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Laufberichte

Auf die harte Tour

09.10.11

Ein gänzlich neues Halbmarathonkonzept feiert heute Premiere. Statt dem naturnahen Walchsee steht nun Söll ganz im Mittelpunkt (auch) des Abschlusslaufs der Tour. Sechs flache Runden durch und um das Dorf herum mit je 3,475 km und gerade einmal je 20 Höhenmetern sind zu absolvieren.

Für die Breitensportler geht es zwar erst um 13.30 Uhr los, aber kaum einer lässt es sich entgehen, die nach dem sogenannten Gunderson-Verfahren bereits ab 13 Uhr startenden Spitzenläufer zu erleben und anzufeuern. Bei diesem aus dem nordischen Skisport entlehnten Verfahren werden die zeitlich an der Spitze liegenden Athleten gemäß ihren aus den vorherigen Läufen ermittelten Zeitvorsprüngen auf die Strecke geschickt, sodass der Sieger des letzten Laufes tatsächlich auch der Gesamtsieger ist. Eine tolle, geradezu mitreißende Stimmung herrscht, als zunächst Adam Kovacs und Jasmin Nunige ins Rennen starten. Minuten später folgen die nächsten. Etwa 20 sind es, die so vorzeitig, durch das Publikum sichtlich euphorisiert, losspurten. Während die einen gerade erst starten, tauchen die anderen Eliteläufer nach absolvierter erster Runde schon wieder auf und sprinten unter donnerndem Applaus an uns vorbei. Da 20 Meter weiter die Wendemarke ist, sehen wir sie gleich noch ein weiteres Mal auf ihrem Weg in die zweite Runde.

Endlich ist es 13:30 Uhr. Das verbleibende gemeine Läufervolk scharrt schon mit den Hufen. Doch so einfach geht das mit dem Massenstart nicht. Denn man will verhindern, dass der dichte Pulk einen der vorbei rasenden Topläufer ausbremst. Trotz Startverzögerung lässt sich das aber dann doch nicht ganz verhindern, zumal sich die Menge auf der zweispurigen Startgeraden nicht auf die ihr zugedachte Spur beschränkt. 

Vom Start weg führt uns die Strecke zunächst einmal schnurstracks ostwärts aus Söll heraus. Ein kurzes Stück folgen wir der hier verkehrsgesperrten Bundesstraße 178. Am Horizont sehe ich die schneebedeckten Flanken des Kaisergebirges in der Sonne leuchten, auch wenn die Gipfelregionen weiterhin im Wolkenmeer verborgen sind. Ein Schlenker nach links führt uns durch das am Ortsrand angesiedelte Schul- und Sportgelände. Auf einem matschigen Weg folgen wir nun westwärts einem kleinen Bach und nähern uns auf kleinen Straßen wieder dem Startplatz im Ortszentrum. Lautstark dröhnen die Musik und die Anfeuerungsrufe der Wartenden herüber. Aber noch liegt mehr als die Hälfte der Runde vor uns. Unser Kurs hangelt sich nun am westlichen Ortsrand von Söll entlang, zusätzlich steht ein Ausflug in die Natur in Form einer Schleife durch triefend nasse, aber schnell platt getrampelte Wiesen an. Von Süden her erreichen wir schließlich das Messe- und Zielgelände, passieren dieses und gelangen nach einem weiteren Bogen am Ortsrand entlang wieder an den Startplatz und den dahinter postierten Wendepunkt. Und auf geht es in die nächste Runde.

Man kann nicht unbedingt sagen, dass der Streckenverlauf optisch besonders abwechslungsreich ist, zumal man sechs Mal die gleiche Kulisse präsentiert bekommt. Trotz der Nähe zur Natur hat man auch kaum das Gefühl, einem Naturlauf beizuwohnen. Aber das Konzept überzeugt dennoch, eben auf andere Weise: Die Stimmung, die auf und entlang der Strecke herrscht, ist großartig, die Zuschauer sind permanent dabei und können ihre “Laufhelden” ohne Fußmarsch mehrfach pro Runde anfeuern. Langeweile kommt hier für keinen Beteiligten auf. Und wer einmal tempomäßig so richtig “die Sau raus lassen” will, ist hier genau richtig. Bei mir scheitert das allerdings schon an der durch den gestrigen Lauf doch ein wenig angeknacksten Kondition. Aber die aufgeheizte Atmosphäre trägt auch mich voran, Runde um Runde. Dieser Halbmarathon macht einfach Spaß.

Dass es zwischendurch auch mal wieder kräftig vom Himmel duscht, ist da nur eine Randnotiz. Ansonsten können wir uns nicht beschweren. Fasziniert kann ich beobachten, mit welchem Tempo die Spitzenläufer ihre Kreise ziehen und an mir vorbei zischen. Auch beim Halbmarathon sind Adam Kovacs und Jasmin Nunige einmal mehr die überragenden Läufer, an denen niemand vorbei kommt und damit auch souveräne Gewinner der Gesamttour. Dadurch, dass ich immer mal wieder am Zieleinlauf vorbei komme, bin ich eigentlich immer ganz gut informiert, was gerade “abgeht”. Jeder Einläufer wird persönlich vom Zielmoderator begrüßt. Als auch ich es endlich geschafft habe, gönne ich mir endlich das Weißbier, auf das ich an den beiden letzten Tagen verzichtet habe.

Auch wenn das Wetter in diesem Jahr nicht so ganz mitgespielt hat - es hat keinesfalls die “Tour vermasselt”. Ein so erlebnisreiches und trotz der Mühsal schönes (Lauf)Wochenende habe ich schon lange nicht mehr erlebt und ich denke, diese Meinung teilen auch die anderen, die dabei waren. Die Organisation ist professionell und doch bodenständig, die Atmosphäre ist einerseits heimelig, anderseits emotionaler als bei so mancher Großveranstaltung. Dass die Tour de Tirol sich immer größerer Beliebtheit erfreut, zeigen die nochmals gestiegenen Finisherzahlen. 218 statt 160 im Vorjahr haben 2011 die komplette Tour bewältigt, beim Marathon waren es mit 363 fast 50 mehr als 2010. Und für mich ist klar: Hier komme ich wieder her, und das nicht nur, um die Tour auch einmal bei herbstlichem Sonnenschein auf dem Original-Marathonkurs zu erleben, sondern auch, weil es eine Laufveranstaltung ist, wo ich mich schlicht und einfach besonders wohl gefühlt habe.

Was will man mehr? 

 

Siegerliste

Kaisermarathon (28 km)

Männer

1 Adam Kovacs HUN   1:55:52,9
2 Gerd Frick ITA   1:56:14,0
3 Helmut Schiessl GER   1:56:32,7

Frauen

1 Jasmin Nunige   SUI  2:10:58,7
2 Veronika Zlrich   GER 2:20:27,3
3 Corinne Zeller    SUI 2:24:01,0

352 Finisher

 

Gesamtsieger

Männer

1 Adam Kovacs HUN
2 Gerd Frick ITA
3 Patrick Wieser SUI

Frauen

1 Jasmin Nunige SUI
2 Veronika Ulrich GER
3 Corinne Zeller SUI

 
 

Informationen: Kaisermarathon / Tour de Tirol
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