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Laufberichte

Wo Schweiß golden glitzert

23.06.12


Noch 8 Kilometer


8 Kilometer Notenpapier verbrauchte Mozart für seine 626 Kompositionen. Eine davon ist die österreichische Bundeshymne (Land der Berge). Ab dem Gasthaus am Riedl führt die Strecke leicht abfallend entlang der Waldgrenze bis an ein altes verfallenes Gut.

Urkundlich erstmals 1272 erwähnt als "Gut unterm Nockstein bei Gukkental". Die Kirche zum Heiligen Kreuz und zur Heiligen Elisabeth bildet zusammen mit dem Brauhaus, einer Villa, einem Gasthaus und diversen Nebengebäuden ein geschichtliches Gesamtkunstwerk. Dazu noch die einzigartige Lage auf der Anhöhe und dem ausgezeichneten Blick über das Salzachtal und Salzburg. Wir laufen weiter bis in den Ortsteil „Gnigl“.


15:00 Uhr - 50 Kilometer


Wieder geht es auf schmalsten, schlammigen Trails bergab. Nichtsahnend stehe ich vor Stufen, die weit nach unten führen.

Stufen ohne Ende, in unregelmäßiger Anordnung. Außer Kay sieht zum Glück niemand, wie ich hier „hinuntereiere“. Wir erreichen den Stadtrand von Salzburg. Über eine Brücke überqueren wir die Bahngleise der Salzburg-Tiroler Bahn. Auf dieser Brücke kommen uns zwei Frauen entgegen. Ein junges Mädchen im Rollstuhl, ohne Arme und Beine beglückwünscht uns überschwänglich. Für mich der ergreifendste Moment der letzten Stunden.


15:30 Uhr - Prunkvoller Schlussakkord


Auch mit der Startnummer vor dem Bauch kannst du niemanden beeindrucken. Weder nach 54 Kilometern noch nach 100 Kilometern. In der Linzergasse, eine der Flaniermeilen im Stadtzentrum Salzburgs, heißt es: Sehen und gesehen werden.  Hunderte Salzburger und Gäste sind unterwegs. Das Lauf-Festival interessiert hier aber niemanden. Stehende Ovationen? Wo denkst du hin? Beifall? Auch nicht! Eher blaue Flecken.

Das permanente Ausweichen der gestressten Touristen ist absolut schweißtreibend, erfordert Ausdauer und sowohl körperliche wie geistige Beweglichkeit. Will man hier durch und  das  auch noch an einem sonnigen Samstagnachmittag, dann braucht man unbedingt vier Dinge: erstens Rhythmusgefühl, zweitens Körperspannung, drittens Kondition und viertens starke Nerven.

Am Giselakai ist die Salzach erreicht. Der Flusslauf verläuft in leichtem Bogen. Der Kapuzinerberg mit dem Kloster liegt in der Nachmittagssonne. Stefan Zweig erwarb 1919 hier seine „Villa Europa“. Gegenüber ragt auf gleicher Höhe majestätisch die Festung Hohensalzburg in die Höhe mit ihren Basteien, Bögen und Türmen. Das Klappern von Hufen dringt zu uns herüber, die Fiaker haben gut zu tun.

Ich sehe nur noch den roten Teppich und Mozart hebt seinen imaginären Taktstock um einen letzten Akkord anzustimmen. Eine Oper kann bekanntlich sehr, sehr lange dauern. Ich brauche nicht noch eine Runde als Zugabe und so schön das Ganze auch war: Irgendwann ist es genug und der Schlussapplaus kommt endlich wie eine Erlösung.

16:00 Uhr Mozartplatz. Mozart steht im gleißenden Licht der Sonne. Busladungen englischer, japanischer und deutscher Touristen. Jedes Verweilen verrät den Knipser, der Erinnerung digital speichert. Nur wenige 100 Kilometerläufer sind bereits im Ziel. Für die anderen wird der Epilog der Oper um ein paar Takte verlängert. 

Auch die Ausnahmeathletin Sharon Gayter ist im Ziel. Sie hält Rekorde wie „Sechs-Tage“  (750 km), den sie im März 2011 beim 7-Tage-Rennen beim Athens Ultramarathon Festival aufstellte. Obwohl sie am siebten Tag nicht mehr lief, gewann sie die Gesamtwertung überlegen. Heute lief die Engländerin, gestartet mit der Nummer 1, als zweite Frau ins Ziel. Erste Frau auf der 100 Kilometerstrecke wurde die Österreicherin Marianne Staufer in 11 Stunden und 57 Minuten. Erster Mann auf der Ultralangstrecke wurde der Mann ohne Trikot, Dave James, in 8 Stunden und 54 Minuten.


20:00 Uhr


Mit wenigen langsamen Schritten gelangen wir wieder in die herausgeputzte Fußgängerzone der Linzergasse. Wir mischen uns unter das Publikum. Die Cafés, Weinstuben und Restaurants sind vollbesetzt. Die Straße noch immer belebt. In sehr großen Abständen kommen noch immer Ultraläufer hier durch. Wir feuern jeden kräftig an. An einem Tisch hinter uns fragt ein Mann die Kellnerin, was hier los sei. Sie antwortet ihm: „Keine Ahnung, die laufen hier schon seit heute Morgen durch“. 


22:48 Uhr


Den größten Applaus erntete 1 Stunde und 12 Minuten vor Zielschluss die letzte Läuferin von der Langstrecke. Die Anstrengung der Stunden hat sich in ihr Gesicht gegraben.

 

RESÜMEE:

 

Detailverliebt inszeniert, ist das Stück in seiner Gesamtheit ein voller Erfolg bis zu den Schlussvorhängen. Mozart wäre zufrieden. Wenn bekannte Größen aus dem Ultralauf auf so eine Idee kommen, kann das gewaltig schief gehen oder in etwas Besonderes münden. Ein neuer Stern am Himmel der 100 Kilometerläufe ist erfunden.

Neuland zu betreten steht seit langem auf der roten Liste der aussterbenden Marathonerlebnisse. Wohin man auch seinen Fuß setzt – überall sind schon Tausende und Abertausende vor einem gewesen. Sie haben die identische Szenerie bewundert, die gleichen Fotos geschossen und dieselben Wege ausgetreten. Umso größer die Freude, an einem Lauf teilnehmen zu können, der bislang noch nicht erfunden war, in einer Landschaft, die man gerne unter die Füße nimmt.

 
 

Informationen: Mozart 100
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