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Laufberichte

Glück auf!

 

Wenn ich früher mit einem Fahrradhelm auf der Rübe im Förderkorb gestanden hätte, wäre dem Steiger wahrscheinlich nichts Besseres eingefallen, als mich zu fragen: „Schmidt, bist du noch ganz dicht?“

Früher, das war vor über 30 Jahren, da war ich noch richtiger Bergmann. Heute bin ich nur noch Marathonläufer - auf dem Weg zum 8. Kristallmarathon im Erlebnisbergwerk Merkers. Aber liebe Läufer, eins muss ich euch sagen, und das selbst auf die Gefahr hin, dass ich mich nie wieder in der Marathonszene sehen lassen darf: Nicht nur Bergleute, auch Marathonläufer sehen mit Fahrradhelm doof aus. Aber da müssen wir durch, doof aussehen ist wahrscheinlich eine Voraussetzung, wenn man unter Tage laufen will.

 
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Die Seilfahrt vergeht wie im Fluge, oder besser gesagt, (fast) wie im freien Fall. Mit 8 Metern in der Sekunde stürzen wir 500 Meter in die Tiefe. Und dort angekommen, staunt selbst der Bergmann: Was für große Löcher haben denn meine Kollegen hier in den Berg gebuddelt? Und Autos haben die hier unten auch! Kleine Lkws, damit werden wir zum Start gefahren. Für einige ist es ein Gaudi, für andere eine rasante Fahrt. Anschließend vom Fahrer gefragt, wie schnell wir gefahren sind, gehen die Schätzungen weit auseinander. 40 km/h? 80 km/h? Beides richtig. Gefahrene 40, gefühlte 80…

Am Ziel unserer Busfahrt, also am Start angekommen, staune ich noch mehr. Wir waren früher auch nicht faul, aber solche Löcher haben wir nicht in den Berg gewühlt! Im ehemaligen Großbunker komme ich mir nicht wie im Bergwerk vor, eher wie im Kino. Endlose Stuhlreihen, vorn eine Bühne, eine Leinwand. Die brauchten jetzt nur das Licht zu löschen und einen Film zeigen. Ich würde „Forrest Gump“ vorschlagen. Da hätten wir auch unseren Marathon, und uns bliebe vielleicht vieles erspart…

Stattdessen umkleiden. Bei welchem Marathon gibt es das, dass für jeden Läufer ein Stuhl vorhanden ist? Bei einer Läuferschar, die fast 500 zählt! Wohl nur hier – bequemer geht es nicht…

Um 10 Uhr starten die 10 Kilometerläufer. Etwa 160 sind es, persönlich kenne ich nur einen. Dirk Münch aus Leipzig, wir waren im Herbst beim Borna-Marathon gemeinsam unterwegs. Und, liebe Läufer, es geht auch anders! Er trägt einen ordentlichen, eine richtigen Arbeitsschutzhelm. Sieht nicht so doof aus wie wir. Nur sein Ziel erreicht er nicht. Um Letzter zu werden, wie an seinem Helm zu lesen ist, hätte er noch viele Läufer vorbeilassen müssen.  

 
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Dirk gibt mir einige Tipps zur Strecke. Ziemliche Steigung gleich zu Beginn, allgemein etwas hüglig…

Das verstärkt meine Bedenken in Sachen Zeitlimit. In 2.45 Stunden müssen wir die 7. Runde vollendet haben, sonst ist Schicht im Schacht. Da wird man zwar als Halbmarathon gewertet, will ich aber nicht, ich will den Marathon! Kein Wunder, dass ich mitten in der Nacht in meinem Pensionsbett aufgewacht bin und mir ausgerechnet habe, was für eine Rundenzeit ich benötige, um das Limit zu schaffen. Auf 23 Minuten und 7 Sekunden bin ich gekommen. Insgesamt warten übrigens 13 Runden auf uns.

11 Uhr – Start Halbmarathon und Marathon. Etwa 190 Läufer gehen den Halben an, 110 den Ganzen. Und ich bin nicht zu bremsen! Im Läuferfeld jage ich den ersten Anstieg hinauf. Dass es ein Berg ist, wird mir gar nicht bewusst. Stellenweise erinnert die Strecke an eine Berg- und Talbahn. Etwa bei Rundenmitte gibt es eine Getränkestelle – danach einen etwas langgezogenen sanften Anstieg, bevor es Richtung Ziel bergab geht.

Am Ende des langen Anstiegs erwartet uns eine scharfe Linkskurve und dahinter überrascht ein kurzer, aber steiler Abstieg mit geschätzten 45 Grad Gefälle. Ich stutze. Das Salzgestein auf dem Boden ist abgeschliffen, macht im Licht der Grubenbeleuchtung den Eindruck einer Eisfläche. Natürlich ist mir klar, bei etwa 21 Grad Lufttemperatur kann es kein Eis geben. Glatt kann es trotzdem sein. Der Läufer neben mir merkt, dass ich unsicher bin und sagt: Keine Angst, dass sieht nur glatt aus, ist es aber nicht. Was erlaubt der sich? Ich bin Bergmann!

 
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Der Blick auf die Uhr nach Beendigung der ersten Runde kommt einer Erlösung gleich. Keine 20 Minuten war ich unterwegs. Das heißt, ich habe mir ein Zeitpolster von über drei Minuten erlaufen. So könnte es weitergehen! Und so geht es weiter, ich laufe wie ein Uhrwerk, Runde für Runde in etwa 20 Minuten. Das macht einfach nur Spaß!

Bis zur Runde 9. Da ist mit einem Mal die Lust weg, ich fühle mich schwach, will nicht mehr. Und genau in diesem Moment überholt mich Daniel Steiner, der heute für „Trailrunning.de“ unterwegs ist. In meinem jugendlichen Leichtsinn frage ich ihn auch noch, in welcher Runde er ist. In der 11! Wie schön - im Boxen nennt man so etwas Tiefschlag. Ich will ohnehin nicht mehr, und da erzählt der mir, dass er zwei Runden Vorsprung hat… Das Leben ist manchmal so hart.

Runde 11. Ich frage mich, was haben die in die Cola getan? Zu Beginn dieser Runde bin ich an der Verpflegungsstelle, die sich in der Nähe vom Ziel befindet, von Wasser auf Cola umgestiegen. Hätte ich früher tun sollen – die Cola verleiht mir Flügel. Oder zumindest schnellere Beine. Und die Lust ist auch wieder da.

Wer denkt, so ein Untertage-Marathon ist langweilig, liegt falsch. In jeder Runde entdecke ich Neues und beschließe daher, die letzte Runde zu gehen. Es mal richtig zu genießen, nach so vielen Jahren wieder in einem Schacht zu sein. Und als ich dann trotzdem noch in 4.45 Stunden das Ziel passiere, bin ich eigentlich nur eins: Mit mir und der Welt zu frieden. Darf ich wohl auch sein – das war so ganz nebenbei bemerkt mein 50. Marathon.

Und der erste, bei dem mich nicht früher oder später Krämpfe plagten. Ja, durch das Salz… Aber bevor jetzt jemand denkt, ich habe am Salzgestein gelutscht, so war es nicht. Die Salzschicht auf dem Körper deutet an, dass auch genügend davon mit der Atemluft in den Körper gelangt ist. Wahrscheinlich werde ich künftig nicht mehr über die Läufer lächeln, die mit Salz in der Hosentasche auf die Strecke gehen. Ab sofort darf über mich gelächelt werden... 

Zum Schluss, liebe Läufer, muss ich euch noch etwas sagen. Auch auf die Gefahr hin, dass ich im nächsten Jahr Schachtverbot bekomme: Kali ist kein richtiger Bergbau… Ich habe das anders kennengelernt: Enge Stollen, darin auch noch Schwellen und Gleise. Von oben tropfte das Wasser, unten stand ab und an die Brühe, ohne Stiefel ging nichts. Kalt war es auch, in knapp 900 Meter Tiefe. Ja, die Wismut, das war richtiger Bergbau! Aber darüber muss in Merkers keiner traurig sein – ihr habt dafür einen wirklich schönen Marathon. Danke! Ich möchte schon nächstes Jahr wieder laufen…

 

Einen weiteren Laufbericht mit Bildern gibt es hier auf Trailrunning.de

 

Ergebnisse Marathon

Männer

1     Baldauf, Marcus         Rennsteiglaufverein                                     02:50:01
2     Schiller, Thomas        MTV Kronberg                                             03:04:16
3     Wolf, Daniel              LG Priestewitz                                              03:06:08
 

Frauen

1     Pahn, Christina          ZahnPAHN Arnstadt                                    03:28:49
2     Jeschke, Katrin          Team Endurance Radebeul                           03:38:17
3     Durry, Simone            TG Neuss                                                    

 

 

 

 

Informationen: Merkerser Kristallmarathon
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