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Laufberichte

Event der Superlative - natürlich mit Weltrekord

29.09.13

Berlin ist ganz schön groß, denke ich mir. In die Außenbezirke nach Südwesten kommt man als Tourist erst gar nicht hin, außer mit einem Sightseeing-Bus oder wie jetzt bei einem Marathon. Im Jahre 2001, als ich in Berlin zum ersten Mal die 42.195 m trotz eines grippalen Infektes in 4:31 Stunden schaffte, war das Ziel bei der Gedächtniskirche. Die gegenwärtige Laufstrecke von km 30 bis 35 war damals der Schlussabschnitt. Sie weist ein leichtes Gefälle auf, das beflügelt mich. Viele in meinem Umfeld marschieren oder schleichen langsam dahin. Darunter sind auch Läufer, die aus einer schnelleren Startergruppe ihre Kraftreserven nach 30 km schon vergeudet haben. Ich fühle neuen Elan in mir – vielleicht baue ich mich unbewusst auf, wenn ich andere erblicke, die ausgepowert sind. Der Mensch, das unbekannte Wesen.

Eine Britin mit Flagge geht vor mir, ich sage „Hello, everything’s all right?“ Sie lächelt verlegen – und mag sich denken: „ You, shut up, take care of yourself …“Zu meiner Rechten überholen mich zwei junge Schwedinnen. Die haben es aber eilig. Ich schließe auf und spreche sie an. Als Student arbeitete ich Mitte der 1970er-Jahre in Stockholm bei der Firma Kungsholm Expressen als Möbelpacker und Beifahrer. Binnen kurzer Zeit kann man sich Schwedisch aneignen – javisst!
Eine gute Gelegenheit, die eigenen Fremdsprachenkenntnisse im Small Talk wieder ins Gedächtnis zu rufen. Die kurze Strecke über den Ku‘damm in Richtung Tauentzien mit der verhüllten Gedächtniskirche geht schnell vorüber. Ich knipse eifrig, sogar die auf einen Hebearm in luftiger Höhe befindlichen Fotografen.

Bei Kilometer 36 treffe ich auf Ben vom Children’s Hospital South West, der mich vor 2 Stunden in vollem Tempo überholt hat. Und viele andere Geher. Je näher wir dem Ziel kommen, desto mehr Läufer walken statt zu laufen. Jeff Galloway, der mit seinen Büchern und Trainingsanleitungen viel Geld verdient, propagiert die  „Walk-and-Run“-Methode. Mit Gehpausen beim Marathon kann man diesen um die 5 Stunden finishen, erläutert Galloway. Eine Zielzeit unter 5 Stunden bei einem Marathon wie in Berlin mit 40.000 Läufern bedeutet, dass noch einige Tausend dahinter klassiert sind. Doch als wir nur mehr einen Kilometer vom Brandenburger Tor entfernt sind, werden die Geher plötzlich aktiv und sprinten los. Auch ich überhole einige Dutzend bis ins Ziel und bleibe mit 4:58 knapp unter dem selbst auferlegten 5 Stunden-Limit.

Tausende Zuschauer sind entlang der Einlaufstecke auf den letzten 200 Metern vor und nach dem Durchlauf beim Brandenburger Tor postiert und feuern die Läufer an. Ich gehe ein Stück zurück, noch bevor ich die Finishermedaille ausgehändigt bekomme und knipse. Ein Finisher schreit so laut „Yeah“, dass sich die Ordner umdrehen. Doch es ist ein Freudenschrei, auch er hat es geschafft. Ich persönlich bin mit meinem Lauf nicht wirklich zufrieden, mir hat es heute zu lange gedauert.

Der Weg zurück zur Kleiderablage ist weit und ein wenig beschwerlich. Viele Läufer haben ihre Wärmefolie auf der Wiese vor dem Reichstag ausgebreitet und sich draufgelegt. Die Sonne scheint, es ist angenehm warm. Ich hole meinen Kleidersack von der Aufbewahrung, nehme am Erdinger-Stand einen Becher Weißbier und gehe nochmals den Weg nahe dem Ziel zurück, wo sich die Zelte mit den Duschen befinden. Um 17.48 Uhr habe ich einen ICE nach Hannover, ca. 3 Stunden verbleiben mir noch für den Rückmarsch in die Rankestraße, die gut 4 km entfernt ist.

Am Zoo esse ich noch was, hole meine Tasche aus der Hotelpension mit den überzogenen Preisen und fahre mit der S-Bahn zum Hauptbahnhof. Als 1.Klasse-Reisender habe ich Zutritt zum Bahnservice, wo man bequem auf Lederfauteuils sitzend mittels Telekom-Hotspot im Web surfen kann. Mein Kollege Jürgen hat gerade auf unserer homepage die Ergebnisse des Tages vermerkt. „Toni  ist heute in Berlin seinen 42. Marathon gelaufen, so viele Marathons hat bisher kein anderer Österreicher geschafft.“ Eine schöne Meldung, die gut zum 40. Jubiläum passt.

Mein Bericht stellt nur einen kleinen Ausschnitt des Läuferfeldes dar – es handelt sich um jene, die zwischen 4:30 und 5: 15 finishen. Spitzenläufer habe ich nie zu Gesicht bekommen, erst recht nicht die Weltspitze. Ich bin ein gutes Beispiel für jene Zielgruppe von Marathonläufern, die ihrer Sammelleidenschaft nachgehen. Mein Leistungsniveau knapp vor meinem Sechziger entspricht ungefähr dem Lebensalter. Um schneller zu werden, müsste ich wieder mit dem Training beginnen. Marathonsammeln ist für mich Freizeitsport, den ich mit Reisen verbinden kann. Berlin ist allemal einen Abstecher wert.

Neuen Weltrekord mit 2:03:23 läuft Wilson Kipsang aus Kenia. Die Plätze 2 und 3 belegen mit Eluid Kipchoge und Geoffrey Kipsang zwei weitere Kenianer.

Florence Kiplagat siegt bei den Damen in 2:21:13 vor Sharon Cherop, ebenfalls aus Kenia. Dritte wird Irina Mikitenko aus Deutschland.

Franz Lang vom 100 Marathon Club Austria erfüllt mit 4:14:56 exakt seine 4:15 Stunden-Pacemaker-Aufgabe, großes Kompliment an ihn!

 

Sieger

 

Männer

1 Kipsang, Wilson (KEN) 02:03:23 - Weltrekord
2 Kipchoge, Eliud (KEN) 02:04:05
3 Kipsang, Geoffrey (KEN)02:06:26

Frauen

1 Kiplagat, Florence (KEN)02:21:13
2 Cherop, Sharon (KEN)02:22:28
3 Mikitenko, Irina (GER) 02:24:54

36.544 Finisher

123
 
 


 

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