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Laufberichte

Demokrat auf kaiserlichen Höhen

23.10.10

Nach einem kurzen Abstecher ins Wohngebiet hinein gibt es eine weitere Verpflegungsstelle, bevor es zum ersten Gipfelsturm auf den Hohenstaufen geht. Bis wir dort sein werden, wird es schon noch ein Weilchen dauern. Wenn die Kilometer aber weiter so vorbeifliegen, wird es mir nicht weit vorkommen.  So ist es auch. Die nächste Verpflegungsstelle ist klarer Beweis, dass das Kilometerschild mit der Fünfzehn vorher an der richtigen Stelle war.

Ich bin einer, der am Berg eher früh als spät vom Laufen ins Gehen wechselt. Die Steigungen auf dieser Strecke machen dies aber ganz selten nötig.  Es geht am Naturschutzgebiet Spielburg vorbei, einem heideähnlichen Trockenbiotop und beliebten  Naherholungsgebiet, und dann endlich direkt an den Berg.  Erst als die eigentliche Flanke dieses durch Erosion entstandenen Berges kommt, setze ich meinen Bergbauernschritt ein.

Nach einiger Zeit auf einem schönen Wanderweg verlassen entgegenkommende Läufer fluchtartig die Strecke. Nein, sie flüchten nicht vor uns, sie haben einfach die letzte Steigung bis zum höchsten Punkt  schon hinter sich und dürfen schon weiter zum nächsten Kaiserberg. Es dauert gar nicht lange, dann bin ich auch oben und sehe, was sich da verbirgt. Die Ruinen sind nicht spektakulär und die Schänke geschlossen, aber die Aussicht auf die Ostalb einen Halt wert.

 

Hohenstaufen bis Schwäbisch Gmünd

 


 

Nach dem Verlassen der Begegnungsstrecke dauert es gar nicht lange und wir verlassen den Wald. Den Blick, welcher sich in diesem Moment auftut, kann selbst ein Demokrat nicht anders als majestätisch bezeichnen. In der Ferne sind die beiden anderen Kaiserberge zu sehen, welche heute noch bezwungen werden wollen.  Der Rechberg ist das nächste Ziel. Die Distanz in Luftlinie zu schätzen, ist gar nicht so einfach. So um die fünf Kilometer werden es sein, denn zu laufen sind es bis dort noch sieben Kilometer.

Die Querung der Landesstraße ist auch am Dorfausgang von Hohenstaufen vorbildlich gesichert. Dieser Straße folgen wir auf einem Radweg, wo der von seinen Bandscheiben geplagte Jörg für seine Conny und den erweiterten Freundeskreis Stärkungen verschiedener Stärkegrade bereithält. Nicht ganz demokratisch – aber wenn man selbst zu dem erlauchten Kreis gehört, stört es nicht…

Nach einem erneuten Wechsel auf natürlichen Untergrund gibt es schon bald wieder offizielle Verpflegung. Meine Wahl, Cola, Wasser und Toastbrot, scheint mir gut zu bekommen, weshalb ich dabei bleibe und mir für die kommenden knapp fünf Kilometer keinen anderen Treibstoff einverleibe. Auf ziemlich ebener Strecke steuern wir auf den Rechberg und das sich seinem Fuß entlangziehende gleichnamige Dorf zu. Die Kilometerangabe deutet an, dass es bis zum nächsten Höhepunkt nicht mehr weit ist; bis dorthin gibt es aber nochmals fast 200 Höhenmeter als Zugabe. Mit einer Abzweigung in spitzem Winkel und den aufmunternden Klängen der Waldstetter Lachabetscher beginnen diese dann.

Mit der Burg Hohenrechberg vor Augen, der  ehemaligen Stammburg der Rechberger, ziehen wir die Straße hoch; sie ist gerade so steil, dass ein sanfter Laufschritt noch möglich ist. Statt geradeaus in den Burghof geht es dann aber in einer Haarnadelkurve in die entgegengesetzte Richtung auf den Kreuzweg.  Hätte ich die Hexe im Rücken nicht schon auf den ersten Kilometern vom Rücken geschüttelt, würde sie sicher spätestens jetzt Reißaus nehmen. Kurz vor dem höchsten Punkt kommen die Zeitmessung beim fünfundzwanzigsten Kilometer und gleich danach die Weiche. Wer rechts einspurt, ist im Ziel, für Linksabzweiger ist die Hälfte um. In der barocken Wallfahrts- und Pfarrkirche St. Maria wird das Seelenwohl gepflegt, vor dieser Kulisse wird für mein körperliches Wohlergehen und damit auch für mein mentales gesorgt.

Bestens versorgt nehme ich den erneuten Abstieg nach Rechberg in Angriff. Der geteerte Fußweg ist der anspruchsvollste Streckenteil des heutigen Tages, denn das im Wald gelegene Wegstück ist stark bemoost. In Erinnerung an die veralgte Holzbrücke beim Défi du Jubilé und dem danach periskopisch verbogenen Objektiv der Kamera lasse ich es nur sehr verhalten rollen. Dabei finde ich Zeit, bei zwei Mitlaufenden nachzufragen, ob meine Einschätzung, dass jetzt etwa zwei Drittel der Höhenmeter überwunden sind, meinem Wunschdenken oder den Tatsachen entspricht. „Das kommt so hin“, werde ich bestätigt. Gut, dann nehmen wir als Beginn des letzten Drittels den Stuifen in Angriff. Der ist nämlich gar nicht mehr so weit entfernt. Am Dorfausgang folgen wir noch ein kurzes  Stück der Landesstraße bevor wir uns auf sanfter Steigung dem Fuß des dritten Kaiserbergs nähern. Wie er so unbebaut und bewaldet in der Landschaft steht, macht er gar nicht den Eindruck, dass er der höchste dieser drei Zeugenberge ist. Es ist auch kaum zu glauben, dass er bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts eine Heidelandschaft war und erst dann durch Aufforstung langsam sein heutiges Aussehen bekam.

Auf der Nordseite wird die Umrundung mit wenig Anstieg begonnen, auf der Ostseite gibt es dann einen schönen Trail-Anstieg, um dann auf der Südseite wieder dort abzusteigen, wo drei Kilometer vorher die Bezwingung ihren Ausgang genommen hat. Mir wird es fast ein bisschen unheimlich, wie schnell die Kilometerschilder aufeinander folgen und wie locker ich mich anfangs der Dreißiger noch fühle. Wir brauchen keinen Vermittler: Die kaiserlichen Höhen und der Demokrat verstehen sich bestens.

Ich weiß, dass jetzt nur noch eine nennenswerte Steigung bevorsteht. Zum Glück weiß ich nicht, dass der Weg dorthin und zurück vor allem eine mentale Herausforderung ist. Mit Beginn der Teerstraße nach Tannweiler fängt auch eine Begegnungsstrecke an. Wie mir die ersten Läufer entgegenkommen, weiß ich noch nicht, wie viel weiter sie schon sind als ich. Das ändert sich beim Kilometerschild 33, welchem wenige Meter später am anderen Straßenrand das der Gegenrichtung folgt. Bis ich an diesem vorbeikommen werde, habe ich drei Kilometer mehr in den Beinen…

Erstaunlicherweise motiviert mich das erst recht, langsam zu den Vorderleuten aufzuschließen oder es mindestens zu versuchen. Bis zur Abzweigung zum kurzen Weg zur Reiterleskapelle hoch gelingt mir das auch und ich nehme den Schwung in das Steilstück mit. Das Rechbergle muss nicht ganz erklommen werden, darf aber auch nicht auf direktem Weg umrundet werden. Es gibt noch eine kurze Begegnungsstrecke zu einem Wendepunkt mit Zeitmessung bei Kilometer 35. Erst dann geht es wieder hinunter auf die Teerstraße. Bevor ich wieder auf dieser Begegnungsstrecke bin, kann ich nochmals meine Speicher mit Cola, Wasser und Toastbrot füllen. Andere Angebote – auch Haferschleim – schlage ich dankend aus.

Beim Verlassen der Begegnungsstrecke erfolgt wieder ein Wechsel auf einen Wirtschaftsweg. Bald schon geht es im Wald in weiten Serpentinen hinunter in Richtung Waldstetten. Dass es bei diesem Gefälle fast von alleine läuft, beflügelt mich zusätzlich. Ich habe den Eindruck, dass ich recht flott unterwegs bin. Das Gefühl täuscht nicht, denn es gelingt mir, wieder zu Bernd und Lenny aufzuschließen. Vor dem ersten Kaiserberg trug Lenny noch einen Apfel in der Schnauze, das war vermutlich die Vorspeise. In der Zwischenzeit ist er bei der Zigarre nach dem Nachtisch angelangt. Wie eine Cohiba hält er einen riesigen Tannzapfen zwischen den Zähnen. Dabei läuft er immer noch mit gleichem Elan mit.

Eingangs Waldstetten liegen schon vierzig Kilometer hinter mir und mit der bekannten Stärkung vom Verpflegungsstand sichere ich mir die Form für das letzte Fünftel. Der erneute Anstieg am anderen Ende des Dorfes lässt mich kurz schlucken, kann mich aber nicht brechen. Bei der Marathonmarke zwischen Waldstetten und Straßdorf gibt es links nochmals einen schönen Ausblick auf den Rechberg. Von Straßdorf selbst bekommen wir nicht viel zu sehen. Gleich beim Dorfeingang wechseln wir die Straßenseite und bekommen eine Wegzehrung für die bevorstehenden eisenbahngeschichtlichen Kilometer. Der Radweg, auf welchem wir nach Schwäbisch Gmünd zurückkehren, ist auf der ehemaligen Trasse der Hohenstaufenbahn gebaut und bei Freizeitsportlern mit Rad und Inline Skates sehr beliebt. Vermutlich beliebter als bei den Albmarathonis. Die letzten Kilometer darauf ziehen sich dahin, wenigstens mit der Grundtendenz des Abbaus von Höhenmetern.

Das Stadtzentrum scheint zum Greifen nah, doch sind es immer noch vier Kilometer bis zum Ziel. Bis hinunter zur Rems, da wo früher die Hohenstaufenbahn auf die andere Seite wechselte, sind es zwei Kilometer. Dort kann man ein letztes Mal verpflegen und dann geht es der Rems entlang weiter ins Zentrum. Am Stadtgarten beim Congress Centrum  schalte ich noch einen Fotohalt ein, um das hübsche Rokoko-Schlösschen festzuhalten. Jetzt geht es noch ein paar Stufen – für die müden Läufer auffällig mit Farbe markiert - hoch zur Straße, um den Fünfknopfturm herum und auf die Bocksgasse. Diese Fußgängerzone und Einkaufsstraße ist zwar nicht ganz gerade, ist aber die Zielgerade, welche zum Zielbogen beim Chor der Johanniskirche führt.

 

Im Ziel
 

 

Ich werde mit Namen angekündigt, umgehend mit einer individuell für diesen Anlass gefertigten Medaille gekürt und eine junge Helferin fragt mich ganz nett, ob sie mir das Klettband mit dem Zeitnehmerchip vom Knöchel lösen dürfe. Wie wenn ich gegen etwas gegen so viel Freundlichkeit und fürstlichen Service haben könnte. Danach werde ich mit Zielverpflegung versorgt. Besonders ein Stand etwas weiter vorne tut es mir besonders an: der mit dem Bleifreien. Ich lass es mir schmecken und mache mich mit einem Becher in der Hand auf den Weg zurück zur Sporthalle, wo richtig warme Duschen auf uns warten. Wem dieser Fußweg dorthin nach 50 Kilometern Laufen zu anstrengend ist, darf gerne den Shuttlebus in Anspruch nehmen. Wahrlich, auch zum Abschluss ein königlicher Service.

Den Ausflug des Demokraten auf die kaiserlichen Höhen kann ich rundum als Erfolg bezeichnen. Wenn Demokraten unterschiedlicher Ausrichtung so gut zusammen funktionieren, nennen sie es Konkordanz. Als Läufer sage ich einfach: „Da komme ich gerne wieder!“

Siegerliste 50 km
Männer

1  WIESER, Jürgen SVO LA Germaringen GER 3:28:33
2  SCHUMACHER, Richard AST Süßen GER  3:31:59
3  ZIMMERMANN, Achim SV Mindelzell GER  3:39:18

Frauen

1  FREY, Dorothea Ek Schwaikheim GER  3:47:45
2  BRAUN, Marion SV Germania Eicherscheid GER  4:32:36
3  BITZER, Susanne SC Hechingen GER  4:33:16

12
 
 

Informationen: Sparkassen Alb Marathon
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