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Laufberichte

Welt unter der Welt

04.12.10

In den Nischen, welche die breiten Gänge säumen, sind immer wieder Schattenbilder an den Wänden zu sehen. Das erste Mal  bewegen sich zwei Schattenbilder an der Wand, deren Haltung und Tun sich mir nicht auf Anhieb erschließt. Platons Höhlengleichnis kommt mir in den Sinn. Sehe ich, was ich meine zu sehen? Ich sehe dann die Konturen der Figuren selbst, sehe, dass sie mir den Rücken zukehren und höre ein leises Plätschern an der Grubenwand. Ich bin mir sicher zu wissen, was es ist. Es handelt sich nicht um eine philosophische, sondern eine physiologische Frage.

Drei Runden liegen noch vor mir, also muss ich mich weiterhin mit reichlich Flüssigkeit versorgen. Sicherheitshalber bunkere ich noch ein paar Kalorien in Form von Stücken von Mars-Riegeln. Das Wetter des Bergwerks hat diese profanen Riegelstücke in eine Spezialität verwandelt, welche sich in Japan sicherlich teuer verkaufen ließe. Ich schiebe mir das erste Stück in den Mund und als Erstes spüre ich einen salzigen Hauch, welcher dann in einen kräftigen Schokogenuss übergeht. Wo gibt’s das sonst?

 Trotz dieser deliziösen Stärkung kommt mir die Steigung länger und steiler vor als zuvor. In dieser Welt gelten andere Gesetze. Nicht für die Ingenieure, sondern für die Marathonis.  Mit jeder Runde ist ein Meter nicht mehr ein Meter und ein Höhenmeter mindestens das Doppelte.  Es gibt jedoch Menschen, deren Aufbegehren gegen diese anderen Gesetze erfolgreich ist. Anders ist es nicht zu erklären, dass kurz vor Ende der sechsten Runde ein Läufer an mir vorbeischießt und nicht links auf die nächste Runde, sondern in den Zieleinlaufkanal rechts einbiegt. Es ist der Zweitplatzierte des heutigen Tages.

 

Durchhalten bis ins Ziel

 

 

Auch die Gesetze der Mathematik haben ihre Gültigkeit verloren. Die Runden addieren sich nicht, sie potenzieren sich. Nicht, dass ich mich schlecht fühle oder gar leide. Es ist einfach anders hier unten als gewohnt, das ist alles. Immer wieder mache ich vor mir auf die Läuferfüße gerichtete Lichtkegel  von Stirnlampen aus. Die den Füßen zugehörigen Läufer versuchen sich vornüber gebeugt von den Strapazen zu erholen, welche die Muskeln an den Steigungen und die Bronchien in der Trockenheit über sich ergehen lassen müssen.

Besonders die zweite Rundenhälfte erscheint mir jetzt endlos, jedoch ist es gerade diese Endlosigkeit, welche mir zu einem meditativen Höhepunkt verhilft. Es gibt nur noch mich in der sporadisch von Neonlicht erleuchteten Tiefe der Erde, nichts hinter mir, nichts vor mir. Es gibt einen Moment lang keine anderen Gedanken als den, dass ich in dieser Umgebung laufe und an nichts anders denke als daran, dass ich jetzt und hier laufe. Wie am Morgen, wenn einen ein Frösteln erwachen lässt, erweitern sich meine Gedankenkreise in dem Moment schlagartig, wo mir im Zielbereich der kalte Luftzug aus dem Förderschacht entgegenschlägt.

Dank der großen Anzeige ist es ein Leichtes zu wissen, wie lange ich schon unterwegs bin und dass ich nun zur letzten Runde aufbreche. Ohne dieses Hilfsmittel hätte ich Schwierigkeiten, denn mir fehlt irgendwie das Zeitgefühl hier unten.  Am Verpflegungsposten am Anfang der Runde verabschiede mich von den Helferinnen und Helfern und bedanke mich bei ihnen für ihren Dienst unter erschwerten Bedingungen. Es war für sie ungewohnt, den Verpflegungsposten in der Nähe des Förderschachts bei so tiefen Temperaturen zu betreuen.

Beim zweiten Verpflegungsposten der Runde treffe ich auf Daniel. Er berichtet mir von seinem Durchhänger und gemeinsam machen wir uns vom Acker. „Lauf du deinen Rhythmus“, meint er nach kurzer Zeit und schickt mich vor. Ich habe nicht den Eindruck, dass der Geschwindigkeitsunterschied groß sei, wünsche ihm aber trotzdem noch einen guten Rest und mache in meinem Trott weiter. Es dauert aber gar nicht so lange, dann läuft er wieder neben mir. Nachdem ich für ihn Lokomotive sein konnte, zieht er mich nun in Richtung Ziel. Und noch einmal haben sie anscheinend den Stollen verlängert. Das grüne Licht beim Wettertor, welches mir gefühlsmäßig schon längst entgegenscheinen  sollte, kommt einfach nicht…

Schließlich ist auch das in Sicht und wir wissen, dass wir den Rest der Kräfte mobilisieren dürfen. Wir legen noch ein Brikett nach und donnern um die letzten Kurven auf die Zielgerade und gemeinsam ins Ziel. Genau eine Stunde länger als bei meinem schnellsten Marathon in diesem Jahr habe ich gebraucht. Damit bin ich sehr  zufrieden. Auch damit, dass ich in drei der acht Runden den exakt gleichen Kilometerschnitt getroffen habe. Für meinen ersten Einsatz als Zugläufer im kommenden Frühjahr habe ich die erste Prüfung geschafft.

 

Abfeiern und Ausfahren

 

 

Aus der relativen Kälte im Zielbereich ziehe ich mich - nach einem privaten Finisher-Foto vor der Heiligen Barbara - mit der Medaille und der Urkunde in der Hand in den angenehm warmen Besucherbereich zurück, dort wo auch die unterirdischste aller Kegelbahnen ist. Mehr als Kegeln interessiert mich nach einem provisorischen Kleiderwechsel das Zusammensitzen bei einem kleinen Tiefenmahl.

Im großen Konzertsaal findet die Siegerehrung statt. Das Ambiente ist einzigartig, dem Raum wohnt eine besondere Ausstrahlung inne, die mich an einen anderen feierlichen Augenblick erinnert, welcher zwanzig Jahre zurückliegt. Statt tief in der Erde war es im hoch Norden, genau gesagt in der Felsenkirche in Helsinki, wo ich damals den Proben zu einem klassischen Konzert zum Jahreswechsel beiwohnen konnte.

Zum Glück fragt mich Daniel bevor wir zum Ausfahren anstehen, ob ich mein Finishershirt schon abgeholt habe. Gut, dass er den kleinen Gutschein im Umschlag mit der Startnummer gesehen hat, denn ein Baumwoll-T-Shirt, welches ich gut im unsportlichen Alltag tragen kann, kommt mir gelegen.

Bei der Ankunft am Morgen stieg die rote Sonnenscheibe über die Grubengebäude, bei der  Ankunft übertag ist es bereits am Eindunkeln. Ich habe gewissermaßen einen Tag verloren. Der Verlust des Tageslicht eines Tages wird aber längst aufgewogen durch das Erlebnis des Untertage Marathons mit den ihm eigenen Besonderheiten.

Vorgestellt habe ich ihn mir härter. Ich vermute, dass das daran liegt, dass leider nicht die Originalstrecke belaufen werden konnte, welche noch mehr in die Tiefe und damit in die Wärme geht, wo die Stollen weniger breit sind und noch einige Höhenmeter dazukommen. Ich hoffe, dass ich das einmal noch selbst herausfinden kann. Auf jeden Fall habe ich so einen weiteren Grund, den weiten Weg nach Sondershausen auf mich zu nehmen.

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Informationen: Untertage-Marathon
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