht der Carabinieri, es geht an ihrer Wache vorbei und nach dem Marianum haben wir den ersten Kilometer schon geschafft. Jeder Kilometer ist markiert, zum Ende hin werden sogar alle 500 Meter signalisiert.

 

 

Unser Kurs hat mittlerweile nach Süden gedreht, wir rennen am Hofburggarten vorbei und verlassen die Altstadt. Am Sportzentrum im Süden der Stadt wenden wir und wechseln an den Eisack. Der zweitgrößte Fluss Südtirols entspringt am Brenner auf 1900 Meter Seehöhe, er mündet nach rund 100 Kilometer in die Etsch. An der Widmannbrücke überqueren wir den Eisack und die Rienz, die das Pustertal entwässert. Wässern ist ein gutes Stichwort, denn nach vier Kilometer finden wir die erste Wasserstelle im Ortsteil Köstlan.

Es geht schon steil bergan, die ersten Athleten fallen in den Gehschritt.  Noch läuft es bei mir und das Tempo will ich weiter hoch halten. Alexander ist zum Wanderer geworden, wir grüßen uns. Steigend führt uns nun der Kurs auf der Karlspromenade in einen Wald. Mit Kilometer sechs erreichen wir den Schmiedhof und danach wieder Schatten. Dort, wo wir einen Blick erhaschen können, sehen wir, dass es bis zum Talboden schon gehörig hinunterreicht. Die Kirche Maria am Sand des Ortsteil Milland passieren wir oberhalb, ich kann nur den Kirchturm kurz sehen.

Unser Kurs ist noch belaufbar, der Untergrund wechselt mitunter, breitere Waldwege, dann wieder Graswege über Wiesen, Kopfsteinpflaster bei Höfen. Eine ältere Frau (darf man das so sagen?) hat Stecken dabei. Sie erklärt, dass dieses nur für Teilnehmer der Klasse Ü 60 erlaubt sei und auch erst am Schlussanstieg.

 

 

Ich laufe auf Peter auf, der auch bereits kräftesparend  marschiert. Wir tauschen uns kurz aus und dann stiefele ich von dannen. Der Peter ist Profi-Journalist und Laufspezialist, heute macht der den Marathon zum Warmlaufen und morgen geht es zum Halbmarathon auf die Seiseralm, wo er seine Dana coachen wird. Wir erreichen Mellaun und kurz danach den Schnagererhof, wo wieder verpflegt werden kann. Diese Tankstellen sind heute wichtiger denn je, denn die Sonne und die Hitze kosten Kraft und die Brühe (damit meine ich den Schweiß) läuft mir runter wie bei einem Kieslaster. Es gibt Wasser, Elektrolyt, Cola, Kekse, Gurken, Bananen, Äpfel und mehrmals wird auch Gel gereicht. Nur beim Bier versteht man keinen Spaß, das müsste ich mir selbst kaufen. Jetzt verstehe ich den Hinweis an die Läufer, dass man ein paar Euro mitnehmen sollte.

 

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Impressionen

(Klaus und Margot Duwe)

 

 

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Mit Kilometer elf erreichen wir auf zum Schluss asphaltiertem Untergrund die Talstation der Plosebahn bei St. Andrä, einer Fraktion der Stadt Brixen, auf 970 Meter gelegen. Hier könnte man in die Bahn einsteigen und fast bis zum Plosegipfel kommen. Aber das wäre wohl der Gebrauch unlauterer Mittel, zumal wir an der Bergstation auch vorbeikommen. Die Straße endet und auf uns wartet ein übler grasiger Stich, wo keiner mehr laufen mag.

Der Stich endet und kurz danach laufen wir auf einer Rodelbahn länger bergan. 15 Kilometer liegen hinter uns. Im schattigen Wald kann man die Wärme gut vertragen.

 

 

Im gleißenden Sonnenlicht laufen wir nach Afers hinein, die Kirche St. Georg thront über dem Ort. Die Staffeln wechseln hier zum zweiten Mal und bringen frische Kräfte ins Rennen. Mittlerweile befinden wir uns am Anfang des Aferer Tal auf etwa 1500 Meter Seehöhe. Die Landstraße verbindet hier Brixen mit dem Gadertal (über das Würzjoch). Der Kurs wird wieder gefällig, wir verlieren mächtig Höhenmeter. Die Heuernte ist bereits voll im Gange und an den steilen Hängen keine leichte Arbeit. Wir verlassen wieder die Asphaltpiste, der 20. Kilometer wartet, ich bin 2.45 Stunden unterwegs. Halbzeit, ich denke mit einer Zeit von sub sechs Stunden wird es nichts mehr werden, zumal am Ende noch üble Steigungen kommen.

Ich weiß nicht genau, wie viele Trinkstellen es hier gibt, doch jetzt kommen diese zuhauf. Und die sind auch bitter nötig. Gerade in der Sonne verliert man viel Wasser. Wolken sind  keine am Himmel, die Luft heizt sich trotz Höhe auf. Sehr willkommen sind neben  den offiziellen Getränkestellen die Brunnen auf den Höfen. Die Steigung nimmt ab Kilometer 22 wieder deutlich zu, an Laufen ist zeitweise nicht mehr zu denken. Man glaubt, das steile Stück endet nie, doch dann wird es wieder flacher und laufbarer.

Je höher wir kommen, desto freier wird unser Blick auf die Dolomitenberge, wie zum Beispiel den 2875 m hohen Peitlerkofel, Wahrzeichen des Brixen Dolomiten Marathon, und die Geislergruppe. Wer sich auskennt, konnte zuvor sogar Schlern und Langkofel erkennen.   Erwandern lassen sich die meisten dieser vielzackigen Gipfel wohl nicht, da braucht es eine gescheite Ausrüstung und Ausbildung als Kletterer, so meine Einschätzung.

 

 

28 Kilometer sind hinter uns, wir werden nun vom Fahrweg weggelotst, es geht einen Stich hinauf und dabei überschreiten wir die 2000 Metermarke. Genau um Mittag komme ich auf der Rossalm an. Die Helfer sind, wie überall, aufmerksam und freundlich. Hier kommen sie mir schon mit ein paar Bechern Getränken entgegen. 2180 Meter liegt die komfortable Berghütte hoch. Wer will, kann hier mit Kind und Kegel Urlaub machen. Ich verpflege mich ausgiebig und mache mich dann wieder auf den Weg. Der ist nun die nächsten Kilometer bis Kreuztal perfekt zum Laufen und gut frequentiert, denn  er bringt Wanderer und Spaziergänger, die mit der Seilbahn bis Kreuztal gefahren sind, über die Rossalm zur Plosehütte. Es gibt viel Applaus von den Bergtouristen.

Kreuztal, Kilometer 34, ich bin fünf Stunden nicht „on the road“, sondern eher „im Gelände“. Das wird nichts mehr mit sechs Stunden. Ich verpflege noch mal reichhaltig und nehme auch Salz zu mir. Das hat mir bei meinem letzten Marathon gefehlt und ich habe mir prompt Muskelkrämpfe eingehandelt. Hier wechseln die Staffeln zum letzten Mal. Nach einigen Minuten mache ich mich wieder auf die Socken. 8,5 Kilometer warten auf uns noch.

 

 

Wer sich bis hier seine Kräfte gut eingeteilt hat, kann den Weg zur Ochsenalm, gut fünf Kilometer auf dem Brixener Höhenweg, noch im Joggingtempo hinter sich bringen. Immer wieder geht es wellig auf einem Pfad im Wald dahin.  Ich unterbreche meinen Jogg nur dann, wenn Wurzeln, Geröll oder Steine zu übersteigen sind. Probleme macht mir im Wald der Wechsel von grellem Sonnenlicht und dunklem Schatten. Und da erwischt es mich auch. Ich stolpere über einen Stein und lege mich der Länge nach hin. Ja, da legst di nieder. Ich habe Glück und verletze mich nicht. Die Kamera fällt mir zwar aus der Hand, aber überlebt. Ist ja schließlich eine Outdoor-Version. Eine Läuferin bietet mir Hilfe an, ich bin aber bereits wieder auf den Beinen und trabe weiter.

45 Minuten habe ich für das Wegstück zur Ochsenalm (2085 Meter) gebraucht, dort wasche ich mir kurz die Hände, bevor ich mich ausgiebig verpflege. Dann wende ich mich nach rechts und ich sehe das ganze Schlammassel: Auf zwei Kilometer Wegstrecke warten 400 Höhenmeter, der Schweinehund frohlockt.

 

 

Schritt für Schritt arbeite ich mich nach oben. Das werden Kilometerschnitte von 20 Minuten und mehr. Viel Bewegung gibt es im Läuferfeld nicht mehr, jeder kämpft mit sich selbst. Ich überhole einen Pausierenden und werde später beim Luftschnappen von einem anderen passiert. Die Bergrettung steht alle paar Hundert Meter bereit, um nötigenfalls Hilfestellung zu geben. Wir passieren die Plosescharte (2219 Meter). An zwei, drei Stellen bekommen wir verdünnte Cola gereicht. Am Leonharder Kreuz (2365 Meter) sehe ich endlich den Edelfan, der eine Trychel schwingt, die ich schon ewig lange gehört habe.

Der Monte Telegraph ist mit 2486 Meter der höchste Punkt des Kurses, auf den ich mich auf einem Gratweg in Serpentinen noch mal richtig plagen muss. Oben erhalten wir den letzten Trank und haben einen Panoramablick, der seinesgleichen sucht: Vom Alpenhauptkamm sieht man die Ötztaler, Zillertaler und Stubaier Alpen, im Westen die Ortler-, Brenta- und Adamellogruppe und natürlich die Dolomiten selbst. Leider hat sich die Sicht etwas verschlechtert, es wird wohl noch im Laufe des Abends ein Donnerwetter kommen, vorhergesagt war es zumindest. Trotzdem ist die Aussicht prächtig.

Auf dem letzten Stück brauche ich nochmals höchste Konzentration und will mich nicht nochmal hinlegen. Frühzeitig höre ich vom Plosegipfel Moderation, sehe zwei Werbebögen und nach ein paar Schnauferern ist das Ziel zum Greifen nah. Damit die Streckenlänge stimmt, machen wir noch einen kleinen Umweg, dann ist es geschafft. So ein schöner, kurzweiliger und abwechslungsreicher Bergmarathon, und den bin ich erst nach neunjähriger Pause wieder gelaufen. Wie sagt der Bayer, wenn er etwas toll findet: „Do legst di nieder!“

 

 

Ich erhalte meine Medaille umgehängt, ein richtig großes Teil, und einen Händedruck von einer netten Helferin. Im Zelt wartet die Verpflegung und man bekommt ein Finishershirt (Langarm) überreicht.

Nach dem Batteriewechsel an der Kamera geht es wieder an den eigentlichen Reporterjob. Viele positive Stimmen höre ich, es hat Spaß gemacht, auch wenn der Kurs schwierig ist zum Laufen. Bei mir stehen gute 6.45 Stunden auf der urkunde, mehr war wegen der Hitze nicht zu erwarten. Ich muss ja auch gar keine Bestzeit aufstellen. Dann wäre das Vergnügen ja von kürzerer Dauer.

Noch ein Tipp: Lasst euch das Gepäck zur Plose transportieren. Wer sich nach dem Lauf umziehen will, riskiert keine Erkältung und duschen könnte man hier auch. Beobachtet auf jeden Fall das Wetter. Wenn die Vorhersage unsicher ist, sollte man eine Goretexjacke mitnehmen. Heute war das nicht erforderlich. Der Rücktransport erfolgt zu Fuß (45 Minuten) nach Kreuztal, dann mit der Bahn zur Talstation, von dort aus nach Brixen mit dem Shuttle oder den Öffentlichen. Und da bekomme ist erst mit, wie weit wir hochgelaufen sind.

Was ich nicht verstehen kann, dass der Brixen Dolomiten Marathon nicht noch mehr Teilnehmer anlockt. Trail- und Bergläufer finden hier ideales Geläuf und dass jetzt auch ein Ultra und eine Unterdistanz angeboten werden, macht den Event noch attraktiver.

Der nächste Termin steht auch schon fest, es ist der 04.07.2020.

 

Informationen: Brixen Dolomiten Marathon
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