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Laufberichte

Es lebe die Tradition

 

Mit dem Augustusplatz ist unser Ausflug gen Innenstadt beendet. Ein wenig schade ist es, dass die Route nicht auch durch deren Kern verläuft. Viel gäbe es dort läuferisch zu entdecken. So aber zweigen wir nach rechts in die Prager Straße ab, die für die nächsten fünf Kilometer gen Südosten  unsere Route bestimmen wird.

Gleich zu Beginn, am Johannisplatz, passieren wir den Komplex des Grassi-Museums. Drei  Museen sind hier unter einem Dach untergebracht. Besucher haben museal die Wahl zwischen Völkerkunde, Angewandter Kunst und Musikinstrumenten. Zumeist moderne Geschäftsgebäude aus der Nachwendezeit säumen im Folgenden die Straße. Die Bebauung wird zunehmend lichter. Auf Höhe des Friedensparks, durch Umwidmung des Neuen Johannisfriedhofs entstanden, sind die ersten 5 km bewältigt. Der erste "große" Verpflegungsposten ist hier eingerichtet.

Weiter und weiter und immer geradeaus geht es auf der Prager Straße. Ein riesiges Doppel-M am Straßenrand zeigt uns: Wir haben das Alte Messegelände erreicht. Es erinnert daran, dass Leipzig einer der ältesten Messeplätze der Welt ist und die Leipziger Messe schon zu DDR-Zeiten „die“ Vorzeigemesse Ostdeutschlands war. Nach 75 Jahren Messegeschichte zog die Messe allerdings 1996 auf ein größeres Gelände im Norden Leipzigs um. Das klassische Logo der Messe Leipzig – das schon 1917 kreierte Doppel-M für „Mustermesse“ - ziert als riesiges steinernes Monument auch heute noch einsam den Ostzugang des alten Geländes. Was sich dahinter heute auftut, ist allerdings primär Tristesse. Bau- und Supermärkte haben sich in den leeren Hallen breit gemacht.

 

In weitem Bogen durch Leipzigs Süden

 

Gespannt blicke ich in die Ferne. Denn dort ist eines der Highlights des Kurses bereits als Silhouette auszumachen. In viel Grün eingebettet und weithin sichtbar liegt Leipzigs wohl berühmtestes Monument und Wahrzeichen. Das Völkerschlachtdenkmal. Es gedenkt einer der größten Landschlachten der Historie, bei der im Oktober 1813 eine Allianz aus Russen, Preußen, Österreichern und Schweden den Truppen Napoleons den Garaus machten. 126.000 Tote und Verwundete auf beiden Seiten verdeutlichen das Ausmaß des Gemetzels. Mit dem 1913 eingeweihten, 91 Meter hohen und an Monumentalität und Wucht kaum zu überbietenden  Denkmal wird das Massensterben in eher zweifelhafter Weise heroisiert. Nichtsdestotrotz: Wenn man sich als menschliche Ameise diesem Koloss nähert, lässt einen das nicht unberührt. Entlang der Straße ziehen wir in respektvollem Abstand vorüber. Durch das lichte Grün der Alleebäume blicke ich immer wieder hoch auf den über uns thronenden Berg aus Stein.

Direkt an das Denkmal grenzt der parkähnliche, weitläufige Südfriedhof. Exakt nach 8 Kilometern macht die Strecke einen scharfen Knick nach rechts. Wir biegen ab auf die sehr viel beschaulichere, von viel Natur umrankte Connewitzer Straße und umrunden auf dieser weiter den Südfriedhof. Eine Straßenmarkierung kündet an: In 300 Metern Party. Das soll wohl ein Scherz sein, denke ich. Von wegen. 300 Meter weiter ist ein Banner gespannt: Fanmeile Marienbrunn. Ausgelassen feiert hier bei Musik, Speis und Trank eine gute Hundertschaft und feuert uns euphorisch an. Wer will, kann sich mit einer Schlauchdusche abfrischen lassen. Eine tolle Idee!

Umso ruhiger wird es auf den nächsten Kilometern. Optisch sind diese – zwischen Plattenbau und Gewerbeflächen wechselnd - eher wenig inspirierend. Aber da muss man eben durch. Erneut passieren wir das Alte Messegelände, nur jetzt von der anderen Seite. Hinter uns setzt die Russische Gedächtniskirche mit ihrer vergoldeten Zwiebelkuppel einen Akzent.

Via Semmelweisbrücke setzen wir über in die Moderne: Diese empfängt uns in der sogenannten Südvorstadt bei km 13 mit der neuen Media-City Leipzig und den MDR-Studios. Von einer ganz anderen Seite zeigt sich die Südvorstadt bei km 15. Bestens restaurierte Fassaden alter Bürgerhäuser säumen die August-Bebel-Straße. Wenig später wechselt die Szenerie erneut: Wir tauchen ein in eine weite Parklandschaft, die sich entlang von Elster und Pleiße vom zentrumsnahen Clara-Zetkin-Park bis zum Leipziger Ratsholz erstreckt. Im Clara-Zetkin.Park findet übrigens alljährlich im Januar mit dem als Teamlauf gestalteten "Winter-Marathon" ein Marathon der ganz eigenen Art statt. Besonders idyllisch sind die Eindrücke, die die Natur bietet, von den Brücken aus, über die wir die beiden genannten Flüsse queren.

Jenseits des Parks gelangen wir in den Stadtteil Schleussig. Die Erich-Zeigner-Allee ist die nächste lange Gerade, die wir zu bewältigen haben. Vorbei an der Parkanlage Palmengarten bei km 20 sind wir unserem Zwischenziel schon ganz nahe. Die Zeppelinbrücke führt uns über das das breite Elsterbecken, einen langgezogenen, künstlich zum Hochwasserschutz angelegten See.

Einen schönen Blick haben wir von hier auf die in der Ferne wie ein UFO aus der Natur ragende Dachkonstruktion der Red-Bull-Arena. Bei der WM 2006 in Deutschland kam das chice Stadion als einziges der neuen Länder als Spielstätte zum Einsatz. Fußballerisch ist es die Heimat von RB Leipzig, das sich sponsor-beflügelt aus den Niederungen der dritten Liga mittlerweile immerhin in die zweite Bundesliga hoch gekämpft hat.

Damit sind wir fast am Startpunkt zurück. Auf der Jahn-Allee werden wir schon von zahlreichen Zuschauern empfangen und nach kurzem Euphorietanken in die zweite Runde entlassen.

 

Leipzig zum Zweiten

 

Wie das so ist bei den Zwei-Runden-Kursen. Es ist ein tolles Gefühl, die erste Runde bewältigt zu haben, es ist so etwas wie ein kleines Finish. Aber man weiß auch: Die zweite Runde wird härter. Und einsamer. Mit Mathi, einem Ur-Leipziger und Zugläufer der 3:29-Gruppe komme ich ins Gespräch. Wie ein guter Schäfer umsorgt er seine „Herde“, treibt sie an, hält sie zusammen, läuft von hinten nach vorn und wieder zurück, macht Sprüche und Späßlein und motiviert die Schwächelnden. An den Getränkestationen saust er voran, holt ein paar Becher und verteilt sie in seinem Trupp. Einen vorbildlichen Job leistet er. Stolz erzählt er, dass selbst Japaner, auch in seiner Gruppe, mitlaufen. Ein Austausch auf Läuferebene mit einer japanischen Partnerstadt Leipzigs macht es möglich. Und überhaupt: Läufer aus 75 Nationen sind heute am Start. Das ist eine Internationalität, die nicht viele Marathons aufweisen können.

Die ersten Kilometer der zweiten Runde kann ich noch mithalten. Die Sightseeing-Highlights motivieren zusätzlich. Aber in der Prager Straße muss ich mich dann doch der „Einsamkeit des Langstreckenläufers“ ergeben und die Gruppe ziehen lassen. Umso willkommener sind gerade auf der zweiten Runde die Verpflegungsstationen. Alle 5 km bieten sie neben Wasser auch Tee und Isogetränke, Bananen und Äpfel, zusätzlich alle 2,5 km Wasser pur. Angesichts der mit der intensiven Sonne gen Mittag zunehmenden Wärme ist das ein wahrer Segen.

Eine wohtuende Abwechslung bietet auch ein Dutzend über die Strecke verteilter Musikgruppen. Von Rock- bis Blasmusik, von Sambagetrommel bis zu Ethnoklängen reicht der musikalische Bogen. Allein gemeinsam: Sie machen gute Stimmung, auch für die an der Strecke harrenden  Zuschauer. Bei km 30 ist die Party auf der Fanmeile von Marienbrunn unverdrossen in Gang. Die oft nur vereinzelt eintröpfelnden Läufer dürfen die kollektive Anfeuerung daher höchst individuell in Empfang nehmen. Wie schon erwartet und befürchtet, sind die nächsten Kilometer durch die urbane Pampa besonders motivationszehrend. Umso mehr Stimmung erwartet mich auf den letzten Kilometern in Schleussig. An immer mehr Stellen sammeln sich die Menschen zu kleinen Straßenfesten, möglicherweise auch schon in Erwartung der 21- und 10 km-Läufer, die um 12:45 Uhr bzw. 13:45 Uhr am Sportforum starten und allesamt den Weg durch diesen Stadtteil nehmen.

Die letzten paar hundert Meter durch den fahnen- und zuschauergesäumten Zielkanal auf dem Sportforum bieten ein stimmungsvolles Finish nach 42 km Asphalt. Von Anfang bis zum Ende: Ein wirklich schönes Marathonerlebnis wird dem Läufer in Leipzig geboten. Die gute Organisation ist das eine, die mittlerweile hohe Attraktivität Leipzigs das andere. Beste Voraussetzungen sind dies also, dass die besondere Lauftradition in Leipzig noch lange Bestand hat. Im nächsten Jahr jedenfalls wird feiermäßig sicher noch eins drauf gesetzt: Denn dann begeht der Leipzig Marathon seinen 40. Geburtstag. Und das ist ja bekanntlich das beste Marathonalter.

 

Marathonsieger

 

Männer

1 Tebelu Abebe, Tekalegn (ETH)   02:21:53 
2 Olszewski, Bartosz (POL)  02:25:16 
3 Szymankiewicz, Jakub (POL)  02:27:00

Frauen

1 Meyer, Juliane (GER)  Team BMW SC DHfK Leipzig 02:57:35 
2 Borggrefe, Katja (GER)  Turbine Halle 03:06:54
3 Zauner, Anna (AUT) run42195.at 03:22:03 

618 Finisher

 

Stadtansichten

 

12
 
 

Informationen: Leipzig Marathon
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