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Laufberichte

Wann explodiert der Harz?

04.08.12
Autor: Joe Kelbel

Hier ist die beste Verpflegungsstation, betrieben vom Hotel Habichtstein. Alle Verpflegungsstationen werden privat betrieben, alle haben enorm aufgerüstet. Ich werde heute keine negative Kalorienbilanz haben. Der Chef des Hotels Habichtstein erkennt mich auch nach drei Jahren noch. Er ist grau geworden, ich langsam.

Überschwänglich werde ich begrüßt. Mein Artikel 2009 sei der Knaller gewesen, hätte den Durchbruch gebracht. Viele Gäste hätten ihn deswegen angesprochen und Läufer wüssten, dass hier der beste VP ist. Ich schau auf die Uhr. Um 10 starten die Marathonis, d.h. ich habe 15 Minuten Zeit, hier am VP mich mit Harzer Salami, Früchten, Schmalzbroten und Getränkeauswahl aufzumöblen und Schwätzchen zu halten. Das ist mein Lauf, ich habe alle Zeit der Welt und kann genießen. Ich bin Tourist, möchte die Landschaft in meiner Geschwindigkeit erleben und die wunderbar harzig duftende Luft des Harzes einsaugen.

Dann wechselt die Landschaft, es geht hinauf auf den Klippenweg. Den wenigen Wanderern, die ich überhole rufe ich zu, sie sollen ja keinen mehr vorbeilassen. Was für Vollidioten, hören nicht auf meine Befehle! Wenig später stürmen die Marathonläufer den Trail hinauf.

Das ist heute nicht mein Tag, auch nicht mit fantasievollen Mittelchen. Deswegen mache ich an den zahlreichen Aussichtspunkten und Gedenksteinen gerne eine Fotopause. Am Alexiskreuz mit Blick auf den Brocken sende ich einen letzten Gruß an Mathis aus Göttingen, der im Alter von 20 Jahren den Trail, den wir alle irgendwann alleine gehen müssen, viel zu früh laufen musste.

Hinter dem Friedensdenkmal in dem alten Hohlweg bestaune ich die mittelalterlichen Fahrspuren im Felsen. Das sind Laufsehenswürdigkeiten, die ich mag. Dann kommt dieser Felstunnel, der auch ganz nett ist, jedoch 800 Jahre jünger.

Der Helenestollen wurde 1822 stillgelegt, man wollte das Grundwasser für den Kurbetrieb nutzen, aber Kupfer und Pyrit machen das Wasser nicht gerade einladend. Ich mag diese alten Wege durch Stollen und Höhlen, über steile Wege und steinige Abhänge, sonnige, trockene Aussichtspunkte und Erinnerungen an alte Zeiten, die vielleicht auch schön waren.

Das Drahtziehwerk (1769) wird jetzt als Revierförsterei genutzt. Witzig, denn der Ort heißt Drahtzug.

Mägdesprung km 30, vor dem alten Fabrikgelände Carlswerk versperrt ein VP den Eingang. Kein Hindernis für mich. Also rein, Eintrittsgeld zahl ich nicht, denn der Leser will informiert sein. Geil! Diese Maschinen der Mägdesprunger Eisenhüttenwerke, die funktionieren noch und begeistern mich. “Laufen die mit Wasserkraft?” frage ich den Mann vom VP. “Früher ja, jetzt mit Strom, doch den haben die uns abgestellt.” Klar, ich laufe ja auch nicht mehr mit Strom- oder Wasserkraft!

Dann verlasse ich diese wundersame Halle ein wenig wehmütig, denn ich liebe die Geschichten der gewaltigen Maschinen. Ich habe Respekt vor unseren Vorfahren, die mit ihren Ideen Grundsteine gelegt haben.

Abermals wechselt das Aussehen der Landschaft, jetzt lieblich romantisches Plätschern der Selke. Wir kommen zum Ort Stahlhammer (1787-1902), dort  wurden Äxte, Pflugscharen und Sensen hergestellt. Die Wassergräben für den Stahlhammer sind noch deutlich sichtbar, hier ist der Schwefelstollen. Zwischen Pyrit und Blei fand man das Silbererz. Es gibt wenige Orte in Deutschland, an denen das Silbererz in sogenannter “gediegener Form” gefunden wird, also kristallin. Seit 1810 wird das  Wasser dieses Stollen  für den Kurbetrieb genutzt, für die Rentner.

Der Lauf hier entlang der Selke ist mein Ein und Alles. Bin allein. Links plätschert dieser urige Fluss mit all seinen reichen tierischen Inhalten. Die plätschernde Melodie des Flusses ist wie die Endlosschleife in der 90 Grad Sauna. Ich liege schwitzend auf dem Rücken, natürlich ein weißes Handtuch über Lauf- und sonstigen Werkzeugen.  Oder wie in der Schulzeit: Bedrich Smetana: “die Moldau”, damals nicht gemocht, jetzt gefühlsmäßig angekommen, so wie die liebliche Selke nun ihr fröhliches Lied unter sattem Grün zwitschert, unsichtbare Singvögel ihr Revier verteidigen und wir an steilen Schieferfelsen unseren Weg meistern, als Läufer angekommen, Laufen ist  Entspannung und Frieden, Kultur, die wir vergessen haben, ohne Endlosschleife, einfach noch anwesend in dieser Welt, einfach glücklich machend, auch ohne Abo, einfach wieder eine andere Laufwelt, einfach klasse!

Über den ersten bis vierten Hammer, alles ehemalige Mägdesprunger Hüttenorte, führt uns der Weg zur Selkemühle. Vierter Hammer km 33, es ist der Friedrichshammer (Friedrich Albrecht von Anhalt, 1797-1858).  Hier wurden Bleche hergestellt. Über uns die Burg der Anhalts. An Holts = ohne Holz, so wurde die Burg gebaut. Wir laufen im Tal der Selke, acht Kilometer entlang dem Fluss, durch Alleen aus Laubbäumen. Auffällig, dass hier noch die Kastanienbäume von der Moniermotte geplagt werden, während bei uns im Süden die Meisen schon längst jede Raupe von den Blättern schmatzen. Burg Falkenstein über uns, nur kurz zu sehen, aber ein Traum aus dem 12. Jahrhundert. Hier wurde deutsche Rechtsgeschichte geschrieben, als Eike von Repgow das bis dahin mündlich überlieferte Recht der Sachsen zwischen 1221 und 1235 aufgeschrieben hat- den Sachsenspiegel.

Die Landschaft wechselt abermals, flach, mit Wiesen, Schlössern, Parks und Fitnessanlagen.

Was mich dann von den Socken haut, ist die Begräbnisstätte der Grafen von Asseburg. So was hätte ich auch gerne für meinen dicken Schädel, wenn ich ihn nicht mehr halten kann. Auch der Graf von der Assenburg war Österreicher, so wie ich irgendwie, halbwegs, irgendwann, also meine Vorfahren. Er war Besitzer von Schloss Meisdorf und hat sich hier ein wahrlich cooles Bett im Felsen für sich und seine Nachfahren geschaffen. Nun kümmert es niemanden mehr, der Eingang ist vergittert und dahinter befindet sich uraltes Leergut und alte Lagerfeuerreste.

Meisdorf km 45, das Schloss, hinten 3 Sterne, vorne auf den Terrassen 4, finde ich gut, holländischer Investor. Hier war der Start des Halbmarathons, der natürlich mehr km als üblich hat. Auch Konradsburg wäre erwähnenswert, doch nun treffe ich auf Stevie. 590 km ist er letzten Monat gelaufen, der Vollidiot, Wettkampfkilometer wohlbermerkt. Ob er noch Spaß am Laufen hat? Sagen wir mal so: Laufen ist die eine natürliche Bewegungsform, mit Erlebnisfaktor. Sehr viel langsamer, als manche sich vorstellen, aber immerhin schneller als eine Wanderung, ausdauernder und mit sehr viel Abenteuer verbunden. Mit gehörigem Respekt und Abstand überhole ich meinen lieben Ultrafreund, für den Dusche ein Fremdwort ist. Und doch erklimmen wir beide in trauter Kameradschaft gemeinsam die Halde des historischen Kohlebergbaus.

Vor der Teufelsmauer die Dromedare des Zirkus. An der Lungenklinik werde ich unerwartet schnell, ein vielstimmiges Geröhre aus offenen Fenstern treibt mich zur Eile

Ballenstedt km 51,  Schlosspark Ballenstedt und natürlich die Rammelsburg, zu der jeder Leser gerne nähere Infos hätte. “Zur Zeit wird die Rammelsburg nicht aktiv genutzt” heißt es in der Broschüre. Blöd, liegt an den Rentnern! Da sind jetzt die Ultras gefragt, die uralte Traditionen und mehr hoch halten könnten. Vielleicht komme ich mal darauf zurück.

Auf der Staumauer sitzen fünf ältere, gut aussehende Herrschaften und genießen den Blick über den stillen See. Stop. Smalltalk, ich erkläre, was wir hier machen.

Dann endlich das Naturschwimmbad - das ist ein Traum. Soll ich jetzt meine Schuhe ausziehen und baden gehen? “Joe Kelbel!” Ich bin so erstaunt dass er mich kennt, dass ich nicht nach seinem Namen frage. Er wäre gerne mitgelaufen, doch er hat seit dem Rennsteig Probleme. “Mach bisschen Stimmung für ein Foto!” sage ich, und so habe ich ihn in meinem Laufbericht.

Direkt am Schwimmbad ist die Grube Osterberg. Die Legende berichtet von reichen Erzen und einem Kristallberg (1037). Kaiser Lothar, wer auch immer das war, hat hier höchstpersönlich den Abbau überwacht. Die Sollen sind verfallen, doch könnte man, wenn man wollte …  nee, Leute, das wäre schon sehr wagemutig.

“Gerröder Glückshafen, Goldener Bär, Höfliche Zeche, Himmlischer Segen und Getreuer Löwe” so heißen die Löcher hier, die auf etwa 15 Meter Tiefe auf Grundwasser stoßen und deswegen nicht mehr ausgebeutet werden. Vor 400 Jahren hatte man die Förderung der Erze eingestellt, vor 400 Jahren waren die Erzpreise anders.

Ganz anders auch jetzt der Aufstieg in den hohen Wald, vorbei an uralten, selbstgezimmerten Häusern mit urigen Hintergärten. Diese DDR-Ruine, nach ewigen Schafsweiden, lange gähnende, schwarze Fenster, und vorne dieser runde Vorbau. Hätte gerne Infos über diese Gebäude, muss was Großes gewesen sein. 

Lauf oberhalb von Osterode, dann Bad Suderode. Jetzt fängt die öde Strecke an. Aber das hat jeder Lauf irgendwo, irgendwann. Vielleicht sind es nur noch fünf oder sechs Kilometer, mir ist alles egal, da muss man halt durch.

Ich  weiß, wie dieser Lauf entstanden ist. Es ist ein Lauf aus dem Herzen, ein Lauf der Leute, die uns ihre Heimat zeigen wollen. Ich hab zwar die Leberpastete des Starterpaketes direkt am Start inhaliert, doch  eigentlich geht es um das nüchterne  Durchatmen in einer freien Natur mit harziger Luft, ohne Laufstress. Es ist die Entspanntheit der Endlosschleife in deinem eigenen Schweiß. “Ich will es!”

Die Idee des i-Tüpfelchen schließlich stammt von der Organisation. Der neue Bürgermeister will es auch, wir alle wollen es! Wir schreien danach, und kümmern uns nicht um eventuelle Kosten oder  politische Querelen! Dann verlangt doch 30 Euro, 31 - 31,50 - 31, 25  oder 31,30! Wir wollen Quedlinburg, wir wollen Weltkulturerbe!

Gebt uns unser i -Tüpfelchen! Macht es schnell! Es sind nur wenige Kilometerchen mehr! Gebt uns unseren Zieleinlauf im Weltkulturerbe Quedlinburg, gebt uns unseren Zieleinlauf auf dem Finkenherd, wo Deutschland geboren wurde! Gebt uns die Gelegenheit, Euren Harz mit unsere Anwesenheit zu sprengen! Ich verspreche Euch, alle Läufer und der gesamte Harz werden explodieren! Der Ottonenlauf hat es verdient!

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Informationen: Ottonenlauf
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