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Laufberichte

In der Hitze der Nacht

19.07.14 Night 52
 

Der nächste Ort heißt Nußbaum und liegt wie ausgestorben da. Es ist Abendbrotzeit und die Temperaturen sind immer noch nicht gefallen. Wir laufen ein Stück durch das gepflegte Dorf. Dann geht es bergauf an der Kirche vorbei. Vor einem der letzten Häuser steht ein älteres Ehepaar. Der Mann hat seinen Gartenschlauch angeschlossen und bietet großzügig Wasser an. Norbert tränkt seinen Schwamm, ich lasse mich ganzkörperduschen und Marion, die locker wie immer zu uns aufläuft, nutzt ebenfalls den selbstlosen Service.

Nun geht es zu dritt weiter. Vor uns Felder, so weit das Auge reicht. Hier treiben Bremsen, dieses lästige Stechgetier, ihr Unwesen. Immer wieder finden sie den Weg auf ungeschützte Läuferarme und Beine. Auch Shirts scheinen sie nicht abzuschrecken. In der Ferne winkt der schattige Wald. Gerade erreichen wir das grüne Blätterdach, da ist der Serviceradler wieder da. Wasser aus seiner Flasche wird zur herrlichen Dusche. So lässt es sich aushalten.

Die Freude währt kurz. Zu schnell ist der Wald zu Ende und eine weitere Feldpassage liegt im gleißenden Sonnenlicht vor uns. Am Horizont sind Häuser zu erkennen. Das könnte schon Bauschlott sein, der Ort mit dem nächsten VP. Zunächst geht es aber steil bergab und dann wieder hinauf. Wir hören von weitem einen Sprecher und sind guter Hoffnung. Leider sagt das Ortsschild „Göbrichen“. Hier ist keine VP vorgesehen. Es geht über eine Straße und auf einen stark befahrenen Parkplatz. Die Hitze scheint den Autofahrern auch nicht gut zu tun. Alles ist etwas unkoordiniert hier. Den Blick auf die Pfeile am Boden gerichtet, erwischen wir trotz Verkehrschaos den richtigen Feldweg. Der Sprecher gehört wohl zu einem Fußballspiel und bald ist von ihm nichts mehr zu hören.

Dafür kommen bereits die nächsten Häuser in Sicht. Das ist tatsächlich Bauschlott. Mit Spannung erwarten wir nun die VP. Dort vorne sind Leute auf der Straße. Tatsächlich ist hier eine Familie damit beschäftigt, Schwämme an die Läufer auszuteilen. Wir nutzen sofort diese Kühlmöglichkeit. Dazu gibt es noch eine Dusche aus dem Rasensprenger. Anstatt der VP kommt erst mal das km 15 Schild. Hinter dem Sportplatz verlassen wir den Ort, es geht links zu einem Bauernhof, jedoch an dessen Einfahrt vorbei. Dann hinter Bäumen versteckt kommt jetzt endlich die VP auf dem Gelände des Auenhofs. Diese anerkannte Werkstatt für Menschen mit Behinderung (WfbM) bietet im ländlichen Ambiente vollstationäre Wohngruppen, ambulant betreutes Wohnen, Arbeitsplätze in unterschiedlichen internen Werkstätten, sowie die Betreuung auf Außenarbeitsplätzen an.

Wir werden mit Applaus begrüßt und stürzen uns sofort auf den reich gedeckten Tisch. Ich versuche Hefekuchen, den ich in die Cola tunke. Dann noch die Mütze mehrmals in die Wasserwanne, Wasser über den Kopf und kurz unter den Rasensprenger. Für den Moment fühle ich mich fitter. Ein heißer Gegenwind bildet zusammen mit den nassen Klamotten so etwas wie Kühlung. Nach etwa 10 Minuten sind die Kleider aber trocken und es ist heiß wie zuvor. Dazu scheint hier eine weitere Bremsenhorde auf Opfer zu lauern. Norbert mögen sie lieber; ich werde verschont, während er sich kaum retten kann.

Es geht bergab. Wir erreichen die Böllstrichseen. Neben dem gastronomischen Angeboten kann man hier gegen eine Gebühr selbst Fische fangen. Der Parkplatz ist zwar voll, aber Angler sind keine da. Der große und kleine See liegen romantisch im Abendlicht. Die Schatten werden nun merklich länger. Vor dem Bahnhof von Kleinvillars überqueren wir auf einer Brücke Gleise und Straße. Unser Weg führt nun durch weite blühende Wiesen. Versteckt zwischen Bäumen fließt das Bächlein Salzach. Hier ist es richtig schön. Und das km 20 Schild hebt nochmals die Stimmung.
Hinter einer scharfen Linkskurve liegt der Aalkistensee. Der See ist durch eine natürliche Aufstauung der Salzach an einem Wall entstanden. Bereits im Jahr 1553 wurde der See unter dem Namen Unterefflinger See erwähnt. Der heutige Name des Sees geht auf eine Praxis der Mönche der Klöster Ölbronn-Dürrn und Maulbronn zurück. Sie bewahrten in dem See Aale in Kisten für die Fastenzeit auf. Der See hat überregionale Bedeutung als Brut- und Rastplatz gefährdeter und vom Aussterben bedrohter Vogelarten und ist Laichgewässer für Amphibien. Hier kann man zahlreiche Vogelarten beobachten, beispielsweise Blässhühner, Graureiher, Haubentaucher, Schwäne und Wildgänse.

Wir sind noch im Genuss des Sees versunken, da unterbricht lauter Maschinenlärm die Stimmung. Ein Traktor rangiert einen großen Anhänger mit Strohballen an die Seite. Er soll wohl abgeladen werden. Landwirtschaft und Naturschutz gehen hier Hand in Hand. Mutig suchen wir unseren Weg, immer den Fahrzeugführer im Blick. Dann geht es auch gleich steil bergauf, aber wir sind ja eh schon im Gehen. Wellig läuft es auch weiter. Musik liegt in der Luft. Hier wird wohl gefeiert. Für solche Anlässe ist die immer noch warme Sommernacht optimal. Es geht mal kurz durch den Wald, und dann länger auf einem Weg an der Straße entlang. Die nächste VP und gleichzeitig der Wechsel der Zweierstaffel finden wir vor Knittlingen. Hier fällt mir zum ersten Mal auf, dass die Helfer unsere Startnummer abhaken. Wichtiger ist natürlich essen und trinken. Einem Gespräch entnehme ich, dass es gleich bergauf gehen wird. Ich laufe schon mal los, in der Gewissheit, dass Norbert mich gleich einholen wird.

Vor mir ist eine Staffelläuferin in schnellem Schritt unterwegs. Sie ist eben losgelaufen und entsprechend frisch. Dafür muss ich mich nicht um die Orientierung kümmern. Schon von Weitem sehe ich, wo es hingeht. Durchs Wohngebiet von Knittlingen laufen wir bergauf. Noch vor dem km 25 Schild hat Norbert mich eingeholt. Wieder auf der Höhe, geht die Sonne unter. Fasziniert beobachten wir dieses Schauspiel. Wir sind ganz allein. Vor uns keiner; hinter uns keiner. Ganz schön romantisch. Völlig unsensibel informiert mich mein Mann, dass wir bei Halbdistanz fast schon 3 Stunden 30 unterwegs sind. Na, das wird für das Ziellimit von 7 Stunden nicht mehr reichen. Aber heute heißt es für mich sowieso nur: Ankommen. Und dafür sieht es gut aus.

Die ersten Weinberge kommen in Sicht. Ungefähr bei km 30 ist für heute aufgrund der Hitze eine zusätzliche VP eingerichtet. Die jungen Helfer sind gut drauf und versuchen, uns jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Im letzten Tageslicht ist der Weg noch gut zu erkennen. Erst im kurzen Waldstück werden meine Schritte auf dem unebenen Schotterweg unsicherer. Auf dem folgenden Asphalt geht es wieder besser.

Wir sind nun in den Weinbergen. Es geht stetig bergauf. Im Dunkeln können wir unter uns die Lichter eines Mähdreschers ausmachen, der noch bei der Arbeit ist. Hinter dem Wald hört man ein Feuerwerk. Minutenlang können wir den Böllern lauschen. Dann sind wir oben auf einem Aussichtsplatz, unter uns die Lichter verstreuter Ortschaften. Bergab bekomme ich massive Probleme, weil ich den Untergrund nicht mehr zweifelsfrei ausmachen kann. Hier heißt es langsam tun. Hinter uns können wir nun die Lichter der uns folgenden Läufer erkennen. Es wird Zeit, dass die nächste VP kommt und wir auch unsere Lampen aus dem Rucksack holen können.

In Großvillars sind die Gehwege bereits hochgeklappt. Wir erkennen im Schein der Straßenlaternen die langen Tische der VP. Mit Applaus werden wir begrüßt. Komisch, hier gibt es Wein und Bier, wo ist das Essen? Auf meine Nachfrage erklärt man mir, dass das gar keine VP ist. Aber so einem kühlen Bier wäre ich auch nicht abgeneigt. Sofort holt jemand eine Flasche aus der Kühlbox und füllt einen bereitgehaltenen Becher. Ich bin wohl nicht die erste, die hier anhält. Nach diesem kühlen Schluck geht es mir endgültig gut. Wir verabschieden uns. Hinter der nächsten Ecke ist dann aber wirklich die VP. Wir setzen unsere Stirnlampen auf.

Noch an weiteren Stellen hier im Ort sitzen die Menschen draußen und überall wird lautstark applaudiert. Am km 40 Schild schließt Volker zu uns auf. Gemeinsam laufen wir die nächsten Kilometer. Er wird später den Zieleinlauf mit seiner Frau genießen können, die im Moment noch weiter hinten läuft . Wir kommen nun zügig voran. Im Schein der Lampen laufe ich deutlich sicherer und die gruseligen Waldgeräusche sind nicht so schlimm. Plötzlich kommen zwei Lichter von vorne. Es ist nochmal unser Serviceradler, diesmal mit Begleitung. Er bietet uns eine zusätzliche Lampe an. Aber wir sind bestens versorgt und lehnen dankend ab.

Trotz Stirnlicht erkenne ich Steigungen und Gefälle nur am Laufgefühl. Wenn die Schritte schwer werden, geht es wohl bergauf. Auf dem Asphalt steht mit fluoreszierender Farbe: noch 200 m zur nächsten VP, dann sind es noch 100 m. Tatsächlich brandet tosender Applaus auf, als wir die Tische erreichen. Während des Laufens hatte ich das Gefühl, dass es kühler werden würde. Hier bei den Helfern ist es aber wieder richtig warm. Ich bin nun super gut drauf und genieße die letzte VP.

Wir machen uns wieder auf die Strecke. Laufen im Dunkeln hat seinen eigenen Reiz. Leider brauche ich die Lampe, sonst könnte ich die vielen Sterne über uns besser sehen. So laufen wir im Schein des Lichtkreises, wo die Umgebung unsichtbar ist und das Dasein auf 5 m Durchmesser schrumpft. Dazu kommt eine natürliche Nacht-Müdigkeit, obwohl man gleichzeitig hellwach ist. In diesem seltsamen Schwebezustand könnte ich stundenlang weiterlaufen.

Das weiße km 50 Schild steht einsam im Dunkeln. Komisch, auf den ersten Kilometern dachte ich wirklich, dass ich das heute nicht schaffen werde und nun sind wir fast im Ziel. Noch eine letzte Steigung und Bretten liegt wieder unter uns. Es geht bergab in den Ort hinein. Verkehr ist nun keiner mehr. Nur wenige Menschen sind noch auf dem Nachhauseweg. Durch das erwähnte Gottesackertor erreichen wir die Fußgängerzone. Ein paar Schleifen und der Sportplatzeingang ist erreicht. Kleine Bodenfackeln erleuchten den Weg und die Sportplatzrunde. Von Weitem hören wir bereits den Zieljubel für die Läufer vor uns. Dann haben wir es auch geschafft.

Mit herzlichem Applaus werden wir begrüßt. Trotz der späten Stunde ist das Fest noch in vollem Gange. Ein Helfer kommt und fragt, ob wir Maultaschen möchten. Nein, erst muss ich was trinken und dann sitzen. Von meinem Platz habe ich einen direkten Blick auf das Kuchenbüffett. Es gibt Torte! Gut, dass ich auf die Maultaschen verzichtet habe. In dieser gemütlichen Atmosphäre bleiben wir länger als üblich sitzen. Inzwischen sind die letzten Läufer wohlbehalten im Ziel.

Uns ist nun klar, warum alle von dem Lauf so begeistert sind: er ist einfach genial. Die Streckenlänge und -beschaffenheit auf Baby-Ultraniveau ist für Geübte jederzeit machbar und auch für Einsteiger geeignet. Der Wechsel zwischen Feldern, Wald, Seen und kleinen Ortschaften machen den Lauf kurzweilig. Das Verpflegungsangebot ist mit diversen Getränken, Melone, Hefekuchen, Nüssen, Salzstangen und Gels gut und bis zum Schluss verfügbar, die Zielverpflegung exzellent. Die kurzfristige Einrichtung einer zusätzlichen VP zeigt, dass das Orgateam sich seiner Verantwortung für die Läufer bewusst ist. Das Beste aber ist die Stimmung unterwegs. Vor allem an den hinteren Vps wurden wir herzlich begrüßt und zu unserer Leistung beglückwünscht. Der stimmungsvolle Zieleinlauf, im durch Fackeln beleuchteten Stadion, ist noch das Tüpfelchen auf dem i. Ich freue mich schon auf nächstes Jahr, vielleicht bei niedrigeren Temperaturen.

 

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Informationen: Night 52
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