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Laufberichte

37. New York City Marathon 2006

05.11.06

Warum um alles in der Welt stellen sich Läufer der Herausforderung Marathon? Ist es die Erfahrung seine eigenen Grenzen zu erkennen, zu erfahren und möglicherweise auch zu über-schreiten? Oder sich etwa im Wettkampf mit anderen Läufern zu messen? Eine immer größer werdende Fangemeinde müht sich freiwillig über die Entfernung von 42,195 Kilometer ab und wird dabei von immer mehr Veranstaltungen an allen erdenklichen Orten bedient.


Unmittelbar nach dem Zieleinlauf (genau genommen bereits eine Stunde davor...) meines ersten Halbmarathons im vergangenen Jahr in Freiburg war ich noch Welten davon entfernt, mich je der gesamten Distanz zu stellen. Aber irgendwann kam doch der Reiz, einmal etwas ganz besonderes zu leisten - im sportlichen Sinne gesehen. Obendrein ist die Beschäftigung in einer Schokoladenfabrik für die Figur und Fitness extrem bedrohlich. Und wer möchte schon mit einem Hinterteil wie die lila Kuh durch den Schwarzwald eilen. Die Location für dieses einmalige Spektakel war relativ schnell gefunden. Eigentlich von vornhinein ein klares Muss - New York City.


Ein rechtzeitig von mir gestarteter Aufruf im vergangenen Jahr an andere in Frage kommende Mitläufer war von der Resonanz eher überschaubar. Für mich ein Indiz für die Besonderheit dieser Aktion und nur weiterer Anreiz. Allein Carmen wollte sich ebenfalls dieser Herausforderung stellen.


Highlights der Vorbereitung


Wir schreiben die Kalenderwoche 43 des Jahres 2006 und Carmen wie auch ich beginnen mit dem eigentlichen 12-wöchigen Trainingsplan. Bis zu diesem Zeitpunkt weist mein Adidas Laufbuch (mit der passenden Prägung „It`s what happens between runs“) neben diversen anderen Aktivitäten wie Skifahren, Studiobesuch, Biken, Hochtouren und Klettern erst 568 Laufkilometer auf. Eine Strecke die es in den nächsten 12 Wochen mehr als zu verdoppeln galt.


Woche 10 vor dem Marathon


Heute steht der 3. lange Lauf über 20 Kilometer am Sonntagmorgen an. Offenbar interessiert dieses Vorhaben den Wetterverantwortlichen nur am Rande. Es gießt in Strömen. Insgeheim erwarte ich den Anruf von Carmen, die den heutigen gemeinsamen Lauf absagen will. Jedoch vergebens. Beim späteren Treffen am Rückgrat vereinbaren wir aber dann doch das Training Indoor aufs Laufband zu verlegen. Obwohl dieses Gerät nicht zu meinen bevorzugten Alternativen gehört, laufen wir nebeneinander, dabei immer auf der Stelle verweilend, gegen eine weiß gestrichene Wand.

 

Nach rund 20 Minuten betätigt Carmen leicht entnervt den Stoppschalter und verlegt ihr Training in den Nieselregen, während ich wie ein Hamster im Laufrad stupide meine Kilometer weiter herunterreiße. Mir ist langweilig, mittlerweile ziemlich warm und auch sonst gibt es wenig bis nichts was mich ablenken könnte. Nach 1:05h erweckt die Ganzkörperillustration einer attraktiven und extrem biegsamen Frau an der Wand gegenüber mein ganzes, uneingeschränktes Interesse. Abgesehen natürlich von meinem fortwährenden Blick auf die Kilometeranzeige. Nach weiteren 35 Minuten habe ich mich von ihrer Anmut restlos verzaubern lassen und bin unsterblich verliebt. Bei Kilometer 19 auf dem Display sehe ich uns bereits zusammen ziehen. Ich träume eine zeitlang von totaler Harmonie und Ehele-ben, bis wir uns nach 2:40h bzw. 25 Kilometer verkrachen und schließlich trennen. So eine blöde Zicke, denke ich. Und schreite frisch geschieden in die Sauna.


Der erste 30 Kilometer Lauf


Die Vorbereitung im Südschwarzwald muss mir beim NYC Marathon aufgrund des abwechslungsreichen Streckenprofils gegenüber dem restlichen Teilnehmerfeld einen klaren Vorteil verschaffen! So mutmaße ich zumindest und lege mir meine ganz persönliche Strategie zurecht. Die sich auch als gar nicht so abwegig erweisen soll.


Wir starten wiederholt am frühen Sonntagmorgen am Schädelberg, laufen bergan längs am Salzert vorbei über die A98 Richtung Siebenbannstein mit dem Endziel Hohe Flum. Eine kur-ze Orientierungslosigkeit meinerseits führt ungeplant über die Kreuzeiche und beschert uns zusätzliche 4 Kilometer. Die Verantwortung dafür schiebe ich auf das Stettener Straßenfest und den nicht im Trainingsplan berücksichtigten Bierchen. Das Auf und Ab unserer heutigen Laufroute geht konform mit meiner Kondition und unseres Laufanalogie. Während Carmen mir in jeder Ebene davon läuft, kann ich sie erst wieder an einer der nächsten Steigungen ein-holen, an der sie scheinbar parkt. Mit schweren Beinen erklimmen wir den Aussichtsturm auf der Flum und prosten uns mit einem lauwarmen Elektrolytgetränk aus dem Hüfttrinkgurt zu. Während unsere Blicke verwundert am Horizont die Heimat suchen.


Regenlauf entlang der Wiese


In meinem Laufbuch steht die Summe 772 unter der Rubrik „Year Total“. Die sportlichen Aktivitäten haben sich inzwischen neben den Studiobesuchen fast ausschließlich auf das Lau-fen beschränkt. Eine Entwicklung die mir allmählich sehr einseitig vorkommt. Neben Job, 3 Laufeinheiten innerhalb der Woche und dem Long-Run am Weekend verbleibt nicht wirklich viel Zeit und Kraft für andere Aktionen. Aber es sind ja nur noch 7 Wochen bis zum Finale.


Der heutige lange Lauf führt uns wieder einmal vom Impulsiv an der Wiese entlang Richtung Steinen. Während das gesamte Wiesental am frühen Sonntag noch in den Betten verweilt, rennen wir bei Nieselregen auf Rad- und Gehwegen und weichen dabei mehr oder weniger geschickt einer Vielzahl von Nacktschnecken aus. In Steinen machen wir eine Kehrtwende und nehmen eine andere Route entlang des Waldrandes mit neuem Kurs auf Lörrach. Welches wir aber links liegen lassen und hasten weiter über die Schweizer Grenze bis nach Ba-sel/Lange Erlen. Meine vom Wasser beschwerte Laufhose rutscht dabei unaufhörlich Richtung Kniekehlen, ein Resultat welches auch das ausgeleierte Gummiband nicht zu verhindern vermag. Nach 3:20h und 33 Kilometern beende ich persönlich den Run in den erst kürzlich erworbenen Laufschuhen. Die jetzt alles andere als jungfräulich aussehen und als eingelaufen gelten.


Westweg im Niederschlag


Nur noch 5 Wochen bis zum Marathon. Am gestrigen Tag wurden wiederum alle gesell-schaftlichen Aktivitäten abgesagt, stattdessen wurde der Abend total unspektakulär mit hoch gelagerten Beinen vor der Glotze verbracht. Die meisten langen Wochenendläufe sind bis dato wettertechnisch nahezu perfekt verlaufen. Ein nicht unwichtiges Kriterium im Hinblick auf die Motivation.

 

Heute ist jedoch alles anders. Es ist wieder viel zu früh am Morgen, Dauerregen prasselt ans Schlafzimmerfenster und obendrein es ist trüb und kalt. Wir starten im Schützenwaldweg, passieren den Salzert mit der Finnenbahn, betreten den Westweg und lau-fen schließlich an Inzlingen vorbei Richtung Rührberg. Es schüttet wie aus Eimern, als wir die Chrischona erreichen und auf lebensgefährlich rutschigen Wald- und Wiesenwegen schlingern wir grobmotorisch weiter nach Grenzach. Ein mitgeführter Milka-Schokoriegel kommt jetzt zum Einsatz. Sicher nicht die empfehlenswerteste Auswahl an Kohlenhydraten, was mir aber heute angesichts der Gesamtsituation absolut gleichgültig ist.

 

Aufgrund der sehr niedrigen Außentemperatur und essentiellen Mundatmung macht dieser jedoch keinerlei Anstalten, im Munde zu schmelzen. Mit einem klebrigen Alpenmilchbrocken im Hals hetze ich sabbernd und noch kurzatmiger Carmen hinterher. Für einen ungeplanten Luftröhrenschnitt zweifelsohne nicht der beste Ort, denke ich noch bei mir. Ein Wegweiser deutet aber bereits auf Grenzach hin. Dort werden wir von einem kläffenden Köter attackiert und umlaufen zunächst, angesichts fehlender Ausweispapiere, orientierungslos den Grenzüberganz. Mit der maximalen Menge an Wasser aufnehmender Textilien erreichen wir schließlich Basel und ernten am Badischen Bahnhof verständnislose Blicke von Passanten. Gegenseitige Motivation ist augenblicklich nicht mehr möglich. Einzig die Erwartung auf eine heiße Dusche und bevorstehende Nahrungsaufnahme kann jetzt noch die letzten Kraftreserven mobilisieren. Wiederum werden Gehpausen, ähnlich wie die im Trainingsplan vorgesehenen Trinkpausen, nicht in Betracht gezogen.


Heute nicht mein Tag...


Es lief alles andere als prächtig heute im Büro. Es ist einer von den Wochentagen, an dem man besser im Bett bleibt. Vorausgesetzt natürlich man hat bereits beim morgendlichen Öff-nen der Augen die Gewissheit, dass wird nicht mein Tag. Diese Erkenntnis kommt aber in aller Regel erst zeitverzögert am Arbeitsplatz. Heute nervt alles und jeder. Nichts geht seinen geregelten Lauf. Die gesamte Weltbevölkerung hat nur eine gemeinsame Absicht: mir auf den Keks zugehen. Ich verheddere mich ganztags in Multitasking Aktivitäten, von denen ich die wenigsten erfolgreich erledigen kann. Und dies alles vor der Geräuschkulisse quasseliger Kol-legen und dem kontinuierlichen Dröhnen eines Heißwasserreaktors (Teekessel) im Genick. Um den angestauten Stress des Tages zu absorbieren bietet sich gewissermaßen nach Arbeitsende ein langer Lauf an.


Der Abend lockt mit milden Temperaturen und mein Trainingsbuch ebenso mit einem leeren Eintrag für den 28. September 2006. Dann also los. Von zu Hause startend laufe ich zunächst durch Stetten an die Schweizer Grenze und im weiteren Verlauf entlang der Wiese nach Ba-sel. Am Flusslauf stoße ich beständig neben anderen Läufern auf unzählige Insekten in Augenhöhe und im Weg stehenden Kötern.

 

Meine Gedanken schwirren so in allerhand verschiedenen Richtungen, als mich ein anderer Läufer sehr ambitioniert überholt und mir das Gefühl vermittelt, am Wegesrand zu halten. Es scheint mir als sei er doppelt so alt wie ich und brächte definitiv das doppelte an Körpergewicht auf die Waage. Obendrein hat er ein wenig effizienten Laufstil mit zu viel zu vielen seitlichen Bewegungen des Oberkörpers, sowie ein unmöglichen Laufdress an. Allerdings ist er doppelt so schnell. Das darf doch wohl nicht wahr sein. Ich verlasse meine Komfortgeschwindigkeit und hänge mich an seine Fersen, die im albernen, neonfarbenen Leggins stecken. Was mir zugegebenermaßen auf Dauer nicht wirklich leicht fällt. Auf dem Rückweg biege ich zu diesem Zweck rechts ab und nehme die Route über Riehen nach Hause. Für die rund 15 Kilometer benötige ich weniger als 1:20h, habe dabei aber auf der Gratwanderung zwischen Leistungssteigerung und Regeneration mit dem linken Fuß ordentlich daneben gestampft. Der mir in den kommenden Wochen noch allerhand Nerven kosten wird.


Die letzten Kilometer am Rhein


4 Wochen vor dem großen Ereignis haben wir den Altrhein als Rennstrecke entdeckt. Präziser ausgedrückt: ab dem Ort Märkt mit seinem Stauwehr. Und damit auch das Laufen in der Ebene. Nach überwiegendem Training in hügeligem Gelände heißt es nun Tempo machen. Bei schönstem Sonnenschein knacken wir heute entlang des ursprünglichen Flusslaufs auf deutscher Seite die 36 Kilometermarke. Wobei sich die Markierungspfosten der Flusskilometer als sehr hilfreich erweisen (...was für die letzten 5 Kilometer allerdings nicht zutrifft). Und das bei einer Zeit von 3:31h. Wir sind begeistert und euphorisch.


2 Wochen vor dem Marathon rennen wir an selbiger Location, diesmal auf der französischen Seite, nur viel weniger begeistert und überhaupt nicht euphorisch. Der Untergrund ähnelt ei-nem japanischen Steingarten, bestehend aus sehr groben Schotter mit tückisch drapierten Wasserläufen. Zudem ist mit dem letzten langen Lauf des Vorbereitungstrainings die Motiva-tion komplett im Rhein ersoffen. Die 32 Kilometer mutieren zur Qual. Die linke Ferse schmerzt verstärkt, der Nackenbereich ist elastisch wie Spannbeton und eine Empfindung von Übelkeit geht mit schwachem Schwindelgefühl einher. Der finale lange Trainingslauf gipfelt in einem abgrundtiefen Motivationskrater, in dem wir unten am Boden sitzen und dessen Ränder unüberwindbar erscheinen.

 

In der anschließenden Lichtsauna des Impulsiv breche ich physisch und psychisch auf dem Gehölz zusammen und bin bei 45°C Lufttemperatur und wechselndem Entspannungslicht am Ende und zum Sterben bereit. Nach einer kurzen Zeit mentaler Dämmerung reißt mich dem ungeachtet die zuschlagende Saunatür wieder in die Welt der Lebenden zurück. Warum eigentlich nur?
Die letzten Tage vor dem Abflug gleichen einer Stimmungsachterbahn. Die linke Ferse gibt nicht wirklich Ruhe - ganz im Gegenteil - die Beschwerden nehmen eher noch zu. Es folgt eine Selbsttherapie mit allen rezeptfrei erhältlichen Salben, die von Trainingseinheiten auf dem Bike begleitet werden.

 

Der Sportarzt diagnostiziert schließlich eine Entzündung des Fersenknochens und empfiehlt einige Tage Laufpause mit Stützverband. Ich bin zappelig wie ein Fisch auf dem Trockenen. Ohne eine augenscheinliche Verbesserung breche ich am 4. Tag das Rumsitzen ab. Komischerweise sind die Leiden bei Laufen selbst noch erträglich. Erst in der Ruhephase treten richtige Schmerzen auf. Jedoch scheint eine jetzt täglich angewande Ultraschallbestrahlung anzuschlagen. Irgendwie habe ich mir die „Heiße Phase“ des Trainings anders vorgestellt.
Aber nun ist es endlich soweit. Die Vorbereitungszeit ist zu Ende und ich stehe am Anfang folgender Fragenstellungen: Wird die Kondition über die gesamten 42,195 Kilometer ausreichen? Hätte das Training nicht doch noch umfangreicher sein können? Was macht die Ferse während des Laufs? Kann ich meine Zielzeit von 4 Stunden erreichen?


Nach 1141 absolvierten Gesamtkilometer, fünf 20+ und sechs 30+ Läufen, sowie anderen unterstützenden Betätigungen stehe ich mit meinem übergewichtigen Koffer am frühen Morgen des 31.10.06 abfahrbereit vor dem Haus und warte auf Carmen. Um mich nunmehr mei-ner Challange 2006 zu stellen. Meine Laufschuhe habe ich vorsorglich angezogen. Mit der unantastbaren Absicht, mich nur nach persönlicher Aufforderung von George W. Bush oder einigen mit Sprengstoff bestückten Toppterroristen davon zu trennen.


Auf nach Amerika


Am Flughafen Frankfurt kommt es am Check-In zu einem ersten Zwischenfall. Beim Ausstellen meiner Bordkarte informiert uns die Dame am Schalter darüber, dass unsere Maschine nicht komplett ausgebucht sei und wir bedauerlicherweise die Sitzreihen wechseln müssen. Dies sei bei der Start- und Landephase unverzichtbar. Ich glaube meinen Ohren nicht zu trauen. Meine 74,5 kg Körpergewicht (absoluter Tiefststand seit 20 Jahren) werden zur Austrim-mung einer Boing 747 missbraucht. Ich bin konsterniert und formuliere auf dem 8 Stunden Flug nach New York eine erste Fassung meiner Klageschrift gegen Continental Airlines. Willkommen im Land der unbegrenzten Schadensersatzhöhen...


Am Flughafen in New York müssen wir uns erst einmal die Fingerkuppen beider Zeigefinger, sowie die Augeniris scannen lassen. Wir werden von Inge aus dem Münsterland, der Reiseleitung unseres Sportreiseveranstalters, in Empfang genommen und bekommen die ersten Informationen über Big Apple mit auf den Weg. Unser gebuchtes Hotel in Manhattan erweist sich als absolut zentral gelegen. Die Ausstattung ist bereits in die Jahre gekommen, das Zim-mer bietet nicht unbedingt den notwendigen Freiraum eines Langstreckenläufers und ist unre-gulierbar überheizt. Aber das Ambiente ist ansonsten zusagend. Was vielleicht auch daran liegt, dass die Gäste fast ausschließlich aus Läufern und deren Angehörigen bestehen. Im Foyer stolpert man geradezu über Hinweistafeln in allen gängigen Sprachen mit Informationen rund um den Marathon.


Mit den im Bus erworbenen Eintrittskarten für das Empire State Building umgehen wir gezielt einen Halloween-Umzug und hoffen dies auch für die Warteschlage vor der Kasse. Es ist un-glaublich, was zu dieser abendlichen Stunde noch auf den Straßen Manhattans an Menschen unterwegs ist. Entweder in den im Verkehr stecken gebliebenen und permanent hupenden Taxis, in der maroden Underground oder auch auf den Gehwegen. Hier erlerne ich auch gleich den Umgang mit den Verkehrslichtzeichen (Traffic Lights). Etwas gewöhnungsbedürftig finde ich das fehlende Gelblicht des Straßenverkehrs, was einen dazu nötigt gleich von 0 auf 100 zu beschleunigen. Es erweckt sich der Eindruck auch die Fußgänger orientieren sich an den Signalleuchten für den Verkehr. Ihre eigentlichen Hinweise - ein weißes Männchen und eine rote Hand - werden konsequent ignoriert. Sofern ein Kfz-Benutzer sich hupend negativ über andere äußert, was eigentlich ständig der Fall ist, wird gerne das Wort FUCKING benutzt. Eine wie ich finde, interessante Kommunikation auf verbal niedrigem Niveau.

 

Wie vorhergesehen erreichen wir ohne längere Wartezeit den Expresslift für das Observation Deck (selbstverständlich nicht ohne vorher durch Souvenirläden und vorbei an überfreundlichen Fotografen geleitet zu werden). Beim Heraustreten auf die Aussichtsplattform verschlägt es mir beinahe den Atem. Zum einen herrschen hier oben Winde aus allen vier Richtungen vor, zum anderen liegt uns ein unglaubliches Lichtermeer zu Füßen. So weit das Auge reicht erblickt man starre oder sich bewegende Lichter. Vermutlich millionenfach. Allein bei diesem Anblick sympathisiere ich für einen kurzen Moment mit George W. Bush und seiner nicht immer ausreichend informierten Bevölkerung. „Fuck auf Kyotoprotokoll, Energieeffizienz und Klimawandel“ - geht es mir bereits mit verinnerlichter amerikanischer Sprachweise durch den Kopf. Weiter komme ich aber nicht mit der Auslebung meiner Begeisterung, da sich in nicht allzu weiter Entfernung der Vollzug eines Heiratsantrages anbahnt. Während sich der Anbeter zu Füssen seiner Ausgewählten hinab lässt und ihr einige Worte zuhaucht, wenden sich alle anwesenden Japaner, eben noch ihre Kameras auf den entfernten Horizont gerichtet, nun aber doch interessierter dem Ereignis zu und knipsen, was die Akkus hergeben. Es ist nicht wirklich erkennbar, ob die unbeschreibliche Freude oder nur die verblitzte Netzhaut die Tränen in die Augen der Verlobten treibt. 


Wednesday vor dem Marathon


Nach einer sehr unruhigen Nacht beginnt der neue Tag sehr früh. Beim Blick in den Spiegel stelle ich eine gewisse Ähnlichkeit mit meinem Bettlaken fest. Beide sehen heute Morgen ziemlich zerknautscht aus. Ich bin mir nicht sicher, ob es am Jetlag, der latenten Aufregung oder nur an der ungewohnten Umgebung liegt. Schließlich befinde ich mich als alemanni-sches Landei in der größten Metropole Amerikas. Das erste Frühstück wird im hoteleigenen Restaurant eingenommen. Uns wird zunächst in großen Gläsern Eiswasser mit Chlorgeschmack serviert, bevor wir unsere eigentliche Bestellung aufgeben dürfen. Etwas gewöhnungsbedürftig, jedoch absolut konform mit unserem Ernährungsplan, der eine große Flüssig-keitsaufnahme befiehlt. Nach meinen Breakfast Erlebnissen des ersten Besuchs vor einigen Jahren an der Westküste der Vereinigten Staaten bin ich hier aber positiv überrascht. Nur der Kaffee erinnert an das Badewasser einer immigrierten, drittklassigen Kaffeebohne und macht alles andere als munter. Das frische Obst und der Toast heben das Gesamturteil der wichtigsten Mahlzeit des Tages aber wieder wohlwollend an.


Wir treten an diesem späten Oktober Morgen frisch gestärkt auf die schon wieder überfüllte Straße. Der Tag erinnert eher an einen bevorstehenden Frühlingsbeginn, es ist sehr mild und die Sonne lacht über den hohen Dächern in die Häuserschluchten hinein. Trotzdem hat man den Eindruck eines immerwährenden Feinstaubs in der Luft und einer Art Schmierfilm auf allen Flächen dieser Weltstadt. Wer die Highlights Manhattans nicht zu Fuß abklappern oder sich in den gelben Taxis zu den anderen in den Stau stellen will, der nimmt die Underground. So zumindest die Empfehlung des Reisehandbuchs. Oder besser gesagt, der begibt sich in den Schlund der Hölle.

 

Bereits die Eingänge zu den Stationen versprechen das, was einen an-schließend erwartet. Das vielleicht marodeste Verkehrsmittel der Neuzeit unter Tage. Die klapprigen Wagen der Bahn hetzen schlingernd und kreischend über die Gleise, es stinkt nach Abrieb verschiedenster Art und der Lärm ist kaum zu ertragen. Weil es uns hier so gut gefällt lösen wir nach einem Amerikanischen Schnellsprachkurs mit einer Public Employee auch prompt eine Wochenkarte. Die mitgelieferte Map stiftet erst einmal Verwirrung und schickt uns UpTown in die entgegen gesetzte Richtung. Wir kommen dann aber doch als eine der ersten Tagesbesucher an der Staten Island Ferry an. Selbstverständlich steht die Freiheitsstatur als Hauptattraktionen auf dem heutigen Programm.

 

Beim Übersetzen nach Staten Island soll man einen wunderschönen Blick auf Miss Liberty haben, sagt erneut der Reiseführer und soll auch Recht behalten. Zwar kann man nicht unmittelbar am gekräuselten und bodenlangen Gewand der Dame verweilen, dafür bekommt man sie aber komplett aufs Foto. Und das ohne Eintritt oder anderweitige Dollars zu entrichten, was die absolute Ausnahme in New York bleiben soll. An der Wind abgewandten Seite der Fähre sitze ich im kurzarmigen T-Shirt und blicke auf die Skyline von New York. In der Ferne sind die großen Brücken über den East River zu erkennen. Aber irgendetwas fehlt mir und meinem Postkartengedächtnis. Richtig, die beiden großen Türme des World Trade Centers.


Wir nehmen die rote Linie zur Chambers Street, laufen einige Blocks wieder zurück und ste-hen auch schon vor einem gewaltigen Loch mit Baustellentätigkeit. Der direkte Blick auf Ground Zero wird an den meisten Stellen durch einen Bauzaun oder anderweitigem Sicht-schutz verwehrt. An einigen Stellen gelingt aber doch ein Blick auf den Ort des terroristischen Ergebnisses. Es herrscht eine eigenwillige Stimmung vor Ort und trotz des Lärms der Großstadt scheint hier mehr Ruhe zu sein wie anderorts. Von den Arbeiten am Fuße des zukünfti-gen Freedom Towers, die sich noch unter Straßenniveau befinden, ist nur sehr wenig zu hö-ren. Die damaligen Bilder im Fernsehen vom 9/11 passen in ihrem ganzen Ausmaß so gar nicht in den vorhandenen Platz zwischen den anderen, noch bestehenden Gebäuden. 


Obgleich die Füße erste Anzeichen einer Übermüdung signalisieren treibt uns die Neugier weiter in das sonnige Financial District, das Zentrum der Macht. Oder besser gesagt dorthin, wo der Dollar regiert. Erste Hinweise auf die Wall Street sind die aufkommend hohe Dichte von Anzugträgern, die extrem geschäftig mit Sandwich und Handy in den Händen durch die Street`s rennen. Weitere Anzeichen sind Panzersperren auf den Zufahrtsstraßen, sowie überall Polizei und Sicherheitspersonal. Ich traue mich kaum, mein Kameraobjektiv gezielt auf ein lohnendes Motiv zu richten und abzudrücken, ohne nicht vorher von einem nervösen Scharf-schützen auf irgendeinem Dach über den Haufen geschossen zu werden. God bless America. And me also...


Im Grund fordern wir es gerade zu heraus als Tourist erkannt und als solcher behandelt zu werden. Die Anzahl der Fotos auf meiner Digitalkamera zeigt bereits Nummer 120 an und die Energieanzeige blinkt hektisch. Trotzdem bleibe ich an jedem Fotomotiv hängen oder laufe mit begeisterungsfähigen großen Augen und geöffneten Mund durch die Gegend. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber mittlerweile habe ich mehr öffentliche Restrooms, Washrooms und Toilets in Manhattan besucht als dieser Ort an Sehenswürdigkeiten zu bieten hat. Verantwort-lich dafür ist die fast ununterbrochene Wasseraufnahme nahezu rund um die Uhr. 


Der Nachmittag ist bereits angebrochen als wir komplett erschöpft und reizüberflutet auf dem Hotelbett zusammen brechen. Natürlich nicht ohne vorher einen Abstecher ins benachbarte Starbucks gemacht zu haben, um einen Becher genießbaren Kaffee zu erwerben. Welcher hervorragend zur mitgebrachten Schokolade aus der Heimat passt. Beides ist nicht direkt im Ernährungsplan erwähnt, aber auch nicht ausdrücklich verboten. Eben alles eine Sache der Auslegung. Carmen ist noch nicht wirklich bereit, den Tag auf dem Zimmer zu beenden. Nach einem Kleidungswechsel muss sie noch etwas Shoppen gehen. Ich winke dankend ab und behandle lieber mein Fahrwerk. Es wird gesalbt, was die Tube Schmerzcreme hergibt, die ich mir am Mittag in einer Pharmacy besorgt habe. Diese hat leider die unangenehme Neben-wirkung, das gesamte Umfeld mit einem ätherischen Geruch nach Kampfer und anderen In-gredienzien zu vernebeln. Obendrein vollstrecke ich mein gehasstes Dehnungsprogramm, welches ich jetzt schon seit Wochen auf Anweisung meines Personaltrainers Silke absolviere. Und so kauere ich mit einem übertriebenen und abnormal nach hinten gebeugten Oberkörper, dabei mit schmerzverzehrtem Gesicht auf den Zehen balancierend, am Fuße des Bettes. In dieser Situation betritt das Zimmermädchen mit einem Stapel Handtücher den Raum und starrt mich irritiert an. Der Abend wird erneut mit der Einnahme von Nudeln beendet. In der Stadt, die niemals schläft, wird deutlich vor 9 p.m. die Nachttischlampe gelöscht.


Thursday vor dem Marathon


Wer am Abend zeitig ins Bett geht, kann am Morgen früh herausfallen. Was die Liegeeigen-schaft der einteiligen, viel zu weichen Matratze vorzüglich unterstützt. Heute Morgen haben wir einen nicht allzu langen Lauf im nahe gelegenen Central Park geplant. Dummerweise hat es bereits in der Nacht zu regnen begonnen und hält aktuell noch an. Offenbar sind die milden Temperaturen der vergangenen Tage jetzt vorbei. Das befürchte ich, als ich den Kopf aus dem Hotelfenster stecke. Warme Kleidung ist also angesagt. Mit langer Montur und Mütze laufen wir bereits vor 7.00 Uhr auf der 7. Avenue Richtung Park. Bis zum Eingang sind es nur zwei Blocks, die wir in ganz wenigen Minuten bewältigen. Ich hätte eigentlich vermutet, wir sind zu dieser Uhrzeit alleine in der Parkanlage unterwegs. Weit gefehlt. Eine Menschenmenge an Läufern ist bereits auf den Beinen. Und das bei diesem miesen, nasskalten Wetter. Ich habe die schlimmsten Befürchtungen für den kommenden Sonntag. Sollten ähnliche Voraussetzun-gen vorherrschen, na dann gute Nacht.


Bis dato habe ich lediglich folgende Kenntnisse vom Central Park: eine genau rechtwinkelige, große Grünfläche im Herzen Manhattans. Im Norden für alle Bevölkerungsschichten sehr gefährlich (Bronx/Harlem), am westlichen Flügel vorwiegend für Prominente (John Lennon), sowie am südöstlichen Rand hauptsächlich für alle Kreditkarten (Fifth Avenue). Generell ist das Betreten in der Nacht mit einem sicheren Suizid vergleichbar. Zumindest warnt die einschlägige Reiselektüre eindringlich davor. Im Moment aber fühle ich mich unmittelbar hinter Carmen laufend durchaus sicher (auch vor den Hunden). Wir passieren Baumgruppen und Wiesen, idyllische kleine Plätze, Hügel, Seen mit Wasserläufen und eigenwillige Felsformationen. In Höhe des Jaqueline Kennedy Onassis Reservoir machen wir eine Kehrtwende und begeben uns wieder Richtung Hotel. Es hat aufgehört zu regnen, jedoch sind Nasenspitze und Hände eiskalt. Dummerweise verpassen wir den richtigen Ausgang aus dem Park und laufen nach mehrmaliger Befragung von Passanten orientierungslos auf den Gehsteigen von Mid-town umher. Und das ohne Frühstück im Bauch. Unsere allerletzte Trainingseinheit beenden wir mit ungeplanter Verlängerung nach 1:36h.
Unter anderem steht für heute die Marathon Health and Fitness Expo auf dem Programm. Auf der wir endlich unsere Startnummer ausgehändigt bekommen sollen. Zunächst besteigen wir die Underground bis zum Times Square, schlendern dann am Bryant Park vorbei und stehen auch schon direkt am Fuße des Chrysler Building. Welches als solches - ohne die eigenwillige Spitze im Art-Deco-Stil - kaum zu erkennen ist. Im Inneren gibt es, außer bernsteinfarbigen Intarsien auf Wänden und Böden, sowie 18 Fahrstühlen und einem Haufen Sicherheitsbeamten, wenig zu sehen.

 

Im weiteren Verlauf unserer Expedition durch Big Apple verpassen wir erneut Carmens Wunschziel Greenwich Village und landen schließlich in China Town. Dieser Kleinkosmos in der unmittelbaren Nachbarschaft von Little Italy beherbergt neben fremdarti-gen Schriftzeichen, Gerüchen, Nahrungsmitteln und Telefonzellen mit Pergodendächer eine asiatische Einwanderschaft, die offenbar mit dem Rest New Yorks wenig bis gar nichts zu tun haben will. Zu groß müssen wohl die kulturellen Unterschiede sein. Dann eben nicht, denke ich mir. Schließlich sind wir nicht in missionarischer Tätigkeit unterwegs. Gott hab Dank kommen wir an einer der unzähligen Starbucks Filialen vorbei. Die Espresso Brownies entwickeln sich allmählich zu meinem amerikanischen Lieblingssnack.

 

Den Broadway am Abend haben wir bereits erleben dürfen. Selbstverständlich nicht die gesamten 21 Meilen, wohl aber ein Überblick der überdimensionierten Leuchtreklame und überwältigenden Atmosphäre zwi-schen Times Square und unserem Hotel im Theater District. Die am Tag etwas von ihrem Glimmer und Glitter verloren hat. Bald danach sind wir wieder im Hotel zum täglichen After-noon Break angelangt. Der heute etwas kürzer ausfällt, da wir noch zur bereits erwähnten Expo müssen. Diese soll sich auf dem J. K. Javits Exhibitions and Conversation Center befin-den. Eine Höllenfahrt in der Underground endet wieder am Times Square und infolge Nicht-verstehens des Busfahrplans überwinden wir die restliche Distanz zu Fuß, was zur gereizten Situation meines linken Fußes nicht unbedingt positiv beiträgt. Haben die Beschwerden der Ferse in den letzten Tagen erfreulicherweise eher abgenommen, so entwickelt sich seit dem morgendlichen Run nun wieder alles ins Gegenteilige. Ich mag gar nicht an den morgigen Tag denken, tue es aber trotzdem unaufhörlich.


Das morgendliche Tiefdruckgebiet hat sich verabschiedet und ein wolkenloser Himmel mit Sonnenschein lässt uns unter der dicken Herbstkleidung ziemlich schwitzen. Offensichtlich haben die meisten anderen Läufer die gleiche Idee, sich bereits am ersten Veranstaltungstag ihre Startnummer zu sichern, bevor diese womöglich in falsche Hände gerät. Zuviel Zeit, Energie, Schweiß und auch Euros wurden in dem bevorstehenden Event investiert, als dass vorsätzlich oder unbeabsichtigt meine Nummer 19669 an der Brust eines anderen am kom-menden Sonntag durch New York rennt. Im Allgemeinen kann dem Amerikaner ja vieles vorgehalten werden, was er nicht beherrscht, nicht versteht oder einfach ignoriert, Organisations-talent gehört gewiss nicht dazu. Und so durchlaufen wir von neuem ein perfekt umgesetztes Prozedere von Sicherheitskontrollen, Zutrittsberechtigungen, Registrierungen und Aushändigungen Marathon relevantem Informationsmaterial und Equipment und haufenweise Müll in Form von Werbung und Proben der gesamten Sportartikelindustrie. Der große Goody Bag schneidet sich bereits beim flanieren über die Messe in die Handflächen. Jedoch ist der Schmerz nicht so groß, als dass noch ein weiteres überteuertes T-Shirt und eigens für diesen Marathon gefertigte Rennsocken darin ein Plätzchen fänden.

 

Selbstverständlich sind die Hauptsponsoren hier vertreten, sowie wie viele andere Unternehmen, die mit diesem Event Dollars verdienen wollen.
Bevor der Plastiksack aus allen Nähten platzt, verlassen wir die Veranstaltung und begeben uns auf den Heimweg. Dabei braucht nicht erwähnt zu werden, dass dieser wiederholt per schmerzendem Fuß und Underground bewerkstellig wird. Die Auseinandersetzung mit dem öffentlichen Nahverkehr, speziell der Nutzung der Busselinien und deren Fahrpläne, ver-schieben wir auf den nächsten Besuch New Yorks. Bis zu diesen Zeitpunkt sind wir erstaunli-cherweise noch nicht Opfer des unglaublichen Straßenverkehrs geworden. Vielleicht deshalb, weil wir uns beim Überqueren von Streets and Avenue stets im Windschatten von überge-wichtigen jungen Frau mit dicken Kindern aufgehalten haben. Einzig diese Konstellation scheint auch bei Bus- and Taxidrivern Respekt einflössend zu wirken. Die große Kunst des Überlebens ist die Anpassung an veränderte Lebensräume. Erst recht im 8 Millionen Einwoh-ner umfassenden, kosmopolitischen Paralleluniversum New York City.


Bei der Ankunft am Hotel laufen wir geradewegs in die Arbeiten des Fire Departement NYC, welches mit mehrerer Löschzüge am Eingang parkt und unter größtem öffentlichen Interesse den Verkehr zum erliegen gebracht hat. Seit dem 11. September 2001 haben es die Feuerwehrmänner zu einem Heldenstatus in NYC gebracht und leben diesen vermutlich auch ein wenig aus. Obendrein sind sie mit freiem Oberkörper auf diversen Kalender für 2007 an jeder Ecke erhältlich. Zur Freude der gesamten Frauenwelt, vielleicht auch Fraktionen der Männerwelt, zumindest in Greenwich Village.

 

Heute steht Gott lob nur ein unspektakulärer defekter Rauchmelder auf ihrem Programm. Eine Übernachtung in einer Underground Station oder einem warmen Lüftungsschacht könnte ich mir ja noch vorstellen. Nicht auszudenken aber, wenn mein Schlafanzug und die Laufschuhe Opfer der Flammen geworden wären. Das abendliche Dinner wird noch einmal im hoteleigenen Restaurant eingenommen. Hier stoßen wir neuerlich auf Unmengen von Eiswasser und unserem Lieblingskellner, der uns augenscheinlich mit Wortfetzen seiner überschaubaren Deutschkenntnisse verarscht. Carmen scheint es jedenfalls zu gefallen. Überhaupt kein Gefallen hingegen kann sie an meiner Schmerzsalbe und ihrem stechenden Geruch finden, der das Hotelzimmer wiederum erfüllt und Schuld dar-an trägt, dass das Fenster heute Nacht besonders weit geöffnet werden muss. Mit der Ge-räuschkulisse des abendlichen Straßenverkehrs 27 Stockwerke unter uns, bestehend aus Hup-konzert und Sirenengeheul, schlummere ich weg.


Friday vor dem Marathon


Mit der Geräuschkulisse des morgendlichen Straßenverkehrs 27 Stockwerke unter uns, bestehend aus stundenlangen Rangieren des Müllwagens und klappernden Tonnen, wache ich auf. Schön wenn einem der Tag gleich zu Beginn in die Gehörgänge schreit. Heute ist der letzte ganztägige Sightseeing Tag. Auf meiner persönlichen Wunschliste ganz oben steht noch die Brooklyn Bridge. Auf der Liste von Carmen das malerische, bis heute anscheinend verschollene Greenwich Village. Beide Attraktionen suchen wir erneut am frühen Morgen auf. Bei stahlblauem Himmel und eisigen Wind, der in einer steifen Brise vom East River herüber bläst, überqueren wir das Wunderwerk der Brückenbaukunst aus Beton und Stahl vom südlichen Ende her. Dessen Bau der Idee eines Deutschen entsprang. Ebenso wie folgender: ob bereits jemand versucht hat einen Marathon in Skiunterwäsche zu laufen? Diese Überlegung verfolge ich aber nicht weiter, da ein Milchkaffee und Blaubeer Muffin am Washington Square Park wieder für Erwärmung und Ablenkung sorgen. Die Hippies, Vietnamgegner und Homosexuellen dieses Viertels sind scheinbar verreist oder anderweitig beschäftigt. Zumin-dest prägen sie heute nicht das Ortsbild von Greenwich. Ich befürchte Carmen ist deshalb ein wenig desillusioniert.


Später heißt es dann das Rockefeller Center zu suchen. Von der Aussichtsplattform soll man einen wunderbaren Blick über alle 5 Boroughs (Stadtteile) New Yorks haben. Es erweist sich Anfangs als nicht ganz einfach den Eingang zu entdecken. Nach einiger Sucherei erblicken wir aber doch noch die Hinweistafel „Observation Deck“. Für mehr oder weniger günstige 17 Dollar jagen wir in einem Expresslift mit Glasdecke und Illumination gen Himmel.

 

In der Tat fühlen wir uns, oben angekommen, diesem sehr nahe. Entgegen anderen vergleichbaren Aussichtsterrassen stören hier keine Metallgeländer den Ausblick der Touristen und die Absicht potentieller Selbstmörder. Dicke Panzerglasscheiben umsäumen transparent das Deck. Die Sonne strahlt uns erneut an und gibt die Sicht ungetrübt bis zum Horizont frei. In der Ferne ist die markante Hängebrücke zu erkennen, an der wir übermorgen unseren Marathon starten wollen. Auf der genau entgegen gesetzten Seite liegt der Central Park. Der wie ein grüner Teppich mit großen Flicken, als sei er einfach über die Stadt geworfen, zu sehen ist. Inklusive unserem Zieleinlauf. Sieht irgendwie ganz schön weit auseinander gelegen aus.

 

Als weiterer Eyecatcher thront majestätisch inmitten des Häusermeeres das Empire State Building. Welches sich mit 381 Metern Höhe nach dem Verschwinden der Zwillingstürme wieder als mächtigster Wolkenkratzer der Stadt betiteln darf. Heute freilich ohne großen Affen und weißer, schreiender Frau. Inmitten einer Gruppe Japanern fotografiere ich was die Speicherkarte her-gibt. Immer im Glauben, eine noch bessere Perspektive zu erwischen. Mittlerweile bin ich wieder in eine Art latente Fußschmerz-Depression gefallen, die mich eben noch so eupho-risch, jetzt stimmungstechnisch ins Erdgeschoß befördert hat. Ungefähr so wie uns der Lift aus der 69. Etage auf den Betonboden der Tatsachen. Dagegen hilft jetzt nur ein Becher Cafe Latte mit Schoko-Brownie.


Weiter geht’s mit der orangen Linie der Underground UpTown Richtung Norden. Unsere ge-wachsene Überheblichkeit bezüglich Fachwissen und Verinnerlichung des Verkehrssystems mit seinen farbigen Linien, Kennzeichnung mit Buchstaben und Himmelsrichtungen findet augenblicklich ein jähes Ende. Offenbar sitzen wir nicht wie gewollt in einem „Local Train“, der an jeder Station anhält. Vielmehr rasen wir mit einem „Express Train“ an der gewünschten Destination Central Park vorbei und kommen erst an der nächsten Main Station in Harlem zum Stillstand. Nur gut, dass es noch nicht dunkel ist. Wir entschließen uns diesem Distrikt nicht allzu viel Aufmerksamkeit zu schenken und machen uns schleunigst wieder aus dem Staub. Diesmal können wir jedoch wie gewünscht in Höhe des Dakota Building die rasende Hölle verlassen und befinden uns nach nur wenigen Schritten am Parkeingang, der uns jetzt viel freundlicher empfängt wie am gestrigen Morgen.

 

Eine kleine, ins stocken geratene Menschenansammlung verrät: wir haben Strawberry Fields erreicht. Dem Friedensgarten zur Erin-nerung an John Lennon. Gestaltet von Yoko Ono u. a. mit Pflanzen aus 123 Ländern. Offen-sichtlich wurden bei der Namensgebung und Gestaltung dieses Ortes vorher einige davon geraucht. Anders ist der Zusammenhang Erdbeerfeld und Imagine wohl kaum zu erklären. Aber trotzdem ein sehr schöner Flecken. Wie die Parkanlage insgesamt. Das farbenprächtige Herbstlaub ist noch weitgehend an den Bäumen und bewirkt gemeinsam mit den Sonnenstrah-len eine stimmungsvolle Atmosphäre. Und so schlendern wir auf den Wegen entlang, die bis-weilen über prächtige Steinbrücken die Wasserläufe überspannen und genießen endlich die kostbare und so seltene Stille von Big Apple.


Das traditionelle Mittagsschläfchen gewinnt gerade heute an besondere Bedeutung, da wir uns mit riesigen Schritten auf den Marathon zu bewegen. Dies ist zumindest meine These. Offenkundig kein Hinderungsgrund für Carmen, sich erneut der Verlockung der Schaufensterauslagen zu stellen. Sowie mich mit meinem Schicksal auf der alles verschlingenden Matratze im Hotel zurück zu lassen. Die Tube mit der Schmerzsalbe geht allmählich zur Neige. Ähnlich wie auch meine Geduld mit der linken Verse, deren Beschwerlichkeiten noch immer nicht ans Aufgeben denken. Der Rest des Körpers inklusive des starken Willens allerdings auch nicht. Im Übrigen lenkt mich das Zappen mit der Fernbedienung durch alle TV Kanäle nicht wirklich ab. Schon etwas suspekt, die amerikanische Bevölkerung und ihr Fernsehprogramm. Unbegrenzt viele Nachrichtenprogramme und dabei trotzdem ein nur begrenzten Horizont. Im Laufschuh mache ich mich auch auf den Weg zur Fifth Avenue. Eben noch im Müll kramende Obdachlose mit Einkaufswagen, zwei Straßen weiter hier nun die Schönen und Reichen, die in der Stretch-Limo bei Tiffany and Co. vorfahren. New York ist gegensätzlich ohne Ende.


Saturday vor dem Marathon


Heute Morgen reißt mich ein schrilles Klingeln aus süßen Läuferträumen. Dabei handelt es sich aber nicht wie am Anfang vermutet um den Weckanruf der Hotelrezeption, sondern um mein Handy. Wolfgang B. aus L. an der W. hat einen erhöhten Erklärungsbedarf hinsichtlich einiger nicht auffindbarer Fertigungsaufträge im SAP R/3. Und das um 6.00 Uhr morgens (was zu entschuldigen 12.00 Uhr Mittags MEZ entspricht). Offenbar hat sich meine Abwe-senheit in der Firma noch nicht flächendeckend herumgesprochen und das Freischalten des Handys auf weltweite Nutzung war keine so brillante Idee.
Aber heute steht ja eh ein weiteres Event der New York Road Runner auf dem Programm - der Continental Airlines International Friedship Run.

 

Im überfüllten Foyer des Hotels treffen wir auf die anderen 198 Gäste unseres Sportreiseveranstalter. Zuzüglich weiterer deutscher, niederländischer und italienischer Läufer und deren Betreuer. Traditionell wird dieser Lauf von einigen auch als Faschingsumzug missbraucht. Dies zumindest lässt die Verkleidung vermuten. Was die germanische Fraktion betrifft, so wurden augenscheinlich alle Restbestän-de an Requisiten der Fußball Weltmeisterschaft im Koffer hertransportiert und angelegt. Von Fahnen aller Größen und Formen, über Perücken, Hüte, Schals bis hin zu Schminke auf allen Körperteilen strahlt es in den Farben Schwarz, Rot, Gold. Und so finden sich am frühen Sonnabendmorgen die Läufer verschiedenster Länder unter den Fahnen ihrer Nationalität am United Nations Headquarters ein. Und frieren sich bei 47°F Lufttemperatur und schnittigem Wind vom East River gemeinschaftlich den Arsch ab.

 

Es folgen eine längere Wartezeit und diverse Ansprachen von Organisationsverantwortlichen, Sponsoren und Profiläufern. Ich versuche dabei jeden einzelnen Strahl der Morgensonne zu erhaschen, die sich leider zu langsam an den höchsten Punkt des Himmels schiebt. Trotz langer Laufbekleidung ist mir saukalt. Dann aber geht es endlich los. Die über 20.000 Läufer setzen sich für den 4-Mile-Jog durch Manhattans Midtown zum Zentral Park nur gemächlich in Bewegung. Und lassen einen ersten Eindruck auf das morgige Event erwecken.


Ich bin positiv überrascht wie rund es bei mir läuft. Konditionell sind 6,4 Kilometer nach un-serer Vorbereitung keine besondere Herausforderung. Hinsichtlich dessen mache ich mir auch keine Sorgen, vielmehr um den linken Fuß. Die Straßenschluchten meiner neuen amerikani-schen Lieblingsstadt so ganz ohne Verkehr zu erleben, dies ist schon etwas befremdend. Noch bevor wir unsere richtige Betriebstemperatur erreicht haben laufen wir im Central Park ein. Auch hier finden wir wieder eine funktionierende Organisation vor. Beidseitig der Route wer-den vorbereitete Doggy Bag`s an die Runner ausgegeben. Der Läuferstrom wird in verschie-dene Kanäle aufgeteilt und durch das Tavern on the Green inklusive einiger aufgebauter Zelte gelenkt. In denen diverse Getränke angeboten werden. Angesichts der Teilnehmerzahl tut man sich schwer von Breakfast zu sprechen.

 

Nach einem Becher Kaffee und Bagel mit Frischkäse entscheiden wir uns für den Rückweg ins Hotel, welches gottlob in unmittelbarer Nähe liegt. Vorher werden uns noch weitere, offenbar übrig gebliebene Frühstücksbeutel aufgedrängt. Wir erreichen unser Zimmer mit einer Wochenration an Bagels, Bananen, Trinkjoghurt und Energy Drinks. Der Nachmittag wird mit Vorbereitungen für den morgigen Event verbracht. Jetzt fällt auch die finale Entscheidung über das Outfit und der Klamotten, die wir für die Wartezeit mitgenommen haben und deren wir uns direkt vor dem Start entledigen wollen.

 

Weiterhin packen wir Sachen in die Goody Bags von denen wir annehmen, dass wir sie nach dem Zieleinlauf benötigen. Nachdem die Startnummer am Shirt, sowie Championchip am Schuh befestigt sind und diversen Reißproben unterzogen wurden, werden auch noch die Vaseline und das Tape bereit gelegt. Nichts soll dem Zufall überlassen werden. Nach den gemachten Erfahrungen am kühlen Morgen mache ich mich noch einmal auf den Weg um ein Paar Handschuhe zu organisieren.


Damit wurde alles in meiner Macht stehende bedacht und unternommen, so zumindest meine Einschätzung. Mit der wir uns auf den Weg in selbige Lokalität im Central Park wie am Morgen machen. In der nun das Barilla Marathon Eve Dinner (gemeinhin auch als Pasta Party bekannt) mit abschließendem Marathon Feuerwerk stattfinden soll. Auf dem Weg dorthin beschreiten wir schon einmal vorab die letzen 400 Yards des Zieleinlaufs mit den aufgebauten Markierungen und Absperrungen. Schon ein komisches Gefühl die Strecke abzulaufen, die wir morgen unter Umständen auf dem Zahnfleisch oder nur mit fremder Hilfe bewältigen müssen. Das Essen findet in, zumindest für diese Größenordnung, sehr gediegenen Amiente statt. Nach dem dritten Teller Nudeln mit Salat und alkoholfreiem Bier endet meine monate-lange, kohlenhydratreiche Ernährung. Ich mag und will sie auch nicht mehr sehen. Vom Hö-henfeuerwerk vernehmen wir nur das entfernte Knallen und Donnern. In der Stadt mit der höchsten Dichte an angesagten Nachtclubs samt junger, schöner und erfolgreicher Menschen, liegen wir erneut um 9 p.m. im Bett.


Der Marathon Tag


37,000 LÄUFER, 2,5 MIO. ZUSCHAUER, 260 MIO. VORM FERNSEHEN - Die Nacht habe ich erstaunlich entspannt geschlafen. Jetzt aber machen mich die Geräusche in den be-nachbarten Zimmern leicht unruhig. Während einige scheinbar mehrstündige Duschorgien feiern, laufen sich andere auf den Hotelfluren bereits warm. Das zumindest könnte die Geräuschkulisse vor 5.00 Uhr am Morgen erklären. Das Wait- and Run Outfit nach dem Zwiebelprinzip ist schnell übergestreift. Hunger verspüre ich nicht wirklich, trotzdem würge ich mir einen Bagel und eine Banane hinunter und kippe gefühlte 5 Liter Flüssigkeit hinterher. Wegen angekündigter Überlastung der Fahrstühle verlassen wir schon 20 Minuten vor Abfahrt das Zimmer. Im überfüllten Hotelfoyer angekommen, herrscht ein militärischer Ton vor. Eine Handvoll überlasteter Tour Guides mit Fahnen in der Hand schreien wild irgendwelche Kommandos in den Haufen völlig konfuser Läufer. Eine gewisse Spannung liegt in der Luft. Es werden immer eine Busladung Teilnehmer am Hoteleingang abgezählt und wie am ersten Schultag zum Bus geführt, während eindringlich davor gewarnt wird diesen, aus welchen Gründen auch immer, wieder zu verlassen und so steuern  weitere Hotels an, nehmen noch mehr übermüdete Läufer auf und fahren schließlich Richtung Staten Island, welches wir direkt nach dem Überqueren des wohl bekanntesten Marathonabschnitts, der Verrazano-Narrows-Bridge, erreichen.

 

Unmittelbar vorm Erreichen des Eingangbereichs stoppt der Bus überraschend. Grund dafür ist die schräg vor mir sitzende Läuferin, die schon zuvor die letzten Minuten mit unentspanntem Gesichtsaus-druck und eigenartiger Körperhaltung auf ihrem Sitz hin und her rutschte. Ich schätze sie hat es mit der Wasseraufnahme heute übertrieben und nun droht die Blase zu platzen. Nach einer sehr kurzen Aufforderung an den Busdriver stürzt sie wie eine Furie aus dem Bus und nimmt unmittelbar auf dem Gehsteig ihre Erleichterungsposition ein. Blöd nur, dass dabei keine schützende Begrünung vorhanden ist und der Bus aufgrund stockendem Verkehr genau auf ihrer Höhe halten muss. Ich bin mittelschwer erschüttert, wie wenig taktvoll eine Busladung Sportsleute zu Gaffern mutieren können. Nach einer flotten Druckentleerung steigt die sichtlich erleichterte Läuferin unter lautem Klatschen wieder ein.


Wir sind noch keinen Meter gelaufen, trotzdem werden wir bereits beim Aussteigen aus dem Bus mit Anfeuerungsrufen und Applaus von den, ich vermute gedopten, Organisationspersonal hysterischen empfangen. Von allen Seiten strömen nun Menschen durch die Zugangskontrollen in den abgesperrten Startbereich. In dem wir ab jetzt die nächsten dreieinhalb Stunden verbringen dürfen. Aufgrund unterschiedlich anvisierter Zielzeiten starten Carmen und ich in unterschiedlichen Corral Start Lines.

 

Meine Farbe ist Grün. Genau genommen ein dunkles, unfreundliches Suppengrün. Grün soll ja bekanntlich die Hoffnung sein, welche mir aber gerade schwindet hier die nächsten Stunden bei 7°C zu überstehen. Und so schlendere ich, um nicht ganz auszukühlen, in der Green Area namens Telga Loroupe Village umher. Dabei hilft mir ein mitgebrachter, Bauch kaschierend zugeschnittener, Wertstoffmüllsack aus dem Landkreis Lörrach. Auch hier trifft man auf eine perfekt ausgeklügelte Abwicklung. Mehr als 37.000 aufgeregte Menschen auf einem doch relativ überschaubaren Gelände für mehrer Stunden zu betreuen, dies erscheint mir nicht ganz unproblematisch. Aber unverkennbar wurden in den vergangenen Jahren mit diesem Großereignis so mancherlei Erfahrungen gesammelt. Immerhin ist der Marathon in dieser Stadt genau so jung (negativ formuliert: so alt...) wie ich. Die Zeit verbringe ich damit im Wechsel Flüssigkeiten einzunehmen und wegzubringen, sowie den Goody Bag beim UPS-Truck Nr. 72 abzugeben.

 

Die Anspannung scheint nun auch bei allen anderen Athleten zu wachsen. Während sich manche in der Schlange vor den Massagezelten gedulden, legen andere wiederum selbst Hand an sich. Und schmieren dabei diverse Cremes, Lotions und anderes Zeug unentwegt auf die Beine. Überraschenderweise liegt auch der Duft meiner Schmerzsalbe in der Luft. Immer wieder stoße ich auf diesen cha-rakteristischen Kampfer & Co. Geruch. Na dann habe ich ja wohl alles richtig gemacht.


Denke ich zumindest, während meine Blicke ergreifend zur unmittelbar an dieses Gelände grenzenden Hängebrücke schweifen und deren Pylonen und Stahlseile an den oberen Enden unwirklich im Morgendunst entschwinden. Gerade so wie meine Gedanken. Das monatelange Training, die investierte Zeit und der vergossene Schweiß. Und erst Recht die gute Wünsche, die mir mit auf den Weg gegeben worden sind. Wenn ich diese Aktion hier vergurke, brauche ich Zuhause keinem mehr aufrecht unter die Augen treten. Das bilde ich mir zumindest ein. Gottlob reißt mich die aufkommende Unruhe aller anderen aus meinen grotesken Gedanken. Obgleich ich die Dunkin-Bagel nicht mehr sehen mag, hole ich mir noch ein solches Hefeteil und stopfe es in mich hinein. Gleichermaßen wie ein Beutel Studentenfutter. Hauptsache der Kohlenhydratspeicher ist voll.

 

Die Durchsagen der Lautsprecher weisen bereits auf das Ein-finden im jeweiligen Startblock hin, welche mit Nummern kenntlich gemacht sind. Die letzten Minuten vor dem Startschuss werden mit Aufwärmtraining, Dehnen und Entledigung der wärmenden Kleidung verbracht. Auch ich trenne mich nun von meinem treuen, uralten Jog-ginganzug, den ich wie alle anderen Mitläufer auf der Grünfläche seinem eigenen Schicksal überlasse. Dicht gedrängt schieben sich nun die Menschenmassen Richtung Startlinie. Es wer-den einige Reden gehalten, gefolgt von der amerikanischen Nationalhymne, die würdig von einigen Tenören zum Besten gegeben wird.


Staten Island


“THE COUNTDOWN HAS BEGUN. WILL YOU BE READY?“ - Endlich wird um 10.10 a.m. der Startschuss abgefeuert. In einer ohrenbetäubenden Lautstärke trällert aus diver-sen Boxen Sinatras „New York, New York“ und ein Kriegsbomber jagt im Tiefflug über un-sere Köpfe hinweg. Nach nur 4 Minuten Warm-Up Entertainment erreiche ich bereits die Startlinie und aktiviere meine Stoppuhr. Dabei versuche ich mich gleich an die Hacken eines Pace Teams mit dem T-Shirt Aufdruck 3:45 zu heften. An beiden Seiten der Brücke haben sich mehrere Fontänenschiffe gesellt und am Himmel schwirren unzählige Helikopter herum.

 

Für einen Außenstehenden muss sich der Eindruck einer typisch amerikanischen Kitschveran-staltung breit machen. Als Mitläufer hingegen bekomme ich eine Gänsehaut. Auf der unteren Ebene der Verrazano Narrows Bridge geht gerade eine lautstarke Laolawelle durch die Läu-fermenge und bringt die gesamte Konstruktion in Schwingungen. Da sich hier noch immer Läufer von diversen Kleidungsstücken entledigen, ist der Blick auf den Boden unerlässlich. Größere Überholmanöver sind aufgrund der Dichte nicht möglich, was mir aber auch als nicht notwendig erscheint, da die Geschwindigkeit meiner Strategie absolut entspricht. Eher defen-siv starten und abhängig von der Kondition und Orthopädie, später noch einen Gang höher schalten. Die Temperatur liegt jetzt bei 55°F und die Sonne setzt sich langsam im Morgenne-bel durch. Wobei es auf der mehr als 1 Meile langen Brücke leicht windig ist. Hier besteht auch für die Zuschauer keine Möglichkeit der Laufmeute beizuwohnen. Ab dem letzten Drit-tel sind die Anfeuerungsrufe vom Festland schon deutlich zu hören. Und ich laufe an zwei mit Anzug und Sonnenbrille bekleideten Typen vorbei. Die Blues Brothers haben dem Anschein nach eben einen Motorschaden erlitten.


Brooklyn


“ONE RACE, 37'000 STORIES“ - Damit haben wir bereits den ersten Stadtteil namens Staten Island hinter uns gelassen und laufen in Brooklyn ein. Über die ersten 8 Meilen ist das Teilnehmerfeld neben meiner grünen Route, noch auf eine weitere blaue und orange verteilt. Deren Streckenverläufe parallel verlaufen bzw. zwischen Meile 2 und 4 auch leicht differie-ren. Entlang der Fourth Avenue stehen die Zuschauer dicht gedrängt und veranstalten mit allem was Krach macht einen Höllenlärm. Am Sunset Park kommt es an einer Ausgabestelle für Wasser annähernd zu einer Massenkarambolage, als einige Läufer abrupt stehen bleiben und andere wiederum die Straße zur Becheraufnahme flott queren. Das Trinken von Wasser aus einem Becher habe ich beim Laufen heimlich zu Hause geübt, was sich jetzt und hier aus-zahlt. Von meiner mehrlagigen Kleidung sind jetzt nur noch kurze Shorts und T-Shirt, sowie Kappe, Buff und die dicken Wollhandschuh über. Von letzteren will ich mich noch nicht ver-abschieden, auch wenn sie zum sportlichen Gesamtbild wenig bis gar nicht behagen. Ich bin begeistert, von der Problemferse spüre ich im Augenblick nichts. Die erste Zwischenzeitmes-sung bei Meile 5 wird überlaufen. Am Straßenrand werden immer wieder Getränke und Pa-pierhandtücher von den Anwohnern ausgegeben und wir werden von Musik vom Band laut-stark zugedröhnt. Dabei fällt mir ein, dass neben den Profiläufern auch die Teilnahme von Lance Armstrong in den Medien für Aufsehen sorgte. Aus Deutschland ebenfalls dabei: Su-permittelgewicht Sven Ottke. Wo die beide sich im Augenblick wohl befinden? Das Teilneh-merfeld hat sich derweil etwas auseinander gezogen, vereint und verdichtet sich allerdings von neuem bei Meile 8 mit den Läufern der anderen beiden Routen. Nach der ersten scharfen Rechtskurve folgen wir der Lafayette und Bedford Avenue und laufen ins dritte Borough ein - Queens.


Oueens


 “MILES AND MORE“ - Am Mc Carren Park kommt mir auf meinem Kurs ein Geis-terläufer entgegen, der offensichtlich seine Startnummer verloren hat und diese wiederum in seinen Besitz bringen will. So ein jämmerlicher Amateur, denke ich. Und verursacht zudem beim restlichen Teilnehmerfeld wilde Ausweichmanöver und unschöne Ausrufe. Genau ge-nommen ist es eine heikle Gradwanderung, entweder dem Treiben am Rande der Laufstrecke und die Aktionen des Publikums seine Aufmerksamkeit zu widmen, oder eben doch nur dem Straßenbelag. Der recht oft mit Stolperfallen verschiedenster Art übersäht ist und so manchen Runner aus dem Laufschuh wirft. Die dritte Zeitmessung wird überlaufen. Überraschend finde ich überdies das Altersniveau der Mitläufer. Der Großteil der Teilnehmer scheint zwischen 30 und 50 Jahren zu sein, nicht selten auch darüber hinaus. Jüngere Generationen dagegen ma-chen sich eher rar.
Und dann laufen wir in Williamsburg ein. Selbst hier dicht gedrängte Menschenmassen zu beiden Seiten der Strecke. Auffällig dabei, die ganz in schwarz gekleidete Männer mit ihren oft langen weißen Bärten und eigenartigen Hüten. Das müssen die orthodoxen Juden sein, die neben Künstlern und Intellektuellen dieses Viertel prägen und von denen ich bereits gelesen habe. Offensichtlich können sie dieser Veranstaltung nichts Positives abgewinnen, außer mit ihrer Anwesenheit zu erfreuen. Mit ernster Miene und keinerlei Regung stehen sie entlang der Straße. Nicht selten auch mit Kindern, die verängstigt und zu Salzsäure erstarrt neben ihnen verweilen. Und sich damit vom restlichen Zuschauerfeld auffällig abheben.


Sind wir bis hierhin auf überwiegend gerade Abschnitten gelaufen, so folgen wir momentan einem Zickzackkurs durch Queens Midtown. An nahezu jeder Getränkestelle greife ich zu einem Becher Wasser, dagegen eher selten zu einem Gatorade. Im Bereich der Getränkeaus-gabe kommt es immer wieder zur Bewältigung größerer Müllberge aus Pappe, mit Schleuder-gefahr infolge Nässe. Ich entledige mich meiner Handschuhe, die mit einem gekonnten aber irregeleiteten Schwung einem dunkelhäutigen Hünen haarscharf am Kopf vorbeifliegen. Nur gut das ich nicht alleine unterwegs bin.


Die zweite Brückenüberwindung auf unserer Gesamtstrecke namens Pulaski Bridge bringt viele der teilnehmenden Flachlandläufer zum schlapp machen. Unverkennbar hat ihr Training nicht im Südschwarzwald stattgefunden. Endlich kann ich verloren gegangene Positionen wieder gutmachen. Zu einem weiteren Ereignis kommt es am Vernon Boulevard, als eine Nichtläuferin die Straße überqueren will. Was sich als wenig klug herausstellt, da hier das Läuferfeld dicht ist wie Hemingway am frühen Nachmittag im Sloopy Joe`s. Ich merke wie sich meine Akkus langsam aber stetig leeren. Jetzt wäre ein kleiner Imbiss in Form eines Rie-gels oder einer Banane angebracht. Stattdessen werden aber nur diverse Gels angeboten. Die wiederum zu einem späteren Zeitpunkt auf meinem Speiseplan stehen. Alternativ könnte ich mir auch einen Lolly von einem der Kinder geben lassen, die diese freudig anbieten und zum Abklatschen der Hände immer und überall bereit stehen. Aber wohl besser nicht. Blöderweise machen sich jetzt auch die geschätzten 3 Liter Flüssigkeit bemerkbar, die rücksichtslos ihren Weg ins Freie suchen. Was sich jedoch als nicht ganz unproblematisch erweist. Eine grüne Wiese oder freistehende Bäume sind gerade Mangelware, dafür säumen unzählige Zuschauer die Ränder unseres Parcours. Und bis zum Central Park sind es noch mehr 20 Kilometer. Zwar sind immer wieder Portable Toilets entlang der Strecke platziert, die aber überwiegend vom weiblichen Teilnehmerfeld besetzt werden. Genau wie im richtigen Leben auch. Aber was machen sie da so lange drin? Und so entgehen mir wertvolle Sekunden beim Check der freien Häuschen. Irgendwann lässt sich dann doch eine der Türen öffnen und ich springe er-leichtert hinein. Und absolviere in weniger als 12 Sekunden den wohl kürzesten Toilettengang meines Lebens.


Das wäre zumindest geschafft. Jetzt brauche ich dringend etwas zwischen die Zähne. Beim Passieren der Halbmarathonmessung begrabe ich schließlich die Hoffnung vor, oder doch zumindest mit, der Weltspitze aus Äthiopien und Kenia im Ziel einzulaufen. Nach einer scharfen Linkskurve überlaufen wir die zugebaute Queensboro Bridge und somit auch Roose-velt Island. Im Grunde genommen wegen mangelnder Beleuchtung vollständig nach Gehör. Neben mir fummelt ein Marathonläufer an seinem Handy herum und beschreibt seinem Ge-sprächspartner am anderen Ende die tolle Atmosphäre und dass er sich nach zwei Meilen er-neut melden will.


Manhattan I


 “THINK BIG“ - Unmittelbar nach der Brücke macht der abschüssige Streckenverlauf eine Spitzkehre und gibt den Blick auf die schreiende Menschenmenge frei, die uns eupho-risch in Manhattan willkommen heißt. Was ich noch intensiver erleben könnte, sofern noch Energie vorhanden wäre. Ein Pace Team mit der Zielzeit 4:15 überholt mich. Wir befinden uns jetzt auf der First Avenue, die sich wie mit dem Lineal gezogen, über mehr als 3 Meilen in Richtung Bronx zieht. Übersäht von einer in Bewegung gesetzten Masse menschlichen Ursprungs. Offenbar haben sich an diesem Abschnitt der Route noch mehr begeisternde Zu-schauer eingefunden. Ebenso wie eine Vielzahl an Fotografen. Jedem Objektiv ein Lächeln zu schenken, dies gelingt beim besten Willen nicht. Vorausgesetzt man möchte nicht mit einer Gesichtslähmung ins Ziel einlaufen. Vorsichtshalber greife ich mir bereits jetzt ein entgegen gestrecktes PowerBar Gel. In der festen Absicht dieses nicht vor Meile 20, besser noch erst in Höhe des Central Parks, zu konsumieren. Bis hierhin habe ich meine linke Ferse nicht gespürt oder aber schlichtweg ignoriert. Mit einem zunehmenden Ziehen und Brennen erregt sie jetzt wieder meine Aufmerksamkeit. Das hat mir gerade noch gefehlt. An der Ecke 97th Street bin ich nahe dran ins Metropolitan Hospital abzubiegen und mir eine große betäubende Spritze verabreichen zu lassen. Da erblicke ich am rechten Straßenrand ein kleines Mädchen welches, gemeinsam mit der Mutter, aus einem großen Karton heraus Bananen an die Läufer verteilt. Mit einer eindeutigen Geste greife ich mir ein gelbes Objekt der Begierde und schlinge es, wenn auch kontrolliert, herunter. Bei der Entsorgung achte ich peinlichst darauf, dass in der Flugrichtung ausschließlich hellhäutige Beobachter stehen. Man soll sein Glück auch nicht überstrapazieren.


Anscheinend war die ganze Frucht doch etwas viel Ballast. Zu der Überzeugung kommt je-denfalls mein überforderter Magen, der mit leichten Krämpfen aufwartet. Als ob ein Schmerz nicht genug wäre. Irgendwo zwischen Jefferson Park und 120th Street entdecke ich einen New Yorker Feuerwehrmann der, in kompletter Uniform samt darauf befestigter Fotos einiger sei-ner am 9/11 umgekommenen  Kameraden, ebenfalls am Lauf teilnimmt. Mit welcher Message renne ich eigentlich hier umher?


Bronx


“GO THE DISTANCE“ - Wir verabschieden uns für kurze Zeit von Manhattan und er-reichen Harlem. Ein Stadtteil der Afroamerikaner, Gospelchöre, bezahlbaren Mieten und brennenden Mülltonnen. Gleich beim Einlauf nach der Willis Avenue werden wir mit Live Jazz Musik empfangen, die lautstark Mark und Bein durchdringt. Und sich dabei so ähnlich anfühlt wie die kürzlich erhaltene Ultraschallbehandlung am Fuß. Auch hier gibt es eine Er-frischung an der Fluid-Station. Es ist nun bereits früher Nachmittag und die sinkende Sonne scheint uns wärmend ins Gesicht und nimmt so manchem Jogger dadurch auch die Sicht. Vorausgesetzt man ist unvorbereitet ohne Brille oder Kappe losgerannt. Was für mich augen-scheinlich nicht gilt. Unsere jetzige Route führt uns über ein Mienenfeld gespickt mit Unwäg-barkeiten (Gullydeckel and Co.) westlich über den Harlem River über die 138th St. erneut nach Manhattan.


Manhattan II


“BIG-BIGGER-BIG APPLES“ - Das Gel führe ich in den Händen immer noch für den Notfall mit, will aber erst die Missstimmung im Magen hinter mir lassen. Genauso wie die fünfte und letzte Brücke namens Madison Avenue Bridge, deren Bewältigung unmittelbar bevor steht und uns erneut nach Manhattan bringt. Rein arbeitsvertraglich mit tariflichem Hin-tergrund verlebe ich gerade einige Tage Tarifurlaub, die ausschließlich der körperlichen und geistigen Erholung dienen sollen. Tatsächlich aber renne ich adrenalingeschwängert um mein Leben. Und dies wie bekloppt und mittlerweile ganz schön entkräftet. Was sich daran be-merkbar macht, dass ich beginne leicht zu frösteln und die Sicht auch nicht mehr wirklich scharf ist.


Wo ist nur der Central Park? Getreu meinem im Hirn abgespeicherten Streckenverlauf sollte dieser längst zu sehen sein. Doch nun werden endlich unmittelbar vor uns einige Bäume sicht-bar. Aber Fehlanzeige. Zwar rennen wir bereits auf der Fifth Avenue, bei der kleinen Grünflä-che, die wir soeben umlaufen, handelt es sich jedoch um den Marcus Garvey M. Park.


Park hin oder her, mit zittrigen Fingern öffne ich die Packung Gel und drücke mir den Inhalt in den Hals. Der mir kurz drauf im selbigen stecken bleiben zu droht bzw. wieder hoch-kommt. Die extrem viskose Geschmacksrichtung „Traubenzuckerschleim im Dialog mit ko-lumbianischen Koffein“ löst spontan einen latenten Brechreiz aus. Nur mit viel Disziplin und ohne die erforderliche Spülung mit Wasser behalte ich das Zeug in mir. Aber nicht nur mir geht es gegenwärtig semioptimal. Andere Läufer sind noch viel wackeliger auf den Beinen und stellen beim Zusammenklappen eine unmittelbare Gefahr für mich und mein Fahrwerk da. Die grüne Lunge Big Apples haben wir nunmehr erreicht und durchlaufen, wie sollte es anders sein, eine noch größere Menschenansammlung. Vor mir eilt ein Pace Team mit den Zeiten 3:30 und 4:30 nebeneinander her. Was ist da nur schief gelaufen? Meine Geschwin-digkeit kann ich, zumindest gefühlt, konstant halten und der Mann mit dem Hammer hat mich auch noch nicht eingeholt.


Etwas überraschend biegt nun der Läuferschwarm vor mir rechts in den Park ein. Ich bin ei-gentlich davon ausgegangen, dass wir die 5th Avenue am Park entlang bis ganz zum südlichen Rand laufen. Was offensichtlich nicht der Fall ist. Zugegebenermaßen gibt es jetzt im Hinblick auf meine Vorbereitung einen Ansatz zur Kritik. Beide Füße strahlen einen gleichmäßigen Schmerz aus und wollen sich auch nicht mehr so richtig anheben lassen. Auf dem East Drive bekomme ich sie nur mit sehr viel Mühe über die 40 Kilometer-Zeitmessung. Die einzige Motivation ziehe ich derweil aus dem Gedanken, ab morgen in Miami Beach bewe-gungslos am Pool zu liegen. Aber bis dahin ist es noch mehr als 1 Meile.


Und nun laufen wir aus dem Park heraus, was mich erneut komplett konfus macht. Aber im Grunde interessiert mich die Routenführung nicht mehr, sondern nur noch die verbleibende Entfernung. Wie Kaugummi zieht sie sich in die Länge. Wir hetzen am Columbus Circle wieder in den Park hinein. Endlich erkenne ich auch den bereits besuchten Zieleinlauf und die letzte 200 Yard-Markierung. Die Ausfälle um mich herum nehmen immer mehr zu. Sei es aus Erschöpfung oder einfach nur Unachtsamkeit. Das Geschrei des Publikums scheint zudem immer lauter zu werden. Ein Wirrwarr aus Musik, Anfeuerungsrufen, Namen und Unver-ständlichem schlägt hier den Finishern entgegen. An diesem Punkt bin ich mir endlich ganz sicher die Ziellinie ohne fremde Hilfe zu erreichen. Der Torbogen des Endziels mit der großen Zeitanzeige ist jetzt in greifbarer Nähe gerückt, jedoch trennen uns noch die letzten 25 Höhenmeter. Auf meinem favorisierten Terrain überhole ich einige Mitstreiter und überwinde 58 Minuten nach Lance Armstrong, sowie 16.814 Positionen vor Sven Ottke die Ziellinie. Geschafft. Und das unter 4 Stunden...


After The Race


Das jetzige Gefühl ist schwer zu beschreiben. Einzelne Bereiche des Körpers haben das Finish noch gar nicht realisiert. Während das Hirn als erstes die Situation erkennt und euphorische Stimmung erzeugt, fabriziert das Bauchgefühl eine melancholische Niederge-schlagenheit. Beine und Füße kommen mit dem unerwarteten Stillstand am wenigsten zurecht. Sie sind betonhart verkrampft und doch zugleich butterweich. Ich pendle zwischen Erleichterung, Selbstüberhebung und Heulkrämpfen. In diesem persönlichen Ausnahmezustand werde ich vom Menschenstrom im Zielbereich Oneway weiter geschoben. Es folgen die Medaillen Überreichung und Ausgabe der Schwitzfolien mit nützlichem Klebestreifen. Beides wird mit fremder Hilfe vernichtet, ebenso wie die Abnahme des Zeitmess-Chips. Gewiss wäre ich schon am Aufbinden der Schuhe gescheitert. Wer jetzt nicht mehr aus eigener Kraft stehen kann, der wird von den vielen Ersthelfern schnell sondiert, separiert und versorgt. Wieder perfekt organisiert, urteile ich und schließe mit der entrichteten Startgebühr von 180€ endgül-tig meinen Frieden.


Im emotionalen Freudentaumel suche ich, stetig in der Masse mitschwimmend, den UPS Wa-gen mit der Nr. 72. Der meine trockene und wärmende Wechselkleidung hoffentlich auch hierher transportiert hat. Es ist augenblicklich nur extrem unangenehm, dass die Aufstellung der Wagen konsequent mit der Nr. 1 beginnt und, wie ich erst später erfahren soll, der meinige das Schlusslicht bildet. Dank des Anfangsbuchstabens meines Nachnamens. Und so entferne ich mich wieder vom Zieleinlauf und unserem Hotel in Richtung Norden. Irgendwie fällt mir das langsame Schreiten jetzt noch schwerer. Nach einem freizügigen Kleidungs-wechsel am Parkrand kommt für den Rückweg nur noch die Underground in Frage. Die ich in nicht allzu weiter Entfernung, gemeinsam mit vielen anderen Fußlahmen, am Ende auch noch erreiche. Überall sieht man pure Erschöpfung, gepaart mit einem Runner High in Laufschuhen, bunter Alufolie und einer großen bronzenen Medaille um den Hals. Meine letzte wunderbare Erfahrung ist der enthusiastische Applaus einiger amerikanischen Mädels während ich mich stolz, dabei aber ziemlich schwerfällig, die Treppen der Station 57th St. and Seventh Av. hinauf quäle. Mit der felsenfesten Überzeugung, dies ist zugleich aufrichtig gemeint. Ich liebe Amerika...


Auf dem Weiterflug des darauf folgenden Tages nach Miami erfahre ich schließlich aus der New York Times die exakte Zeit und Platzierung: 03:57:16 Stunden, sowie den 11.113 Rang in der Gesamtwertung. Während am Fenster die Skyline New Yorks ein letztes Mal zu sehen ist und ich mich im Sitz entspannend zurücklehne, geistern mir die ersten Überlegungen für die Herausforderung 2007 durch den Kopf.

 


 

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