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Laufberichte

Abgefahren

 

Ich verlasse die Halle auf der anderen Seite und betrete die 25 Hektar große künstliche Teich-, Lagunen- und Hügellandschaft, dahinter folgt das Werksgelände. Ich erhasche nur einen flüchtigen Blick auf zwei gläserne Zylinder, je 20 Etagen hoch, gigantische Schaufenster, in denen bis zu 800 bestellte Neuwagen Platz fanden. Der VW-Erlebnispark war nix für einen schnellen Durchlauf…daher freute ich mich bereits auf die zweite Runde.

Nun befand ich mich auf dem Gelände des Allerparks und staunte nicht schlecht, worauf ich da gerade zulief. „Ach was, wir werden doch jetzt nicht etwa durch die…“, begann ich laut murmelnd. Und ob, hier hatte sich die Orga anscheinend mit dem Fußballspielplan des Vfl abgestimmt, denn der nächste Wow-Effekt folgte: während draußen ein Zuschauer mit Trillerpfeife für die authentische Stimmung sorgte, rannte ich direkt durch die VW-Arena und nah an Naturrasen und Tor vorbei. Im inneren spielte ein Saxophonist, die Klänge hallten dementsprechend durch die Reihen der Tribünen. What a feeling! Siegreich hob ich meine Arme, ließ mich von einer imaginären Zuschauermenge feiern – das musste sein, Kopfkino halt!

Die Realität holte mich spätestens draußen wieder ein, denn am VP drückte man mir anstelle Bier einen Becher Wasser in die Hand. Der Allerpark hatte jedoch noch weitaus mehr zu bieten, denn hier vereint fand man die Eis-Arena des EHC Wolfsburg, ein Großschwimmbad, den zum Restaurant umgebauten kolumbianischen Pavillon der Expo 2000, Bowlingcenter, Hochseilklettergarten, einen künstlichen See mit Wakeboarding-Anlage, Campingplatz…nur um einige der Möglichkeiten aufzuzählen, die die Erlebniswelt der Wolfsburger zu bieten hatte. In zwei Jahren soll wohl die fünfzehnjährige Verwandlung der vormals reinen Parkanlage hin zum Freizeitpark abgeschlossen sein.

Am künstlich geschaffenen Allersee näherte ich mich einer Läufergruppe. Einer von Ihnen trug ein schief hängendes Käppi sowie auffälliges Shirt mit der rückseitigen Aufschrift „1. Schloss Marienburg Marathon 23.11.2013 – Bist Du auch dabei?“. Ich grüßte in die Runde und erkannte Heinrich Schütte vom 100 Marathon Club. Erstmals hatte ich den Vielläufer im Mai dieses Jahres beim Eulenburg 100 Meilen Trail kennen gelernt. „Den Marathon sollte man nicht verpassen“, erzählte mir Heiner, der als 1. Vorsitzender des VfL Adensen-Hallerburg den Marienburg-Marathon organisierte. „Da läuft man über Dorfstrassen, asphaltierten und nicht asphaltierten Wanderwegen, und auch über Trails. Highlight der VP beim Anstieg zur Marienburg auf dem Schloss-Innenhof. Der hügelige, 21,2 km lange Rundkurs hat die Form einer Acht.“

Prima, ein weiterer Marathon in unmittelbarer Nähe von Hannover. Ich lauschte eine Zeit lang der Unterhaltung und bekam derweil fast nicht mehr mit, wie uns die Laufstrecke zurück zur Kanalbrücke und anschließend durch den östlichen Stadtteil Hellwinkel führte. Dann begannen uns die ersten Halbmarathon-Läufer zu überholen.

Zugegeben, ich dachte bereits, die Highlights der Strecke gesehen zu haben, aber nicht umsonst führte der Marathon uns zunächst durch Wohngebiet. Hier befand sich nämlich das alte Vfl-Stadion am Elsterweg, dem zurzeit größten Stadion der Frauen-Bundesliga. Hier war es auch, wo Conny Pohlers vor zwölf Jahren als erste deutsche Spielerin fünf Tore in einem Länderspiel erzielt hatte. Eine kleine Gruppe von Zuschauern applaudierte, während wir durch das Stadion liefen. Im inneren wartete bereits der nächste Verpflegungspunkt auf uns. Ich schnappte mir diesmal einen Becher Iso, drehte eine Runde auf der Kampfbahn und dann ging es unter erneutem Jubel der Zuschauer wieder hinaus, raus aus der Stadtmitte  Richtung Neuhaus-Reislingen.

Zunächst erneut durch Wohngebiet, führte uns die Strecke dann aber zunehmend durch die ländlichen Außenbezirke von Wolfsburg. „Hi Mario“, rief eine mir bekannte Stimme. Wie von einer Tarantel gestochen raste ein grüner Schemen mit einem Affenzahn an mir vorbei - da war er wieder, der Björn. Er würde später mit 1:23 finishen und sich über eine konstant gelaufene PB freuen. Ich rannte ihm hinterher, schoss ein Foto. „Weiter so, Björn!“, rief ich ihm jubelnd zu, und – zack! - war er wieder weg. Dann musste ich das Tempo drosseln, das war mir dann doch eindeutig zu schnell. Ein kurzer Schulterblick, der Abstand war deutlich zu groß, um zu Heiner’s Gruppe zurück zu fallen.

Die Laufstrecke führte mich nun in westliche Richtung erneut durch den Stadtteil Hellwinkel, vorbei an mehrstöckigen Nachkriegsbauten, die damals für die Arbeitnehmer des VW-Werks gebaut wurden, sowie durch Eigenheime und Kleingartenanlagen. Der Lauf hatte auch weiterhin Landschaftsmarathon-Charakter, denn nach der Durchquerung von Hellwinkels Waldgebiet folgte der Stadtteil Steimker Berg, welches damals in das Waldstück hinein gebaut wurde. Bei der Schaffung wurden jeweils die Bäume stehen gelassen, nach denen die jeweilige Straße benannt wurde. So stehen in der Straße „Unter den Eichen“ auch heute noch überwiegend Eichen – im Birkenweg überwiegend Birken. Die Streckenposten winkten mich freundlich in den Kiefernweg. Auch gut. Die letzten Kilometer des Rundkurses führten über den Fluss Hasselbach, quer durch das VW-Bad und am großen Schiller-Teich vorbei.

Fünf Stahlglocken dröhnten in gut fünfzig Metern Höhe über mir in just dem Moment, wo ich an der größten katholischen Kirche in Wolfsburg vorbeilief, benannt nach St. Christophorus, besser bekannt als den Schutzheiligen aller Autofahrer…nun, heutzutage verließ man sich dann doch wohl eher auf ESP, ABS und Airbags. Der Blick nach oben kündete von baldigem Regenschauer, prompt schüttete es auch schon!

Ich näherte mich der Porschestraße, Fußgängerzone der Innenstadt, und hatte mein Ziel erreicht. Halbzeit, auf zur zweiten Runde.

Der angesprochene Regen überraschte mich nicht,  war ja bloß eine Frage der Zeit. Ich musste an die beiden Mädels denken, die während ihres 10km-Laufs den gut anderthalbstündigen Schauer ebenfalls abbekommen würden. Naja, die beiden waren ebenso wenig wie der Rest der Läufer aus Zucker, mal ganz zu schweigen von den geschätzten 15000 Zuschauern während der gesamten Dauer der Veranstaltung, die da einfach ihre Regenschirme auspackten und uns Sportler weiter anfeuerten. Da hockte so manch lächelnder Streckenposten völlig durchnässt in den Büschen und hob trotzdem den Siegesdaumen.

Den Perkussionsgruppen sowie dem Megafon-Mann ließ der Regen ebenfalls kalt. „Wir sehen uns 2014“, schallte er mir noch hinterher. Im Wohngebiet von Hellwinkel hatten die Anwohner den Spaß an der Veranstaltung ebenfalls nicht verloren. „Schau sich einer mal den Läufer an, der macht ja sogar Fotos! Hey Junge, komm ma rüber, kriegste ne Bratwurst!“ Grillen im Regen, jawoll, so und nicht anders. 

Während der letzten zehn Kilometer hatte ich das Tempo angezogen und erreichte nach vier Stunden völlig durchnässt den Zielbereich. An den Ständen der Zielverpflegung gönnte ich mir eine kurze Pause, traf nochmals Björn, holte mein Finisher-Shirt sowie Medaille ab, lief dann zum Auto, zog mich dort um und dann ging es wieder zurück. Ich wollte den Zieleinlauf meiner Frau Nicole sowie Debbie auf keinen Fall verpassen. 

Gegen 14 Uhr 49 liefen dann beide Hand in Hand an mir vorbei und durch die Ziellinie. Nach einer kurzen Verschnaufpause holten sich die Beiden das diesjährige Finisher-Geschenk für die 10km-Läufer ab: Ein hübsches Käppi mit dem Logo des Wolfsburg Marathon.

Während wir zum Auto zurück gingen, reflektierte ich nochmals den Marathon. Trotz der Witterungsverhältnisse hatten sich all die Sportler, Helfer, Zuschauer, Moderatoren und sämtliche Beteiligten rund um das Orga-Team nicht unterkriegen lassen.

Mir machte das jedenfalls eines deutlich: Wolfsburg ist Sportstadt.


Ergebnisse 8. Wolfsburg Marathon 2013

 

Männer
1. Nick Hufgard 02:53:41
2. Frank Balzer 02:53:46
3.  Martin Zaunitzer 02:56:07
Frauen
1.  Kathrin Müller 03:36:54
2.  Ute Deters 03:44.27
3.  Claudia Saracino 03:44:53

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Informationen: Wolfsburg Marathon
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