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Laufberichte

Ring frei für neun Runden!

 

Besorgt meldet sich per Funk der Boß unseres Rennstalls: „Wolfgang, hast Du die Slicks aufgezogen?“. Erschrocken prüfe ich, ob die Mechaniker ihrem Job nachgekommen sind. Ich hebe die Füße und stelle fest: Meine Schuhe (die mit der dicken Sohle) sind, genauso wie ihr Träger, vollkommen profillos. Beruhigt melde ich Vollzug und begebe mich in die Startaufstellung. Ob ich in den Kampf um die Punkte werde eingreifen können, ist völlig offen, zumindest jedoch in der Konstrukteurswertung ist unser oranges Team nicht chancenlos. Die Pole Position hat sich allerdings leider eine andere Mannschaft gesichert.

Dreimal war ich schon auf dem legendären Nürburgring unterwegs gewesen. Grand Prix-Kurs plus Nordschleife, 24,4 begeisternde km mit einer Steilwandkurve und vielen Höhenmetern, das hatte was. Betonung auf „hatte“, denn der Lauf wurde vor einigen Jahren bereits zum zweiten Mal eingestellt. Wenn sich einem dann die Gelegenheit bietet, mit überschaubarem Aufwand erneut einen Formel 1-Kurs abzuwackeln, sollte man diese wahrnehmen. Nach guten zwei Stunden Anfahrt komme ich auf der riesigen Anlage an, das Motodrom ist mein Ziel. Parkplätze gibt es reichlich, die Startnummernausgabe ist nur wenige Meter entfernt. Schön ist es wie immer, unverhofft nette Bekannte zu treffen: Rob in seinem Nadelstreifen-Ganzkörperkondom ist vor Ort, Ralf, der Organisator zahlreicher 100 MC-Null-Euro-Läufe, Georg von den Rheinsteig-Erlebnisläufen, Uli vom 100 MC – man kennt und schätzt sich.

 

 

4,4 km beträgt die heute neunmal zu bewältigende Rundenlänge. Wer rechnen kann, stellt schnell fest, daß da ein paar Meter zum Soll fehlen, daher erfolgt der Start 2,6 km vor der Original-Start- und Ziellinie entfernt. 1,5 km misst der verkürzte Hinweg. Sehr gut ist die Möglichkeit, noch seine Wärmejacke abgeben zu können. Dank nummerierter Bändchen werden wir die Teile nach dem Lauf bei der dann ehemaligen Startnummernausgabe wiederfinden. Massenstart ist allerdings nicht. Der jeweiligen Startnummer entsprechend sollen die Läufer in der Reihenfolge alle 5 Sekunden einzeln starten. Warum das so ist, erschließt sich mir allerdings nicht, Corona sollte es doch eigentlich nicht mehr erfordern. Wie auch immer, die 197 bedeutet für mich, um 10:19:45 Uhr loszulaufen, wenn ich richtig gerechnet habe. Allerdings wird diese gedachte Reihenfolge von zahlreichen Mitstreitern bald über den Haufen geworfen, denn viele starten nach Gusto. Also beginne auch ich mein Tagwerk schließlich vorzeitig, nachdem ich mir das eine Weile angesehen habe.

Auf geht’s! In der ersten, der Ostkurve, kommt sofort die vollbesetzte Osttribüne in meinen Focus. Die Fans sind ob meiner Performance schier am Ausrasten, ich drehe mächtig auf, um ihren Ansprüchen zu genügen. Brutal ist das Herunterbremsen. Nicht weniger brutal ist auch die Rückkehr in die Realität, denn natürlich sitzt kein Mensch hoch oben und schaut auf uns herab. Sehr schön ist zum Trost, daß Zuschauer freien Eintritt haben und sich auf der Strecke verteilen können, so ist doch mehrfach unterwegs anerkennender Beifall gesichert. Das gleiche Bild auf der Südtribüne, an der wir allerdings nicht direkt vorbeikommen, hier scheint unsere Lauf- gegenüber der Fahrstrecke leicht verkürzt zu sein. Rechts grüßt, fast majestätisch, das Porsche Experience Center Hockenheimring.

 

 

Eine weitere große Fanmeile ist die folgende Sachskurve um das Motodrom herum, das wir Zweibeiner im Gegensatz zu den Boliden jedoch mit Vollgas nehmen können. Am Ende dieser Sachskuve steht auf Stelzen und als architektonisches Glanzlicht das futuristisch anmutende Baden-Württemberg Center. Mit hoher Geschwindigkeit flitzen wir auf die Südkurve zu, wieder ist heftiges Runterschalten angesagt, als es an der großen Tribüne vorbei auf die Start-/Zielgerade zugeht. Am Zielstrich wird heftig gekämpft. Und zwar gegen das Mikrophon. „Mist, gerade jetzt!“, knurzt Moderatoren-Urgestein Artur Schmidt, als ich zum Interview erscheine. Irgendwie will das Teil jetzt gerade nicht. Na, dann vielleicht später. Lange noch kann ich seiner Moderation folgen, an vielen Stellen des Kurses ist er zu hören.

Wenige Meter hinter ihm ist ein überzeugender VP aufgebaut, es gibt Wasser, Iso, Cola, Gel und bestimmt noch einiges andere. Darauf kann ich mich schon mal für später freuen. Nach der Nordkurve liegt eine lange Gerade vor uns, auf der ich feststelle, zu warm angezogen zu sein. Null Grad und vollständig bedeckten Himmel hat mir die ansonsten durchaus brauchbare Wetter-App prognostiziert, die Realität ist erfreulicherweise vollkommen anders: Schon zum Start etwa vier Grad und vor allem fast durchgehend Sonnenschein, und das wirklich während fast des kompletten Wettbewerbs. Glück gehabt! Nur Umziehen ist halt jetzt nicht mehr, lediglich das Öffnen der Jacke über dem dicken Wintershirt hilft etwas und das Ausziehen der Handschuhe. Na ja, wesentlich besser so als anders herum.

 

 

Auf dem Weg zur Parabolika, der wohl schärfsten Kurve des Hockenheimrings, nimmt die Personendichte rechts der Laufstrecke zu. Klar, jetzt erkenne ich den Startbereich des Halbmarathons. Hier wird bald sehr viel mehr gebacken sein, denn rund 850 Halbe werden zu den gut 200 Marathonern kommen und so für ein vierstelliges Finisherfeld sorgen. Auch und gerade hier ist Artur bestens zu vernehmen. Am Ende der Hochgeschwindigkeitsgeraden, an der die Formel 1-Boliden von 330 auf 75 km/h herunterbremsen, können wir in gehabtem Tempo weitermachen. Vorstellen kann man sich das Motorspektakel sehr gut. Dazu paßt, daß man echtes Motorengeräusch zu unserer Belustigung einspielt. Erst sehr viel später werde ich erkennen, daß dieses real ist und von der Porsche-Versuchsstrecke innerhalb des Rings stammt. Dann ist tatsächlich die erste Runde geschafft, denn ich habe unseren, jetzt verwaisten, ehemaligen Startkorridor erreicht. Direkt dahinter liegt der zweite, kleine VP mit Aqua naturale und auch hier strahlenden Helfergesichtern. Ein Papa mit Babyjogger befindet sich auf der Strecke. Gut, daß man ihn teilnehmen lässt, denn die breiten Spuren ließen tausende Teilnehmer zu.

Hinter der Sachskurve erwische ich sie zum ersten Mal die beiden Barfußläufer. Optisch scheint die braungebrannte weibliche Hälfte des Duos tatsächlich aus Brasilien zu stammen, wie ihr Shirt vermuten lässt. 507 km/h, was der Streckenrekord eines Dragsters (hinten Renn-, vorne Kinderwagen) sein soll, schaffe ich zwar nicht, bin aber mit einem knappen Sechserschnitt für meine Verhältnisse bisher angesichts der Streckenlänge recht zügig unterwegs. Noch fühlt es sich aber gut an, auch wenn ich dem Braten nicht so recht traue. Wirklich viel und vor allem vernünftig trainiert habe ich seit meinem letzten langen Lauf nicht. Wirklich nicht. Ralf kommt zum ersten Mal von hinten herangerauscht, auch er ist angesichts seines Zeitziels („Na ja, auf jeden Fall unter vier Stunden“) deutlich zügiger unterwegs, eine spätere 3:30 Std. der Lohn der Mühe. Am Halbmarathonstart ist es inzwischen losgegangen. Ein durchaus sehenswertes Teilnehmerfeld tröpfelt auf den Kurs, denn auch hier hat man sich für einen Einzelstart im Fünf-Sekunden-Abstand entschieden.

Nicht nur auf die Knie gegangen ist er, nein, vollständig flach fängt unser langjähriger Freund und Begleiter, der Sportfotograf Norbert Wilhelmi, ein zweites Urgestein, die startenden Halblinge ein. Vier Runden plus Anlauf lautet deren heutige Aufgabe auf diesem Traditionskurs.

 

 

 

Die ursprüngliche Strecke war 1932 innerhalb von nur drei Monaten als etwa 12 km langer Dreieckskurs auf den unbefestigten Waldwegen im Hardtwald angelegt worden, unter anderem als Teststrecke für Mercedes-Benz. Am 18. März 1938 begannen die Bauarbeiten für die Verkürzung auf 7,725 km.  Beim Eröffnungsrennen für Motorräder 1932 wurden bereits 60.000 Zuschauer gezählt. Schon am 11. Mai 1947 wurde das allererste Rundstreckenrennen Deutschlands nach dem Krieg vor 200.000 Zuschauern gestartet. Knapp ein Jahr später am 8./9. Mai 1948 besuchten bereits 310.000 zahlende Zuschauer das Jubiläumsrennen. Der Formel-1-Zirkus machte 1970 erstmals Station in Hockenheim, Sieger war der später tödlich verunglückte Jochen Rindt. Auf mehrfach veränderter Strecke fand 2019 das vorerst letzte Formel 1-Rennen vor 120.000 Fans statt.

Mit den Halbmarathonern hat sich das Feld deutlich vergrößert, es gibt jede Menge mehr zu beobachten und zu entdecken. Eine Sache hat schon bald durchschlagende Wirkung: Die kalten Getränke, denn die vertrage ich nicht gut. Erstens hindert mich die Temperatur am zügigen Trinken, zweitens sind meine Innereien nur bedingt begeistert und melden sich. Also ab ins Dixi, von denen ausreichend viele zur Verfügung stehen. Ein Boxenstop bei der DTM dauert sieben Sekunden, wie ich lerne, meiner etwas länger.

Wieder unterwegs ist Artur beschäftigt, daher wird unser Date weiter nach hinten verlegt. Bis zum Ende begleitet uns jetzt ein weiblicher Fan mit dem inzwischen auch bei uns angekommenen Schild „Tap here to power up!“ Interessant ist auch so manches Detail der Strecke zu registrieren: Die Kiesbette, Sicherheitseinrichtungen, Reifenstapel, etc., was Du halt nur auf einer echten Rennstrecke geboten bekommst. So vergeht eine Runde nach der anderen, für die Kimi Raikkönen dereinst 1:31 min. benötigte. Zugegeben, ganz so schnell bin ich nicht, auch wenn ich nicht nachlasse. Das Wetter tut sein Übriges, sehr freundlich lacht die Sonne vom Firmament und ist durchaus noch in der Lage zu wärmen.

Auf der Schlussgeraden ist der Zieleinlauf inzwischen geöffnet, die ersten Halblinge haben ihre heutige Aufgabe längst beendet. Halbzeit ist bei etwa 2:04 Std., da ist zu meinen mittlerweile üblichen viereinhalb Stunden noch reichlich Luft, was ja immer enorm beruhigt. Wer will schon mit einem DNF heimkommen? Artur begrüßt inzwischen fast jeden Ankömmling. Wo der Mann mit seinen inzwischen 76 Lenzen die Energie hernimmt, bleibt sein Geheimnis. „So, der Schmidt ist jetzt mal eine Minute ruhig!“, habe ich ihn noch immer im Ohr. Diese Minute war nach kaum fünf Sekunden wieder vorbei, weil ihm erneut ein Anekdötchen aus grauer Vorzeit eingefallen ist, als unsere Vorgänger noch im Netzhemd unterwegs waren und wir mit der Blechtrommel den Weihnachtsbaum umrundeten. Km 25 geht vorbei, 30 und 35 ebenso. Uli überrunde ich, selbst an Rob ziehe ich heute vorbei. „Du bist gut unterwegs!“ Scheint so. Zu meiner vermuteten Brasilianerin hat sich mittlerweile ein weiterer Läufer auf Naturslicks gesellt, alle sind noch fröhlich drauf, ein Reifenwechsel scheint also nicht erforderlich zu sein.

 

 

Km 40 ist erreicht, längst habe ich meine Erwartungshaltung bzgl. der Zielzeit nach oben geschraubt. Gute elf Minuten habe ich noch, um unter 4:10 Std. zu bleiben. Puh – angehen oder bleiben lassen? Angehen. Wer weiß, ob die Gelegenheit so schnell nochmal kommt. Also nehme ich die Beine in die Hand und fliege vergleichsweise. Schön, daß ein glatter Fünferschnitt zu diesem Zeitpunkt noch geht. Sauknapp ist es, die letzte Kurve, die Streckenteilung, der Einlaufkanal. Uff, mehr geht wirklich nicht. Ich sehe den Kollegen mit der schwarz-weiß karierten Zielflagge, der jeden Ankömmling stilecht abwinkt, schließlich auch mich. Heidewitzka, das war mit 4:09:36 Std. eng, aber erfolgreich. Zufrieden lasse ich mich mit der Medaille dekorieren, gebe Artur ein Interview und widme mich hingebungsvoll der reichhaltigen Zielverpflegung.

Derart wiederhergestellt, empfange ich meine am Start abgegebene Wärmejacke und bin dank kürzester Wege ruckzuck wieder am Auto, mit dem ich mich gesittet, und eben nicht Formel 1-mäßig, auf den Heimweg begebe. Zuhause erwarten mich dann drei heutige Geburtstagskinder auf der gemeinsamen Feier. Gleich mehrfach Glück gehabt habe ich heute: Für Ende November Bombenwetter, eine höchst ungewöhnliche Laufstrecke, perfekte Organisation, gute Verpflegung und eine ebensolche körperliche Verfassung. Es passte alles. Läuferherz, was willst Du mehr?

 

Streckenbeschreibung:

4,4 km flacher Rundkurs (9 Runden plus Anlauf), Zeitlimit 6:00 Std. ab dem ersten Start.

Startgebühr:

Je nach Anmeldezeitpunkt 79 – 89 €.

Weitere Veranstaltungen:

Halbmarathon (4 Runden plus Anlauf).

Streckenversorgung:

Wasser auf der Hälfte, Vollversorgung hinter Start/Ziel.

Auszeichnung:

Medaille. Gravurmöglichkeit gegen Bezahlung.

Leistungen/Logistik:

Alles nah und bestens beieinander, reichhaltiger Platz.

Zuschauer:

Erstaunlich viele Fans an der Strecke.

 

 

Informationen: Ring Running Series
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